Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 37 Vr. Blach's Wvchc.»schrrfk. Sette 675 ständig überflüssig geworden." Auch der Verkauf durch Agenten und durch Austräger soll ein „Unfug" sein. Was aber soll ein Mensch überhaupt anfangen, der nun einmal in seiner Jugend kein Handwerk gelernt hat und durch den Befähigungsnachweis verhindert wird, in reiferen Jahren eines auszuüben? Wenn er nicht durch Hausieren oder irgend eine Colportage sich auf der Stelle etwas verdienen kann, so wird er ja direct zum Betteln oder zu noch Aergerem gezwungen. In allen Staaten, welche ernstlich darauf sehen, die verbrecherischen Classen der Gesellschaft zu vermindern, wird jede Art von Colportage oder Austraggeschäft als momentaner Nothbehelf für eine Menge sonst erwerbsloser Leute gefördert; nur bei uns soll dieses, infolge Verbotes der Zeitungs- Colportage ohnehin verkümmere gute Recht aller Armen, noch verkürzt werden. Und nun erst die alte Forderung nach Abschaffung der Consumvereine, welche mit rührender Einförmigkeit immer wiederkehrt. Sind das nicht geradezu Volksfeinde, welche das verlangen? Der arme Arbeiter soll nicht das Recht haben, seine sauer erworbenen Paar Kreuzer auf die wirthschaftlichste Weise anzuwenden? Der arme Beamte, der nicht die Mittel hat, sich bei den ersten Bezugsquellen zu versorgen, soll nicht mittelst eines Consumvereines wenigstens eine Garantie für tadellose Qualität seiner Einkäufe haben? Das kann doch nicht der Weg zur Entwicklung des Volkswohlstandes sein, daß man möglichst viel bescheidene, aber ehrliche Existenzen vernichtet und dem Minderbemittelten die Wege zur möglichst wirthschaftlichen Verwendung seiner Einnahmen abschneidet? Alles das ist natürlich insoferne verhältnißmäßig unschädlich, als es ganz unmöglich ist, dieses schöne Stück Mittelalter in die Wirklichkeit eines modernen Staates umzusetzen. Das Traurige aber ist, daß die armen Leute, welche zu derartigen unmöglichen, unsinnigen Anforderungen aufgestachelt werden, darüber vernachlässigen, ihre wirklichen Wunden durch wirkliche Gegenmittel zu heilen. M>n sollte einmal den Versuch machen, die bitteren Wahrheiten, ohne welche Niemandem wirklich geholfen werden kann, zum Nutzen des „Gewerbes" in eine Art von Spruchsammlung zu vereinigen. Ihr erster Satz müßte lauten: Hände weg von der Politik! Der englische Gewerbsmann nimmt sich oft die Woche über nicht einmal die Zeit, eine Zeitung zu lesen, und es existiren für seinen Gebrauch Wochenblätter, wie der „Dispatch" und Andere, welche im Wesentlichen einen Auszug aus den Geschehnissen der Woche enthalten, und am Sonntag gelesen werden. Dies hindert ihn nicht, mehr politisches Verständniß zu haben, als seine continentalen Standesgenossn, weil er cm Sonntag in aller Ruhe überlegt, während jene die Woche über in rauchigen Wirthshauslocaleu und dumpfem Bierdusel von ihren Politikern zum Besten gehalten werden. Der zweite Satz müßte lauten: Hände weg von Allem, was die Großindustrie besser und billiger liefern kann! Wer nichts anderes versteht, muß sich in den Dienst der Großindustrie stellen und wird dabei sein sicheres und ausreichendes Auskommen finden. Wer aber wirklich ein „Meister" seines Handwerkes ist, wird inimer eine Verwendung finden, in welcher ein geschickter Handbetrieb der Maschine überlegen ist; allerdings kann es sich da nicht um die gewöhnlichsten Massenartikel handeln. Der dritte Satz wäre: Arbeite womöglich mit Motor und nach Absolvirung einer Fachschule und spare gerade mittelst der verhaßten Consumvereine, ohne Dir darum etwas zu versagen. Der vierte Satz müßte lauten: Strebe im Verein mit Deinen tüchtigsten Berufsgenossen nach Credit, auf daß Du erst ein größerer Kleingewerbetreibender und dann ein kleinerer Großindustrieller werdest u. s. w. Nur wenn auf diesem Wege mit zäher, sagen wir es gerade heraus: mit jüdischer Willenskraft und Beharrliche keit fortgestrebt wird, kann der Kleingewerbetreibende vorwärts kommen. Da müßte aber der Einzelne nicht rechts noch links blicken, sich nicht um die Juden und