Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021316--09188-3033606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 698 Vr. Blvch's Wochenschrift» Nr. 38 Trödler. Andere arbeiten in den Diamantenschleifereien. Man sagt, sie besäßen ein Geheimniß für diese Kunst. Das ist nicht der Fall, aber eine angeborene Geschicklichkeit besitzen sie, die nicht ihres Gleichen hat. Ich habe sagen gehört, daß dem Juden die gewerbliche Arbeit widerstehe. Und dennoch sind diese hier Handwerker. und in Amerika arbeiten sie sogar in den Wersten. Die Meisten der hiesigen Juden sehen freilich herabgekommen aus. Wenn man die Juden als Gesammtheit betrachtet, so haben sie an den Gütern dieser Welt nicht einen billigen Theil erhalten. Mit Ausnahme einer sehr kleinen Zahl, die in übermäßigem Reichthum schwelgt, sind die Juden überall arm. Mehr noch als in Holland sind sie in Rußland, in Polen, in Algier arme Leute. Nicht minder elend sind sie in Amerika, wo sie in den Fabriken zu den niedrigsten Löhnen arbeiten, und wie die Chinesen den Haß der anglosächsischen Arbeiter sich aufluden. Das größte Judenelend herrscht aber in London, in den finsteren Höhlen von Whitechapel, wo sie vor Hunger und Kälte verkommen. Es ist also ungerecht zu sagen, wie es geschehen ist, die jüdische Race habe eine besondere Begabung und wende sie systematisch überall zu Ausbeutung der arischen Race an. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Israel von heute keine reine Race ist, sondern ein Gemenge von Racen. Syrisches und arabisches Blut mengt sich darin mit griechischem, lateinischem slavonischem und finnischem. Ueberdies — wissen wir denn, was eine Race ist? Ich glaube gern, daß eine Reihe von Eigenschaften, die mau in dieser oder jener Gruppe von Menschen als originär betrachtet, nachgerade auch erworben werden kann, und daß durch gemeinsame Wohnung, Nahrung und Sitte eine Race entsteht, wie schwarze Vögel weiß werden, wenn man sie ins Polargebiet versetzt. Die Eigenschaften, die man den Juden zuschreibt, von denen einige allerdings recht auffällig bei pötzlich wohlhabend oder reichgewordenen Leuten Vorkommen, scheinen nicht angeboren zu sein, sondern anerworben durch die Lebensverhältnisse und Umstände, zu denen diese Menschengruppe durch viele Generationen gezwungen wurde. Sowie die Juden gezwungen wurden, Geldgeschäfte zu machen — wären nicht unter gleichen Verhältnissen die Christen auch Meister im Geldverkehr geworden? Sieht man etwa jetzt Judoeuropäer auf Bankgeschäfte verzichten? Und ist etwa das Prunken mit dem Reichthum blos eine Eigenschaft der reichen Inden? Sind diese allein eitel auf ihren Reichthum? Wenn man aber durchaus eine jüdische Race haben will, so jmuß man zugeben, daß sie eine ebenso elastische wie plastische ist. Seit den Juden Bürgerrechte zuerkannt worden sind, haben sie sich eifrig an den öffentlichen Angelegenheiten betheiligt und von ihren Rechten Gebrauch machend, sind sie Richter, Soldaten, Staatsmänner geworden. Einer der größten englischen Minister war ein Jude. (Auch in Oesterreich waren Juden die Zierden der Wissenschaft und einer Regierung zugleich. A. d. Red.) In Italien, wo die Kohn's ihren Namen in Ausevdoti umgeändert haben, unterscheiden sich die Juden gar nicht von den christlichen Mitbürgern. In Frankreich gibt es ja sogar jüdische — Antisemiten! Diejenigen, die semitischen Geist, semitisches Genie zu definiren bemüht sind, beurtheilen All-, welche dem Gesetze Mosis folgen, nach einer sehr kleinen Zahl. Es gibt gute und schlechte Juden, ja auch verabscheuungswürdige, doch auch ausgezeichnete. Der Antisemitismus ist nichts anderes als ein barbarisches Vorurtheil. Ich glaube nicht, daß er in Frankreich lange Bestand haben wird, in einer Gesellschaft, die duldsam und höflich ist, wo die Vernunft herrscht. Nun zu lange schon hat diese wüthende Leidenschaft, dieser barbarische Wahn die Gemüther in Frankreich erregt. Die Ralliirten Meline's und Liguisten haben sich deffen zu politischen Zwecken bedient, den Haß eines vergangenen Jahrhunderts entfacht und den alten Fanatismus wieder erweckt. Dreyfus ist ihr Opfer. Correspond enzen. Aus der Plenarsitzung des Vorstandes der israelitische» Cultusgemeinde vom 12. September 1899. Vorsitzender Herr Vicepräsident Dr. Gustav K o h n. Beginn der Sitzung halb 6 Uhr Abends. Der Vorsitzende bemerkt, daß Präsident kais. Rath Klinger durch Unwohlsein verhindert ist, der Sitzung beizuwohnen und begrüßt in dessen Namen die von dem Sommerurlaube