Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch's domenschrrft. Seite 721 Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde Wiens hat die Höhe seiner Stellung an der Spitze der größten jüdischen Körperschaft Oesterreichs richtig erfaßt und in flammenden Worten öffentlich gegen diese Lüge protestirt. Aber was bedeutet eine solche einzelne Kundgebung oder gar mehrere solche Kundgebungen, falls auch die Vorstände noch anderer Großgemeinden mit Protesten der Wiener Gemeinde folgen werden, gegen die von dieser Lüge bethörten Volksmassen? Und was nützen solche Kundgebungen überhaupt gegen einen zum Dogma verdichteten Aberglauben? Hier muß die ganze österreichische Judenheit in ihren Rabbinern, weil es ja keine politische Maßregel, sondern die Schmähung der Religion betrifft, als Massendeputation vor die höchste Instanz des Staates hintreten und unter Eid erklären, daß unter dem ganzen jüdischen Schriftthum, des Alterthums, des Mittelalters, wie der Neuzeit keine Spur sich findet, die einen Anhaltspunkt für diese Blutlüge gäbe, und daß weder das Judenthum in seiner Gänze noch irgend eine Secte desselben das Blutrituale als Tradition hat. llnb dieser eidlichen Erklärung hat die Bitte zu folgen, die jüdische Religiorr, die jetzt doch gesetzlich mit den anderen Religionen gleichgestellt ist, vor solcher Verunglimpfung wie mit dieser Blutlüge zu schützen. Haben doch selbst im finstersten Mittelalter fromme Kaiser und Fürsten der jüdischen Religion diesen Schutz angedeihen lassen. Aber auch das genügt noch nicht. Die eidliche Erklärung von sämmtlichen Rabbinen, mit dieser Antwort, der sie vom Throne aus auf ihre Bitte gewürdigt werden, muß in jeder Gemeinde, je in ihnr Sprache, zur Placatirung kommen. Dann erst ist es möglich, die Massen von ihrem Wahne in der Ritualmord-Beschuldigung abzubringen, und falls er, von einer gewissen Seite genährt, doch wieder zum Ausbruch kommen sollte, daß die Behörden wenigstens eine Richtschnur haben, an die sie sich halten können, und nicht, wie der Staatsanwalt im Processe von Polna, die Anklage auf die Ritualmordlüge aufbauen. Diese Massendeputation der Rabbinen soll ein historisches Ereigniß und als Document gegen die Lüge für ewige Zeiten bleiben. Gewiß, es' ist ein heroisches Mittel, aber so ein außergewöhnliches Uebel erfordert außergewöhnlicher Mittel zu seiner Beseitung. Und dieses außergewöhnliche Mittel anznordnen bleibt der Wiener Cultusgemeinde, als erster des Reiches, noch zu thun übrig. Rudolf Fuchs im Namen Vieler. Graz. Im Gemeinderathe gab es kürzlich eine Debatte wegen des Schächtens. Ueber die Angelegenheit des Schächt e n s referirt Herr Gemeinderath Gerl. Der Referent sagt, daß bereits in den Jahren 1894 und 1895 alle Schritte gethan wurden, welche geschehen konnten. Der Beschluß, das Schächten abzuschaffen, wurde damals von der Regierung sistirt. Die Section beantragt, beim Wiederzusammentritt des Reichsrathes an diesen eine Eingabe wegen Abschaffung des Schächtens zu richten. Herr F ei ch t i n g e r beantragt, die sofortige Aushebung des Schächtens zu beschließen. Der Sectionsantrag wird angenommen. Prag. In der Redaction und Administration des „Prager Tagblatt" liegt für Jedermann zur Unterschrift eine Adresse für D r e y f u s auf, die folgenden Wortlaut hat: „Von Denjenigen, die Hochverrath üben an der Majestät der Gerechtigkeit, ist ein Unschuldiger zweimal des Hochverrathes an seinem Vaterlande schuldig erkannt worden. Dem unglücklichen Dreysus, den sich der Frevelmuth zum Opfer auserkoren, wenden sich die Sympathien jedes menschlich fühlenden Herzens zu. Für das Ungeheuere, das ihm widerfahren, tauscht er das Mitgefühl aller Menschen redlicher Gesinnung ein. — Die Unterzeichneten bekunden hiemit, daß sie in der Person des Dulders Dreyfus, dem mit der Begnadigung noch immer sein Recht vorenthalten bleibt, das Heiligthum dieses Rechtes geschändet sehen und daß sie entsetzt sind ob des Trotzes und der Härte, mit der die satanische Lüge und Barbarei ihre Herrschaft zu behaupten wagten." Diese Adresse trägt bereits zahlreiche Unterschriften aus allen Kreisen der Prager Bevölkerung. Klagenfurt. Am 17. September wurde von Sr. Majestät dem Kaiser, der anläßlich der Manöver in Klagenfurt Audienzen ertheilte, auch eine Abordnung der Israeliten empfangen. Da die Israeliten in Kärnten der Grazer Cultusgemeinde gesetzlich zugetheilt sind, waren die Herren Präses Bernhard Bitter und Rabbiner Dr. Mühsam aus Graz herbeigeeilt, um dem Monarchen ihre Huldigung darzubringen. Ihnen hatten sich