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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 702 Dr. Bloch's Wochenschrift» Nr. 38 In der gestrigen Sitzung der Repräsentantenversammlung, der ersten nach den Ferien, stand unter Anderem die vor Monaten in diesem Blatte besprochene Spende von 6000 Mark des Herrn Deutsch an das hiesige jüdische Krankenhaus auf der Tagesordnung. Herr Deutsch hatte den wunderlichen Geschmack gehabt, die Zinsen der 6000 Mark ausschließlich für nichtjüdische Patienten anzuweisen. Der laute Widerspruch, der hiergegen erhoben worden, hat den Geschenkgeber veranlaßt, die Stiftungsbedingungen dahin abzuändern, daß die Zinserträge „zur Deckung der Mehrkosten dienen sollen, die dem Krankenhaus durch die Verpflegung nichtjüdischer Kranken über die von dieser reglementsmäßig zu erhebenden Plagegebühren hinaus erwachsen." Das klingt schon etwas anders und weit annehmbarer als die ursprüngliche Form, die — unabsichtlich, wie ohne weiteres zugestanden werden soll — dem Krankenhaus und seiner Verwaltung zu nahe trat. Die Angelegenheit kani übrigens nicht in öffentlicher Sitzung zur Sprache. In geheimer Sitzung wurde sie durch Kenntnißnahme erledigt. Auch in Sachen der Stiftung der Bamberger'schen Erben wird man wohl einen gangbaren Ausweg fiiden. Darauf deutet wenigstens die Zögerung, die landesherrliche Genehmigung für die Annahme der Stiftung nachzusuchen. Das Polizeipräsidium hat bereits diese Nachsuchung monirt. Hamburg. Am 10. und 11. d. M. tagte hier der antisemitische Parteitag. Freilich waren nur die ofstciellen Antisemiten, die Deutsch-sociale Reformpartei vertreten, aber immerhin hatten sich doch 103 Delegirte vereinigt, wozu freilich noch circa 300 Neugierige kamen. Aus den langathmigen Debatten ist nur wenig von allgemeinem Interesse zu erwähnen, denn meistens liefen die Debatten in ein ödes Gezänke zwischen den verschiedenen Flügeln der Partei aus. Zwischen Liebermann und Zimmermann, zwischen Raab und Vielhaben besteht ein permanenter Zwist, der nur mühsam verhüllt wird. Aus der einleitenden Rede Liebermann's, in der er den Bericht über das abgelaufene Jahr erstattete, ist hervorzuheben, daß er die Resultate der Reichstagswahlen als wenig erfreulich bezeichnete, ohne diesbezüglich Widerspruch zu staden. Interessant ist auch die Schilderung der Situation, in der sich die antisemitische Fraction im Reichstage befindet. Lieberman sagt: „Sie werden eingesehen haben, daß unsere Stellung im Reichstage keine sonderlich angenehme ist. Wir stehen isolirt da und finden nirgens Entgegenkommen. Man übergeht uns geflissentlich." Aus dieser Rede, wie aus den ganzen Verhandlungen sprach eine arge Katerstimmung. Die piöee de resistanee des Parteitages war aber ein Vortrag von Dr. Giese. bekanntlich dem jetzigen Gelehrten der Partei, der den gegenwärtigen Stand der Judenfrage zum Thema hatte. Selbstverständlich schilderte der Redner die Juden so schwarz wie nur möglich, wobei ihn dann sein Correferent Bindewald fleißig unterstützt. Zum Schluffe seines Vortrages, der aber nur die alten hundertmal gehörten und widerlegten Angriffe und Beschuldigungen bot, legte Dr. Giese dem Parteitag seine Thesen vor, die darin gipfeln: 1. Keuntniß vom wahren Wesen des Judenthums. — Soll wohl heißen Verleumdung des Judenthums durch allerlei Märchen. — 2. Ausscheidung des alten Testamentes aus dem Religionsunterrichte. 3. Bekämpfung des Zionismus. 4. Vernichtung des Judenvolkes durch gemeinsames Vorgehen aller Völker. 5. Die Judenfrage ist Racenfrage. 6. Judenstatistik mit Einrechnung aller getauften Juden und aller im dritten Grade von Juden abstammenden Personen zum Judenthum. 7. Jeder Abgeordnete soll zur Stellungnahme in der Judensrage gezwungen werden. Alle diese Thesen nahm der Parteitag an mit Ausnahme von Nr. 2, die vom Ausscheiden des alten Testamentes handelt. Das erschien doch zu gefährlich wegen der vielen Pastore, die zur Partei gehören und dann verschnupft sein möchten. — Soweit der Bericht über die Thaten des deutsch-socialen Parteitages. Nun wissen wir Juden wenigstens, woran wir sind. Wenn wir doch noch recht lebendig sind, so ist dies offenbar nicht Schuld des Parteitages, der sein möglichstes gethan hat, um.uns wenigstens auf dem Papier zu vernichten! Paris. Die „Aurore" veröffentlicht eine sensationelle Nachricht. Der Generaliffimus der französischen Armee General I a m o n t hat an den bekannten Abgeordneten Leon B o u rg e o i s, der ihn zu seiner Beförderung beglückwünschte, geschrieben: J’estime, que ne faut pas plus de juifs dans l'armee und au einer anderen Stelle desselben Briefes: Je m’emploierai de tout mon pouvoir a les faire disparaitre. Das heißt auf Deutsch: Ich will keine Juden in der Armee und ich werde