Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloüss Wochrafchrifl. Seite 717 stellung einem französischen Geistlichen um 340.000 fl. verkaufte. Nunmehr zeigt sich, daß in allen Stockwerken die Dippelbäume verfault sind. Was würde Vergant sagen, wenn ein jüdischer Baumeister dieses Haus gebaut und es einem katholischen Geistlichen verkauft hätte? Aus dem rxechisch jüdischen Lager. (Original-Correfpondenz.) Prag. 25. September. Die Prager Ortsgruppe der „Narodm Jeduota ceskoziilovskä“ berief für Samstag den 23. d. M.. Abends eine Mitgliederversammlung, ein, um über den Standpunkt der czechischen Juden zur Dreyfus- und Hilsner-Affaire zu berathen. Der von anderer Seite unternommene Versuch, eine allgemein zugängliche Pcotestversammlung gegen die czechische Presse und gegen Dr. Baxa, den neuen „Stern" am Firmaments der böhmischen Politik, zu veranstalten, scheiterte aus mannigfachen Gründen. Vielleicht war es besser so. Der Verlauf wäre ganz zweifelsohne ein stürmischer gewesen. Ein Schrei der Empörung, ein mächtig hallender Protest wäre es freilich gewesen, den die Juden ohne Unterschied politischen Glaubens dem feindlich gesinnten Antisemitismus ins Antlitz geschleudert hätte, kräftige aber nur zu wahre Worte der Entrüstung und des Abscheues hätten sich den Weg vom Herzen zu den Lippen gebahnt, der Nothschrei des Unwillens, der Ausruf des Ekels über das erbärmliche Beginnen gegen diejenigen, die den niederträchtigsten Verdacht gegen Millionen von Mitmenschen ersannen. Aber was hätte all' das genützt, wir hätten nur zu Juden gesprochen, die christliche Außenwelt wäre theils gleichgiltig und mißtrauend, theils gehässig und verdächtigend unserer Kundgebung gegenübergestanden. Die czechische Presse hätte weiter gehetzt, denn mit jeder zerschlagenen Fensterscheibe wäre ihre Abonnentenzahl ums Doppelte gestiegen, mit jedem eingedrückten Auslagfenster und jedem geraubten Stück Waare hätte die Stellung der Volksführer im Muster des berüchtigten Dr. Baxa an Kraft und Ansehen gewonnen. Es war also klüger, nicht zu „provociren", wie sich das böhmische Wörterbuch mit Vorliebe ausdrückt. Daß es besser war von der Einberufung einer großen Protestversammlung Umgang zu nehmen, davon belehrte uns die Bersammmlung der czechischen Iuden. Da waren doch nur Mitglieder der Narodni Jednota und durch dieselben eingeführte Gäste anwesend. Man hätte daher füglich erwarten können, es werde im Wesentlichen keine Meinungsverschiedenheit vorherrschen. Was geschah aber? Schon während der Rede des Vorsitzenden des einberufenden Vereines, Herrn Dr. A r n st e i n, zeigte es stch, daß ein Zwiespalt der Ansichten vorliege. Denn nur ein Theil der Anwesenden zollte dem Redner Beifall, als er in sachlichen, würdig vorgebrachten Worten, gleichsam sich zur Ruhe zwingend, das Verhalten der czechischen Presse im französischen und böhmischen Judenprocesse charakterisirte und die kaum zu beantwortende Frage aufwarf, was denn für ein Interesse von allen den Zeitungen der Welt gerade die czechische Presse daran hatte, Dreyfus zum Berräther zu stempeln. So weit stimmten ihm aber noch die Anwesenden bei. Als der Redner aber bat, trotz all' dem den begonnenen Weg weiterzugehen und unbekümmert um die momentanen Anfeindungen der „nationalen Brüder" christlicher Confession, der eigenen (czechischen) Nation mit unverminderter Liebe treu zu bleiben, um zu zeigen, daß uns die traurigen Vorkommnisse nicht einzuschüchtern vermochten, da war die Zustimmung nur eine theilweise. Nachdem der Vorsitzende geschlossen und nachdem Herr Arnstein seiner Erbitterung gegen das Verhalten eines Theiles des böhmischen Volkes in gut gedachten Worten. Ausdruck verliehen, ergriff Herr Dr. Maximilian R e i n e r das Wort. In zündender Rede, unterbrochen von dem Applaus der Majorität der Anwesenden, kritisirte er > scharf den Ton der czechischen Presse und das Verhalten eines Theiles der czechischen Nation „Wir verdarben es uns", rief er aus, „nach oben und nach unten, nach oben mit den Juden, nach unten mit den Czechen, diese kehren uns nun ganz den Rücken und zwischen Jenen und uns war die Brücke der Verständigung längst znsammengestürzt. Sollen wir uns nun, frage ich Sie, Speichelleckern gleich den czechischen Mitbürgern, die von unsnichthörenwollen, aufdrängen,um es zuriskiren,mit aller