Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 684 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 37 In den Vorstand: Herr Heroiann Nettel (Königinhof) als Vorsteher, Herr I. U. Dr. Heinrich Wessely (Königinhof) als Vorsteher-Stellvertreter, Herr Heinrich Jung (Königinhof) als Rechnungsführer und Tempelvorsteher, Herr Wilhelm Schlein (Königinhof) als Cassier und Tempelvorsteher-Stellvertreter, Herr Gustav Deutsch, Herr Ludwig Schick (Schurz). In den verstärkten Vorstand wurden gewählt: Herr M. U. Dr. Ernst Breth (Königinhof), Herr Otto Schlein (Königinhof), Herr Ignatz Kohn (Königinhof), Herr Adolf Schwarz (Königinhof), Herr Ernst Gerber (Königinhof), Herr David Pick (Jaromer). NÜHägedl. Hier wurde Herr Cantor Josef Sagher aus Lomnitz, nach einem mit großem Beifall aufgenommenen Probevortrage zum Cantor einstimmig gewählt. Derselbe hat eine prächtig geschulte Tenorstimme und eine tüchtig kantoral-chasones Wissen. Preßburg. Der Vorstand der hiesigen orth.-isr. Cultusgemeiude hat beschlossen, die Zinsen jener 5000 Kronen, welche alljährlich am Sterbetage weil. Ihrer Majestät der Königin Elisabeth einem wohlthätigen Zwecke zugewendet werden sollen, für dieses Jahr dem Pensionsfonde der israel. Religionslehrer zuzumitteln. Ems, 18. August. Oberst Schneider, der in letzter Zeit im Dreyfusproceß vielgenannte k. k. österreichisch-ungarische Militär-Attachße bei der Botschaft in Paris, hat bei seiner Abreise von Ems dem hiesigen Israelitischen Central-Waisen- und Mädchenheim 100 Mark zum Goschenk gemacht. Spanisch-Teron (Jamaika). Die umgebaute und erweiterte spanische Synagoge in unserer Stadt ist durch den Rev. I. Corcos neu eingeweiht worden. An der Feier nahmen viele Christen theil und der Synagogenchor aus Kingston war deshalb nach Spanisch-Teron hinübergekommen. Sioux City. (Iowa) Die jüdische Gemeinde unserer Stadt „Adaß Jeschurun Congregation" hat ihre schöne neue Synagoge am 13. August mit großen Feierlichkeiten eingeweiht. Paris. Der bekannte und angesehene Ingenieur H. Bernard, der in dem Proceß in Rennes so wirksam Bertillon entgegentrat, hat dasselbe Schicksal gehabt, wie alle Zeugen der Vertheidigung, er ist von den antisemitischen Zeitungen zum Juden gemacht worden. In einem Briefe an die „Libre Parole" protestirt er nun energisch dagegen: „Ich gehöre weder zu der Race noch zu der Religion, welcher ein Mathieu Dreyfus zur Ehre gereicht. London. Ein neues Buch von Dr. Gaster macht nicht unbedeutendes Aufsehen. Es ist die von ihm im Aufträge der Royal Aseatie Society herausgegebene „Chronik des Jerahmeel" mit Uebersetzung und Noten nach der einzigen noch existirenden Handschrift in der Bodlejana-Bibliothek. Bei dieser Gelegenheit macht man jetzt energisch Propaganda für eine jüdische Verlagsgesellschast, die jüdisch-wissenschaftliche Bücher in England herausgeben soll nach dem Muster der Jewisli Publication Society in Amerika. Feuilleton. Aus der letzten Gaffe. In einem zwar altväterisch eingerichteten, aber von Vornehmheit zeugenden weiten Gemache, saß an dem runden, mit schneeweißem Damast feiertäglich bedeckten Tisch ein Greis mit einem staatsmänuischen Gesichte über einem großen Machsor und markirte jüdische Melodien. Wie an Etwas sich besinnend, machte er das Buch schnell zu und rief: „Hannele! — Hannele! — Hannele!" Ein schönes, etwa zwanzigjähriges Mädchen, das mit dem Zipfel der Schürze dem von dem Herdfeuer erhitzten Gesichte Kühlung zufächelte, erschien an der Thür. „Was willst Du Vaterl?" „Muß ick dreimal rufen, bevor Du kommst?" „Ich Hab' Dich wirklich überhört. Es ist in der Küche so viel zu thun. Die runden Barches sind aber auch eine Pracht anzuschauen, ganz so schön, wie sie die selige Mutter gemacht bat. „Gerathe ihr nur in allen Dingen nach, mein Kind", seufzte der Vater tief, daß das Mädchen die Thränen nicht zurückhalten konnte. Diese wehmüthige Erinnerung an eine theure Todte, die letzten Strahlen der tief im Westen stehenden Herbstsonne, die dnrch die Fenster ins Zimmer brachen, nnd die fahlen