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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 38 Nr. Bloch's Wochenschrift. Seite 703 Wahrheit, Gewalt angethan. Anstatt das wirkliche Leben im schlechter, wie „Das Ghetto" uns glauben machen will. „Keiner Ghetto zu zeigen, wie es jetzt oder selbst noch vor 80 Jabren von Allen hat ein Herz, außer Raphael", ruft Rosa zu Beginn dort aufgeführt wurde, haben sie nur eine Karrikatur geliefert, des Stückes. Der wahre Grund ihrer Begeisterung ist leicht er- Der Titel „Das Ghetto" ist eine falsche Bezeichnung, denn kennbar: Raphael ist der einzige Insasse des Ghetto, der sie außer in der Phantasie war ein Judenviertel niemals von so heimlich liebt. „Ich will Dich aus dem Ghetto ht Gottes freie schmutzigen, abstoßenden Geschöpfen bewohnt, wie sie hier das Luft bringen", verspricht er ihr. Als wenn die stickige Luft des Amsterdamer Ghetto von 1817 aufweist, dem man mit Abscheu Ghetto nicht tausendmal freier wäre, als die außerhalb des den Rücken wenden muß. Die Hauptperson, Sachel, ist ein mo- Ghetto, zum Beispiel in dem erleuchteten Frankreich von heute, derner Shylock, der an Gulden, statt an Ducaten denkt, der Das ist eben der falsche Ton, der durch das ganze^ Stück conventionelle Theaterjude des überseeischen Dramas, dessen mißgeht. Ebenso werden die Beziehungen der Juden zur Außenwelt gestaltete Umrisse uns nur zu gut bekannt sind. Dieser geldnur durch die intoleranten Reden von Sachel und Aaron gierige Höker hat ein Herz von Stein. Er schreckt vor nichts charakterisirt. Die fortwährenden verächtlichen Anspielungen auf zurück, das seinen Goldschatz vergrößern und seine ungerechten die Christen beleidigen das Ohr. Was auch immer die Absicht Ziele fördern kann. Er ist körperlich blind; aber diese Blindheit des Autors gewesen sein mag, das Ergebniß war ein durchaus dient nur dazu, die innere Finsterniß zu verstärken, in die seine antijüdisches Stück, das zum Beispiel in einem Lande wie Frank- Seele gesunken ist. Sein Leiden erregt so wenig Sympathie, daß reich dazu führen würde, die wildesten Leidenschaften ves Glaubensselbst sein Sohn Raphael kein Mitleid mit ihm hat. Sein Herz Hasses zu schüren. In unserem Lande können wir glücklicherweise ist voll schwarzen Hasses gegen die Christen. Natürlich wird er eine solche Travestie des jüdischen Lebens mit Gleichmuth beals ein alle äußeren Vorschriften beobachtender Jude geschildert, handeln; dasselbe gilt von Holland, wo das „Ghetto" zuerst denn das Stück will unter Anderem auch beweisen, daß sögeaufgeführt worden. Außer dem Titel und dem Sujet ist wenig nannte Frömmigkeit und Schurkerei ganz gut Zusammengehen jüdische Färbung in dem Stück und der Verfasser hat augenkönnen. Eine zweite Gestalt derselben Art ist Aaron, und die scheinlich gar keine intimere Kenntniß des jüdischen Lebens. Die beiden reichen Kaufleute verhandeln miteinander, um eine Gelddrei Nebenfiguren — Rabbi Harzer, Esther und Rebekka — sind Heirat zwischen Raphael und Aaron's Tochter Rebekka zu Stande die besten, weil sie am wenigstens unmöglich sind, zu bringen. Erst nach sehr schwierigen Verhandlungen einigen Die sehr gute Aufführung wurde durch wiederholte Zeichen sie sich auf eine beiderseitige Mitgift von zehntausend Gulden. der Ungeduld seitens des Publicums unterbrochen, während ein Aber Raphael, der Held des Stückes, ist für diesen Plan großer Theil des Stückes mit düsterem Schweigen ausgenommen nicht zu haben. Seine Seele ist aufgebracht gegen Sachel, gegen wurde. Sachel's Geschäft, gegen das Ghetto und gegen die Synagoge. London. So wenig die Juden bei uns thatsächlich zu Er hat sich in Rosa, das niedliche christliche Dienstmädchen seines leiden haben, so sind doch in den letzten Jahren Angriffe gegen Vaters verliebt und ist bereits heimlich mit ihr verheiratet. Rosa sie in der Presse immer häufiger geworden. Diesmal haben wir und die Musik sind seine beiden einzigen Neigungen. Er declagleich zwei zu vermelden. In der „Contemporary Review" greift mirt gegen die Beschränktheit des Ghettos, den Schmutz der Geein gewisse^ John Smith die jüdischen Arbeiter heftig und unschäfte, seines Vaters weitreichenden Einfluß. Aber seine Reden gerecht an. In einem Alhem nennt er sie unfähig, schmutzig rc., find Schall und Rauch; sie können nicht überzeugen, denn der und beklagt sich darüber, daß sie die englischen Arbeiter vereinsachste Verstand erkennt genau, daß Raphael nicht aus dem drängen und schnell vorwärtskommen. Sind sie wirklich so un- Stoff ist, aus dem Helden gemacht werden. Ein Held müßte fähig, so ist doch die logische Folge, daß ihre Concurrenz den bereit sein, sich für Wahrheit und Ehre zu opfern. Aber was fähigeren englischen Arbeitern nicht fühlbar werden kann; oder thut Raphael? Er macht sich die Blindheit des Vaters zu Nutze, machen sie wirklich ernsthafte