Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 36 Sette 667 Dr. Block/s Wochenschrift Der Du gerecht der Menschen Thaten wägst, Sieh dieses Blut, das hier vergossen ward. O sende himmlisch Licht ins Erdendunkel Daß von dem Auge schwere Blindheit weiche Daß Kampf und wilde Gier vergessen werden Und Menschenliebe jedes Herz erfülle. Der Tag wird kommen, wo die Rache winkt, Wo die Gewelt und zwiespältiges Recht Der Gleichheit weichen müssen und dem Frieden. Jetzt nehmt mich hin — (Er läßt sich willig abführen.) Ende. Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Neuntes Kapitel. Bürgermeister Golzinger's einziger Sohn war von seinem Vater schon frühzeitig für die Studien bestimmt worden. Er sollte, wie dieser, einst Jurist werden. Lorenz Golzinger hatte bis zu seinem dreizehnten Jahre die Hauptschule in 28. besucht. Er war der nichtsnutzigste Junge, den sich die regste Phantasie des schwerstgeplagten, erfahrensten Schulmeisters nur auszudenken vermocht hätte. Er vereinigte alle schlechten, auch scheinbar einander widersprechenden Eigenschaften. Im Lernen oft bis zur Unbegreiflichkeit begrifssstützig, besaß er in Bezug auf Erfinden der originellsten Gasseububenstreiche eine Virtuosität, welche die reichste Combinationsgabe voraussetzen ließ. Wenn er etwas lernen sollte, bewies er eine Ungeduld, welche selbst den sanftesten Lehrer zur Verzweiflung bringen konnte, aber wenn der boshafte Range einen schwächeren Knaben durchprügeln wollte, konnte er ihm mit heroischer Geduld oft stundenlang in einem Verstecke auflauern. Als Sohn des Bürgermeisters, dummstolz und hochmüthig, würdigte er oft die Grüße erwachsener Menschen keiner Erwiederung, dagegen verschmähte es der dreizehnjährige Bengel nicht, mit den kleinsten, barfüßigen, schmutzigen Jungen auf offener Straße Fuhrmann und Pferdchen, Polizeimann und Räuber, blinde Kuh, oder Soldaten zu spielen. Lorenz Golzinger hatte die Normalschule sieben Jahre lang besucht, aber da er unbegabt war und auch keinen Willen besaß, hatte er nur äußerst spärliche Kenntnisse gesammelt und auch das geringe Wissen, das in der Normalschnle unterrichtet wurde, nicht erlernt. Allein da bekanntlich Alles auf dieser irdischen Welt einmal doch ein Ende nehmen muß, so mußte schließlich doch darüber Rathes gepflogen werden, was mit Ehren-Lorenz endlich geschehen sollte. Der Schuldirector berief die Lehrer zu einer Conferenz und schlug vor, man möge Lorenz Golzinger endlich aus der Schule und — wie er mit rührender Offenherzigkeit aussprach, als Sohn des gefürchteten Bürgermeisters — mit einem glänzenden Zeugnisse entlassen. Daraus aber gab der Nestor der Schule, Lehrer Balanek, zu bedenken, ob hiedurch nicht eine eminente Gefahr für das Lehrerpersonal erwachse. Soweit nämlich menschliche Berechnungen reichten, müsse Lorenz Golzinger, wenn ihm der liebe Herrgott nicht ein unverdientes Wunder erweise, bei der Aufnahmsprüfuug an dem Gymnasium in Brünn, wohin des Bürgermeisters Einfluß nicht reiche, in gloriosester Weise durchfallen, und würde hiedurch der grimme Zorn des vielgewaltigen Stadttyrannen auf die Häupter der Lehrer herabbeschworen. Er — Redner Balanek — stellte es daher der reiflichen Erwägung des Herrn Schuldirectors und seiner Herrn Collegen anheim, ob es sich angesichts der bodenlosen Unwissenheit Ehren-Lorenz. nicht dringend empfehlen dürfte, seiner Gestrengen, dem Herrn Bürgermeister mit dem verschwenderischsten Aufwande diplomatischer Schulweisheit, nahe zu legen, seinen „aufgeweckten Sohn" (Lehrer Balanek mußte gestehen, daß in diesem Falle das Adjectivum „aufgeweckt" die alleräußerste Grenze eines gestatteten Euphemismus tangire) sowohl zu seiner eigenen Ausbildung, als auch zum leuchtenden Exempel für die andern Schüler, noch ein Jahr lang die Schule besuchen zu lassen. — Allein dieser Vorschlag rief allgemeine Entrüstung hervor. Der Schuldirector Brodniczek erklärte, daß nur ein Feind der Lehrer eine solche Proposition Vorbringen könne. „Der versalzene Höllenbraten", wie er Lorenz in gerechter Aufregung und poesievoller Umschreibung bezeichnete, sei nur zur Qual seiner Lehrer geschaffen und es sei nur als ein Wunder