Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr» Mvr^s Wochenschrift. Seite 661 Motive, die in diesen ausgestaltet wurden, waren den Juden imputirte, rituale und sociale Verbrechen, wie Hostienraub, Ritualmord und Brunuenvergiftung. Auch auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, benutzte man die oft wiedergekehrte Thatsache: wegen eines einzigen angedichteten, also nicht erwiesenen Verbrechens, Hunderte, ja Tausende hinzumorden. Ein solches Stück voll frommer Mordsucht ist: „Der Religionseifer, oder die Ausrottung der Juden in Deggendorf anno 1337. Ein Trauerspiel in fünf Acten." Noch im Anfang dieses Jahrhunderts wurde dieses Stück in Bayern aufgeführt. Und im Jahre 1803 ließ es Aretin als Anhang zu seiner Geschichte der Juden in Bayern abdrucken. Der Inhalt desselben ist der: ein christliches Weib stahl zehn Hostien und brachte sie zu Juden. Als der Raub ruchbar wurde, stellte sich Hartmann von Deggenperg, mit dem Beistand von zwei benachbarten, von heiligem Eifer erfüllten Klöstern an die Spitze der Deggendorfer Bürgerschaft; sie überfielen auf eine gegebene Parole die wehrlose Juden und ermordeten sie sämmtlich. Zu den Theaterstücken der eifernden antagonistischen Richtung gehört auch: „Der wuchernde Jude am Pranger", das in Berlin 1804aufgesührt wurde. Der Verfasser scheint anonym geblieben zu sein; daß er aber sowohl ein Mann von Mitteln, als von verbohrtem Feuereifer war, besagt der von Carrington angeführte Umstand: er habe einen Preis von fünfzig Ducaten „für die beste nach seinen Grundsätzen ausgearbeitete" Abhandlung über die Reform der Juden ansgeschrieben." Unter Reform versteht er einen Modus, nach dem der Staat das Judenthnm aufheben soll. Alle die von Carrington angeführten 73 Dichterproducte müssen sich (mit Ausnahme selbstverständlich von Lessing's) das Los gefallen lassen, nur noch als Daten für Chronisten ihr verwittertes Dasein zu fristen, wogegen Shylock mit der Majestät des Ewig-menschlichen unangefochten von den Jahrhunderten, im Bollblutsleben dasteht. Shakespeare geht im „Kaufmann von Venedig" weder von einer politischen noch von einer religiösen Tendenz aus. Ihm kommt es hier, wie auch in seinen Königstragödien, nur darauf an, darzulegen, wie der Wooengang und die Stimmung der Zeitereignisse das Innere der Menschen, resp. des Helden, bearbeitet haben. Als unerreichbarer Kenner der Innenwelt, richtet er lediglich sein Augenmerk auf das Seciren der von bestimmten Motiven wachgerufenen Gefühlszustände. Shakespeare's Stellung in Bezug auf das Religionsproblem im „Kaufmann von Venedig" ist als absolut parteilos zu nehmen. Keinesfalls könnte man die Dichtung als Panegyrikus des Christenthums ansehen. Kann man etwa das Gebot der Nächstenliebe darin finden, daß der hohlköpfige Schlemmer Antonio, den ruhig seinen Geschäften nachgehenden Shylock „einen Bluthund" schilt und auf sein „jüdisch Feiertagkleid" spuckt? oder liegt vielleicht Nächstenliebe darin: daß der Doge seine Sclaven „wie feile Esel, Hund und Maulthier zu niedern Geschäften braucht?" oder liegt schließlich ein auf die edle Lehre Christi sich stützendes Rechtsverfahren darin, daß der venetianische Staat sich zuletzt durch die List eines vermummten Frauenzimmers Shylock's Vermögen annektirt? — Aber eben so wenig kann eine Dichtung als antisemitische Kundgebung gedeutet werden, in der es vom Juden heißt: „Ist er nicht genährt ynt derselben Nahrung, verletzt mit derselben Waffe? Denselben Krankheiten unterworfen, geheilt mit denselben Mitteln, gewärmt und gekühlt von demselben Winter und Sommer wie ein Christ?" Shylock ist überdies die einzige Krastgestalt des ganzen Stückes, er ist der einzige Mensch, der durch ein energisches und tiefpulsirendes Fühlen fesselt. Die übrigen Personen, der windignichtige und schlappe Antonio, wie seine schmausenden Freunde, sind eigentlich eine recht erbärmliche und banale Sippe. Und selbst die sophistisch kluge und vornehme Portia zeigt eine recht oberflächliche Gesinnung darin, daß sie für den anrüchigen, in seinem Gefühl wie in seinem Prunk verlogenen Bassanio gleich in Liebe entflammt — sowie ein weites Gewissen darin, daß sie durch Anwendung einer List, Shylock zum Verlust seines Vermögens und zum Religionswechsel verurtheilt. Wie der Geist des Judenthums durch die Geschichte mit den brennenden Wundmalen des angeblich gebildeten und des ungebildeten Pöbels bedeckt, von bittersatter Menschenverachtung geschwellt, einsam düster und poesielos abstract, so schreitet Shylock, der Ahnenvater des Märtyrers auf der Teufelsinsel, durch die Entwickelung des