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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-29 · 39 (29.9.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
39 (29.9.1899)
Date
1899-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 710 Dr. Blocht Wochenschrift. Nr. 39 Rom und Kuttenberg. Die Aasgeier der Lüge und der Verläumdung stürzten sich auf die Leiche des armen Mädchens, das im Brezinawalde ermordet wurde, und die antisemitische Presse aller Länder feiert das Verbrechen von Polna als ein freudiges Ereigniß Und der den Gang des Processes in Kuttenberg als stiller Zuschauer belauscht hat, Zeuge war der künstlich erzeugten leidenschaftlichen Stimmungen, wahrnahm die Ausbrüche eines zur Gluthitze gesteigerten Fanatismus, den ganzen umfangreichen Apparat zur Beeinflussung der Zeugen und Geschworenen und endlich den tollen Jubel eines wildwüthigen, blutdürstigen Pöbels bei Verkündigung des Todesurtheils beobachtete, — der hatte die Gelegenheit nicht blos in historischen Reminiscenzen zu schwelgen, sondern auch den Inhalt und den Umfang „der christlichen Gesittung" und „arischen Civilisation" zu bewerthen. Proceß und Urtheil von Kutteuberg werden noch nach Jahrhunderten als ein merkwürdiges Denkmal angerufen werden, welches sich das neunzehnte Jahrhundert vor seinem Scheiden gesetzt hat. Es ist nicht aufgeklärt, wohin das Blut der Ermordeten gekommen ist; folglich ist es bewiesen, daß der Mord nur verübt wurde, um das Blut zu erlangen, und ebenso bewiesen, daß das Motiv für das grauenhafte Verbrechen in dem religiösen Cultus der Juden zu finden ist. Eine religiöse Genossenschaft von Mördern haust in der Mitte der christlichen Bevölkerung, und der Christenmord bildet ein Requisit ihres Gottesdienstes. Wäre der Proceß in Kutteuberg nicht öffentlich durchgeführt worden, so hätten Nichtjuden, denen die Satzungen der jüdischen Religion unbekannt sind, vielleicht glauben können, daß für eine so grauenhafte Beschuldigung, die gegen Millionen Menschen erhoben wird, vielleicht irgend ein Anhaltspunkt oder wenigstens der Schein irgend eines Vorwandes hervorgekommen sei. Man hätte diejenigen, die aus dem von einem oder mehreren Juden begangenen Verbrechen den Verdacht ableiten zu dürfen glauben, daß die Juden überhaupt den Christenmord nicht verabscheuen, daß sie ihn sogar als eine religiöse Handlung ausehen, mit dem seit Jahrhunderten böswillig genährten Vorurtheil entschuldigen können, und einem solchen Vorurtheil kann man nicht blos durch Betheuerung seiner Unrichtigkeit, sondern auch durch den Hinweis auf die historischen Widerlegungen desselben gegenübertreten. Der Bosheit und der bewußten Verleumdung gegenüber gibt es nachgerade kein Mittel der Abwehr. Daraus erklärt es sich, warum die von der Wiener Cultusgemeinde, dem Ober- Rabbiner von Wien und anderen Körperschaften und Persönlichkeiten erhobenen Proteste gegen die Blutbeschuldigung nur den Ausgangspunkt zu neuerlichen Jnvectiven bieten. Dabei sehen wir das widerliche Schauspiel, daß bei diesen Erörterungen immer wieder das Beweisthema verschoben wird, als ob die Berurtheilung eines jüdischen Mörders oder das von demselben angeblich gemachte Geständniß zu der Behauptung, daß der Mord oder auch nur der Blutgenuß von Thieren, geschweige denn von Menschen, mit der Religion oder dem menschlichen Empfinden der Juden vereinbar wäre, auch nur im Entferntesten berechtigen könnte. Und gegen eine solche Anschuldigung, welche den Juden ein kannibalisches Laster andichtet, sollte man nicht protestiren dürfen? Auch in früheren Jahrhunderten hatten die Juden wie ehemals die Christen unter heidnischer Römerherrschaft unter dieser Anschuldigung zu leiden, und sie haben sich an das Oberhaupt der katholischen Christenheit, an die Päpste, mit der Bitte gewendet, diese Anschuldigung auf ihre Richtigkeit zu prüfen. Die Päpste haben wiederholt genaue Untersuchungen angestellt. Sollen wir die so oft abgedruckten Urtheile und Gutachten der Päpste und der Kirchenfürsten, ihre entschiedenen Verdammungsurtheile über die Blutlüge heute neuerdings citiren? Und können gerechte und vernünftige Christen wirklich sich der Ansicht hingebeu, daß ein