Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 678 Dr. Blvch's Wochensrlzrifk« Nr. 37 von Neuem betriebenen Auffrischung des von Päpsten und katholischen Kirchenfürsten wiederholt verdammten Blutmärchens seine schmutzige Rechnung. Der „Ritualmord" war in früheren Jahrhunderten der Vorwand, die Juden zu plündern; heutzutage ist er ein buchhändlerisches oder publicistisches Geschäft. Die Geschichte verzeichnet Fälle, daß Christenmädchen von Judenfeinden ermordet wurden, um die Juden des Ritualmordes zu beschuldigen, und daß falsche Zeugen gekauft wurden, um Juden ins Verderben zu stürzen. Diese Thatsachen muß man sich vor Augen halten, um zu begreifen, daß es in einem solchen Falle eine unabweisbare Pflicht der Juden ist, auf die öffentliche Feststellung der objectiven Wahrheit zu dringen, und soweit es in ihrer Macht liegt, dafür zu sorgen, daß von der Erforschung eines derartigen Verbrechens der Schmutz der antisemitischen Verleumdung ferngehalten wurde. Es ist also eine freche Entstellung, wenn die Antisemitenblätter glauben machen wollen, ein derartiger Proceß in Kuttenberg sei eine „jüdische Angelegenheit" und wenn sie sich sogar zu der Infamie versteigen, zu sagen, daß die Juden sich mit einem Mörder identificiren. Thatfächlich ist ein solcher Fall eine fpeciell antisemitische Angelegenheitinsoferne, als das von einem Einzelnen begangene Verbrechen zu der Niedeitrccht auscebcutet wird, in der Bevölkerung Furcht und Abscheu nicht etwa vor dem Verbrechen oder vor dem Thäter, sondern vor den Juden überhaupt zu erreg m. Sofort nach Auffindung der Leiche im Polnaer Walde wurde das Gerücht verbreitet, Agnes Hruza sei „rituell geschächtet" worden. Abbildungen, auf welchen Juden mit langen Bärten und Schächtmessern dargestellt wurden, wie sie eine Frauensperson abschlachten, wurden auf dem Thatorte angebracht und unter der ländlichen Bevölkerung verbreitet. Der unbescholtene und achtbare Schächter von Goltsch-Jenikau wurde der Mitschuld am Morde verdächtig und den Verfolgungen der irregeleiteten christlichen Einwohnerschaft preisgegeben, so daß er sich flüchten mußte und brodlos wurde. Das „Deutsche Volksblatt" ließ den Bruder des verhafteten Hülsner betrunken machen und ihm in diesem Zustande Angaben herauslocken. Ein enragirter Antisemit, der Landtagsabgeordnete Dr. Baxa, wurde damit betraut, die Mutter der Ermordeten als Privatbetheiligte im Processe zu vertreten, um Ersatzansprüche zu stellen, obgleich der Angeklagte nichts ist und nichts besitzt. Für diesen Vertreter des Antisemitismus im Gerichtssaale wurden, um ihn zu entlohnen, 1000 fl. als ein sogenanntes „Ehrengeschenk" gesammelt. Das Pariser Antifemitenblatt „l'Antijuif" des in der Rue chabrol internirten Guerin, hat einen Specialberichterstatter nach Kuttenberg entsendet. Seit wann interessiren sich die Pariser für einen Mord, der in einem böhmischen Dorfe begangen wird und als dessen muthmaßlicher Thäter ein Strolch angeklagt erscheint? Weil der muthmaßliche Mörder ein Jude ist, und weil in dem Falle, als er das Verbrechen begangen hat, nicht er, sondern das Judenthum beschimpft und besudelt werden soll. Die „Deutsche Zeitnng" begeht die Niedertracht und Gemeinheit, die Berichte über den Proceß mit der Ueberschrift zu versehen: „R i t u a l m o r d?" Die freche brutale Verlogenheit der antisemitischen Preßbuben übersteigt jegliche Grenze, die Justiz wird förmlich tcrrorisirt, die Justizorgane werden verdächtigt, und die Redacteure des „Deutschen Wolksblattes" verfügen nach Bedarf über falsche Zeugen. Bei der Affaire Kurzweil hat sich das eclatant gezeigt und es wird die Zeit kommen, mit diesen infamen Lügnern gerichtlich abzurcchnen. Die Bevölkerung jener Gegend wurde durch Monate hindurch währende Hetzarbeit bis zum Wahnwitz aufgereizt. Der Vertheidiger, dessen Pflicht als Anwalt eines leugnenden Angeklagten rs ist, die Umstände der That zu erforschen, wurde bei der Vornahme eines Localaugenscheines in Polna von der Bevölkerung insultirt und bedroht. Das „Deutsche Volksblatt" ist so witzig, diesen scandalösen Auftritt, bei welchem auch der Bürgermeister und die Polizeiorgane von Polna sich in der verächtlichen Rolle gefielen, den Vertheidiger zur „Äusweisleistung" zu verhalten, weil Jeder, der die Judenstadt besucht, verdächtig sei, als einen „heiteren Ulk" und eine dem „czechischen Labori" und dem „Messias der Polnaer Juden" gewidmete Ovation zu erklären. Das sind Vorgänge, unwürdig eines Landes, in welchem geordnete Rechtszustände herrschen. Wir erwarten von der österreichischen Justiz, daß sie in ihrer Amtsführung die unberufene Mitwirkung unsauberer Elemente zurückweisen werde, deren Absicht und deren Interesse nicht