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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 38 Dr. B'och's WochenfrZ^rist. Seite 707 haften Wunden im Gesicht oder Beulen am Kopfe, welche von den langen Nägeln reckenhafter Dorfhelden oder von ihren Steingefchoffen herrührten, und konnte dann weder über fein spätes Kommen, noch über die Ursache seiner äußern Erscheinung eine befriedigende Auskunft ertheilen. Daß unter sothanen Umständen Lorenz keine Fortschritte machen konnte nnd dem Pfarrer großen Verdruß bereitete, ist wohl begreiflich. Vielleicht hätte Pater Willibald in feiner heroischen Geduld es trotzdem noch ferner gestattet, daß Lorenz bei dem Unterrichte, den er Michael ertheilte, anwesend sein dürfe, wenn nicht ein Ereigniß eingetreten, welches gleichfalls vom Pfarrer vorausgesehen worden war, und diesen auch zu einem vollständigen Bruche mit dem Stadtoberhaupte veranlaßte. Eines Tages nämlich, war der Bürgermeister — vor Zorn roth wie ein Puterhahn, dem man ein Scharlachtuch zeigt — in die Pfarrstube getreten und hatte vor grimmigem Schnauben erst nach einigen Secunden zu sprechen vermocht. „Herr Pfarrer, ich komme Ihnen nur anzuzeigen, daß ich Polizei-Chef der Stadt, Ihrem säubern Schüler und Liebling, dem kecken, unverschämten Judenbuben, Michael Klein, eine starke, körperliche Züchtigung ertbeile, ihn acht Tage lang bei Wasser und Brod einsperren, und es dann in reiflicher Erwägung ziehen werde, ob ich nicht diesen fremden Vagabunden, der nach unserem weisen Landesgesetze eigentlich hier gar nicht geduldet werden soll, und die ihm erwiesene Huld und Gnade in schändlichster Weise mit Undank vergilt, ausweisen soll." Der Pfarrer erhob sich von seinem Sitze zur vollen Höhe seiner imponirenden Gestalt und sprach: „Herr Bürgermeister! ich war eben im Begriffe Sie zu besuchen und mit Ihnen in Ihrer doppelten Eigenschaft, als Vater Ihres Sohnes undVaterder Stadt der Sie sein s o llt en," der Pfarrer betonte das letzte Wort, in scharfer Weise, „in wichtigen Angelegenheiten zu sprechen. Aber, da Sie sich zu mir bemüht und das Gespräch eröffnet haben, will ich vorerst dieses fortsetzen, um so mehr, als wir beide, wenigstens theilweise, offenbar ein und dieselbe Angelegenheit, wenn auch dieselbe von den verschiedensten Standpunkten betrachtend, behandeln wollen. Ich muß Sie bitten", fuhr der Pfarrer, in einem so strengen Tone fort, daß der Bürgermeister betroffen aufblickte, „mir zu erklären, weshalb Sie über meinen lieben Schüler, Michael Klein, der während seines Aufenthaltes in unserem Städtchen nie die geringste Veranlassung zur Klage und Unzufriedenheit gegeben, eine schmerzliche und entehrende Strafe verhängen wollen?" „Der Saubube!" sprudelte Golzinger, vor Wuth fassungslos, heraus, „hat sich :rfrecht, mein Kind Hallunke zu nennen und chm mit einer Reitpeitsche einen Schlag zu versetzen." „Wem danken Sie diese Mittheilung. Herr Bürgermeister?" „Meinem Sohne, und die Schramme in seinem Gesichte habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen . . . ." „Herr Bürgermeister," unterbrach ihn Pater Willibald, „Sie sind Jurist, und sollten ebenso wissen, daß Niemand in seiner eigenen Sache Richter sein darf, als, daß es in der Rechtslehre als oberster Grundsatz gilt: audiatur et altera pars! . . . Wie ich es schon angedeutet, ist es auch diese Angelegenheit, wegen welcher ich mit Ihnen sprechen wollte. Ich habe in der Aufregung, iu welcher mich, die in unserer Unterredung zu behandelnden Dinge sowohl, als Ihre Worte versetzten, die erste Pflicht der Artigkeit gegen Sie, Herr Bürgermeister außer Acht gelassen, und ersuche recht sehr, es zu entschuldigen, daß ich Sie erst jetzt bitte, in dem Lehnstuhl Platz zu nehmen; die weitere Bitte anfügend, mich in Ihrem eigenen Interesse, ruhig, ohne Unterbrechung anzuhören, meine Worte reiflich zu erwägen und ernstlich zu beherzigen. Vor Allem aber erkläre ich es Ihnen mit voller Entschiedenheit, daß ich es nicht dulde, daß Michael Klein irgend ein Leid zugefügt, daß er in irgend einer Weise gekränkt wird. Im Gegentheile, ich fordere Sie auf, Ihrem nichtsnutzigen Rangen eine seinen Missethaten entsprechende häusliche Züchtigung zu ertheilen. Ich kann Ihnen den Sachverhalt, um den es sich handelt, genau mittheilen . . . . Heute Morgen, ich war schon eine Stunde mit Michael's Unterricht beschäftigt, trat Lorenz heulend in meine Stube. Da mir vor Allem auffiel, daß ihm ein blutiger Striemen über die rechte Wange hinlief, frug ich ihn. wer ihm diesen Hieb ins Gesicht versetzte und er erzählte, daß ihm der junge Husarenlieutenant, Graf Andrassy, mit seiner - Lorenzen's — eigener Reitpeitsche ganz ohne Grund und Ursache ins Gesicht geschlagen hatte. Auch wenn es mir nicht aus eigener Erfahrung sattsam bekannt.gewesen wäre, daß Ihr Lorenz ein determinirter Lügner fft, lag die Unwahrheit dieser Mittheilung auf der Hand. Die Officiere der hier garnisonirenden Escadron sind liebenswürdige junge Leute, die unter der Mannschaft strenge Disciplin halten und in keiner Weise Grund zu Klagen geben. Graf Andrassy ist mir sogar persönlich von der besten Seite bekannt, er mag, wie dies bei jungen, feurigen Cavalieren vorzukommen pflegt, etwas rasch sein, aber er hat ein gutes Herz, er hat mir schon zweimal, an seinen, und seiner Mutter-Geburtstage, Geld für meine Armen gebracht und durch sein ganzes Wesen den besten Eindruck auf mich gemacht. Kein vernünftiger Mensch konnte annehmen, daß ein österreichischer Cavalier und Officier einen Knaben ohne Grund mißhandeln würde. Es wundert mich nur, Herr Bürgermeister, daß Sie der einzige in der Stadt sind, der den wahren Hergang nicht erfahren, und demgemäß glauben konnten, der, trotz seines lebhaften Temperaments, gewöhnlich sanfte, neunjährige Michael hätte Ihrem dreizehnjährigen Lorenz ohne Veranlassung ins Gesicht geschlagen." (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die Agada der Palästinensischen Amoräer. Dritter Band. Bon Dr. Wilhelm Bacher» Professor an der Bndapester Landes- Rabbinerschule. S t r a ß b u r g i. E. Karl I. T r ü b n e r. Der gelehrte Verfasser hat sich die Geschichtschreibung über die Agada, diese specifisch-jiidische Literaturgattung, zur Lebensaufgabe gemacht. Gleichsam nur um zu zeigen, das; diese Literatur einer geschichtlichen Darstellung werth ist, hat er schon vor mehr als zwanzig Jahren eine einzelne Periode derselben: „Tie Agade der babylonischen Amoräer" veröffentlicht. Die systematische Behandlung des Stoffes beginnt aber erst in der „Agada der Tannaiten" (zwei Aände 1884, 1890), an welche sich der geschichtlichen Zeitfolge nach jene schon frühen veröffentlichte „Agada der babylonischen Amoräer,, reiht. Dann solgter (1892, 1896) „die Agada der palästinensischen Amoräer". Und nun liegt von dieser der dritte Band vor, mit welchen, der Gegenstand, insofern