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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 38 Dr. BUuifs Worl^enschri;^ Seite 705 des semitischen Corpus vom 1. Jänner des nächsten Jahres an eine je nach Bedarf erscheinende Ephemeris erscheinen lassen. ' Petersburg. Der russische Regierungsbote berichtet, daß das Justizministerium ein Gesetz unterbreite, welches eine bedeutende Einschränkung der jüdischen Advocaten beim Concursverfahren einsnhren werde. Vorläufig ordnete das Ministerium an, daß kein jüdischer Advocat mehr als drei Concursmassen verwalten dürfe. Philadelphia. Welche pecuniären Opfer die amerikanischen Juden für ihren Gottesdienst bringen, versteht man, wenn man die Annoncen in den Zeitungen liest, in denen Synagogenplätze offerirt werden. So kosten diese Plätze in der Adath Jeschurun- Gemeinde: 1. Sitz 125 Mark, 2. Sitz 101 Mark u. s. w. Der n i e d r i g st e Platz kostet immer noch 34 Mark pro Jahr, und dabei ist Adath Jeschurun noch lange nicht eine unserer fashionabelsten Gemeinden, in denen vielmehr die Plätze noch viel th eurer finb. Johannisburg. Präsident Kcüger's Bemühungen, den Juden die Gleichberechtigung zu verschaffen, haben doch zu einem wenn auch kleinem Resultate geführt. Der Bolksraad hat beschlossen, daß die Regierung iit der nächsten Session abermals einen Entwurf eines Gesetzes zur Regelung der confessionellen Gleichberechtigung vorlegen soll. Präsident Krüger hat seine Anschauung in dieser Form allen Mitgliedern des Volksraads in Form von Informationen zugehen lassen und dabei wieder als Hauptgrund für die Zulassung der Israeliten zum vollen Bürgerrecht geltend gemacht, daß dadurch die Bekehrung derselben zum Christenthum erleichtert werden würde. Feuilleton. Tour und Retour. Von Leo Herzberg - Frankel. Moritz Wiener lebte, obschon reich, noch immer in dem kleinen jüdischen Städtchen Bronislaw, wo er und seine Frau Sarah als armer Leute Kinder das Licht der Welt erblickten. Im frühen Lebensalter arbeitsam und fleißig, brachte er es durch kluge Unternehmungen und Sparsamkeit, begünstigt durch glückliche Verhältnisse und geleitet durch eine außergewöhnliche Intelligenz zu einer gewissen Wohlhabenheit und heiratete eine Frau, die ihm geistig nahe stand, Arbeit und Sorge mit ihm theilte, und in kluger Oekonomie zum Wachsthum ihres Wohlstandes redlich beitrug. Kleine Liegenschaften, die sie umsichtig erwarben, wurden musterhaft verwaltet und jährlich, ohne Hast und Ueberstürzung, vermehrt, während die Bedürfnisse immer bescheiden blieben und in keinen« Verhältnisse zur Zunahme des Berrnögens standen. So sah sich Moritz Wiener nach einer dreißigjährigen, mackellosen Thätigkeit im Besitze eines ausgedehnten, trefflich administrirten und arrondirten Gutes und ehrlich erworbener Capitalien, denen Nieinand die geringste Unredlichkeit und einen noch so milden Wucher nachsagte. Alle Verlockungen des Lebens vermochten nicht ihn dem kleinen tristen Orte zu entfreinden, wo seine Wiege stand, seine Eltern ruhten, seine Verwandten lebten, an denen er oft und unverdrossen Wohlthaten übte, ohne Ruhmrederei, ohne Hoffnung und Wunsch auf menschliche Anerkennung. Sie besaßen eine einzige Tochter, die sie sorgfältig erziehen und vielseitig unterrichten ließen; der zu Liebe sie zuweilen einige Zeit in der Hauptstadt verlebten, um das junge, lebensheitere Geschöpf einige Freuden des großstädtischen Lebens genießen zu lassen. Als die Zeit kam, wo man an die Versorgung des zur schönen Jungfrau entwickelten Kindes denken konnte, wichen die Heiratsvermittler nicht vom Hause und viele junge Leute bewarben sich um die begehrenswerthe Partie. Unter ihnen fiel die Wahl des Herrn Wiener auf einen Auscultanten beim Krakauer Landesgericht, Dr. Berger, der einer angesehenen, wenn auch pecuniär herabgekommenen, in einem benachbarten Städtchen lebenden Familie angehörte und der demnächst Adjunct werden sollte. Ursprünglich zum Rabbiner bestimmt, machte sich der ziemlich begabte junge Mann von seinen Eltern unabhängig, warf sich mit Eifer auf das Studium der Jurisprudenz, lebte kärglich vom Ertrage einiger Unterrichtsstunden, steuerte mit allem Eifer auf sein Ziel los und betrat nach erfolgreich zuriickgelegten Studien die richterliche Laufbahn, obschon er vielfach aufmerksam gemacht wurde, daß dies Gebiet für Juden eng umgrenzt sei. Herr Wiener suchte für seine Tochter keine reiche Partie, sondern einen