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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-15 · 37 (15.9.1899) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
37 (15.9.1899)
Date
1899-09-15
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 666 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 Die „Wiener Kinder" hatten sich einen photographischen Apparat mitgebracht und haben ihren Großvater, die alte Rachel Abelcs, den greisen Schames und mehrere andere charakteristische Köpfe der Gasse, sowie die Synagoge und das Werner'sche Haus abgenommen und alle die Bilder wurden in der Sukka aufachängt. Der Großvater drang darauf, daß auch die hebräischen Neujahrswünsche seiner Enkel in vergoldeten Rahmen, aus denen man alte Stubenbilder herausnahm, in der Sukka angebracht werden. In der ganzen Gasse wußte man schon, daß Hanna Werner und der studirte Sohn von Rachel Abeles ein Paar werden sollen. Der alte Werner selbst verkündete es überall, denn es machte ihn glücklich. Die ersten zwei Feiertage waren Dr. Ehrentheil und sein Mutter die Gäste in der Werner'schen Sukka. Es wurde dem alten Werner zu Ehren der Gäste von jedem Hause geschenkt und an den beiden Nachmittagen stand die Thür der Sukka nicht still von Besuchern. Am ersten der Halbfeiertage fand endlich in feierlicher Weise in der Sukka die Verlobung statt zwischen der reichen Tochter Reb Hillel Werner's mit dem Sohne der armen Witwe Rachel Abeles und dieses Tnaim-Schreiben in der Sukka war lange Zeit das Tagesgespräch in der Gaste. Sie ist heute reformirt und aus der Werner'schen Sukka ist ein Schüttboden geworden. Wichset. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Sonntag nach der Kirche begleitete der Bürgermeister den Pfarrer in seine Wohnung, — und trug ihm die Bitte vor: Bei dem Umstande, als es ihm schwer falle, sein einziges Kind von sich zu lassen, dessen Unterricht in den Gymnasialgegenständen zu übernehmen, und erwarte er die Gewährung seiner höflichen Bitte um so sicherer, als der Herr Pfarrer, ja freilich den unentgeltlichen Unterricht des französischen Judenburschen übernommen habe, während sein Sohn ein christkatholischer Knabe, der Sohn des Bürgermeisters, und er recht gerne bereit sei, ein anständiges Honorar zu bezahlen, eine Versicherung, die aber nicht ernst gemeint war. — Pfarrer Willibald hatte, nachdem der Bürgermeister seine Bitte beendet, nicht sogleich geantwortet, er schien die Angelegenheit eingehend zu überdenken, endlich sprach er: „Ich bin, wie Sie wissen, in meinem schweren Amte angestrengt beschäftigt. Ich habe gar keine Zerstreuung hier im Orte, Niemanden, mit dem ich mich auch nur durch ein anregendes Gespräch zu unterhalten vermöchte. Michael Klein ist ein liebenswürdiger Knabe, der die schönsten Gaben vereinigt. Er folgt dem Unterrichte mit gespannter Aufmerksamkeit, faßt rasch und richtig auf, und besitzt einen eisernen Fleiß. Auch hat das Kind durch sein sittliches Benehmen nie Grund zu einer Klage gegeben. Einen solchen Knaben zu unterrichten, wird mir ein Vergnügen, eine geistige Erholung gewähren. Ich bin überzeugt, meine geringen Bemühungen fallen auf fruchtbaren Boden. . . . . Endlich ist Michael Klein eine elternlose Waise, sein Pflegevater ein wenig bemittelter Mann. Bei Ihrem Sohne liegen alle Verhältnisse anders. Ich will nicht unnöthig Ihre Vatereitelkeit verletzen, aber Sie sind ein kluger, studirter, Mann, der die Wahrheit erkennt, auch wenn sie ihm nicht gesagt, wenn sie ihm verheimlicht, ja wenn sie geradezu gefälscht wird. Ihr Sohn ist ein schwer zu behandelnder Knabe, der seinen Lehrern, die aus Rücksicht für Sie, viel zu nachsichtig mit ihm umgehen, vielen Kummer, vielen Verdruß bereitete und durch sein störriges Benehmen nicht nur sich selbst schädigt, sondern die Nachsicht der Lehrer mißbrauchend, deren Ansehen untergrub, die Schuldisciplin in bedenklichster Weise lockerte. Ihr Lorenz hat nicht die geringste Lust etwas zu lernen, er war in der Schule stets unaufmerksam, und statt dem Unterrichte zu folgen, war er mit seinen Gedanken nur damit beschäftigt, neue Schelmenstreiche zu ersinnen. Er hat in den sieben Jahren, während welcher er die Schule besuchte, auch nicht eine einzige Aufgabe gebracht, die man loben hätte können. Bei seiner totalen Unaufmerksamkeit und seiner Unlust etwas zu lernen, entziehen sich seine angeborenen Fähigkeiten, die er nie zur Geltung zu bringen suchte, nahezu jeder Benrtheilung; — aber trotzdem glaube ich, daß ihm doch die Gabe guter Auffassung ganz abgeht und zwar aus dem Grunde, weil er sonst während der langen Zeit seines Schulbesuches vom bloßem Zuhören, doch wenigstens etwas hätte lernen müssen, aber