Verdacht, der in vergangenen Jahrhunderten als unbegründet dargethan wurde, durch die seitherigen Culturfortschritte, an welchen doch auch die Juden theilgenommen haben, an Consistenz gewonnen haben könnte? Wie hätte das Papstthum sich jemals dazu hergegeben, das Judenthum ausdrücklich in seinen Schutz zu nehmen, wenn es möglich wäre, daß der Mord einen Bestandtheil seines Ritus bildet? In diesen Tagen der neu entfachten blutrünstigen Judenhetze verdient ein soeben erschienener Artikel des päpstlichen Organs „Osservatore Romano", betitelt „Antisemitismus und Katholicismus" erhöhte Beachtung. Das Wiener „Vaterland" ist es, welches diesen, wie es sich ausdrückt, „kleinen Artikel" hauptsächlich deshalb bemerkenswerth findet, „weil er die wiederholten Ausstreuungen, als habe die katholische Kirche ihre Auffassung über die Judenfrage geändert, in trefflicher Wese widerlegt". Wir wären dem „Vaterland" dankbar dafür gewesen, wenn es ihm beliebt hätte, sich da etwas deutlicher und nicht in so dunkeln Wendungen auszusprechen, weil es auf uns den Eindruck macht, als wäre dem „Vaterland" dieser Artikel gerade derzeit nicht sehr angenehm, und als würde es demselben nur mit einer gewissen resmvatio mentaliZ Beifall spenden. Wenn es ein „kleiner" Artikel ist, so wäre es vielleicht auch nicht schwer gewesen, ihn vollständig und nicht verstümmelt abzudrucken. Wir sind aber, da uns der „Osservatore" nicht vorliegt, auf dasjenige angewiesen, was das „Vaterland" aus diesem auch unserer Ansicht nach sehr bemerkeusWerthen Artikel mitzutheilen für gut findet und auch diese Stellen sollten einem möglichst großen Leserkreise zugänglich gemacht werden. Wir drucken also die Citate des „Vaterland" hier ab: Es heißt in dem Artikel zunächst: „In Betreff des Antisemitismus, der so grundlos der katholischen Kirche vorgeworfenwird, indem man sogar die Katholiken beschuldigt, in den Reihen Derjenigen zu sein, welche die Juden in Algier prügeln und überall verfolgen, würde es genügen, einige Thatsachen anzusühren." Das römische Blatt citirt sodann eine von dem israelitischen Synedrium zu Paris 1807 abgegebene Erklärung, worin constatirt wird, daß verschiedene Päpste und viele andere geistliche Personen der katholischen Kirche d i e verfolgtenJuden inSchutz genommen haben, und fährt dann fort: „Man könnte überdies fragen, ob denn der Antisemitismus nur in Frankreich existirt. Ist nicht etwa in Preußen und Deutschland der frühere Hofprediger Pastor Stöcker ein Haupt des Antisemitismus? Und sind es in Rußland die Katholiken, welche die Austreibung der Juden bewerkstelligen? Und Rom bat dem A n t i s e m i 1 i s m u s eines D r u m o n t nie seine Billigung ert heilt, vielmehr schleudert dieser in seinen Büchern Beschimpfungen gegen die „römische Curie", weil sie jenen nicht gebilligt hat." In einem Nachtrage sodann zu diesen Zeilen führt der „Osservatore" aus einer Constitution Jnnocenz Ul. folgenden Passus an: „DieJudensind lebe ndigeZeu gen des w a h r e n G l a u b e n s. E s i st d e n C h r i st e n nicht erlaubt dieses Geschlecht auszurotten. Niemanddarf sie darob beunruhigen, daß sie in ihren Synagogen die Vorschriften ihres Gesetzes erfüllen. Trotzdem sie lieber in ihrer Verhärtung leben, als den Weissagungen Glauben schenken und die Geheimnisse des Gesetzes kennen lernen und in Christo wiedergeboren werden, haben sie doch ein Recht auf unseren Schutz. Darum gewähren wir ihnen denselben gerne, wie auch unsere Vorgänger g e t h a n. Kein Christ darf einen Juden zwingen, die Taufe zu empfangen, weil dem so Gezwungenen doch stets der Glaube mangelt, und wenn sie dieselbe frei und öffentlich empfangen wollen, so hat Niemand das Recht, ihnen irgend eine Beschimpfung anzuthun. Kein Christ nehme sich heraus, ihnen ans Leben zu gehen oder ohne Richterspruch ihnen ihre Habe zu nehmen oder an den Orten, wo sie wohnten, ihre alten Gebräuche zu ändern. Es sei nicht gestattet, ihre Feste zu stören weder mit Schlägen, noch mit Steinwürfen, noch auch sie zu nöthigen, am Sabbath einen Dienst zu leisten, den sie an anderen Tagen leisten könnten. Niemand wage ihre Friedhöfe zu verun-

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