zurückgekehrten Vorstandsmitglieder. Im Präsidialberichte bringt der Vorsitzende zur Kenntniß, daß anläßlich des Gedenktages des Hinscheidens weiland Ihrer Majestät der Kaiserin Elisabeth im Stadttempel eine feierliche Trauerandacht stattgefunden habe. Seitens des Vorstandsmitgliedes Herrn Gottlieb Taussig wurde dem Präsidium nachstehende Interpellation unterbreitet: „Im Wiener „Jüdischen Volksblatt" ist in den Monaten Juli und August l. I. eine Artikelserie unter dem Titel: „Die Finanzen der Wiener jüdischen Gemeinde" erschienen. Da die Darstellungen des Autors dieser Publication geeignet sein könnten, bei einem Theile der Bevölkerung das Vertrauen in die Verwaltung der Cultusgemeinde herabzumindern, so stelle ich hiemit an das hochgeehrte Präsidium die Anfrage: Was gedenkt das Präsidium zur Richtigstellung zu veranlassen?" Hierüber meldet sich Herr kais. Rath Hirsch zum Worte und führt Folgendes aus: „Ich habe die in Rede stehende Artikelserie des „Jüdischen Volksblattes" gelesen. Selbstverständlich hat dieselbe mich als Obmann der Finanzsection sehr interessirt und beschäftigt. Daher bin ich auch in der Lage, dem geehrten Herrn Interpellanten sofort Aufschluß zu geben. In der Nummer vom 28. Juli 1899 wird angeführt, daß das Deficit des Jahres 1895 56.032 fl. betrug, während das Vermögen der Gemeinde zur selben Zeit sich buchhalterisch nur auf 40.076 fl. belief. Dies ist deshalb richtig, weil, wie aus dem Capitalsconto ersichtlich, das Vermögen der Gemeinde am 1. Jänner 1895 96.109°75 fl. betrug und sich um das Gebahrungsdeficit dieses Jahres per 56.032'75 fl., sohin auf 40.076 fl. verminderte. Zu diesem Bilanzergebnisse, welches aus der Zusammenstellung aller Activen und Passiven resultirt und im Vergleiche zum Vermögensstande des vorhergehenden Jahres einen Zuwachs oder Abgang aufweisen muß, bildet das Gebahrungsergebniß, respective Gewinn- und Verlustconto den Commenlar derart, daß das jeweilige Plus oder Minus des Gewinn- und Verlustconto auf dem Capitalsconto zum Ausdrucke kommt. Die in der Nummer vom 18. August 1899 aus der Bilanz pro 1895 herausgegriffene einzelne Activpost per 36.306'25 fl. als Werth der eigenen Effecten, veranlaßt den Verfasser zu dem irrtümlichen Schluffe, die Wiener Cultusgemeinde lege ihre Vermögensausweise in zwei Conti dar, nämlich einem Capitalsconto und einem Effectenconto. Dies ist nicht richtig, denn das Effectenconto ist lediglich ein Bestandtheil des Gesammt-Activums, so daß der Betrag von 40.076 fl. das Vermögen der Gemeinde an Mobilien und Immobilien nach Abzug aller Passiva repräsentirt. Aus dem Gesagten geht also hervor, daß die Gebahrungsz uschüsse durch Abschreibung vom Vermögen und wenn keines vorhanden, durch Aufnahme einer schwebenden Schuld gedeckt werden, daß Gebahrungs ü b e rschüsse zur Vermehrung des Gemeindevermögens dienen und daß das von der Gemeinde jeweilig ausgewiesene Gemeindevermögen, wie selbstverständlich, das Resultat der Zusammenstellung sämmtlicher Activa und Passiva ist. Dieses einzig richtige Verfahren führt zu dem Resultate, daß das am 1. Januar 1895 ausgewiesene R e i «vermögen per 96.109*75 fl. durch Abschreibung, beziehungsweise Zuschreibung der Gebahrungszuschüsse, respective Ueberschüsse in den Jahren 1895 bis inclusive 1898 sich am 1. Jänner 1899 in ein Vermögensdeficit von 30.637*07 fl. verwandelte." Herr Cultusvorsteher, Oberingenieur Arth. Edl. v. Mises stellt folgende Interpellation: „Das „Jüdische Volksblatt" veröffentlicht in der Nummer 28 vom 25. August 1899 ein Schreiben des Secretariats des „Jüdischen Volksvereines" vom 23. August 1899, in welchem mitgetheilt wird, daß der „Jüdische Volksverein" beabsichtige, anläßlich der bevorstehenden Feiertage in seinen Vereinslocalitäten einen Gottesdienst zu veranstalten, an welchem mittellose Juden, in erster Linie Vereinsmitglieder kostenlos theilnehmen können sollten. Eine diesbezügliche Eingabe des genannten Vereines an den Vorstand der Cultusgemeinde soll mit dem Bedeuten zurückgeleitet worden sein, daß zur Bewillung der Gottesdienstabhaltung die Zustimmung des Obmannes eines in der Rembrandtstraße 32 befindlichen Tempelvereines ersorderlich sei. Nachdem diese Zustimmung nicht erlangt werden konnte, mußte die Absicht des Vereines aufgegeben werden. Unter Beischluß des citirten Blattes erlaube ich mir an den geehrten Herrn Präsidenten die Bitte zu richten, diese Angelegenheit genauestens untersuchen zu lassen und das Ergebniß

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.