sein Wissen steht nicht viel über Null. Der dreizehnjährige Knabe schreibt die gröbsten orthographischen Fehler, spricht und schreibt Sprachfehler . . . ." Der Vater war bei der so wenig schmeichelhaften Schilderung seines einzigen Sprossen vor Zorn purpurroth geworden. „Herr Pfarrer," sprach er zornig, „mein Lorenz hat ein Zeugniß mit durchgehends Vorzugsclassen erhalten, da kann es denn doch nicht gar so arg mit ihm bestellt sein, als Sie es schildern . . . ." „Das Zeugniß, in welchem auch sein sittliches Betragen als ein musterhaftes bezeichnet wird, ist mit alleiniger Ausnahme des Namens Ihres Sohnes," der Pfarrer lächelte, „der richtig angeführt ist, vom ersten bis zum letzten Buchstaben falsch.... Ich hoffe, Herr Bürgermeister," fuhr Pater Willibald wieder ernst und hoheitsvoll fort: „Sie werden meine Worte nicht bezweifeln, aber Sie können sich, wenn Sie Ihren Sohn prüfen wollen, leicht von der Richtigkeit meiner Behauptung überzeugen. — Ihr Sohn ist für den Gymnasialunterricht nicht reif, er ist seiner Muttersprache nicht mächtig, und soll schon mit den Anfangsgründen einer fremden, tobten Sprache vertraut gemacht werden, er hat die vier Spcies noch nicht inne und soll schon die Anfangsgründe der Algebra lernen. Ich glaube, Herr Bürgermeister, Sie werden, wenn Sie auf Ihrem Wunsche, ich solle Lorenz die Gymnasialgegenstände lehren, bestehen, mir und ihm nahezu Unmögliches auferlegen. Auch glaube ich, daß Lorenz mir Verdruß bereiten würde. Allein, wenn ich auch von alledem absehen wollte, ja wenn ich auch den schwerwiegenden Umstand, daß Lorenz nicht mit Michael gleichen Schritt halten, und dieser dadurch im raschen Fortschreiten behindert würde, nicht berücksichtigen wollte, so bliebe mir noch immer die Besorgniß, daßLorenz sich nicht mit Michael vertragen würde. Jener ist sehr hochmüthig, er glaubt als Sohn des Bürgermeisters das Recht zu haben, alle anderen Kinder zu mißhandeln. Es sind mir auch in dieser Richtung, trotz versuchter Vertuschung, seitens der Lehrer, mehrere Klagen zu Ohren gekommen; — endlich hat ihr Lorenz nie mit Judenkindern, welche ja hier ihre eigene Schule besuchen, näher verkehrt daß er einige von ihnen als sie aus der Schule gingen, mit Steinen beworfen, kann kaum als freundschaftlicher Verkehr betrachtet werden — und ich fürchte, daß er den um vier Jahre jüngeren Knaben, der auch durch sein größeres Wissen und voraussichtlich raschere Fortschritte, seinen Neid herausfordern wird, necken, beleidigen, ja möglicherweise thatsächlich insultiren wird." Trotz der großen Abneigung, die der Pfarrer bewies. Lorenzen's Unterricht zu übernehmen, glaubte der schlaue Golzinger doch daraus, daß Pater Willibald die verschiedenen allerdings ungünstigen Eventualitäten in Erwägung zog, doch zu erkennen, daß er möglicherweise doch seine Bedenken besiegen würde. „Hm," meinte er in einem Tone, als herrsche bei ihm gar kein Zweifel darüber, daß der Pfarrer seinen Wunsch erfüllen werde, „beabsichtigen Sie denn meinen Sohn mit dem Judenknaben gemeinschaftlich zu unterrichten? Das wäre mir schon aus dem Grunde nicht lieb, weil Lorenz, wie Sie selbst sagen, nicht so gut vorbereitet ist und daher besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Könnten Sie nicht Ihrer Güte dadurch die Krone aufsetzen, daß Sie Lorenz allein unterrichten?" „So viel entbehrliche Zeit besitze ich in der That nicht," erwiderte der Pfarrer, trotz seiner großen Sanftmuth und Milde schon ein klein wenig gereizt. „Oder," fuhr Golzinger ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, „den Unterricht des Judenjungen ganz auflassen? Sie werden ja nicht um des Judenburschen willen, meinen Sohn zurückweisen? Ich habe Ihnen ja gleich im Vorhinein erklärt, Hochwürden, daß ich gerne jedes von Ihnen geforderte Honorar zahlen will, und, das versteht sich von selbst, daß ich als Bürgermeister gernalles thun will, Ihr Interesse zu fördern." Einen Augenblick schien es, als wolle der Pfarrer auffahren, aber schon in dem nächsten bezwang er sich und erwiderte ruhig: „Herr Bürgermeister, ich habe Ihnen schon im Laufe unserer Unterredung erklärt, daß der Unterricht des kleinen Michael mir Vergnügen bereitet, und Sie werden wohl nicht fordern, daß ich mich des einzigen Vergnügens, das ich mir hier zu verschaffen vermag, beraube. Ferner muß ich Sie auch wiederholt darauf aufmerksam machen, daß Brack nicht die großen Mittel besitzt, seinen Sohn nach Brünn oder einer andern Gymnasial-Stadt zu senden, während Ihnen das ein Leichtes ist. Sie erwähnten auch schon zweimal, daß Sie mich für den Unterricht Ihres Sohnes bezahlen wollen. Dieses Offert muß

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