Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 720 Br. Bloch's Wochenschrift. Nr. 39 sie durch Herausgabe von biblischen Gcschichtswcrken und anderen Religionsbüchern in polnischer Sprache öffentlich zur Schau stellen. Unter allen aber, die bis nun Religionsbücher in polnischer Sprache verfaßt haben, hat es keiner so arg getrieben, wie der Verfasser der »Obrazy z pisma swietego dla dojrzalszej mlockiezy izraelickiej« (zu deutsch: „Bilde! aus der heiligen Schrift für die reifere israelitische Jugend") Herr Nathan Schiper. Aus dem genannten Buche, in welchem sich manche gute Dinge finden, die nach der Behauptung des Verfassers deutschen Büchern entnommen sind, erfahren wir, wie unwissend er in der jüdischen Religion ist. Zum Beweise unserer Behauptung citiren wir einiges aus dem genannten Buche: 1. Arami owed owi wird mit: Bei einem Aramäer diente (?) mein Vater übersetzt. 2. Das Maariw-Gebet wurde zur Erinnerung an das zur Zeit des Bestandes des Tempels zu Jerusalem alltäglich dargebrachte Abendopfer (?) eingesetzt. 3. Vom 15. Nissan (?) angefangen wurde jeden Abend (?) durch 49 Tage der Omer dargebracht; zur Erinnerung daran wird jeden Abend vom 15. N i s s a n (?) angcfangen, bis Schebuoth Sfiras-Haomer gesagt. Herr Schiper scheint nicht zu wissen, das; bei uns Juden die Nacht "zum darauffolgenden Tage gezählt wird, denn sonst hätte er „vom 16. Nissan" geschrieben. Viel schlimmer aber als die Fehler ist es, das; der Verfasser des genannten Buches sich erkühnt, über den Erzvater Jacob in einer solchen Weise auszudrücken, wie wir es nur von einem Liechtenstein, Stojalowski rc., erwarten könnten. Weit entfernt Jemanden zu zwingen, daß er nach der Ansicht unserer Weisen die Erzväter beurtheile, glauben wir mit Recht verlangen zu können, daß ein Buch, welches für Kinder geschrieben ist, so beschaffen sein muß, daß ihnen die größte Achtung vor den in der Bibel als heilig geltenden Männern eingeflößt werde. Von diesem Standpunkte ausgehend, soll man sich bei Abfaffung eines Handbuches für den jüdischen Religionsunterricht nach der Erklärung des Talmuds und anderer rabbinischcn Schriften richten, deren Verfasser allenfalls den Bibeltext besser verstanden als unsere heutigen Religionslehrer. Tort, wo die Meinungen der Talmudisten verschieden sind, wie z. B. bei Jiftach, sollen die Kinder nach der Ansicht derjenigen unterrichtet werden, die die besseren Seiten hervorhebcn, um den Kindern Achtung vor unseren Vorfahren einzuflößen. Herr Schiper begeht einen großen Fehler, wenn er auf Seite 31 erzählt, daß Jfak liebte Esau. weil er ihm Wildpret brachte (?) und Rebekka - aus welchem Grunde erzählt er nicht — liebte Jacob. Ter Erzvater Jsak wird hier den Kindern als ein Egoist dargestellt und sie können daraus die Leüre ziehen, daß man sich selbst mit Leuten vom Schlage Stojalowski, Schneider, Vergani fraternisiren dürfe, so man daraus nur materielle Vortheile erzielen kann. Diese Lehren befolgen unsere galizischen Mandatsjäger und Mitarbeiter antisemitischer Blätter, obwohl sie gar keinen Religionsunterricht genossen haben. Viel besser aber ist es, diesen Satz, wie unsere Weisen lehren, zu erklären, und zwar, wie folgt: Jsak, der keine Gelegenheit hatte, die bösen Handlungen Esau's zu betrachten, liebte ihn, wcrl hojo zod es Jizchak Ha-Zadik befiw er dem frommen Jsak durch listige Reden hinterging, Rebekka hingegen, fchehojso rauoh maasow horoim lo