darauf gerichtet ist, daß ein von einem oder mehreren Juden begangenes Verbrechen seine Sühne finde. Diesen Elementen ist es ausschließlich darum zu thun, das Vorkommen eines vielleicht von Juden begangenen Verbrechens zur Aufhetzung gegen die Juden überhaupt zu fructificiren und eine ruchlose und nichtswürdige Unthat als einen rituellen Gebrauch darzustellen, der mit den Gesetzen der jüdischen Religion vereinbar ist. Von diesem Gesichtspunkte wird nicht das Beweisverfahren in dem Processe in Polna, nicht die Frage der Schuld oder Nichtschuld des Angeklagten Hülsner, sondern das Verhalten der Antisemiten und ihrer Presse der Gegenstand unserer genauen Beobachtung sein. Der Verlauf und das Ergebniß des Processes hat uns nicht zu beschäftigen, weil die Frage, ob ein gewisser Hülsner im Walde einen Mord begangen hat oder nicht, ein Criminalfall, wie jeder andere ist. Der Fälschung von Thatsachen und der verleumderischen und perfiden Ausbeutung des von einem Einzelnen begangenen Verbrechens zur Verdächtigung einer ganzen Glaubensgenossenschaft muß jedoch auf das Entschiedenste entgegengetreten werden. Es ist nur selbstverständlich, daß die Wiener und die czechischen Antisemitenblätter mit Fälschungen und Verdächtigungen in dieser Hinsicht schon derzeit vollauf beschäftigt sind, und es ist charakteristisch, daß jene schimpfliche Action. die darauf abzielte, einem betrunken gemachten jungen Burschen Angaben gegen seinen eigenen Bruder herauszulocken, von einem Redacteur des „Deutschen Volksblattes" veranstaltet wurde, welcher schamlos genug war, sich des Gelingens dieser Veranstaltung öffentlich zu rühmen. Correspondenzen. Wien. (Trauergottesdienst für die K a i s e r i n.) In feierlicher Weise wurde am 10. d. M. für weiland Ihre Majestät die Kaiserin im Stadttempel ein Trauergottesdienst abgehalten, dem überaus zahlreiche Andächtige beiwohnten, unter welchen zu bemerken waren: der Präsident der Eultusgemeinde kais. Rath Heinrich Kling er mit den Vorstandsmitgliedern Em. H o f f m a n n und Ober-Ingenieur Arthur Mises und dem Secretär-Stellvertreter Dr. Adler, sowie vielen Beamten, die Bethausvorsteher Stiaßny, Tekcks ch er und W a s s e r v o g l, der Vicepräses der türkisch-israelitischen Gemeinde A d u t t, Obercommissär S ch n e p p, Bezirksausschuß W a l d st e i n, Chacham P a p o, die Rabbiner Dr. Bach, Brei er, Reich und S o r, Lector Fri ed mann, Religions- Schulinspector Dr. L a n g f e l d e r, die Directoren Fuchs und Heller. Obercantor Jurberger rc. Obercantor Singer intonirte mit gedämpfter Stimme Ma-towu und nach einem Orgelpräludium des Prof. Storch unter Assistenz des Tempelchores den Trauerpsalm, hierauf sprach Oberrabbiner Doctor Güdemann das Menucho-Nechauno- und das Kadischgebet, unter deren tiefem Eindruck die schöne' tiefernste Feier beendet wurde. Wien. (T r a u e r a n d a ch t.) Anläßlich des Todestages der Kaiserin Elisabeth, fand am 10. d. M. im Tempel des IX. Bezirkes eine feierliche Trauerandacht statt. Das Gotteshaus erstrahlte im gedämpften Lichte aller Gasflammen. Das Allerheiligste war schwarz drapirt. Auf einem schwarz behangenen Ständer brannte ein umflortes Seelenlicht. Eine zahlreiche Schaar von Andächtigen füllte die geheiligten Räume. In den Logen erschien der Vorstand der Tempelgemeinde mit dem Obmannstellvertreter Herrn Dr. Sch nepp. Ein Trauerpsalm leitete die Feier ein. Herr Obercantor Kläger trug denselben mit wohllautender Stimme und innigem Gefühle vor. Hierauf bestieg Herr Rabbiner Dr. G e l b h a u s die Anhöhe vor der Bundeslade und feierte in herzbewegender und seelenerschütternder Weise das Gedächtniß der erhabenen verewigten Monarchin. Nachher verrichtete der Herr Rabbiner ein ergreifendes Gebet vor geöffnetem Tabernakel und schloß mit der Recitation des Kadisch für das Seelenheil der hochseligen Kaiserin. Wien. (Aus dem XIX. Bezirke.) In dem XIX. Wiener Bezirke wohnen nach beiläufiger Schätzung über 150 jüdische Familien. Wie für deren culturellen Bedürfnisse gesorgt ist, zeigt am besten der Umstand, daß ihnen nicht einmal ein geräumiges Betlocal zur Verfügung steht, wo sie an hohen Feiertagen ihre Andacht verrichten können. Der Mehrzahl der Heranwachsenden Jugend sind die Vorgänge und Bräuche des öffentlichen Gottesdienstes fast nur vom Hörensagen bekannt; denn das vorhandene Betlocal ist, abgesehen von der räumlichen Unzulänglichkeit in jeder Beziehung dem Zwecke, dem es dienen soll, ganz und gar ungeeignet und ein negatives Muster — wie ein Bethsaal nicht sein soll. Jugendgottesdienst wird hier nie abgehalten, da diese Localität sich nicht dazu eignet, und da der Weg in eine der nächsten Synagogen, das ist in Währing oder im IX. Bezirk