des grundgütigen Gottes zu betrachten, daß er — „der versalzene Höllenbraten" nämlich — nicht ihm und sämmtlichen Lehrkräften eine hochgradige Gallenverbreitung angeärgert habe, daß er — der Director — nichts weniger als die Absicht habe von dem „boshaften Karnickel" — wie er Lorenz Golzinger in reizender Abwechslung betitelte, noch länger „sekkiren" zu lassen, er vielmehr sich der süßen Hoffnung hingebe, die Gymnasialprofessoren in Brünn, welche den W.er Bürgermeister nicht zu fürchten hätten, würden Lorenz all das „gebrannte Herzleid," das er den W.er Lehrern zugefügt, heimzahleu. Lehrer Balanek trat, nachdem er über diesen „verzwickten Casus," wie er sich ausdrückte, längere Zeit nachgedacht, mit einem neuen Vorschläge auf, der sich im Gegensätze zu seinem ersten, des höchsten Beifalls und allgemeinster Zustimmung erfreute. Balanek hatte in seiner Jugend (bevor er aus demselben gejagt wurde) durch zwei, drei Jahre das Gymnasium besucht und liebte es durch halbgelehrte Brocken, seine vermeintlich höhere Bildung zu documentiren, und er sprach folgendermaßen: „Wir stehen da vor der Scylla, uns noch ein Jahr lang von dem Lumpen Lorenz zu Tode ärgern zu lassen, oder der Charybdis, es zu erleben, daß ein von uns als Prämiant entlassener Schüler bei der Aufnahmsprüfung am Gymnasium schmachvoll durchfällt, unseren und den Ruf unserer Schule schädigt und den Zorn des Bürgermeisters auf unser Haupt herabbeschwört. Ich glaube beit richtigen Ausweg gefunden zu haben. Es ist uns ja bekannt, daß unser Herr Pfarrer den Unterricht des gutgearteten, begabten Judeukuaben Michael Klein in den Gymnasialgegenständen übernommen hat. Man muß nun trachten, den Bürgermeister zu veranlassen, seinen Lorenz gleichfalls vom Pfarrer unterrichten zu lassen. Dieser kann dem Sradt-Chef kaum etwas verweigern, was er dem fremden Judenknaben freiwillig angeboten. — Das wäre nach meiner Ansicht das Beste, was wir uns wünschen könnten. Wir wären den bösen Quälgeist in der Schule los, und auch von der Verantwortlichkeit, für den schlechten Fortgang des Lumpen am Brünner Gymnasium befreit." „Vortrefflich!" rief der Director, „das ist ein prächtiger Gedanke, so wird's gehen. Ich glaube der Bürgermeister wird unfern Rath gütig annehmen und auch befolgen. Lorenz ist das einzige Kind seiner Eltern, die an ihm mit wahrer Affenliebe hängen. Er wird glücklich sein, den Burschen hier zu behalten und — der Herr Bürgermeister belieben ein klein wenig sehr stark der Verschwendung abgeneigt zu sein, nnd einen Knaben in Brünn das Gymnasium studiren zu lassen ist kein billiger Spaß," der Schuldirector rieb sich vergnügt die Hände, „und nachdem College Balanek den glücklichen Answeg erdacht, glaube ich auch, daß wir ihm auch die völlige Ausführung des Planes übertragen, und er die ganze Sach' mit seiner Gestrengen dem Herrn Bürgermeister zu gutem Ende führen soll." Bürgermeister Golzinger war ein gegen seinen Untergebenen hochgradig sackgrober Mensch, mit dem man nicht gern verkehrte, und so schien auch Lehrer Balanek von der ihm übertragenen Mission nicht sehr entzückt; er erklärte, daß er sich zwar der ihm gestellten Aufgabe nicht ganz entziehen wolle, aber er gab gleichzeitig zu bedenken, ob es nicht passenv wäre, daß der Herr Director seinen E nfluß auf dem Bürgermeister aufbiete, und so wurde beschlossen, daß Director Brodniczek und Lehrer Balanek gemeinschaftlich mit dem Bürgermeister sprechen und ihm die Vortheile auseinandersetzen sollten, die er ihm als Vater und Geizhals brächte, wenn er seinen Sohn in W. behalte. Der fein ersonnene Plan Balanek's gelang auch vollkommen. Der Bürgermeister reagirte äußerlich zwar nur auf den guten, zärtlichen Vater, der sich nur ungern von seinem einzigen Kinde trennen mochte, und versicherte auch, daß seiner Frau eine längere Abwesenheit von ihrem „Herzenspünkterl" sehr schwer fallen würde. Golzinger war den beiden Schulmännern für den guten Gedanken, den sie ihm einflößt, so verbunden, daß er sich bei ihnen bedankte und eine Freundlichkeit und Herablassung bewies, die an dem stolzen Erzgrobian und Riesenflegel zu gerechter Bewunderung hinriß. (Fortsetzung folgt.)