hojso ohewes osan, welche oft Gelegenheit hatte, feine bösen Handlungen genau zu betrachten, liebte ihn nicht, sie liebte nur Jacob, von dem sie überzeugt war, daß er ein Jsch tom, ein vollkommen frommer Mann, war. Aus dieser Erklärung kann die talmudische Lehre entnommen werden: Hewe don es kol hoodom lechaf sechus Urtheile von jedem Menschen Gutes, das heißt — so erklärt Rabüenu Obadia aus Bertinora — von einem Menschen, dessen Handlungen uns unbekannt sind und wir nicht wissen, ob er ein frommer Mann oder ein Frevler ist, der aber eine That vollzogen hat, wodurch man ihn sowohl gut, wie auch schlecht beurtheilen kann, ist es ein Act der Frömmigkeir, ihn gut zu beurtheilen, einen Menschen hingegen, dessen ruchlose Thaten uns bekannt sind, dürfen wir nicht gut beurtheilen. Auf ebenderselben Seite lesen wir die Erzählung von dem Verkaufe des Erstgeburtsrechtes, wobei der Verfasser nicht angibt, daß dieses für ein Linsengericht verkauft wurde. Ungeachtet dessen macht Herr Schiper, nachdem er die Bedeutung des Erstgeburtsrechtes erklärt hatte, auf Seite 32 die Bemerkung: „Ob das Mittel, durch welches Jacob fein Ziel erreicht hat, ein rechtschaffenes war, ist eine andere Frage." Woher Herr Schiper es weiß, daß Jacob beim Kaufe. des Erstgeburtsrechtes eine unehrliche That vollzogen hat, wissen wir nicht, da es aus dem Bibeltexte gar nicht ersichtlich ist. Um der irrigen Meinung, daß Jacob das Erstgeburtsrecht für ein Linsengerichts an sich brachte, entgegenzutreten, bemerkt Midrasch Agada: „Wechi bead lechem unsid adoschim mochar es bechaurosau? melamed schekach minhag ha-tagrim leachar schejaasu sechaurosom schemaachilim umaschkim lesochrim." Hat er (Esau) denn für Brot und ein Linsengericht sein Erstgeburtsrccht verkauft? Es lehrt, daß es bei Kaufleuten Usus ist, Speise und Trank darzureichen, nachdem sie ihr Geschäft abschließen. Dient etwa Herrn S. der Umstand, daß Esau, dieser Erzvater der Antisemiten, der gleich ihnen moralisch verkommen war, behauptete: es bechaurosi lokach, mein Erstgeburtsrecht hat er genommen, daß Jacob um ein Linsengericht dieses Recht sich aneiguete, da irrt erwehr, denn auch die heutigen Antisemiten machen cs so, wenn ein Jude es wagt, das zu fordern, was ihm von rechtswcgcn gcbührr. Haben wir es doch erst unlängst gesehen, wie die polnischen Zeitungen gegen die Juden loszogen, weil sie in großen Massen in die galizische Sparcasse eilten, um ihr im Schweiße ihres Angesichtes schwer erworbenes Geld zu beheben und der zu einer traurigen Berühmtheit gelangte Director, Herr Franz Zima, öffentlich schrie: „Wartet ihr Juden, ihr wollt die galizische Sparcasse, weil sie ein judenreines Institut ist, ruinircn und daher erdichtet ihr falsche Gerüchte über sie, dafür werdet ihr hart büßen." In den folgenden Capiteln tadelt Herr S. das Vorgehen Rebekka's, daß sie ihren Sohne beredete, Jsak "zu Hintergehens?) und nennt Jacob einen Betrüger Wir wissen — und auch Herr Schiper weiß es, da er es auf Seite 32 erwähnt — daß der erstgeborene Sohn bei den alten Völkern nach dem Ableben des Vaters die unbeschränkte Herrschaft im Hause hatte. Was konnte nun Rebekka erwarten, wenn ein so nichtswürdiges Individuum, wie Esau, zur Herrschaft gelangt wäre. Schon dieser Grund, sich und die übrigen Hausgenossen vor Verderben zu schützen, ist hinreichend, dieses ihr Vorgehen zu rechtfertigen. Aber noch ein anderer Grund, das Gefühl der