Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 37 (15.9.1899)
- Date
- 1899-09-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 674 Dr° Bloch's WochrnfchrM Nr. 37 Verfall dieses Landes unaufhaltsam fortschreiten werde, seine Cultur- und Creditunfähigkeit ans Tageslicht treten muß. Es ist nicht an uns, die Mittel anzuzeigen, welche geeignet sind, dem rumänischen Staat seine politischen Verpflichtungen in Erinnerung zu bringen. Der rumänische Staat hat seine politische Unabhängigkeit Europa zu verdanken, wirthschastlich hängt er, gerade jetzt, wo die landwirthschaftliche Krise den großen Gefahren und Schwierigkeiten ausgesetzt — noch ganz vom civilisirten Europa ab. Zn den Volksversammlungen, in welchen Cultusminister Tache Jonascu und Ministerpräsident Cantacusino Programmreden hielten, gestanden sie das Vorhandensein einer schwebenden Schuld von 150 Millionen Francs ein, in Wirklichkeit ist sie viel höher, die Emancipation der rumänischen Juden würde Rumänien ungeheuere wirthschaftliche und culturelle Fortschritte verbürgen. Und man soll nicht behaupten, daß die speciellen Verhältnisse im Balkan den Staatsantisemitismus bedingen, denn wir haben ein leuchtendes Beispiel für das Gegentheil in dem beroischen serbischen Volke, welches unter der Dynastie der Obrenovitse die höchsten Beweise einer freien Weltauffassung, einer im vollsten Sinne des Wortes liberalen Politik geliefert hat. Das politisch veranlagte, in den Traditionen seiner großen Vergangenheit lebende Volk, erhob sich am Schluffe des vorigen Jahrhunderts wie ein Mann, um das drückende Joch der Türken - Herrschaft abzuschütteln. Die erste Erhebung war von Georg dem Schwarzen (Karageorge) mit wechselndem Glück geleitet. Zum Schluß flüchtet aber — die Gründe sind unbekannt — Karageorze, nachdem er vorher seinen Vater selbst getödtet, damit er nicht ein Opfer der wilden Türken werde, wie Karageorge selbst die That zu rechtfertigen suchte. Rußland, welches zu jener Zeit seiner ganzen Machtentsaltung bedurfte, um sich der Invasion der Franzosen widersetzen zu können, rieth und befahl den Serben, sich den Türken zu unterwerfen, welche versprachen, milde und gerecht mit ihren Unterthanen vorzugehen. Aber das Versprechen wurde wie gewöhnlich nicht eingehalten, der Druck, welchen die Türken ausübten, wurde größer, ihre Herrschaft unerträglicher. Ein neuer Aufstand brach aus, und diesmal führte Milos Obrenovits seine Landsleute zum Sieg. Serbien wurde für immer der türkischen Tyrannei entrissen. Auf die Fehler, welche eine überweise Diplomatie bezüglich Serbiens begangen hat, wollen wir hier nicht eingehen. Wir beeilen uns vielmehr, die Lage der dortigen Juden als Prüfstein der allgemeinen Culturfähigkeit zu' erörtern. Unter der Willkür der Türkenherrschaft hatten die Juden eben so sehr zu leiden, wie die christlichen Einwohner Serbiens. Erst als Serbien zu einem nationalen Staate sich bildete, erhielten auch die Juden einige Erleichterungen, aber auch damals war ihr Aufenthalt nur auf die Festungen Belgrad und Schabatz beschränkt. Unter dem großen Freiheitskämpfer Milan I. wurden auch die Juden für gleichberechtigt erklärt, so, daß sie sich uneingeschränkt im Lande aufhalten durften. So hatte lange vor dem Pariser, respective Berliner Vertrag Milos Obrenovits die Initiative zu religiöser Toleranz und wirtschaftlicher Freiheit in seinem Lande ergriffen. Er war der einzige in dem Balkan, der sich nicht besann, das Wort des heiligen Sava zu bewahrheiten : „Gebe nur Brudertreve, . Welchen Glaubens er sei." Aber die Wohlthat, welche Milos den Juden erwies, blieb nicht unvergolten. Als der Serbenfürst 1842 abdanken und sein Reich verlassen mußte, gesellten sich ihm die serbischen Juden in großer Zahl, als ein Protest gegen die stiefmütterliche Regierung des Alexander Karageoghevic. Später erkannte König Milan den im Berliner Vertrage enthaltenen Wink und beeilte sich, die bis dahin t h a t s ä ch l i ch bestandene Gleichberechtigung der Juden auch gesetzlich zu bekräftigen. Unter seiner, wie unter seines Sohnes König Alexander I. Regierung erhielten Juden Aemter in allen Verwaltungszweigen, selb st im diplomatischen Dien st, ihre Seelsorger wurden