Dramas. Sein versöhnungsloser Ingrimm beweist nur,' wie tief in seinem Innern Antonio's schimpfliche Behandlung eingeäzt war. Und welches Zeugniß seiner Erbärmlichkeit gilt sich dieser Lebemann damit, daß er zu Shylock vor der Verpfändung sagt: „Ich möchte dich bald wieder nennen so (nämlich Hund), dich wieder anspeien und fortstoßen dich." Als er aber für den Verfallschein zu fürchten begann, da nannte er ihn hündisch wedelnd: „Guter Shylock!" Shylock's markiges Innere wird von zwei entgegengesetzten Gefühlen durchglüht und gerüttelt: von leidensmüder Empörung gegen seinen Peininger Antonio und von rührender Liebe zu seinem Kinde Jessika. In diesen beiden extremen Gefühlen vibriren die Stammestraditionen noch: der herbe Schmerz über die Leidensgeschichte seines Volkes ist in ihm erst recht geschürt worden durch die an ihm mit Antonio herangetretene persönliche Gelegenheitsursache. Und in der zärtlichen Liebe zu Jessika brechen sich deutlich die traditionellen Strahlen der jüdischen Familieneinigkeit. Allein an charakterloser Miserabilität halten sich diese beiden Objecte seiner entgegengesetzten Gefühle die Wage. Ja, der Gegenstand, an dem sich der ganze Liebeshord dieses Gehetzten und Verlassenen klammert, übertrifft sogar an positiver Nichtswürdigkeit den Gegenstand seines Hasses. Der naheliegende uitb gewichtige Erschwerungsgrund der Schuld seiner Tochter ist: daß in ihr das „eigene Fleisch und Blut rebellirt". Die stumpfsinnige und ungerathene Jessika besitzt nicht nur keine Spur eines kindlichen Gefühls, sondern auch keine eines objectiv menschlichen Mitgefühls für ihren unglücklichen Vater, dessen einsames Haus ihr eine „Hölle" ist. Wie verletzend roh und pietätlos zeigt sie sich darin, daß sie den Ring, den ihre todte Mutter einst dem Vater schenkte, für einen Affen hingab! Sie ist nicht allein eine niedrige Natur, die mit ihrem prosaischen Lorenzo — der ihre Lobpreisung bis zur Mahlzeit aufgespart haben will, damit er sie mit anderen Dingen verdaue" — wie eine Magd mit einem Soldaten, aus rein thierischem Jnstinct durchgeht, sondern sie betrügt sich noch wie eine recht verworfene Magd, die beit Herrn bestiehlt, von dem sie nur Gutes empfing. Vollends auf die Spitze getrieben erscheint ihre gemeine Magdnatur darin, daß sie zu Belmont über den bestohlenen und verlassenen Vater schimpfliche Nachrede hält. Und wie erträgt der unglückliche Vater die Flucht seiner herzlosen Tochter? Dem Mann, in dessen Brust das zweitausendjährige Martergeschick seines Volkes jammert, diesem Mann ist es, als fiel niemals ein Fluch auf sein Volk als bis jetzt. „Kein Unglück regt sich, als was mir auf den Nacken fällt; kein Seufzer, als die ich ausathme; keine Thräne, die ich nicht vergieße!" Alle unverdiente Bitterkeit, die das Schicksal so unrrmüdlich auf ihn häuft, droht ihn zu ersticken. Wenn er doch nur das Fleisch des Antonio hätte, um Fische damit zu ködern, das wäre noch ein Labsal für seine wirr durchwühlte und berstende Brust. Wenn es sonst nichts füttert, so fütterts^meine Rache." Die Shylock vorgeworfene Geldgier hat eigentlich gar keine tiefere Wurzel in seinem Innern geschlagen, das Geld war ihm vielmehr nur Stütze, nur Mittelzweck in seiner rechtlos preisgegebenen Stellung. Der Beweis, daß das Geld an sich ihm nicht als höchstes Gut galt, ist die Antwort auf Basfanio's Antrag, ihm die Schuld mit dem Doppelten der 3000 Ducaten zu tilgen: „Wär' — sagt er — jedes Goldstück der Sechstausend auch sechsfach getheilt und jeder Theil ein Goldstück, ich nehm' es nicht, ich wollte meinen Schein." Endlich, endlich naht sich einmal in seinem schwergedrückten Leben ein Augenblick, wo die Wage sich nach seiner Seite neigt, wo es ihm in die Hand gegeben sein wird, einmal auch die Bosheit zu üben, die er fort und fort schuldlos ertragen mußte — und als er nun schon rufen will: „Die Rache ist mein!" — da läßt ihn das Schicksal abermals seine ganze tückische Härte fühlen. Wohl wirkt es ja als Erlösung von fieberhaftem Grauen, daß ihm das geschliffene Messer entriffen wird und die entsetzliche Operation unterbleibt; allein, daß auf dunklen Schleichwegen, durch Verhüllung und Verbergung des wahren Thatbestands, ein hartes Verdammungsurtheil verhängt wird, ist — ein anticipirtes Vorbild des jetzigen französischen Kriegsgerichts, und ebenso wenig ehrenwerth als dieses. Carrington's interessante Schrift *) zeichnet sich durch fleißige Forschung, klare Darstellung und parteiloses objectives Urtheil aus. Vielleicht ist die letztere Eigenschaft ein Erbtheil seines freien Vaterlandes. *) Heidelberg, Carl Pfeffer 1897.