Gerechtigkeit, veranlaßte Rebekka ihren Sohn Jacob zu dem von Herrn Schiper getadelten Schritte zu bereden. Jsak — wie Alscheich und andere Comentatoren behaupten — wußte nicht, daß Esau seinem Bruder das Erstgeburtsrecht verkauft hatte, denn sonst wäre es ihm nie eingefallen, Ersterein den Segen zu ertheilen und somit zum unbeschränkten Herrscher im Hause zu erklären. Rebekka konnte es nicht zugeben, daß Jacob, der durch den Besitz des Erstgeburtsrechtes auf den väterlichen Segen Anspruch hatte, ein Unrecht geschehe. Da sie Esau genau kannte und wußte, daß er sich nicht bestreben werde, erlaubtes, sondern auch geraubtes Wild zu erjagen, somit er bald zuriickkehren und sic keine Zeit haben werde, Jsak genau vor dem Verkaufe des Erstgeburtsrechtes zu erzählen, sah sich nun veranlaßt, das zn thnn, um ihrem jüngeren Sohne den Segen zu sichern. Jacob aber, dem das Wohl seiner Mutter und der übrigen Hausgenossen am Herzen lag, mußte ersterer gehorchen, aber als ein Jsch tom antwortete er seinem Vater auf die Frage, wer er sei: „Ich bin der Ueberbringer, mir gebührt der Segen, da ich das Erstgeburtsrecht erworben habe und Esau ist nur bei Dir als Erstgeborener betrachtet. Ich Pflegte stets Deinem Befehle Folge zu leisten. . Da wir weder Dominikaner noch Mitglieder der spanischen Inquisition sind, so überlassen wir es jedem, über die Erzväter zu denken, wie er will, aber keineswegs dürfen wir es gestatten, daß man Kindern gegenüber den Erzvater Jacob als Betrüger vorstelle. Nur Unkenntnis; in der jüdischen Religion, wovon wir oben einige Proben lieferten, rechtfertigt Herrn Schiper. Der größte Theil der jüdischen Religionslehrer in Galizien besteht leider aus Ignoranten auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft. Correspondenzen. Eine Eingabe an den Cultusvorstand. Herr Rudolf Fuchs hat im Namen vieler Gemeindemitglieder eine Eingabe an den Cultusvorstand gerichtet: -Löblicher israelitischer Cultusvorstand! Wien. Der Proceß in Polna hat die Ritualmordlüge wieder in Cours gesetzt. Wir fürchten zwar nicht, daß sie dieselben Consequenzen für unsere materielle Existenz haben könnte, wie in früheren Zeiten. Aber diese Lüge verletzt uns in unseren heiligsten Gefühlen. Sie schändet unsere Religion, stellt sie, die doch von allem Anfänge an gegen die heidnische Gedankenwelt kämpfte, in eine Linie mit den ältesten heidnischen Religionen, die noch Menschenopfer forderten, und folgert die Inferiorität des Judenthums und die Berechtigung zu seiner Verdrängung im Namen des Culturfortschrittes. Auf ein geistiges Ghetto hat es vorläufig nur jene finstere Macht abgesehen, welche jetzt wieder die Parole zum Lanciren dieser Ritualmordlüge unter die Massen ausgegeben. Die allgemeine Empörung darüber zeigt, daß die Gefühle für die Ehre des Judenthums bei uns noch so lebendig sind, wie bei unseren Vätern, und wir auch noch derselben Opfer für sie fähig wären. Aber wir haben doch eine Unterlassungssünde auf unserem Gewissen. Monatelang ist die Bevölkerung von Polna und Umgebung durch Emissäre und Broschüren für den Glauben an den Ritualmord bearbeitet und dazu suggerirt worden, und wir haben die offen getriebene Züchtung dieser Lüge unthätig zugesehen, ohne sie mit denselben Mitteln zu paralysiren. Wir müssen daher heute um so mehr alle Anstrengungen machen, diesem Lügenungethüm entgegenzutreten, als wir auch unsere frühere sträfliche Passivität wettzumachen haben.