vom Staate subventionirt, ihre Kinder genießen ausnahmslos die Wohlthat der Cultur, und außer vielen Reserveofficieren mosaischer Confession ist auf Veranlassung des obersten Armeechefs König Milan in der Militär-Akademie ein jüdischer Zögling, namens Barach, als Cadet ausgenommen worden. Der junge König Alexander hat zur Leitung des Staates den ausgesprochensten und entschiedensten Vertreter der von Milutin Garaschin eingeschlagenen antipanslavistischen Richtung, Herrn Dr. Wladan Giorgevits berufen. Giorgevits war es, welcher sich an die in der spanischen Synagoge versammelten Juden mit dem warmen, hochherzigen Ausspruche wendete: „Geliebte Brüder mosaischen Glaubens! Das Serbien der Obrenovitse war es, welchem das versammelte Europa in Berlin seine Anerkennung zollte und kein geringerer als Bismarck anerkannte die Correctheit, mit welcher dieses Land die Bestimmugen des Berliner Vertrages erfüllte." In einem Schreiben König Karol's an seinen Vater heißt es wörtlich: „Der Vorschlag, Serbien anzuerkennen, erging von Berlin an die anderen Mächte, und zwar mit dem Bemerken, daß ein Unterschied gemacht werden müsse zwischen dem einen Lande (Serbien), das seine Verpflichtungen erfüllt, und dem anderen (Rumänien), das sich ihnen zu entziehen sucht." Darin liegt auch der culturelle Unterschied zwischen Serbien und Rumänien. Der VIösterreichische Gewerbetag. Zum sechsten Male erneuerte sich das seltsame Schauspiel des österreichischen Gewerbetages, dieser Liechtenstein- Schneiderff'chen Schöpfung. Hunderte von Genossenschaften fanden sich zusammen, um auf dem Wege von Trinken und Trinksprüchen, Ansprachen und Resolutionen das „christliche Volk" zu retten. Fünfmal ist es schon „gerettet" worden, an seiner Noth hat sich freilich gar nichts geändert und es glaubt zum sechsten Male seinen Rettern. Geradezu ein Festzug der Gefoppten, dieser österreichische Gewerbetag! Schon im Namen steckt die Lüge, und schon die Begrüßungsreden bestärkten die Getäuschten in ihrem Jrrthum. Ist denn heutzutage das Kleingewerbe noch gleichbedeutend mit dem Gewerbe überhaupt? Welche Verdrehung der Thatsachen! In Oesterreich, wie in allen Staaten der Welt, ist der bei Weitem wichtigste und ausschlaggebendste Theil des Gewerbes die Großindustrie. Man lasse in Oesterreich jene chemische Industrie entstehen, für die wir genau dieselben Voraussetzungen haben wie Deutschland, das jährlich für rund 200 Millionen Gulden an Chemikalien exportirt, während unsere Ausfuhr sich um 10 Millionen bewegt. 200 Millionen Gulden Ausfuhr! Das bedeutet ein Heer von Beamten, von gut gezahlten Werkführern und Arbeitern; da bekommt dann eine ganze Armee von Schneidern, Schustern, Fleischern, Gastwirthen zu thun, eine Menge kleiner Leute können durch Vermiethung von Zimmern ihr Einkommen verbessern, kurz, wie eine wirthschaftliche Sonne läßt eine große Fabrik um sich her Leben und Bewegung entstehen. Und worin gipfelt die Weisheit aller dieser Gewerbetage, die man besser Handwerkertage nennen könnte? In der Verdammung der Maschinen und Erschwerung des Fabrikswesens, auf dem allein in unseren Tagen das Wohl auch des Kleingewerbes beruhen kann. Man lasse doch nur die Wünsche dieses sogenannten Gewerbetages Revue pafsiren und man wird sehen, daß sie nur zu oft darauf gerichtet sind, irgend Jemandem die Existenz zu untergraben, aber keineswegs darauf, sie anderen zu sichern. Der alte Wunsch, daß die Confectionäre nicht sollten Maß nehmen dürfen, verbindet sich mit dem neuen, .daß den,armen Kleidermacherinnen, welche in Privathüusern Kleider anfertigen, diese bescheidene Existenz, in welcher heute Tausende von fleißigen Mädchen Zuflucht vor der Schande finden, entzogen werde. Die Concessionen für die Lehrinstitute in Maßnehmen und Kleidernähen sollen an erschwerende Bedingungen geknüpft, die ausgellrnten Lehrmädchen aber erst zu einer 2jährigen „Lehrzeit" gezwungen werden, bevor sie sich als Gehilfinnen ihr Brod verdienen dürfen. Ein Handelskammerrath schämt sich nicht, entgegen den notorischen Thatsachen, eine Resolution zu beantragen, welche mit dem Satze beginnt: „Bei den heutigen, so außerordentlich entwickelten Verkehrsverhältnissen ist der Hausierhandel voll-