gebildeten Menschen in selbstständiger Stellung und aus gutem Hause, welcher ihr die Bedingungen zu einer glücklichen Existenz bot, wie es hier anscheinend der Fall war. Auch Frau Wiener war dem Projecte geneigt, es schmeichelte ihrer mütterlichen Eitelkeit ihre Tochter in die besseren Kreise der Hauptstadleintreten und sich als Schwiegermama eines k. k. Beaniten mit Uniform und Degen zu sehen. Die Hochzeit war splendid und seitens des Herrn Wiener von einigen Wohlthütigkeitsacten begleiret. Der Bräutigarn stellte ein großes Contingent von Verwandten und Freunden, welche das geräumige Wohnhaus der Brauteltern mehrere Tage überfüllten und sich auch noch nach der Abreise des Paares vergnügten. Dann wurde es darin still und öde. Ernestine, ihr Gesang, ihr Spiel, ihr Helles Lachen, ihre kindlich heiteren Einfälle, waren dahin; Vater und Mutter setzten ihren fernen Lebensweg einsam und einförmig fort. Ihre Sonne war untergegangen, der Reiz ihres Daseins verschwunden. Und wenn zuweilen die geliebte, durch andere Pflichten und Liebe gebundene Tochter auf wenige Tage im väterlichen Hause erschien, so war es ein kurzer Augenblick, der rasch erlosch. Wenn armen Leuten, die in enger Stube wohnend, mit täglicher Noth kämpfen, die Kinder fortgehen, so ist es ihnen eine Erleichterung; sie können sich dehnen und halbwegs satt essen. Reiche Leute, die allein Zurückbleiben, fühlen sich einsam und wie verloren in den weiten Räumen — ihr Streben hat keinen Zweck, ihr Leben keinen Inhalt mehr. Das erste Enkelkind, daß dem Herrn Wiener geboren wurde, war ein Mädchen, nacb dessen Geburt die geschwächte junge Mutter Erholung im Hause der Eltern suchte und hier einige Zeit weilte. Da waren wieder Leben und Bewegung eingezogen, Kiudergeschrei, Ammenlieder, Pflege der Tochter, Besuche benachbarter Freunde, Ausflüge in die harzreichen Fichtenwälder, Erzählungen aus dem großstädtischen Leben und Treiben. Dies ging jedoch bald vorüber. Dr. Berger kam Frau und Kind abzuholen, imb das frühere Einerlei kehrte freudenloser als früher ein. So waren drei Jahre vergangen. Der Briefwechsel zwischen Eltern und Tochter blieb lebhaft, während der Schwiegersohn fast niemals schrieb. Seine Frau entschuldigte sein Schweigen mit gedrückter Stimmung wegen des ausbleibenden Avancements und wiederholter Präterirung zu Gunsten christlicher Auitsgenossen, was auch sie tief schmerze. Vater und Mutter trösteten die Tochter mit dem Hinweis darauf, daß gegenüber der jetzigen so sehr judenfeindlichen Strömung kaum ein anderes Resultat zu erwarten war, daß es den trefflichsten Anhängern des alten mosaischen Glaubens auf keinem Gebiete des öffentlichen Lebens bester ginge und das schließlich dies keine Existenzfrage sei, da sie an den Eltern stets eine feste Stütze habe, wenn das Wachsthum der Familie ein größeres Erforderniß erheischen würde, als die Staatsanstellung decken kann. Als eines Tages Herr und Frau Wiener beim Mittagsmahle saßen und gerade von der Tochter sprachen, von der sie seit einiger Zeit ohne Nachrichten blieben, keuchte ein Telegraphenbote ins Zimmer. Aus Krakau, lautete das Telegramm, welches Beive erschreckte; es war vom Schwiegersohn gezeichnet und enthielt die Nachricht, daß Ernestine eines gesunden Knaben entbunden, ganz wohl sei und daher die Hinreise der Mutter unterbleiben könnte, die sich die unnöthige Strapaze erlassen sollte, umsomehr als sie das Reisen schlecht verträgt. Sie waren verblüfft! „Hattest Du es gewußt?" frug Wiener seine Frau. „Keine Ahnung! erwiederte diese. Ernestine, die voller Rücksicht und voller Liebe ist, wollte uns die Angst und Sorge erspare««." „Was denkst Du über die Hinreise? Denn die Bemerkung unseres Schwiegersohnes, daß Ernestine Deiner Pflege entrathen könne, bestimmt mich nicht im Geringsten. Die Strapaze ist nicht so groß und ich denke wir sollten doch dem Bris bei unseren« ersten männlichen Enkel anwohnen; denn, daß sie ihren Zustand verheimlichte, oder daß er, wahrscheinlich auf ihr Geheiß, depeschirt, uns den Beschwerlichkeiten der Reise nicht auszusetzen, geschah jaZnur aus kindlicher Liebe." ^^»Gewiß; und ich wäre der Ansicht, Ernestinchen die großen Glasperlen mitzubrivgen, die Du mir zu ihrer Hochzeit aus Wien mitbrachtest?" „Und Du?" . „Ich? Was braucht eine alte Frau einen solchen Halsschmuck? Und überdies hier auf dein Lande, in unserer Zurück-

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