Concurrenz, so können sie doch nicht um ihn zu betrügen; er wettert gegen die feilen Geschäfte Sachel's unfähiger sein als jene. Die Fadenscheinigkeit seiner Argumente und lebt mit seiner Frau von dem Ertrag dieser Geschäfte, bis sucht John Smith durch schmutzige Angriffe gegen die jüdischen dereinst seine Stellung in der Musikwelt ihn unabhängig gemacht Frauen zu verdecken. — Ein gefährlicherer Feind ist Mr. Ärhaben würde. Er vergleicht sich mit „Jsaac, der auf dem Altar nold White, der frühere Vertrauensmann des verstorbenen Baron geopfert wird", obwohl der Vergleich von Jacob, der Jsaac Hirsch, denn er hat sich offenbar die Verleumdung der Juden täuscht, näher gelegen hätte. Kurz dieser unkindliche junge Herr, zur Lebensaufgabe gemacht. Bon ihm ist die Campagne gegen der sich so schwächlich den schönen Augen eines Dienstmädchens die fremden Emwanderer ausgegangen, die sich eigentlich nur ergibt, ist einem Helden so unähnlich wie möglich. Der Gipfel gegen die russischen Juden gerichtet hat. Jetzt wiederum hat er der Absurdität ist erreicht, als Raphael auf den Stufen der ein Buch herausgegeben: „The Modern Jew" voll der giftigsten Synagoge seine Liebe dem höchsten Bieter anbietet, und Rosa Angriffe ans die Moralität und bürgerliche Ehrenhaftigkeit der selbstverständlich hervorstürzt und ihm ihre Seele für seine Seele, Juden. White behauptet, die Macht und der Einfluß der Juden ihr Herz für sein Herz darbringt. Die erschreckte Volksmenge wachse stetig, sie hielten sich von den Völkern, zwischen denen sie schreit ans, daß dies eine „Schickse" oder etwas ähnliches sei, leben, fern und daher sei die Geduld der Gastvölker jetzt er- und darauf theilt Raphael dem Ghetto mit, daß Rosa sein schöpft. Seit 600 Jahren habe die Judensrage keine so be- Weib ist. — Das sollte jedenfalls sehr pathetisch klingen, es deutende Rolle gespielt wie jetzt. White macht endlich Propaganda wirkte aber lächerlich. für die Ansiedlung der Juden zwangsweise oder freiwillig in Im letzten Act sehen wir Rosa immer noch in Sachel's Armenien unter der Oberhoheit des Czaren. Alle russischen Juden Hause ängstlich Raphael's Rückkehr von irgend einem musikalischen sollen nach Armenien überführt und dort angesiedelt werden, sei Ausflug erwarten, von dem er als berühmter Mann heimzues in der Landwirthschaft, sei es in der Industrie oder Handel, kehren gehofft hat. Warum der grausame alte Mann, der Rosa Schon diese Ausführungen zeigen, wie wenig ernst dieses Buch so grimmig haßt, weil sie ihm des Sohnes Liebe geraubt, sie zu nehmen ist, dessen Autor für solche Phantastereien einnach dem Bekanntwerden der Wahrheit nicht aus dem Hause treten kann. gewiesen hat, wird nicht erklärt. Aber obgleich Raphael ver- London. Das London Hospital, das bekanntlich eine heiratet ist, haben Sachel und Aaron den Plan seiner Ber- Abtheilung fiic jüdische Kranke hat, erhielt wieder ein großes mählung mit Rebekka nicht aufgegeben. Vielleicht gab es im jüdisches Legat. Mr. Edward Raphael hat dem Verwaltungsrath Jahre 1817 in Amsterdam noch kein Gesetz gegen Bigamie, der Anstalt 200.000 Mk. überwiesen, die er zur Errichtung eines Jedenfalls versuchen sie, durch Unterschlagung von Briefen Rosa neuen Pavillons benutzen will, der den Namen des Schenkers zu überzeugen, daß ihr Gatte sie verlassen hat, und als nichts tragen und für israelitische Kranke benützt werden soll. Es ist ihr Vertrauen erschüttert, küßt Sachel die Mesusah und schwört dies der dritte Pavillon für diese Patienten, denn es existiren „beim Gesetze Moses", daß sein Sohn tobt ist. Rosa stürzt sich schon ein „Rothschild" und ein „Goldsmid"-Flügel. Erft vor voller Verzweiflung in den Canal, und als ihr Leichnam heraus- Kurzem erhielt das Hospital das große Legat der Baronin Stern gefischt wird, kehrt Raphael heim, um seinen musikalischen Triumph die, auch eine Jüdin, 1,200.000 Mk. zur Errichtung einer Abzu verkünden. Er erfährt den Verrath, der ihn seines Weibes J theilung für Reconvalescenten dem „London Hospital" vermacht hat. beraubt hat, und bei Raphael's Ausruf: „Ich bin ein Jude, und^'.^- HBoston. In manchen Städten unseres Staates werden die ich bin allein" fällt der Vorhang über der traurigen Posse, l E^jüdischen Bürger, die als Fremde den Einheimischen wegen ihrer Diese Inhaltsangabe wird beweisen, daß es unmöglich ist.MTracht auffallen, oft aus der Straße belästigt. Um diesem Unfug das,Stück^ ernst zu nehmen. Das darin entrollte Bild vonkJentgegenzutreten hat sich in Holgoke eine Gesellschaft unter den jüdischem Leben ist auf das äußerste verzerrt. Juden mögen nicht«, ^Titel „Hebrew Citizens Protestive Association" gebildet, die einen besser sein als andere Leute, jedenfalls aber sind sie nicht so vielUMlnwalt aufstellt mit der Aufgabe, in jedem Falle den Beleidiger

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