Blätter, die ein kühler Nordost durch die Gasse fegte, gaben die rechte Stimmung für den Rüstabend zur morgigen Neujahrsfeier. Nach kurzer Pause fragte der Vater: „Hast Du, Hannchen, mir schon das Kittel-Häubel für morgen anbereitet?" „Es ist alles in Ordnung!" „Daß aber der Briefträger noch nicht da ist! Es ist doch schon fünf Uhr. Sollten sie denn schon Alle an die Jüdischkeit vergessen haben?" „Heute kann er noch nicht so zeitlich bei uns sein. Er hat ja in jedes Haus der ganzen Gasse zu gehen. Wer bekommt heute nicht einen Neujahrswunsch von Verwandten in der Fremde?" „So soll es auch sein! Die Familientreue ist jüdisch. Ich will eine Viertelstunde noch ruhig abwarten. Sieh' indessen wieder zu Deiner Wirthschaft." Das Mädchen entfernte sich und der Vater warf den Kopf in die Lehne des Sessels zurück und gab sich seinen frommen Gedanken hin. Ec hatte heute noch eine schwere gottesdienstliche Aufgabe vor sich. Seit nahezu vierzig Jahren beehrt ihn die Gemeinde mit der Function des Vorbetens beim Mocgengottesdienste an den beiden Neujahrstageu. Außer stimmlicher Begabung gehörte zur Erlangung dieser Ehre eine geachtete gesellschaftliche Stellung innerhalb der Gemeinde und besonders religiöses Wissen und Leben. Reb Hillel Werner war aber nicht nur ein „schöner Balbos" sondern sogar reich und angesehen und ein wahrhaft frommer und gelehrter Mann, dessen weiche, melodiöse Stimme trotz seines hohen Altrrs noch nichts an elegischer Kraft verloren hatte; so daß die ganze Gemeinde gerührt war, sobald er sich zum Betpult stellte. In der jüdischen Zeiteintheilung beginnt der Tag mit dem vorgehenden Abend und darauf stützte sich auch der synagogale Brauch, daß derjenige, der an den hohen Feiertagen der Vorbeter beim Morgengottesdienste war, dieselbe Function auch am Abende zuvor zu versehen hatte. Der siebzigjährige Greis sollte noch heute die Gemeinde zur heiligen Festesstimmung erheben. Er brauchte dazu ein starkes Kraftgesühl und besondere andächtige Sammlung. „Die Briefe sind da, die Briese sind da!" stürzte Hanna freudig ins Zimmer, dieselben fächerartig in der Hand haltend, und sie so dem Vater hinlegend. „Nur drei? Wer hat leider schon an Rosch Haschana vergessen?" Er riß das Couvert des ersten aus. Es fielen mehrere Jnschlüsse heraus, die er nacheinander enffaltete, durchflog und dann der Tochter zum Lesen reichte. „Gott sei gelobt, das Haus meiner Sarahleben ist noch ganz jüdisch, die Kinder schreiben das L'schane-Toba und die neue Jahreszahl mit Quadratbuchstaben und Dolfileben beglückwünscht mich sogar in hebräischen Versen." Dann öffnete er das zweite Couvert. „Bella scheint nicht ganz glücklich zu sein. Sie hat beim Schreiben geweint, — wahrscheinlich Zwistigkeiten mit ihm — er war ein Leichtsinn von allem Anfänge an. Sie schreibt auch einen langen Wunsch an Dich besonders." Als Hanna las, erröthete sie. Den dritten Brief hatte er kaum geöffnet, auch schon von sich weggeschleudert. „Ich will deutschgeschriebene Neujahrswünsche gar nicht lesen. Rosch-Haschana muß unser ganzer Besitzstand von nationalen Resten hervvrgekehrt werden, wenn wir noch Juden sein wollen. Die Weltanschauung, die dem Rosch-Haschana zu Grunde liegt, trennt uns himmelweit von der der Arier, und das muß heute zu unserem vollen Bewußtsein kommen. — Minna kann doch gewiß noch jüdisch schreiben; schämt sie sich vor ihren Kindern? Schämt sie sich vor ihnen gewiß auch ihres alten Vaters! — und das heißt man Bildung? Erziehung? Daß sich Gott erbarme. Und er, mein einziger Sohn, der ist gar schon so reformirt, daß er sich nicht einmal mehr mit einem Neujahrswunsch zu Rosch-Haschana einstellt. Er steht gewiß morgen ebenso gut in seinem Geschäfte, wie an jedem anderen Tage. Wien ist das Grab des Judenthums, Hab ich schon längst gesagt. Warum bin ich so alt geworden, das zu erlebe»?" Das Mädchen schien für die Klagen des Vaters kein Verständniß zu haben. Gleichgiltig packte sie sämmtliche auf dem Tische liegenden Schreiben zusammen und ging damit in ein anderes Zimmer.