Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 37 Dr» Vlo s Mochenschrrft. Seite 685 Der Greis setzte seinen Pessimismus über den Verfall der Religion noch lange in Gedanken fort. Endlich erhob er sich, zog seine Feiertagskleider an, nahm das schwere Machsor unter den Arm und eilte hinaus. Die Gasse war belebt. Aus allen Häusern strömten die Leute, Männer, Frauen und Kinder, mit heiligem Ernst auf den Gesichtern, in die Synagoge, von welcher die Lichtwellen weit in die Gasse hineindrangen, die sich bereits in die Nebel der Dämmerung zu hüllen begann. Das Gotteshaus war schon überfüllt, als noch einige späte Nachzügler hineindrängten, welche die Aufmerksamkeit aller Andächtigen auf sich lenkten. Es waren Fremde, di kaum mit dem Eisenbahnzuge angekommen, schon in die Synagoge eilten. Einer von ihnen mit zwei Knaben brach sich Bahn bis hinauf zu einer der ersten Sitzreihen und faßte Posto auf dem Sitze, der Herrn Werner gehörte, welcher schon vor dem Borbeterpulte, den Taleth über dem Kopfe in einer stillen Andacht versunken stand; der Andere, ein noch junger Mann, hatte einen noch schwereren Kampf zu bestehen, um auf einen Sitz zu gelangen, der sich zwar in den allerniedrigsten Reihen befand, aber gerade deshalb am dichtesten belagert war, weil sich dort alle diejenigen Armen zusammendrängten, die keine Sitze hatten, und derselbe auch schon von Einem occupirt worden ist, welcher dem Ankömmling den Platz nicht räumen wollte, so daß der Gabbai interveniren mußte, vor welchem der Fremde sich als der Eigenthümer dieses Sitzes legitimirte. Es wurde mit dem Gottesdienst begonnen. Die eigenartige Melodie des Borchu der Bußetage zitterte elegisch durch die dichtgedrängte Synagoge und alle irdischen Gedanken zerstoben. So süß hatte Reb Hillel Werner noch niemals „gedabbent" wie heuer. Mit solcher Inbrunst und tiefer Empfindung ist besonders die Litanei der Abinu Malkenu seit Menschengedenken noch von Nimandem vorgetragen worden. Und als er ganz im Schmerz aufgelöst „Abinu Malkenu, erbarme dich unserer Kinder!" recitirte, da ging ein Schluchzen und Weinen durch die Gemeinde der Betenden, als ob er mit diesem einen Aufschrei die zarteste Saite des Herzens eines jeden Einzelnen berührt hätte. Der Gottesdienst neigte seinem Ende zu. Unter den Ersten, die das Haus verließen, war der Fremde mit seinen zwei Knaben, an die sich nahe der Thür auch noch der andere Fremde anschloß. Sie nahmen draußen Aufstellung und ließen die aus dem Gotteshause herausströmenden Massen, unter welchen der Gruß L'schana Toba! circulirte, vor sich vorbeipassiren. Vor dem Ausgange der Frauengalerie drängte sich ein altes, ärmlich gekleidetes Mütterchen hervor, welchem der jüngere der beiden Fremden zustürzte, ihre Hand ergriff und küßte, indem er dabei das L'schana Toba flüsterte und ihr das Haupt zum Segen hinneigte, worauf sie sich Arm in Arm in der Menge verloren. Einer der Letzten, die aus dem Gotteshause kamen, war Herr Werner mit einem dichten Plaid um den Hals gebunden, damit er sich nicht erkälte und für die morgige, heilige Function unfähig werde. „L'schana Toba! Vaterleben! trat ihm der Fremde entgegen, und von einem augenblicklichen Schrecken sich erholend, fiel der Greis ihm um den Hals: „Mein Sohn, mein Josef, mein einziger Sohn! welchen Kummer habe ich heute schon Deinetwegen gehabt!" „Dafür entschädige ich Dich und bring Dir auch meine zwei Knaben." Und die beiden Kinder traten an den Großvater heran, küßten ihm die Hand und sprachen den vollen Satz L'schana Toba — — —, worauf der Großvater segnend die Hände auf sie legte. Im Hause des Herrn Werner herrschte eine festliche Atmosphäre. Der Tisch war für mehrere Personen gedeckt, dennHanna war auf die Gäste schon seit mehreren Tagen vorbereitet. Der Vater sollte überrascht werden. Auf dem Teller des Greises lagen zwei auf das kostbarste Luxuspapier geschriebene Neujahrswünsche in hebräischer Sprache. Er las sie mit Wohlgefallen. „Meine lieben Enkel, könnt Ihr auch lesen und versteht Ihr, was Ihr geschrieben habt? Und bte beiden Knaben nahmen ihre Wünsche, lasen sie nacheinander laut und vernehmlich herab und übersetzten sie ins Deutsche. „Aber