Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloches Wochenschrist. Seite 719 was den Finnländern droht, ist, daß man ihnen ihre Autonomie, ihre Vorrechte nehmen und sie allen anderen Unterthanen des Czaren gleichstellen wird. Es ist dies gewiß ein Unrecht und für die Finnländer sehr kränkend, aber die russischen Juden würden es als größtes Glück betrachten, wenn man sie den anderen, den christlichen Russen vollkommen gleichstellen würde. Der russischen Juden nimmt sich aber Niemand an, während eine Deputation von europäischen Gelehrten nach Petersburg gereist ist, um sich der Finnländer anzunehmen. Daß der Kaiser N.colaus der Deputation keine Audienz gewährte und nicht einmal die von mehreren Hundert Gelehrten und Künstlern Unterzeichnete Adresse annehmen wollte, das ist nicht ihre Schuld. Die russische Regierung perhorrescirt jede fremde Einmischung in ihre Angelegenheiten, und nach dem Grundsätze „was du nicht willst, das man dir thun soll, das thue stets Anderen" verwendet sie sich immerfort bei der Türkei für Armenier und Griechen, fordert die türkische Regierung wiederholt auf, die Rückkehr der geflüchteten armenischen Revolutionäre zu gestatten. Wer dagegen von der russischen Regierung verlangen würde, den vertriebenen Juden die Rückkehr in ihre früheren Wohnsitze zu gestatten, würde schön ankommen. Freilich obwaltet da noch em Unterschied: Die Juden sind friedliche Unterthanen, keine Revolutionäre; sie überfallen keine Banken wie die Armenier, sie senden keine Attentäter aus, sie bilden keine geheime Revolutionscomites, sie wissen keine Furcht zu erregen. Nicht Juden verschanzen sich mitten in der Hauptstadt und sprechen offen der Regierung Hohn, wie der Antisemitenführer Guerin und feine Bande; nicht Juden verletzen die Gesetze unter dem jesuitischen Vorwand, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Es ist pure Heuchelei und Lüge, was die Antisemiten von der ungeheueren Macht der Juden, ihrer Gefährlichkeit und ihrem Streben nach Weltherrschaft declariren. „Wir sind des Hammergottes Geschlecht Und wollen fein Weltreich erben." Das ist nicht von Juden gesungen worden, sondern (im November 1895) bei der Versammlung des deutschen (antisemitischen) Reformvereines zu Dresden und wurde mit stürmischem minutenlangem Beifall beantwortet. Mit dem Weltreich der Deutschen hat es freilich noch gute Wege; da ist noch mit der Concurrenz der Engländer, Russen, Nordamerikaner zu rechnen und auch Frankreich und Italien wollen ihren Theil haben. Interessant ist es nun zu sehen, wie diese „christlichen" Mächte jeden nichtchristlichen Staat als herrenloses Gut betrachten, das sich jede von ihnen nach Belieben aneignen kann, vorbehaltlich, daß sie auch die anderen an der Beute theilnehmen läßt. Wessen die Antisemiten die Juden beschuldigen, nämlich, daß sie sich das Recht anmaßen, alle anderen Völker „die Gojim," auszubeuten und zu beherrschen, dessen machen sich die christlichen Staaten schuldig. In früheren Jahrhunderten galten nur die wirklich uncivilisirten Staaten, die keine von den Europäern anerkannte Regierung besaßen als solche der Ausbeutung preisgegebene „Gojim." Unter dem Vorwände, das Christenthum zu verbreiten, unterjochten und beraubten die trommen spanischen Conquistadoren Peru und Mexiko; Leute, die fleißig in die Kirche gingen, trieben Sclavenraub und Sclavenhandel und es soll vorgekommen sein, daß man den Sclaven den Uebertritt zum Christenthum verwehrte, um deren Unterdrückung und grausame Behandlung mit ihrem Heidenthum rechtfertigen zu können. Heutzutage respectirt man nicht einmal feit Jahrtausenden bestehende civilisirte Staaten, wie China und gesteht oft schon ganz offen die wahren Triebfedern — Habsucht und Herrschsucht — ein. Man spricht von „Interessensphären" und verhandelt offen über die Theilung von Staaten, die man für schwach und nicht genügend gerüstet hält. Manche der nichtchristlichen Staaten haben ihr Fortbestehen weniger ihrer eigenen Kraft oder dem Rechtsgefühl der europäischen Mächte als dem Umstande zu verdanken, daß diese Mächte über die Theilung noch nicht einig sind, keine der anderen die fettesten Stücke der Beute gönnen will. So behält Egypten einen Schein von Unabhängigkeit, weil Frankreich den Engländern die volle Herrschaft nicht gönnt. Zwischen Italien und Frankreich herrscht seit Jahren Mißstimmung, weil dieses dem ersteren Tunis vor der Nase weggeschnappt hat. Tripolis gehört der Türkei und ist fast nur von Mohamedanern bewohnt; man sollte also glauben, daß die christlichen Mächte da nichts zu suchen haben. Weit gefehlt. Das Land ist ja fruchtbar, verspricht großen Ertrag, hat eine strategisch wichtige Lage. Und so sehen wir Frankreich und Italien ihre gierigen Blicke darauf richten, die eine Macht