mein Möglichstes thun, um sie aus der Armee zu verdrängen." Wenn der Generalissimus solch- Worte schreibt, daun stehen den jüdischen Officieren in Frankreich schwere Tage bevor. Cypern. Dem „Jewish Chronicle" entnehmen wir aus einem Bericht über die gegenwärtige Situation der Colonie Margo folgende Einzelnheiten. Die Ernte ist beendigt und die Mähmaschine, die mau aus England sandte, kam noch zur Zeit, um bei der Weizenernte sich sehr nützlich zu machen. Leider war das Endergebniß kein befriedigendes, einmal weil das Wetter' ungünstig war und der Regen ausblieb, dann weil zur Ernte die Arbeitskräfte sehr theuer bezahlt werden mußten. Gesäct war Weizen, Gerste und Wicke, das eingeerntete Ergebniß war für jeden Theil Land, das heißt für jeden Colonistcn 80 Kele Weizen, 100 Kele Gerste, 15 Kele Hafer und 15 Kele Wicke. Einen Theil der Aussaat hatte das landwirthschaftliche Departement der Regierung geliehen und als es jetzt nöthig wurde, dieses Quantum zurückzugeben, zeigte sich, daß vielfach, besonders bei Hafer der eingeerntete Ertrag nicht ausreichte, um dieses Quantum zu decken. In diesen Fällen haben also die Colvnisten nicht einmal so viel geerntet, als die Aussaat betrug. Auch die Wickenernte war sehr schlecht. Die Colonisten haben nun nur Sesam und Baumwolle gesäet und beide Pflanzen geben im Allgemeinen guten Ertrag, aber da das Wasser sehr knapp ist, kann man besonders von Baumwolle, die viel Wasser braucht, diesmal nichts erhoffen. Alle Erntemethoden, ebenso wie die Methode des Dreschens in Cypern sind noch uralt, wie sie in der Bibel beschrieben werden, und gegen die Einführung von Dreschmaschinen sträuben sich die Colonisten, weil sie behaupten, die Ochsen wollten das Stroh von dieser Maschine nicht fressen. Die Colonisten sind im Allgemeinen nicht zufrieden und sehnen sich nach England zurück. Der Vorsteher der Colonie, früher Schneidermeister in London, hat sein Terrain verkauft und ist nach London zurückgekehrt, zwei Andere wollen ihm folgen. Es wird nöthig sein, aus Palästina jüdische Arbeiter von den Colonien anzusiedeln, wenn die Ansiedlung in Cypern gedeihen soll. In der letzten Zeit ist die Gesundheit der Colonisten recht schlecht gewesen, besonders sehr viele Fieberanfälle sind zu beklagen, auch Sonnenstich ist oft vorgekommen, doch ist erfreulicherweise keine Krankheit tödtlich verlaufen. Petersburg. Graf Leo Tolstoi hat im Jänner dieses Jahres an einen Herrn Lewit in Klscheniew in Bessarabien einen Brief gerichtet, in dem er sich über die Aufgaben des Judenthums ausspricht. Den Anlaß dazu gab dem Grafen der Umstand, das Herr Lewit ihm die Correcturbogen seiner hebräischen Uebersetzung der Tolstoischen Schrift „lieber die Kunst" übersandt hatte. Graf Tolstoi äußert in dem Briefe seine Freude über, die Uebersetzung seiner Schrift und fährt dann fort: „Die künftigen Aufgaben des Judenthums wie überhaupt jedes Volkes sind die Befreiung von seiner Jsolirtheit und der Parteilichkeit für die eigene Nationalität und Religion und die immer deutlichere Klarstellung der allgemein menschlichen Ideale, sowie deren eifrige Verwirklichung im Leben. Für Leute, die an dieser Weltanschauung festhalten, giebt es keine Knechtschaft, keine Beleidiger und Bedrücker, denn diese Ideale sind unter allen nur möglichen Verhältnissen erreichbar. Und das jüdische Volk befindet sich in sehr günstigen Verhältnissen, um diesen Aufgaben nachzukommen, aber leider sucht es das ganz Entgegengesetzte von dem, was es erstreben muß." Dieser kurze interessante Brief des berühmten Schriftstellers wird soeben von der russischen Presse lebhaft besprochen, wie alles, was Tolstoi schreibt. Der Brief wurde vorgestern in der einzigen jüdisch-russischen Wochenschrift, der hier erscheinenden „Kronika Wasschoda", zuerst veröffentlicht. Die Redaction des Blattes bemerkt dazu: „Wir veröffentlichen den Brief auf den Seiten unseres Journals, denn die Stimme des großen Schriftstellers muß auch dann gehört werden, wenn er sich für die Ideale einer fernen Zukunft begeistert und die schweren Verhältnisse der Gegenwart vergißt." London, 16. September. Das Drama „Das Ghetto" von dem holländischen Dichter Hermann Heyermans, das am letzten Samstag Abend im Comedy-Theater aufgeführt wurde, ist ein albernes, mattes, klägliches Stück. Die meisten Kritikehaben bereits dieses Urtheil über das sogenannte jüdische Stück ausgesprochen, und die Begründung dieses Urtheils ist nicht schwer. Ein falscher Ton geht durch das Ganze, Wahrheit und Wirklichkeit fehlen vollständig. Der holländische Autor und sein englischer Bearbeiter (der übrigens jetz' seinen Namen vom Theaterzettel entfernt hat) haben dem obersten Grundsatz der Kunst, der Lebens-

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