Josef, wo haben das die Kinder in Wien lernen können?" „Ich habe einen tüchtigen Mann als Hauslehrer. Er ist ein hiesiges Kind, in seiner frühesten Jugend in die Fremde gegangen, hat er Anfangs aus der Jeschiba gelernt, dann studirt und das Doctorat der Philosophie gemacht. Ec ist aber nicht nur ein Gelehrter, sondern auch ein frommer Mann, mit dem eine Gemeinde noch glücklich werden wird, die ihn als Rabbiner bekommt." „Aus welcher hiesigen Familie ist er?" „ Er hat Niemanden mehr hier, als eine arme alte Mutter. Ich glaube sie heißt Rachel Abeles." „Die Hab' ich ja in den letzten Tagen mehrmals bei Dir gesehen, Hanna?" „Ja, durch sie wurde ich auf unsere lieben Gäste vorbereitet." „Und warum hast Du ihn nicht auch mitgenommen, Josef?" „Auch er ist hier, aber selbstverständlich bei seiner Mutter, die ihn schon seit zwölf Jahren nicht gesehen hat und kaum mehr erkannt haben dürste. Unser Doctor Ehrentheil ist auch ein schöner und eleganter Mann, der keine Spur einer armen verwahrlosten Jugend trägt." „Du wirst ihn doch uns vorstellen, daß ich ihm meinen Dank für die jüdische Erziehung abstatten kann, die er meinen Enkcln gibt?" „Allerdings, auf morgen Nachmittags habe ich ihn schon eingeladen." Dem jungen Werner und Doctor Ehrentheil wurden am nächsten Tage alle möglichen synagogalen Ehren zutheil und die Witwe Rachel Abeles erfreute sich auch auf der Fcauengalerie einer Aufmerksamkeit, wie die Arme sie im Leben noch nicht genoß. Nachmittags gingen Mutter und Sohn Arm in Arm durch das Spalier der vor jedem Hause stehenden und freundlich grüßenden „Rädel" in das Werner'sche Haus. Der Greis ging seinen Gästen bis zur Thür entgegen, führte den Doctor zu einem Fauteuil neben dem seinigen, wo sich die Kinder liebevoll an ihren Lehrer schmiegten, während Hanna die arme Rachel Abeles in Empfang nahm und sie neben sich placirte. Herr Werner seinerseits leitete sofort die Unterhaltung mit seinem Danke ein, den er dem Doctor für die Freude ausdrückte, die dieser ihm mit den hebräischen Neujahreswünschen seiner Enkel bereitete. Das Gespräch drehte sich nun um die jüdische Erziehung. Mit jHem Worte, das der Doctor sprach, setzte er sich mehr und mehr in die Gunst des'Greises, der öfters in Versuchung kam, den jungen Gelehrten für die so klare Entwicklung seiner eigenen Gedanken zu umarmen und ans Herz zu drücken. Hanna konnte selbstverständlich au der gelehrten Discussion nicht theilnehmen, sie conferirte mit der jetzt so reichen armen Frau über wirthschaftliche Fragen; aber sie verlor kein Auge von dem jungen Mann und theilte als gute Tochter die Empfindung ihres Vaters. So vergingen einige glückliche Stunden für die ganze Gesellschaft. Die Männer brachen dann auf, um zum Mincha-Gebet zu gehen. Die beiden Frauen blieben noch beisammen. Bon der Synagoge wallte die ganze Gemeinde zu dem Bache, der die Gasse von dem Markte trennte, um „Taschlich" zu machen. Der alte Werner führte seine beiden Enkel, der junge Werner ging an der Seite seines Hauslehrers. Wie zufällig begegneten sich hier Doctor Ehrentheil und die Schwester seines Chefs, die in Begleitung der alten Rachel ebenfalls zum Taschlichmachen ging. Die jungen Leute standen sich jetzt Aug' in Aug' gegenüber, und — auch die Erzväter freiten beim Wasser — hier fanden sich ihre Herzen auf ewig. Der junge Werner selbst machte den Schadchen. Er reiste am zweiten Rosch-Haschana-Tag Nachts nach Wien zurück, ließ aber seine zwei Knaben und ihren Lehrer hier. Auf die ersten Tage Sukkoth wollte er wieder kommen. Doctor Ehrentheil brachte die zehn Bußetage zumeist im Hause des Herrn Werner bei seinen Zöglingen zu. Für Jom-Kipur hatte er zwei Blumenbouquets vorbereitet, die er gegen Mittag durch seine Schüler, eines in die Frauengalerie seiner Mutter und das andere in das Werner'sche Haus Hanna schickte. Von dieser Arr zarter Aufmerksamkeit am Jom- Kipur wußte man bis jetzt noch nichts in der Gaff?. Die vier Tage nach Jom-Kipur wurden von Dr. Ehrentheil und seinen Schülern nur der Ausschmückung der Wernerschen Sukka gewidmet. Es war die einzige gebaute Sukka in der ganzen Gaffe, und jedes Jahr eine Sehenswürdigkeit, heuer sollte sie noch mehr sein.