Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 722 Dr» Bloril's WochenschrWo Nr. 39 zu ihrer Schwester auf Besuch. Nach kurzer Weile ging sie nach Hause — es begegnete ihr ein Bauer und bot sich ihr an, sie nach Hause zu begleiten. Dieses arme unschuldige Kind, nichts schlechtes ahnend, ging mit dem Bauer, er führte sie ins Dickicht des naheliegenden Waldes, er zwang sie mit Gewalt seinem Willen und als sie wahrscheinlich zu schreien begann, drückte er ihr mit beiden Händen den Hals so stark, daß sie unter der Last dieses Mörders die Seele aushauchte. Die Eltern suchten das Kind 3 Tage, erst Sonntag, am 23. d. M. fand man das Kind todt im Walde. Die Voruntersuchung ergab, wie zwei Bauern aussagten, daß ein Bauer am hellen Tage, am 19. d. M., also am Tage der Ermordung, dieses Kind geführt hat. Es wird nach dem Thäter gefahndet — jedoch bis nun gelang es nicht, seiner habhaft zu werden. Herr Vergani mit seinem antisemitischen edlen Helfershelfer möchte diesen Fall zum Blutmärchen brauchen, leider ist aber das Bauernvolk hier nicht so dumm wie in Polna und Gegend, sich durch falsche Hetzereien bethören zu lasten. Breznitz, 27. September. - Mitten in einem Meer aufgewühlter Leidenschaft steht das Judenthum im czechischen Sprachengebiete Böhmens; mit der giftgeblähten Galle des Haffes und der Menschenfeindschaft hausirt das Verbrechen und die Niedertracht von Haus zu Haus, verläumdet, betrügt, hetzt uud reizt, und verschachert die bösen Keime des Aufruhrs, der aufhorchenden Dummheit und Bosheit um den Preis des Friedens im Lande der Ruhe, des reinen Gewissens . . . Unser Ort bildet ein Spiegelbild des abscheulichen Treibens des Antisemitismus in der Provinz. Ganze Ladungen bluttriefender Abbildungen des Polnaer Mordes treffen ein. werden in den Fenstern ausgestellt, der sich stauenden und gaffenden Menge geben bereitwillige Agitatoren die schauderhaftesten Commentare, die Märchen- Dichtung spinnt und spinnt, bald findet sie eine Leiche im Branntweinfaß eines jüdischen Verschleißers, bald stößt sie auf Scelette in Judenhäusern, Bänkelsänger beklagen mit rührendem Sang das Geschick des Polnaer Opfers, eine Fluth von Flugschriften überschwemmt das Land, die czechische „fortschrittliche" Presse schmiert die perfidesten Lügen und Gemeinheiten in die Welt hinaus und wird von dem gedankenlosen Leser hier als Evangelium entgegengenommcn — kurz ein allgemeiner Wink mit dem Zaunpfahl an den thatenkräftigen Pöbel und das Spießbürgertum. Und auch hier ist es die Bosheit von Oben, die die Dummheit in den niederen Schichten schürt. Staatsbeamten, z. B. Steueramtspraktikanten, Adjuncten rc. werden trotz ihrer grünen Schnäbel zu Talmudisten, die übereifrig Rohling's Theorien verbreiten. Sogar in die Schule wird die Verhetzung getragen, die Kinder spielen mit Vorliebe Jude und Christ mit Abschlachtungsfinale und ein Bürgerschuldirector rühmt sich, aus einer sicheren Quelle den Beweis für den Blutritus zu besitzen. Selbstverständlich leiden unter derartigen Verhältnissen die Juden weniger noch unter der materiellen Schädigung, als vielmehr unter den beständigen Verdächtigungen, den Ausbrüchen der Verachtung und des Haffes der Bevölkerung. Und die Organe, die die Verantwortung übernommen haben, für die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung? Und unsere fücsorgenden Gesetze? Als ob sie nicht existirten, wird zu Feindseligkeiteil wlver die jüdische Religioilsgesellschaft aufgefordert, angeeifert, zu verleiten gesucht, öffentlich, in Druckwerken verbreiteten bildlichen Darstellungen wird die isr. Religionsgesellschaft zu einer Bande von Mördern herabgewürdigt, also gerade das unternommen, was unser Strafgesetz so weise — verboten hat. Wer sich von der Fürsorge der böhmischen Regierung für die jüdischen Staatsbürger so recht überzeugen will, der nehme nur das czechische Leibblatt des Statthalters Cvudenhove, »Pracks Noviny« vom vergangenen Sonntag zur Hand und er wird im feuilletonistischen Beiblatt eine bemerkenswerthe Abhandlung über den Polnaer Mord vorfinden, die einem antisemitischen Blättchen zur „Zier" gereichen könnte. Wir wissen nicht, ob das das richtige Erfassen der Aufgabe eines Staathaltereiorganes ist, das der Vermittlung der Ruhe und Ordnung im Lande bienen soll. Wir wissen auch nicht, ob das Zulasten derartiger Zeitungsnotizen im Regierungsorgan der richtige Weg für den höchsten Functionär im Lande ist, um sich von dem Vorwurfe der Unfähigkeit, welchen ihm einst ein deutsch - radicaler Abgeordneter in offener Landtagssitzung wiederholt zugeschleudert hat, zu entledigen, ß 302 des St.