Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-22 · 38 (22.9.1899) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
38 (22.9.1899)
Date
1899-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021277-3021316--09182-3033600
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 692 Dr. Bloch's Wochenschrift' Nr. keinen Fortschritt mache". Es sei sogar „ausgesprochen worden, daß die antisemitische Fraction sich auftösen möchte", und das Wiener Blatt setzt sich in dem ganzen Leitartikel dagegen zur Wehre. Man liest förmlich zwischen den Zeilen das Gestäudniß des Ekels, mit welchem das Treiben des Geschäftsantisemitismus die bisseren Kreise des deutschen Volkes zu erfüllen beginnt. Noch ein Paar solche Pyrrhussiege, wie die Urtheile in der Dreyfus-Affaire und im Polnaer Processe, und kein anständiger Mensch wird mit einer Partei Gemeinschaft haben wollen, welche zu leichtfertigen Urtheilen gegen ungenügend Ueberwiesene hetzt, um die dunkelsten Justincte der Volksmassen aufzuwiegeln, auf die Gefahr hin, das Blut Unschuldiger zu vergießen und für die wirklichen Verbrecher Freibriefe auszustellen. 6. Was nun? Und die Ausführungen und niederträchtigen Andeutungen des von den antisemitischen und nationalen Widersachern bezahlten Dr. Baxa sollen unerwidert bleiben? Ein zweiter, den Zeitgeist schändender Proceß Dreyfus minderer Qualität, und es soll sich keine Stimme erheben, welche gegen die Niedertracht eines gemietheten Anklägers protestirt und eine Beschuldigung zurückwcist, welche der Geschichte, den Religionssatzungen, dem Charakter der Juden wie den Erlässen der Päpste widerspricht? Ist es nicht Pflicht der Repräsentanzen der österreichischen Judenschaft in thatkräftigster Weise in einer Sache aufzutretcn, welche die gesammte jüdische Bevölkerung so hervorragend interessirt? Das eben so lächerliche als traurige Blutmärchen spukt seit vielen Jahrhunderten, ragt aus dunklen Zeiten in die Gegenwart herein, hat viel Unheil und unverdienten Jammer verursacht, ohne je bewiesen worden zu sein — in neuerer Zeit der Fall in Tisza-Eszlar und des Ehepaares Ritter, Anklagen deren absolute Grundlosigkeit von den höchsten Justizstellen anerkannt wurde — und man durste Höpen, daß Niemand mehr eine so ruchlose Beschuldigung gegen die Juden zu erheben den traurigen Muth haben werde, gegen Juden, die das Fleisch geschlachteter Thiere stundenlang im Wasser spülen und salzen, damit nicht e i n Tropfen Blut darin zurückblcibe, dessen Genuß ihnen aufs strengste untersagt ist; die keine Blutwurst, kein auf der Jagd erlegtes Thier verzehren dürfen? Gegen Juden, deren Humanität exemplarisch ist und die den allerkleiusten Percentsatz in der Ernninalstatistik bieten? Waren die unfehlbaren heiligen Statthalter Christi von Juden gewonnen, als sie das Anathema auf die Blutbeschuldigung setzten; war der berühmte Pater Veit bestochen, als er im St. Stephansdom vor dem Hochaltar den schwur that, daß die Juden, deren Gemeinschaft er früher angehörte, niemals und nirgends zu irgend einer Ceremonie Blut, sei's selbst von Thieren, brauchen? Und trotz alldem, entblödet man sich noch immer nicht, dieses verwerfliche Mittel aus der Rüstkammer finsterer Zeiten hervorzuholen und das Volk mit Gespenstern zu schrecken, die eine Schande für das zu Ende gehende Jahrhundert, für unsere Cultur und für die Staaten sind, in denen sie bei helllichtem Tage ihre Fratze zeigen dürfen! Wer hätte nach der großen französischen Revolution, die die Verbrüderung der Menschen proclamirte — wer hätte nach den reichen Lichtwellcn des Jahres 1848 — wer hätte Angesichts der Morgenröthe des zwanzigsten Jahrhunderts denken können, daß in einem mitteleuropäischen Staate unter vagem, uneingestandenem aber deutlich angedeutetem Verdachte, ein Mensch werde zum Tode verurtheilt werden, weil er Jude und überdies ein religiös sehr lockerer Jude ist? Leider ist dies aber doch geschehen und deshalb dürfen wir nicht passiv bleiben. Sache des Wiener Cultusvorstandes, derCultusvorstände aller österreichif ch e n H a u p t st ä d t e, von Prag, B r ü u n, L e m b e r g, K r a k a u, T r i e st, i st es, k r ä f t i g e P r o t e st e gegen die Verb r eitu nguudVerwerthung des Blutmärchens ein zubringen und gesetzlichen Schutz gegen die feilen und feigen Menschen anzurufen, welche in ihrer Verworfenheit auf diesem moralischen Mist ihren Kohl pflanzen. Auch ist bei der hohen Bildung und Erleuchtung des heiligen Vaters in Rom die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, und wäre es des Versuches Werth, ein päpstliches Breve zu erlangen, in welchem die Blutbeschuldigung gegen Juden abermals als unwahr und unchristlich stigmatisirt würde. Leo 5z erzberg -Frankel. Teplitz 