bestrebt, der andern zuvorzukommen. Ju ähnlicher Weife concurriren England und Frankreich, ja selbst das hinfällige Spanien um Marokko, während beinahe ein halbes Dutzend Mächte auf die Theilung Chinas lauern. „Völker Europas, wahret eure heiligsten Güter!" hat der Deutsche Kaiser gesagt. Wir wollen nicht erörtern ob eine solche Warnung nicht eher an die Völker Asiens und Afrikas zu richten wäre. Aber auch die Juden haben als heiligste Güter ihre Religien und ihre nationalen Traditionen zu wahren. Im Uebrigen sind sie dem Staate treu, dessen Bürger sie sind, wenn sie auch oft als Stiefkinder behandelt werden. Wenn es zum Kriege zwischen den europäischen Mächte kommen sollte, wird jeder Jude dem Staate dienen, dem er angehört, wie in früheren Kriegen, seine Pflicht erfüllen und vielleicht noch mehr als feine Pflicht thun. Die Juden werden aber dabei so vernünftig und vorsichtig sein, sich nicht durch Gründung eines kleinen, halbabhängigen Staates zum Zankapfel und Spielball der europäischen Politiker und Militärs, das heilige Land nicht zum Versuchsfeld für politische Dilettanten zu machen. M. L. Der jüdische Religionsunterricht und die jüdischen Religionslehrer in Galiflen. Kein Gegenstand wird in den galizischen Volks-, Bürger- und Mittelschulen so arg vernachlässigt, wie der jüdische Religionsunterricht. Unsere Jugend wächst seit den Sechzigerjahren, von welcher Zeit an die sogenannte Fortschrittspartei in den jüdischen Gemeinden Galiziens das Regiment rührt, ohne jedwede Kenntniß des Judenthums heran. Auf die traurigen Folgen dieser irreligiösen Erziehung der jüdischen Jugend unseres Kronlandes hat die jüdische Journalistik mehrmals hingewiesen. Der größte Theil der sogenannten jüdischen Fortschrittspartei in Galizien schämt sich dem Jndenthume an-ugehören. Schlimmer noch als diese ist die jüdische Assimilationspartei, die sich oft unseren Feinden anschließt, wovon die jüdischen Mitarbeiter der polnischen Journalistik, die mikaf regel wead rosch vom antisemitischen Geiste beseelt i st, den besten Beweis liefern. Am traurigsten, ja eine Schmach für die galizische Jrrdenheit ist es, daß die der letztgenannten Partei angehörenden Eltern ihre Kinder, indem sie ihnen Riemcewicz's Lajba i Siora und ähnliche Lügenschristcn zu lesen geben, im antisemitischen Geiste erziehen. Zur Jllustrirung dieser Behauptung dienen folgende Begebenheiten. Eine assimilirte Schülerin rühmte sich einst vor ihren christlichen Mitschülerinnen, daß sie bei ihrer Großmutter keine Mazos essen wollte, da darin Christenblut enthalten sei(?). Auf meine Frage, ob sie davon überzeugt ist, antwortete sie mir, daß es doch wahr sein müsse, da es viele Leute (?) behaupten. Vergebens suchte ich sie zu überzeugen, . daß die Blutbeschuldigung zum erstenmal in Blois in Frankreich, im Jahre 1171 auftanchte und von niederträchtigen und charakterlosen Leute erdichtet wurde, wie auch, daß edle Christen, wie Papst Innozenz IV., Stefan Batory gegen diese Niedertracht aufgetreten sind. Aber leider ohne Erfolg. Wohl wagte sie es nicht, mir gegenüber etwas diesbezüglich zu äußern, aber den jüdischen Mitschül'erinnen sagte sie es nicht einmal, daß es doch wahr sein müsse, da es von vielen Christen behauptet wird Eine andere, der vorigen ähnliche Schülerin, meinte sich dadurch bei ihren christlichen Mitschülerinnen einzuschmeicheln, indem sie über Juden und Judenthum spottete. Als ich einst von Cremieur und anderen hervorragenden Juden unseres Jahrhundertes sprach, fragte sie mit Verwunderung, ob Cremieur, ein Jude, wirklich Gerechtigkeit übte. Beide erwähnte Schülerinnen haben die öffentliche Schule erst in der fünften Classe zu besuchen begonnen. Sie sind also in den ersten vier Classen der Volksschule nur mit antisemitischer Kost von ihren Eltern und Lehrerinnen genährt worden. . Die Schuld, daß solche traurige Zustände bei uns herrschen, trifft in erster Reihe die jüdischen Cultusgemeinden, deren Führer sich um die religiös-sittliche Erziehung der Jugend ganz und gar nicht bekümmern, und, was das Schlimmste ist, den Schulbehörden Leute zur Ernennung als Religionslehrer Vorschlägen, die sich durch große Ilnkenntniß der jüdischen Religion besonders auszeichnen. Sie begnügen sich damit, daß der sich um einen Religionslehrerposten bewerbende Candidat ein Zeugniß von einem Lehrer-Seminar hal, aus jüdisches Wissen wird nicht gefragt. Wie solche Lehrer den Unterricht in der jüdischen Religion ertheilen, wird sich wohl Jeder merken. Es ist daher kein Wunder, daß unsere Jugend die Schule ohne Kennrniß des Judenthums verläßt und dann der Assimilation ü la Leopold Caro geneigt ist. Manche jüdische Religionslehrer in Galizien scheinen aber der Ansicht zu sein, daß m n nichts von ihrer Unwissenheit weiß, daher sie