er seine Quellen in den beiden Talmuden hat, abgeschlossen ist. Man mutz vor Allem an diesem letzten Bande in demselben Matze wie an den früheren Arbeiten dieser Geschichte der Agada des Verfassers profunde Kenntniß der beiden Talmude bewundern. Allerdings gehört solche Kenntniß zu seinem Berufe als Professor einer großen Rabbinerschule, wie könnten denn sonst die Jünger von ihm lernen, '' n:w xb '•"! Aber Viele sind berufen und Wenige auserwählt. Dann flößt sein kritischer Geist alle Hochachtung ein, womit er das Material sichtet und ordnet, die in dem weiten Meere der Talmude zerstreuten Namen der Agadisten sammelt und jeden mit dem was dessen Träger gedacht und gedichtet und was die Ueberlieserung von ihm festzrchalten für werth gefunden, verbindet. Auf die biographische Skizze eines Jeden folgen dessen Sentenzen, Sprüche. Exegetisches und Honnlerisches, Gleichnisse, Messianisches und Alles was dem Einen oder Anderen in der späteren Literatur fälschlich zugeschrieben wird. Dem letzten Agadisten der Amoräer, der als Erster der ungenannt gebliebenen Autoren der seit dem fünften Jahrhundert erblühenden Midraschliteratur gilt, Tanchuma, wird der grötzte Raum in dem vorliegenden Bande gewidmet. Dann folgen in alphabetischer Ordnung alle Agadisten, nahezu zweihundert, denen in Ermangelung aller Daten keine besonderen Capitel gewidmet werden konnten. Diese werden, uni die chronologische Anordnung zu ersetzen, in zwei Gruppen getheilt und vermöge der Zeit ihrer Wirksamkeit einem der beiden Jahrhunderte, dem dritten oder vierten, während welcher die Amoräerschule» Palästinas geblüht haben, zugewiesen. Der Verfasser hat sich mit seiner Geschichte der Agada ein hohes Verdienst um das Judenthum erworben, indem er die erhabene jüdische Gedankenwelt innerhalb vier Jahrhunderte, während welcher außerhalb des Judenthums die Weltanschauung herrscht', daß der Mensch blos ein Naturwesen, der Egoismus sein Hauptattribut und das Raffinement in den Genüss'N die höchste Cultur sei, literarisch feststellte und die Tannaiten und Amoräer als die Träger des Idealen gegenüber der römischen Welt des crassesten Materialisurus erscheinen läßt. Aber der Verfasser hat seine Aufgabe doch nicht vollständig gelöst. Mit den Agadisten der Talmude ist die Geschichte der Agada noch nicht zu Ende. Rach ihnen wird die Agada noch weiter gepflegt, nur werden die Autoren nicht mehr genannt, wie beim Sprichworte, beim Volksliede und den Volkssagen. Diese volksthümliche Agada, Midrasch genannt, harrt noch der kritischen Bearbeitung, die dem Verfayer der Geschichte der Agada zu thun bleibt und die man von ihm noch zu fordern berechtigt ist, als Ergänzung seiner bisherigen Arbeiten in dieser Materie. Welche Fülle von Licht müßte diese wissenschaftliche Erforschung der Midraschliteratur über noch dunkle Punkte der Geschichte und Cultur der ersten Jahrhunderte des Mittelalters ausgießen und um viel würde dadurch der Wortschatz und die Phraseologie der neu-hebrälschen Sprache bereichert werden.' Bei der tiefen Gelehrsamkeit und der kritischen Schärfe des Verfassers der Geschichte der Agada ist kein Anderer so würdig, diesem seinem, Werke die Krone aufzusetzen, als er selbst und mit der Anerkennung und dem Tank für das bisher Geleistete sehen wir daher mit heißem Verlangen dieser seiner letzten Arbeit auf diesem Gebiete entgegen.

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