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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 718 Dr. Blvch's Woürenschcifr» Nr. 39 Was geschieht, bis unsere verbitterten Glaubensgenossen vom Lande sich nicht mehr commandiren lassen? Da finden wir, daß es um unsere Organisationen so wie so geschehen ist. Wenn Sie aber, meine Herren, erklären, es sei derzeit unmöglich, weiter zu wirken, da wird die czechische Nation aus ihrem hypnotischen Schlafe erwachen und erkennen, was sie angerichtet. Wir wollen uns nicht von unseren Pflichten losmachen, verlangen aber unsere Rechte. Ich schließe, meine Herren, und wiederhole meinen Rath: Lösen wir unsere Vereine auf!" (Langanhaltender Beifall.) Dr. Arnstein erklärt, auf den Vorschlag eines Redners znrückkommend, es seien bereits Schritte gethan, um eine fürs Volk bestimmte Broschüre über den Ritualmord herauszugeben. Nachdem noch ein Herr Stransky eine von jugendlicher Unerfahrenheit strotzende Rede gehalten, gelangte der Landtagsabgeordnete Herr Dr. Scharf zu Worte. Er hatte einen schweren Standpunkt, denn die Partei der „freisinnigen" Jungczechen, der er angehört, hat ziemlich Alles gethan, um sich das Vertrauen der Juden zu verscherzen, und ihr Leibjournal, das berüchtigte Prager Esterhazy-Blatt, „Närodm Lisch", konnte ihm nicht als Empfehlung dienen. Dr. Scharf that Alles, was er thun konnte, und das war unter den geschilderten Verhältnissen herzlich wenig. Da half kein rhetorisches Talent, da nützte kein Aufzählen all' der „jüdischen" Fehler, da wirkten selbst die schönsten Phrasen nichts. Als er dann ganz verwundert fragte, was denn eigentlich geschehen sei, daß die Gemüther der Anwesenden so erregt sind, da wollte eine unfreiwillig ausgebrochene Heiterkeit kein Ende nehmen. Na freilich, es geschah ja nicht das Mindeste, man hat uns Juden nur Mörder geheißen, man hat uns nur die infamsten Verläumdungen zugeworfen. Wie wären die Worte des Herrn Scharf erst in einer öffentlichen Judenversammlung ausgenommen worden? Ob da der Herr jungczechische Landtagsabgeordnete und Prager Stadtverordnete sich nicht wie so ein General ohne Soldaten vorgekommen wäre. Um 11 Uhr Nachts wurde die Versammlung geschlossen. Die europäischen Mächte und die Völker Asten« und Afrikas. Im Artikel „Der Zionsstaat in der Weltpolitik" in der vorletzten Nummer dieser Wochenschrift habe ich bereits angedeutet, wie wenig der künftige Judenstaat auf das Wohlwollen, ja auch nur auf Gerechtigkeit oder Schonung seitens der europäischen Großmächte zu rechnen hätte. Diese kennen als Richtschnur ihres Handelns nur ihr eigenes Interesse, betonen ihr Christenthum nur dann, wenn es gilt, nichtchristliche Staaten zu bedrängen, die Rechte Andersgläubiger zu beschränken. Freiheit, vollständige thatsächliche Gleichberechtigung, schrankenlose religiöse Propaganda sind für manche dieser Staaten gewissermaßen Exportartikel, die nur für mohamedanische und „heidnische" Staaten bestimmt sind. Katholische, protestantische und russisch-griechische Missionäre werden sicher auch den „Zionsstaat" durchziehen, ungenirt Propaganda machen und wenn die jüdische Polizei sie daran hindern oder irgend ein Gassenjunge ihnen ein Haar krümmen sollte, dann würde der Staat, dem sie angehören, Genugthuung und eine reichliche Entschädigung verlangen. Ein paar Kriegsschiffe würden sofort vor Jaffa erscheinen und wenn sich die Juden nicht fügen, die „rechtlich gesicherten" Heimstätten bombardiren, ohne Mcksicht auf die allerschönsten Siegel und Unterschriften des auf dem Baseler Congreß hochgelobten Charter. Welchen Werth solche Documente für „Nichtarier" haben, das hat sich, wie bereits erwähnt, in Samoa gezeigt, wo die wetteifernden nur ihre egoistischen Interessen vertretenden Engländer, Amerikaner und Deutsche, in Ermanglung von Juden, denen man alles in die Schuhe schieben könnte, sich gegenseitig anschuldigten. Das Resultat war, daß der einheimische König abgesetzt, die unschuldigen Einwohner niedergeschoffen, ihre Häuser verbrannt wurden. Noch interessanter ist, was jetzt in Südafrika vorgeht. Da stehen sich christliche Arier gegenüber: Engländer, die für Gleichberechtigung aller Nationalitäten und Confessionen eintreten, Holländer, die ihre Freiheit, die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes vertheidigen. Man wäre wirklich in Verlegenheit, für wen von ihnen man mehr Sympathie haben sollte, wenn man nicht wüßte, was sich unter diesen schönen Phrasen verbirgt. In der That strebt England schon seit zwanzig Jahren nach dem Besitz des schönen Landes, um das es bereits ohne Erfolg Krieg geführt hat und das, seitdem dort so viel Gold gefunden wird, um so höheren Werth erlangt hat. Es verlangt für die dort eingewanderten Engländer Rechte, die es sich gar nicht beeilt den irt England eingewanderten Fremden zu ertheilen und die es selbst den Einwohnern Ostindiens nicht gewährt, obwohl das Land rechtmäßig Diesen gehört und von ihnen seit Jahrtausenden bewohnt wird. Und die Holländer, die freiheitliebenden Boers? Ihr Volksrath hat erst vor Kurzem den Antrag des Präsidenten auf Gleichberechtigung der Juden und Katholiken abgelehnt. Nur in Bezug auf die Behandlung der Ureinwohner, denen doch eigentlich das Land gehört, herrscht rührende Uebereinstimmung zwischen Engländern und Holländern. In dem zwischen beiden Regierungen am 27. Februar 1884 geschlossenen Vertrag heißt es ausdrücklich, daß das Recht der freien Niederlassung, des Handels und Gewerbebetriebs, der Erwerbung von Grund und Boden allen Personen gewährt sein soll, welche die Gesetze der Südafrikanischen Republik beobachten, mit Ausnahme der Eingeborenen. Als wohlthätig anzuerkennen wäre das transvaalschr Gesetz, welches zur Beschränkung des Genusses von Spirituosen durch die Eingeborenen bestimmt ist. Aber in der Praxis wird es oft nur zum Mittel, die „Farbigen" zu tyrannisiren und Geldstrafen von ihnen einzuziehen. Und viele dieser Eingeborenen sind ja schon Christen geworden. Aber das hilft ihnen nicht viel — sie haben keine weiße Haut. Noch gründlicher sind die Europäer in Nordamerika gegen die Indianer vorgegangen, die man mit Hilfe von Branntwein, Blattern und anderen ansteckenden Krankheiten sowie unter Anwendung von Pulver und Blei bald ganz ausgerottet haben wird. Die überlegene Cultur der Europäer haben die Rothhäute, Kaffern, Hottentotten, Südseeinsulaner und andere „heidnische Barbaren" vorzüglich in Gestalt von besseren, das heißt verderblicheren Waffen, Unehrlichkeit und Habgier kennen gelernt, und sie erlagen ihr ebensowohl aus zu großem Vertrauen, als aus Mangel an Kraft und Wissen. Es scheint wohl das böse Gewissen, die Erinnerung an eigene Thaten zu sein, welche manche europäische Nationen so furchtsam, so ängstlich bei jeder größeren Einwanderung Fremder macht; als ob sie fürchteten, von diesen so unterdrückt und ausgebeutet zu werden, wie die amerikanischen und afrikanischen Völker von ihnen. So erfand man für die Juden das Schmähwort von dem Gastvolk, dem nomadisirenden Parasitenvolk, obwohl gerade die Germanen ein Nomadenvolk par excellence waren und die Arier sich überall gern als ungebetene Gäste zu Tische setzten. So erzwangen die Europäer mit Gewalt von China und Japan den Eingang und freien Verkehr in ihrem Lande und jetzt sperren sich die Nordamerikaner gegen die chinesische Einwanderung ab. Ebenso sucht man jetzt den Juden, die Rußland wahrlich nicht freiwillig verlassen haben, den Eintritt in die westlichen Staaten zu verwehren. Bei den Verhandlungen über den Handelsvertrag mit Rußland mußte der Staatssecretär von Marschall den deutschen Reichstag mit der Versicherung beruhigen, daß die Regierung stets Mittel finden werde, einwandernde russische Juden auszuweisen. Und der bekannte Freiherr von Hammerstein, damals noch eine Säule und Zierde der antisemitischen Partei, machte sogar den Witz, „bei den russischen Juden lasse er sich nicht auf die Theorie vom Weltmarktpreise ein, denn diese Gesellschaft habe überhaupt keinen Preis". Der famose Baron ist dann vor lauter Ehrlichkeit und Frömmigkeit ins Zuchthaus gekommen, wo er keine Witze mehr machte. Dies hat aber seinen Gesinnungsgenossen den Abgeordneten Schneider, der noch frei herumgeht, nicht abgehalten im niederösterreichischen Landtag einen Antrag einzubringen, allen Juden das Wahlrecht zu entziehen. Schlecht genug, wenn auch nicht so schlecht als den Inden in Rußland und Rumänien, ergeht es den Finnländern in Rußland, den Armeniern in der Türkei. Aus dem verschiedenen Maße, mit dem hier gemessen wird, können wir schließen, wie der „Zionsstaat", wenn er mehr als ein Utopien werden sollte, von den europäischen Mächten behandelt werden wird. Das Schlimmste,

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