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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 706 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 38 gezogenheit? Der Tochter wird es eine Freude machen und mir ist es lieber, ihn ihr zu geben, als daß sie ihn nach meinem Tode nehmen soll." „Gut denn," sagte Herr Wimmer und einige Tage darauf reisten sie auch ab, um der Tochter eine freudige Ueberraschung zu machen und eine großelterliche Function beim Beschneidungsseste ihres Enkels auszuüben. Die junge Frau lag in einem prunkvoll aufgeputzten Bette im Anblick ihres Neugeborenen versunken, der an ihrer Seite ruhte und ohne Ahnung von den harten Kämpfen des Gebens die ihn erwarten, friedlich lächelte, hörte sie nicht die Thüre gehen, hörte nicht die leisen Schritte der Eintreteuden, bis dieselben knapp vor dem Lager der blassen Wöchnerin standen. „Vater! Mutter!" rief sie erschrocken und versuchte den Kopf zu erheben, der jedoch bald wieder auf den Polster zurücksank. Es war kein freudiges Aufjauchzen beim Anblick der so geliebten Eltern, sondern wie schmerzliche Ueberraschung. „Beruhige Dich geliebtes Kind," sprach sie die Mutter an, sich zu ihr niederbeugend und sie küssend; „wir wollten Dich zum Bris überraschen und dachten nicht daran, daß Du durch Deine Schwäche nervös bist." „Wie befindest Du Dich heute, meine Tochter?" frug Herr Wiener, seinerseits die Stirne Ernestinens küssend. „Ich war so heftig erschrocken, weil ich keine Ahnung hatte." „Mn, so was geht bald verüber, wenn es nur sonst gut geht. Wo ist Dein Mann?" „Im Amte." „Lass' den Kleinen sehen. Ein Riesenkerl! Er wird den Namen Deines Großvaters tragen, der im hohen Alter als ftommer Jude starb," fügte die Mutter hinzu. „Mein Mann hat für ihn bereits einen Namen bestimmt, liebe Mutter," versetzte die junge Frau, mit leicht abgewandten Blicken. „Wie soll er heißen?" Die Wöchnerin zögerte; der Vater wiederholte die Frage seiner Frau. „Ferdinand," erwiderte sie leise und schüchtern. „Ferdinand! Nach wem Ferdinand? Nach unserem Kutscher?" rief der Alte. „Das geht nicht! Ich werde mit Deinem Manne sprechen. Also Uebermorgen ist der —" „Nein", unterbrach ihn Ernestine, „noch nicht — weil —" „Ja, warum denn nicht?" „Weil, weil — der Arzt cs verboten." „Fehlt denn was dem Kinde? Es scheint doch ein kräftiger Junge zu sein?" „Es scheint doch nicht, da der Doctor es untersagt hat." „Warum denn?" „Ich weiß es nicht," stotterte die junge Frau und Thränen traten ihr in die Augen. Herr Wiener schüttelte bedenklich den Kopf. „Wie heißt Euer Arzt?" frug er nach einigem Nachdenken. „Doctor Markorewicz," erwiederte die Tochter deren Gesicht ganz fahl geworden und deren inneren Kampf man an den zuckenden Lippen und der bebenden Stimme merkte. „Wohl; gehen wir zu Doctor Markorewicz, um das Weitere zu erfahren," sagte Wiener sich zum Gehen anschickend. „Also Du glaubst mir nicht, lieber Vater?" rief Ernestine in großer Erregung; „hat Onkel Jacob, Dein Bruder der stets Unfrieden säet und Zwist hervorruft, Dir etwas geschrieben?" „Nicht ein Wort und gesehen habe ich ihn auch noch nicht." „Kommt er zuweilen her?" „Seit einiger Zeit gar nicht." „So? so? Weshalb nicht?" „Ich weiß es nicht; vermutlich hatte er mit Armin ein kleines Rencontre." „Ich sage Dir aufrichtig mein Kind, mir kommt die Geschichte nicht koscher vor. Der Junge scheint ganz kräftig zu sein und doch soll die Operation verschoben werden. Denkt vielleicht Dein Mann daran, sie ganz zu unterlassen?" „Ich weiß nicht lieber Vater; Du scheinst so mißtrauisch, was Du sonst nicht bist; deshalb vermuthete ich, daß irgend Jemand in böswilliger Absicht sich an Dich herandrängte und Dir Sachen einflüsterte." „Sage mir Tochter, habe ich gar keinen Grund