Wucht der national-religiösen Unverträglichkeit weggestoßen zu werden? Nein! Wir Juden sind auch Menschen und wenn ich auch weiter Czeche bleibe, so kann ich nicht anders als anrathen: Schließen wir unsere czechisch-jüdischen Vereine, sie sind ja derzeit zwecklos, wecken wir den Stolz in uns, und zeigen den czechischen Mitbürgern demonstrativ, daß wir uns durch ihre Anfeindungen zwar schmerzlich überrascht, aber keineswegs gedemüthigt fühlen und zuwarlen wollen, bis bessere Zeiten kommen. Vorderhand schließen wir unsere Buden!'' (Lebhafter Beifall.) In gleichem Sinne sprachen noch die Herren E ck st e i n, B r u m l i k, welch' Letzterer darauf hinwies, daß sich unter der gesammten czechisch-nationalen Presse nur ein emziges Blatt fand, das sichderJuden annahm — die „G e s k oi i < 1 o v s k e L i s t y“. Redner führt weiters den Umstand an, daß die ziemlich unschuldigen Ansichtskarten mit dem Motto: „Los von Rom" der Schönerer-Partei sofort confiscirt worden waren, daß man dagegen Ansichtskarten, die der Welt verkünden, der Jude trinke Christenblut, unbeanstandet verkaufen dürfe. Als cor-pus delicti der „Benevolenz" der Staatsanwaltschaft legt Redner eine Zündholzschachrel mit dem Bilde der ermordete nHrn za vor, über deren Kopfe sich ein Schlachtmesser befindet? Die Brüder Doctoren B o n d y und ebenso Dr. Singer sprachen dann in ihrer bekannten schönfärbenden, czechischnationalidealen Manier, vermochten aber nicht zu überzeugen. Herr F i s ch m a n n entgegnete einem dieser Herren, der sich darauf berief, der Antisemitismus fei eine deutsche Erfindung und nach Böhmen aus dem „Deutschen" importirt, ganz zutreffend, der czechischeSchüler habe seinen deutschen Lehrer bereits übertrumpft. Es sprachen darauf die Herren Schwarz und I. S. Kraus, worauf Herr Dr. Reiner abermals das Wort ergriff, indem er sagte: „Sie haben mich, meine Herren, mißverstanden und aus weiueu Worten ganz andere Confequenzen gezogen, als welche mir vorfchwebten. Ich bin ein czechischer Jude und will es bleiben. Ich werde es aber auch bleiben, wenn wir unsere czechisch-jüdischen Vereine auflösen werden. Und dazu rathe ich an. Mehr denn 20 Jahre haben wir unseren czechischjüdischen Studentenverein, 5 Jahre unsere Xai-odm Jednota, 4 Jahre unsere Polificka Jednota und was haben wir, meine Herren erzielt? Wie weit brachten wir es mit unserer wirthschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Assimilirung? Was bedeutet unsere wirthschastliche Assimilirung? Daß von czechischer Seite das „Svnj k svemu“ aufgestellt wurde und die Parole „Kupujte jen od kfestann.“ Was bedeutet unsere gesellschaftliche Assimilation? Daß wir in keinen czechischen Verein, ausgenommen als Wurzen, ausgenommen werden. Und was bedeutet endlich unsere politische Assimilirung? Das wir als Zug-Hörige einer fremden Nation betrachtet werden. Wenn die Czechen aber unsere Mitarbeit nicht wollen, so mögen sie dieselbe entbehren. Es muß sich uns heute darum handeln, zu beweisen, daß wir etwas vermögen. Nicht ins deutsche Lager will ich Sie, meine Herren, geführt wissen, aber A b st i n e n z verlange ich von Ihnen in dem Momente, wo man uns von czechischer Seite ins Treffen ruien wird. Mit den Deutschen wollen w i r n i ch t, m i t d e n C z e ch e n k ö n n e n w i r nicht. Stellen wir daher freiwillig die Ausübung unserer politischen activen Wahlrechteein, denn ob ein C £ eche oder ein Deutscher g.e Ir d, gegen uns Juden w e r ö e n s i ch Beide g. leich benehmen. Zeigen wir, daß wir Juden stolze Menschen sind und daß wir uns ein solches Betragen nicht gefallen lassen. Rein ist unser Schild und wir lassen es nicht besudeln. — In die czechischen Schulen sollen wir unsere Kinder schicken? Ganz richtig für normale Zeiten. Empfindet aber unser Herz nicht Schmerz, b a l l e n f i ch u n s e r e F ä u st e nicht unwillkürlich zusammen, wenn unsere Kleinen mit verweinten Augen nach Hause kommen und schluchzend erzählen, die Kameraden hätten ihnen v o r g e h a l t e n, sie trinken Christenölut und seien Mörder! (Rufe: Sehr gut!) Man zeihtuns des schrecklichsten der Verbrechen un dich, der ich Czeche, aber auch Jude und Mensch bin, frage nun: Ist es bei diesen Verhältnissen möglich, daß die czechischjüdischen Organisationen ihr Ziel erreichen? Und wenn wir uns die weitere Frage stellen: