Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 39 (29.9.1899)
- Date
- 1899-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 712 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 39 in der sich das „Vaterland" gefällt, besprechen wir an anderer Stelle. Das „Vaterland" besitzt wenigstens noch so viel Schamgefühl, blos eine Verdächtigung auszusprechen. Es findet, der Mord in Polna, möchte „fast" aus die Absicht schließen lassen, das Blut zu einem ganz bestimmten Zwecke zn gebrauchen. Warum „fair", wenn man verleumden will? Die „Deutsche Rundschau" genirt sich wenigstens nicht, sie spricht ihre Wünsche offenherzig aus: Stellung des Judenthums unter ein Sonderrecht, weil die Zeitung der Cherusker und Allemannen sich überzeugt hält, daß es bei den Juden einen Ritualmord gibt. Wie ekelhast naiv schreiben die Mannen des Hrrrn K. H. Wolf: „Was liegt denn um Gotteswillen daran, wenn die berufenen Vertreter des Judenthums erklären würden, ja, es gibt unter uns geistig und sittlich tief stehende Individuen, die, von einem aus den uralten Zeiten des Judenthums stammenden Wahn- und Aberglauben besangen, ihrem vermeintlich religiösen Antrieb unterliegen und Verbrechen der geschilderten Art begehen, aber das Judenthum als solches, das mosaische Gesetz kann nichts dafür. Wir geben uns vielmehr alle Mühe, den furchtbaren Aberglauben, der ja nur in der Hefe unserer Volksgenossen und auch da nur mehr kümmerlich vezetirt, ausznrotten. Eine solche Erklärung würde selbstverständlich von der arischen Welt nicht ganz gleichgiltig hingenvmmen werden, eine gewisse Reaction in den arischen Volksmassen würde nicht ausbleiben, aber das ginge nach einiger Zeit wieder vorüber, und das Judenthum wäre von dem furchtbaren Verdachte, ein anerkanntes Blutrituale zu besitzen, zu pflegen und zu beschützen, ein für alle Mal vollkommen gereinigt". Die Juden können aber beim besten Willen und mögen sie auch von der „Ostdeutschen Rundschau" eine Art von sicherem Geleite insoweit erlangen, als sie nur eine „Reaction in der arischen Welt" zu erwarten haben, den Bestand einer solchen verbrecherischen Secte nicht zugestehen, weil es eine solche im Judenthum niemals und zu gar keiner Zeit, auch in uralten Zeiten nicht, gegeben Hot. Geistig und sittlich tiefstehende Individuen gibt es freilich auch heutzutage, und einige von ihnen sitzen augenscheinlich in der Redaction der „Ostdeutschen Rundschau". Nur solche Individuen können so gewissenlos sein, ohne jede sachliche Begründung einer staatlich anerkannten religiösen Gemeinschaft anzudichten, daß sie den Mord als einen Bestandtheil ihres Ritus anerkenne, ihn pflege und beschütze. Das ist nicht „völkisch", das ist nicht teutonisch, und am allerwenigsten ist es deutsch — es ist niederträchtig. Die alten Germanen haben in ihren Wäldern den heidnischen Göttern Menschenopfer dargebracht. Was würde man sagen, wollte Jemand daraus deduciren, daß es heute noch in Deutschland „geistig und sittlich tiefstehende Individuen" gibt, die durch einen Mord eine religiöse Handlung zu begehen glauben? Man dürfte den, der einen so blödsinnigen Verdacht ausspricht, nicht einmal ernstlich züchtigen, sondern müßte ihn ins Irrenhaus bringen. Die „Ostdeutsche Rundschau" braucht sich darauf nichts einzubilden, daß ihr Antisemitismus von anderer Art ist, als der clericale, der ihrer Ansicht nach die Juden zum Uebertritt zum Christenthum zwingen wolle. Wenn die letztere Behauptung richtig wäre, so könnte man den clcricalen Judenfeinden wenigstens die Entschuldigung des Glaubenseifers, der Fürsorge für das Seelenheil der Juden zugestehen. Der veutschvolkliche Antisemitismus der „Ostdeutschen Rundschau" ist der rohe atavistische Haß, der thierische Widerwille gegen Menschen fremder Abstammung, der bornirte Eigendünkel, der Denjenigen, die zufällig von deutschen Eltern in die Welt gesetzt worden, im Vorhinein höhere geistige, sittliche und körperliche Vorzüge vindicirt als allen anderen Menschen. Kürzlich brannte es in einem gemischtsprachigen böhmischen Dorfe, und da stritten die Feuerwehrleute darüber, ob die Deutschen die brennenden Czechenhäuser löschen sollen oder nicht. Diese kleine Mittheilung sagt mehr, als wir auszudrücken vermögen, um die Verrohung de'' Gemüther, die Zwietracht unter Bürgern desselben Staates zu kennzeichnen, wie sie durch den mit den gemeinsten Mitteln geschürten nationalen und confessionellen Haß erzeugt wird, zu brandmarken. Die „Ostdeutsche Rundschau" hat oft genug bewiesen, daß sie genau so gemem sein kann wie das „Deutsche Volksblatt", auch hier sind die geistig und sittlich tief stehenden Individuen zu Hause. Wir hoffen aber, daß der zur Hervorbingung des Judenhasses aufgebotene Einfluß auch der deutschvölkischen Antisemiten die rechtlich denkende deutsche Bevölkerung nicht dazu verleiten wird, ihre unbescholtenen jüdischen Mitbürger für Mörder oder Beschützer von Mördern zu halten. Auch von der ^Ostdeutschen Rundschau" nmß gesagt werden, daß sie gerade so perfid wie die anderen Antisemitenblätter das Thema der Discussion zu verwirren und den Glauben zu verbreiten bemüht ist, als ob mit der Berurtheilung jüdischer Mörder das Bestehen eines Blutrituales in der jüdischen Confession bewiesen werden könnte, und nur der Vollständigkeit halber sollen die wohlwollenden Rathschläge, welche die „Ostdeutsche Rundschau" in plötzlicher Fürsorge für die Ehre des Judenthums diesem zu ertheilen sich untersteht, mit dem Ausdrucke der Verachtung zurückgewiesen werden. * Die Geschichte, wie das Geständniß Hilsner's zu Stande kam, könnte ein Criminalschriftsteller nicht packender erfinden. Das Leben ist doch realistischer als alle Romanschriftsteller. Hilsner ist zum Tode verurtheilt. Im Gefangenhause hört man Hammerschläge, und da sagt ein Zellengenosse Hilsner's zu dem Delinquenten: „Poldl, jetzt richtens für Dich den Galgen her". Der Bursche, der sich diesen vergnügten Spaß vergönnte, wäre eigentlich ein würdiger „College" jenes antisemitischen Redacleurs, der dem Bruder H i l s n e r's gravirende Angaben herauszulocken versuchte. Herr A r r a t o wird vielleicht zum Ehrenmitgliede des Polnaer Rechtscomitös ernannt werden, welches notorisch darauf hinarbeitet, nicht die Mörder zu eruiren, sondern den Ritualmord zu beweisen, oder man wird ihm vielleicht eine Busennadel spenden. Das ist wirklich lustig, einem zum Tode Verurteilten einzureden, daß soeben der Galgen für ihn gezimmert wird, und sich an seiner Todesangst zu weiden. In dieser Todesangst hat Hilsner jenes Geständniß abgelegt, bezüglich dessen das „Deutsche Volksblatt" zu melden wußte, Hilsner habe ausdrücklich angegeben, man habe das Blut zu rituellen Zwecken gebraucht, die Mörder hätten es nach der Schlichtung in einem Gefäße aufgefangen und „per Bahn" irgendwohin gebracht. Ob das Herr Arrato erzählt oder ob die Redaction des „Volksblatt" erdichtet hat, ist einerlei, aber die Nachrichten der nächsten Tage haben schon bewiesen, daß diese Angaben des Verganiblattes erdichtet und erlogen sind. Durch sein Geständniß hatte sich Leopold Hilsner bereits die Gunst des „Deutschen Volksblattes" erobert; es behandelte ihn überaus freundlich, als eine überaus verläßliche Quelle, welcher die wichtigsten Enthüllungen zu verdanken sind, und es beglückwünschte ihn förmlich dazu, daß er den von Dr. Bloch auf die Ecuirung der Mörder ausgesetzten Preis von 5000 fl. gewonnen habe. Die herzlichen Beziehungen zwischen Leopold Hilsner und dem „Deutschen Volksblatt" gestalteten sich aber bald wieder frostiger. Ein Telegramm des Correspondenzbureau meldete, Hilsner habe die jüdischen Bettler Wassermann und Erbmann als Thäter bezeichnet, und am Schluffe des Telegrammes hieß es: „Verschiedene durch das Geständniß Hilsner's hervorgerufene Gerüchte und Combi n a t i o n e n sind noch auf ihre Wahrheit zu prüfen." Wie kommt es nun, daß gerade die Antisemitenblätter und insbesondere das Bergani'sche Lügenblatt .von der officiellen Depesche des Correspondenzbureau gerade diese Stelle weggelassen haben? Diese Verstümmelung einer wichtigen Depesche ist charakteristisch für die ganze antisemitische Mache. Das Geständniß Hilsner's stellte man als beweismachend für den Ritualmord hin, und es fehlte nicht viel, so hätte Vergani vielleicht auch dem Hilsner eine Busennadel schicken lassen. Erst als die Daten über die Personen der angeblichen Complicen und über ihren Aufenthalt zur kritischen Zeit bekannt wurden, da sank das Thermometer der Hochachtung, welche Leopold Hilsner sich beim „Deutschen Volksblatt" erworben hatte, und während es soeben die sogenannten Judenblätter angerempelt hatte, weil sie über die steckbrieflich verfolgten jüdischen Vaganten telegraphische Erkundigungen eingezogen, machte es jetzt plötzlich die Entdeckung, daß das Geständniß Hilsner's denn doch nicht glaubwürdig erscheine; er habe wahrscheinlich nicht die richtigen Complicen genannt. Und doch hatte das Geständniß Hilsner's diesen Fälschern und Verleumdern als eine Trophäe gegolten, die sie ^rn dem ruhmvollen Kampfe erfochten hatten. So sind wir denn Zeugen des über alle Maßen widerwärtigen und empörenden Schauspiels, wie das Walten der Justiz durch freiwillige Häscher, die in der Aufhetzung der Massen ihren schmutzigen Erwerb finden, compromittirt und die Erforschung der Wahrheit theils durch die bewußte Fälschung, theils durch Vorurteile und leidenschaftliche Erregung nahezu vereitelt wird. * -i- * Wer aber noch immer daran gezweifelt hätte, daß wir Juden mit frommer Begeisterung dem Abschlachten von Christenmädchen obliegen mrd leidenschaftlich gerne ihr Blut austrinken,