zur. Besorgnis?" Ernestine bedeckte mit beiden Händen die feuchten Augen und antwortete nicht. Vater und Mutter schaueten sich an; dann nahm Herr Wiener den Hut und verließ schweigend das Zimmer. (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Der Pfarrer machte eine kurze Pause. Er überlegte, er wollte den Bürgermeister, nachdem er ihm so viele herbe Wahrheiten gesagt, nicht noch in einen höhern Grad von Erbitterung, die Dritten schädlich werden konnte, versetzen und sprach: „Da ich aber sehe, daß Ihnen viel daran liegt, daß Lorenz den Gymnasialuttterricht von mir enipfange, will ich Ihrem Wunsche jedoch nur unter folgenden Bedingungen Nachkommen :" „Lassen sie diese hören," rief der Bürgermeister ungeduldig. „Bor Allem müssen Sie Ihrem Sohne auch noch einen tüchtigen Informator, etwa den Lehrer Balanek halten, der die großen Lücken seines Wissens in den Normalschulgegenständen, so rasch und so gut als möglich ausfüllt. . . ." ,/Zugestanden!" warf der Bürgermeister dazwischen. „Zweitens, behalte ich mir aus- und nachdrücklich vor, daß ich in dem Momente, in welchen ich erkennen sollte, daß meine Bemühungen bei Lorenz fruchtlos sind, ich den Unterricht sofort abbreche." „Auch das. räume ich ihnen ein," rief der Bürgermeister eifrig „um so mehr, als ich überzeugt bin, daß Sie meinem Sohn, gewiß ohne es zu wollen, Unterecht thun, ihn gar zu hart beurtheilen. Sie werden sich überzeugen, die dummen Lehrer an unserer Schule, die Hornochsen, haben es nur nicht verstanden mit dem 'aufgeweckten, regen Jungen umzugehen, haben es nicht vermocht, ihm Respekt und Liebe zum Lernen einzuflößen, aber unter Ihrer weisen Anleitung wird er die prächtigsten Fortschritte machen und Ihnen viele Freude bereiten." Der Pfarrer schien trotz dieser "zuversichtlichen Zusage in seiner ursprünlichen Meinung von Lorenz Golzinger nicht erschüttert zu sein, und fuhr fort: „Drittens und letztens bitte ich Sie, Ihrem Sohne mit größtmöglichem Nachdrucke einzuprägen, den kleinen Michael nicht zu kränken; — das würde ich entschieden nicht dulden." „Da ich alle Ihre billigen Bedingungen annehme, darf ich nun doch hoffen, daß Sie es gestatten, daß Lorenz als Ihr Schüler zu Ihnen kommt, wann darf er erscheinen?" „Täglich um acht Uhr Morgens. Es ist selbstverständlich, wenn ich durch eine amtliche Function verhindert werde, entfällt die Unterrichtsstunde." „Ich danke herzlich für Ihre Güte und im Vornhinein für Ihre Bemühungen," sprach der Bürgermeister dem Pfarrer die Hand drückend. * * * Auf diese Weise waren Michael Klein und Lorenz Golzinger, freilich nur auf kurze Zeit, Mitschüler geworden. Zehntes Capitel. Pfarrer Willibald's Voraussetzungen bezüglich Lorenz Golzinger's hatten sich schon in sehr kurzer Zeit als richtige bewährt; alle seine Vorhersagungen waren eingetroffeu. Er schenkte den Unterweisungen des Pfarrers nicht die geringste Aufmerksamkeit, er wußte fast nie, wovon sein würdiger Lehrer sprach, er lernte weder Worte noch Declinationen, noch Conjugationen. Wenn er auf dem Wege vom Vaterhause in die Pfarrei gerade einem müssigen Gassenjungen und edlen Gesinnungsgenossen begegnete, der ihm die Kunde brachte, daß irgendwo vor der Stadt ein Vogelnest auszunehmen sei, oder ein Drache aufsteigen sollte; oder die Gassenjungen der Stadt mit der Jugend des nächsten Dorfes, „Krieg" zu führen beabsichtigten, war Lorenz sofort geneigt, diesen nützlichen Leibesübungen weitaus den Vorzug vor dem „dummen, nichtsnutzigen Latein," wie er diese altehrwürdige Sprache bezeichnete, zu geben und kam entweder gar nicht zur Unterrichtsstunde oder am Schlnsse derselben, mit schmutzigen Händen, zerissenen Kleidern, wenn seine „Partei" gerade „die Schlacht verloren," auch mit ehren-

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