-G. ist augenscheinlich blos für Nichtjuden codificirt; nun denn, in den Tagen der Gefahr mögen sich die Juden erinnern, daß unser Strafgesetz auch den Paragraph der gerechten Nothwehr kennt. Sapienti sat! S P. Berlin, 25. September. In der geheimen — nicht verschwiegenen — Sitzung von voriger Woche haben sich die Repräsentanten der Berliner jüdischen Gemeinde, wie bereits gemeldet, mit der Spende des Herrn Deutsch beschäftigt, der dem jüdischen Krankenhaus 6000 Mark für nichtjüdische Patienten überweist. Der Krankenhausvorstand hat mit 4 gegen 3 Stimmen die Spende angenommen. Der Gemeindevorstand hatte sich einstimmig gegen die Annahme erklärt. Das Krankenhaus aber hat eine selbstständige Verwaltung und diese künimerte sich nicht um das Votum des Gemeindevorstandes. Immerhin ließ sich der Spender herbei, seine zu Mißverständnissen herausfordernden Stiftungsbedingungen zu modificiren, so daß wenigstens der gröblichste Anstoß, der zwar nicht beabsichtigt, aber doch gegeben war, ausgeschieden wurde. In der vorwöchigen geheimen Sitzung nun motivirten die Herren Justizrath Meyer und Jacobi namens des Vorstandes dessen Stellungnahme gegenüber der Haltung der Krankenhausverwaltung. Sie thaten dies in correcter und sehr entschiedener Form und gaben dem Wunsch Ausdruck, sich in dieser Frage auf ein Votum der Repräsentantenversammlung stützen zu können. Ihre Ausführungen fanden in der Versammlung zustimmenden Wiederhall. Nur die conservativen Mitglieder betheiligten sich nicht an der Debatte. Gerade aber sie hatten nicht erst nöthig, ausdrücklich zu versichern, daß sie dem Vorstand beipflichteten und seiner Auffassung sich freuten. Doch auch die liberalen Mitglieder waren einhellig darin, die Annahme der Deutsch'schen Spende durch den Krankenhausvorstand unbedingt zu mißbilligen. Die Herren Syndicus Dr. Minden und Stadtrath Dr. Weigert ließen in kräftigen Ausführungen keinen Zweifel daran, daß sie Verständniß weder hätten noch haben wollten für eine Fügsamkeit, die ein Geschenk unter allen Umständen willkommen heißt, auch wenn dessen Hergabe eine Motivirung erfährt, die auf das Krankenhaus selbst und auf die Gemeindeverwaltung den falschen Schein engherziger und kleinlicher Gesinnung wirft. Einzig Herr Louis Sachs, der an der Spitze der Krankenhausverwaltung steht, bemühte sich, die Annahme der Deutsch'schen Spende unter Hinweis auf die zweifellos gute Absicht des Geschenkaebers zu rechtfertigen. Die Versammlung nahm von einer mißbilligenden Resolution nur Abstand, weil ihr nach den geltenden Statuten eine Mitwirkung bei der Verwaltung des Krankenhauses gar nicht zusteht, eine solche Competenz vielmehr allein dem Gemeindevorstand, und auch diesem nur in beschränktem Umfang zukommt. Es wird nicht ohne Interesse sein, zu erfahren, daß die drei Vorstandsmitglieder des jüdischen Krankenhauses, die das fragwürdige Geschenk zurückweisen wollten, die Herren Mannheimer, Heilmann und Alexander waren. — In der letzten öffentlichen Sitzung der Repräsentantenversammlung kam auch zur Sprache, daß die Verwaltung des jüdischen Krankenhauses auf Betreiben namentlich eines Vorstandsmitgliedes entschiedene Abneigung zeige, Arbeiten für das jüdische Krankenhaus durch jüdische Handwerker aussühren zu lassen. Dieses Vorstandsmitglied ist der Stadtverordnete Herr Wittkowsky, in seinem Civilverhältniß Vorsitzender des Oranburgerthor-Bezirksvereins, der es mit seiner „Aufklärung" nicht für vereinbar hält, in einem confestionellen Institut confeffionelle Rücksichten zu nehmen oder die Thatsache zu bedenken, daß in gegenwärtiger Zeit die jüdischen Handwerker bei der Vergebung von Lieferungen vielfach Zurücksetzung erfahren und deshalb darauf angewiesen sind, bei den Glaubensgenossen Unterstützung zu finden. Es ist doch nicht ganz logisch, sollte es selbst in den Augen einer Bezirksvereinsgröße nicht sein, auf der einen Seite Vereine zu unterhalten und zu pflegen, die sich mit der Ausbildung jüdischer Handwerker befassen, auf der anderen Seite den ausgebildeten jüdischen Handwerkern Arbeit zu versagen. Für einen Bezirksverein mag das angehen, für ein jüdisches Krankenhaus kann eine solche Praxis kaum auf Billigung rechnen. Es wäre bedauerlich, wenn sich auch auf anderem als diesem Gebiete bewahrheiten sollte, was das Vorstandsmitglied, Herr Jacobi, in öffentlicher Repräsentantensitzung gesagt hat, „daß das Berliner jüdische Krankenhaus nicht mehr das Musterinstitut sei, das es gewesen, daß eine gewisse Versumpfung bei ihm bemerklich werde." Vielleicht tritt eine gründliche Besserung ein, wenn man sich entschließt, das Krankenhaus von seinem jetzigen eingeengten und ungeeigneteu Platz au die Peripherie der Stadt zu verlegen. Schon hygienische Rücksichten verlangen das und diese sind bei einem Krankenhaus doch die vornehmsten. Paris. Bernhard Lazare ist der erste publicistische Agent der Revision-Campagne gewesen und ihm sind im hohen Grade die Erfolge der Campagne zu verdanken. Wie er zur Ueber-