angeschlossen die Herren Max Stößl, als Vertreter der israelitischen Bewohner von Klagenfurt, und Dr. Bernhard Kramer, aus Kirchbach im Gailthale, als der der Israeliten Kärntens. Nachdem der Rabbiner mit Erlaubniß des Kaisers bedeckten Hauptes den Segensspruch gesprochen und eine kurze Anrede gehalten, erwiderte Se. Majestät, daß er seinerzeit die neue Synagoge in Graz besichtigt habe, erkundigte sich über die Entwicklung der Juden in Klagenfurt und Kärnten und sprach jeden Einzelnen der Deputation in huldvollster Weise an. Wir haben den Eindruck gewonnen, daß Se. Majestät den Act der Huldigung, den die Grazer Cultusgemeinde und die Kärntner Israeliten dargebracht, sichtlich befriedigt entgegengenommen. Falkenau a. d. Eger. Im Nachbange zu Ihrer vorwöchentlichen Notiz betreffs des Schnorrens arischer Sch . . . - blätter um Inserate bei jüdischen Firmen, sei betreff des „Bote aus dem Egerthale" ein Blättchen ohne Abonnenten erwähnt, daß der Schriftleiter ferne arische Abstammung trotz des unzweifelhaft arischen Namens „Lederer" bisher noch nicht seststellen konnte, dagegen weist seine Vergangenheit verschiedene politische chameleonartige Etappen auf und ist seine Devise, „wessen Brot ich esse, dessen Lied ich „heule"! Der Herausgeber des Blattes, Gustav Schwab, hat ebenfalls verschiedene Häutungen in seiner politischen Anschauung durchgemacht, denn wie der Herr, so der Knecht. Er besitzt hier am Platze eine Buch- und Steindruckerei und Cartonagensabrik und da gehört doch unbedingt ein Leibblättchen zur Verschönerung der Firma. Da jedoch der hiesige Platz nicht genügend Beschäftigung dieser Druckerei bietet, besucht ein Reisender die Curorte Karlsbad, Marienbad und Franzensbad so auch Vorarlberg und da werden jüdische Etabltssements, behufs Erlangung von Aufträgen, mit Vorliebe ausgesucht, was aber nicht hindert, den ärgsten Schund von antisemitischen Altsichtskarten an diverse Firmen nach benannten Orten zu liefern. Mährisch-Ostrau. (Politik im Witkowitzer Eisenwerke.) Unter dieser Spitzmarke schreibt die „Osttrauer Zeitung". Die sonderbaren Zustände in der Verwaltung des Witkowitzer Eisenwerkes lenken die Aufmerksamkeit immer weiterer Kreise auf sich. Es wurde kürzlich in einem Troppauer Blatte behauptet, daß der Director des Eisenwerkes das Haupt der antisemitischen Partei von Witkowitz bildet, und daß nicht-christliche Beamte des Werkes, welche die Gesinnung ihres obersten Chefs kennen, sich taufen lassen müssen, um avanciren zu können. Gezwungen werden sie hiezu mit physischen Mitteln allerdings nicht, aber ein moralischer Zwang scheint doch zu bestehen, denn von berufener und direct apostrophirter Seite wurde der Behauptung des Troppauer Blattes nicht widersprochen. Uns wurde übrigens die Richtigkeit dieser Behauptung von wohlinsormirter Seite bestätigt. Das ist jedenfalls eine Curiositat. die Beachtung verdient. Ein physischer Zwang zum Religions- Wechsel besteht in Witkowitz nicht. Nun im Staatsdienste werden die richterlichen Beamten jüdischer Confession auch nicht gezwungen, ihren Glauben 51t wechseln, aber sie wissen es doch, daß sie, um avanciren zu können, sich taufen lassen müssen und viele von ihnen thun es auch, um sich die Lebenssorgen zu erleichtern, aber angenehm ist es ihnen gewiß nicht. Die jeweiligen Justizminister haben für diesen Vorgang ihre Entschuldignngsgründe, die in dem clericalen Charakter unseres Staatswesens wurzeln — aber in einem industriellen Unternehmen, wie das Witkowitzer Eisenwerk ist, an dessen Spitze weder Clericale, noch Christlichsociale noch Schöuerianer, sondern die Herrren Rothscheld und Gutmann stehen, ist ein antiliberales Regime ganz unverständlich und unbegreiflich. Daß überdies im Sinne dieses Regimes ein Zeitungsblatt herausgegeben und die Beamtenschaft zu einer antisemitischen Partei organisirt wird, das setzt dem Cnriosum die Krone auf. Ganz richtig bemerkt hiezu die „Freie schles. Preffe", da ebenso wie es undenkbar sei, daß in dem Jndustriewerke eines Fürsten Schwarzenberg ein antifeudales Blatt geduldet werde, so sinnlos sei es, daß in der Gewerkschaft Rothschild's und Gutmann's ein antisemitisches Blatt erscheint, an welchem Beamte der Gewerkschaft Mitarbeiten. Den Herren, welche den Sport betreiben, scheint es eben zu gut zu gehen. Voll der großen Zahl der unteren Beamten kann das nicht gesagt werden, ihr Schicksal ist keineswegs beneidenswerth, — doch das gehört in ein anderes Capitel. Gliniany. Am 19. d. M., am Mittwoch, ging et» lljähriges Bauernmädchen vom Dorfe Potowice nach Zadworce