nicht um Lueger kümmern, sondern Tag und Nacht an sich denken, und statt des christlichen Volkes, das keine andere Rettung braucht, vor Allem sich selbst retten. Wenn alle sich selbst retten, ist auch das christliche Volk gerettet. Langsam scheint denn auch den Gewerbetreibenden diese Lehre aufzudämmern, denn Ehrenvolksblatt jammert in seinem Sonntagsartikel, daß ihm der diesmalige Gewerbetag nicht antisemitisch genug ist. Freilich der Gewerbetag ist noch nicht zu Ende und an zudringlichen Rathgebern fehlt es nicht, aber das alte „Hepp, Hepp" scheint doch nicht mehr so recht zu ziehen. Hoffen wir es, denn das wäre der erste Schritt zur wirklichen Rettung des „christlichen Volkes". Noch keinem Menschen ist jemals zu helfen gewesen, solange er die Ursache seines Unglücks in der angeblichen Schuld Anderer und nicht in den eigenen Fehlern sucht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Der Sieg über ein Skelett. — Emile Zola und Ernst Schneider. — Kaiser Wilhelm als Inserent. — Der Schlüssel Dergani's. — Auf administrativem Wege.) Die corrupte und verworfene Soldateska von Frankreich, die seit den Tagen von Sedan keinen Feldzug mitgemacht, hat einen Sieg erfochten über ein wandelndes Skelett. Die rechtliche und ethische Bedeutung dieses Sieges habe ich an leitender Stelle dieses Blattes zu charakterisiren versucht. Mittlerweile sind interessante Einzelnheiten darüber bekannt geworden, wie das schändliche Urtheil zustande gekommen ist: Durch geheime Besuche der Generale und ihrer Damen bei den Officiren, durch die Mithilfe eines antisemitischen Advocaten, durch die Ueberredung eines der Officiere. die freisprechen wollten, indem sich seine Collegen mit ihm auf mildernde Umstände ausglichen. Das Berdict bildete den Gegenstand eines verächtlichen Schachers, bei welchem das von Cavalieren abgelegte Rechtsgefühl gegen Milderungsgründe eingetauscht wurde. * * Nach dem edlen Fürsten, der über Deutschland herrscht, hat ein Fürst im Reiche der Feder, Emile Zola, ergreifende Zeugenschaft abgelegt für die Unschuld des Heimgekehrten von der Teufelsinsel, Zeugenschaft nicht vor den Operettenrichtern zu Rennes, sondern vor der ganzen Welt. Zola sagt ausdrücklich, er habe vor seinem Processe erfahren, daß Esterhazy dem Oberst Schwartzkoppen die Documente geliefert hat, deren vollständige Sammlung sich im Kriegsministerium zu Berlin befindet. Das Kriegsministerium hat sich geweigert, das zu erforschen; es hat die Vernehmung Schwartzkoppen's abgelehnt. Demange sagte im Jahre 1894 zu Dreyfus: „Mein Kind, Ihre Berurtheilung ist die größte Infamie des Jahrhunderts." Von dem Urtheile des 9. September 1899 sagt Emile Zola, es werde kein fluchwürdigeres Denkmal menschlicher Infamie geben. Kein ausländischer Schriftsteller, so ungeheuer auch die Empörung ist, die das Urtheil in der ganzen Welt hervorruft, hätte eine solche Sprache zu führen gewagt. Emile Zola ist ein Franzose, der sein Vaterland und sein Volk liebt, und er erklärt sich bereit, die Wahrheit mit feinem Blute und mit seiner Freiheit zu bezahlen. * * * Deutlicher als Emile Zola hat aber, wenigstens für uns, ein Oesterreicher gezeigt, wie tief Die französische Militärjustiz gesunken i st. Dieser Oesterreicher ist der Mechaniker Ernst Schneider. Der rechtliche und sittliche Werth des Urtheils von Rennes kann durch nichts so infamirend gekennzeichnet werden, als durch den telegraphischen Glückwunsch, den dieser verworfene Mensch an die „Libre Parole" gerichtet hat. Ein Urtheil, welches von einem Ernst Schneider sympathisch begrüßt wird, kann nur durch falsche Aussagen und falsche Documente erwirkt worden sein. Der Glückwunsch des Mechanikers von Sechshaus ist die beleidigendste Herabwürdigung, die jemals einem Gerichtshöfe widerfahren ist, und es entspricht vollständig dem Geiste der gegen den unschuldig verurtheilten Officier geführten Campagne, wenn Schneider die Erwartung ausspricht, daß die Franzosen nunmehr an die Confiscation der Judengüter schreiten werden. Raubt man einem Menschen die Ehre, weil er ein Jude ift,