18. September 1898. Dreyfus begnadigt feine Ankläger. Ein lakonisches Telegramm aus Paris meldet, daß der Märtyrer von der Teufelsinsel, dessen tragisches Geschick die gesammte civilisirte Welt Jahre hindurch in peinlichster Spannung erhielt, zur „Begnadigung" verurtheilt .und aus der Haft entlasten wurde, und daß der „Begnadigte" von seinem Revisions-Begehren zurücktritt. Man hat im Namen des französischen Patriotismus auf den unglücklichen Alfred Dreyfus und seine Familie eine Pression ausgeübt, sich die „Begnadigung" gefallen zu lassen, und er hat dieses Opfer gebracht, um der Zerrüttung Frankreichs und den Gefahren des Bürgerkrieges ein Ende zu machen. Freilich, der Mann, der vor dem Richterstuhle der ganzen Menschheit gestanden und von der Jury aller civilisirten Völker freigesprochen worden ist, bedarf zur Herstellung seiner Ehre nicht des Wahrspruches eines französischen Kriegsgerichtshofes, dessen Urtheile einen Angeklagten fortan weder zu brandmarken, noch zu rehabilitiren vermögen. Die Unschuld Dreyfus' ist unwiderleglich erwiesen; erwiesen durch die Ergebnisse der beiden Processe vor dem Cassationshofe und vor dem Renneser Kriegsgerichte; erwiesen durch den Ausspruch der 46 obersten Richter Frankreichs; erwiesen durch die Bekundungen des deutschen Kaisers, des Königs von Italien, des deutschen Staatsministers v. Bülow, der Botschafter und Militär-Attaches Deutschlands und Italiens; bewiesen durch die Geständnisse Eszterhazy's, den Selbstmord Henry's, die Jesuitereien der militärischen Hauptzeugen und die Haltung des Präsidenten des Kriegsgerichtes von Rennes; erwiesen für Jeden, der nicht einen Lehmballen statt des Ge Hirns im Schädel und nicht statt des Herzens einen brodelnden Kessel voll gehässiger Borurtheile in der Brust hat. Seine Ehre ist intact in den Auge Aller, die nicht vom Judenhasse verblendet sind. Aber seine Gesundheit ist tief erschüttert, er lebt nur von Milch, seine Peiniger haben den Neununddrrißigjährigen mit Hilfe des Klimas von Cayenne zum hinfälligen Greise gemacht, dem die Aufregung den kargen Lebensrest, der ihm beschieden sein mag, noch erheblich zu kürzen vermöchte. Wer wollte es ihm, dem am Körper, an der Seele und am Willen Gebrochenen, verübeln, wenn er, von seiner heldenmüthigen, um sein Leben zitternden Gattin gedrängt, sich entschließt, den weiteren Kampf aufzngeben, der für ihn nur neue große Aufregungen und Gesundheitsstörungen bringen, aber dem öffentlichen, allgemeinen Bewußtsein seiner Unschuld kaum einen weiteren Beleg zuführen kann? So ist er denn der Pression erlegen und pardonirte seine Ankläger, über welche die ganze civilisirte Welt ein übereinstimmendes Urtheil gesprochen. Für seine Ehre bedarf er des weiteren Kampfes nicht. Diesen Kamps zu führen, wäre eine Pflicht der Regierung gewesen, die für die Reputation der Republik, für die Rechtssicherheit im Lande, für die Erhaltung des Vertrauens in die republikanischen Institutionen und nicht zuletzt für ihr Programm verantwortlich ist, welches die Unterordnung der militärischen unter die civilen Autoritäten formulirt hat. Die Regierung aber zieht es vor, Gnade vor Recht ergehen zu lassen; sie gibt damit dem schwer wundgewordenen Rechtsgesühle den Gnadenstoß. Es ist ein tragisches Neue teüel für die französische Republik, daß der erste Vorkämpfer für die Unschuld Dreyfus', der Senator Scheurer-Kestner, an dem Tage gestorben ist, an dem in der französischen Republik von Regierungswegen ein so mörderisches Compromiß zwischen der Gerechtigkeit und der Feigheit perfect geworden ist. Vom Jahrmarkt oes Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Wie der Nitualmord bewiesen wurde. — Aha! — Christenblut für den Gottesdienst. — Telegraphie ohne Draht. — Die klassischen Zeugen. — Warum ein Geschworener weinte.) Aus Petersburg ist an die „Oesterreichische Wochenschrift" seitens der Redaction des jüdischen Blattes „Woschod" das telegraphische Ersuchen um Auskunft über eine von dem Antisemitenblatte „Nowoje Wremja" veröffentlichte Wiener Depesche gerichtet worden. Die Wiener Meldung der „Nowoje Wremja" lautet: „Unter den österreichischen Juden herrscht die größte Aufregung. Vor dem Gerichte in Kutna Gora (Kuttenberg) ist bewiesen worden, daß ein Mord an einem christlichen Mädchen von einem jüdischen Arbeiter zu religiösen Zwecken verübt wurde. Der Mörder hat durch Schläge das Mädchen betäubt, die Kehle durchschnitten und das Blut a b g e z a p f t. Bei der Leiche wurde kein Blut gefunden. In ganz Böhmen werden neue Ausschreitungen gegen die Juden erwartet. Die Regierung hat Truppen abgesandt. Die Juden verkaufen massenhaft ihre Güter und wandern nach Wien aus."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.