Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 660 Dr. Bloch's WochenMrrift. Nr. 36 fette Bezahlung winkt, weiß er seine Leser gehörig zu foppen. So bringt er seit langer Zeit die gut bezahlte Annonce: „Ich A n n a C s i l l a g m i t dem 185 C e n t i m e t e r langen H a a r". Er weiß es ganz gut, daß „Ich Anna Csillag" eine Jüdin, die bei ihm „Haare" läßt. Ergebenst B. Marcus. „Die Figur des Juden in der dramatischen Literatur des 18. Jahrhunderts." Von Dr. S u f a n n a R u b i n st e i n.*) Diesen Titel trägt die Dissertation eines jungen Amerikaners Namens Herbert Carrington, der letzten Sommer an der Universität in Heidelberg promovirt wurde. Er beziffert die Zahl der Stücke, die seiner Untersuchung zu Grunde lagen, auf 73, doch vermochte er sich nicht alle auf sein Schema bezüglichen zu verschaffen. Sie sondern sich in solche für und in solche gegen die Juden. Und daher gab es zwei dramatische Haupttypen: der Jude als edler, hochsinniger Dulder, und der Jude als Christenhaffer und Wucherer. Dazwischen gab es noch in den Possen den Juden als komische Figur. Diese wurde vorherrschend gepflegt von den Possendichtern Julius Voß und Seffa.**) Aus den zwei Haupttypev erheben sich über alle vergänglichen Schöpfungen und über alle Zeitläufe hinweg die Urbilder derselben: Shylock und Nathan der Weise. Wohl entstand Shylock um mehr als ein Jahrhundert vor dem Zeitraum, den Carrington bearbeitet (Shakespeare, geb. 1564, gest. 1616), allein Shakespeares Gestalten gehören durch die ewig menschliche Art, in der sie die Motive, von denen sie getrieben werden, austragen, allen Zeiten an. In einer erklecklichen Serie der judenfreundlichen Dichtungen wird die Liebe als Hauptmotor behandelt; so auch im Drama „Der neue Weiberfeind" von Stephanie (Wien 1773), und in der Tragödie „Dina, das Judenmädchen aus Franken" von Jakob Bischoff (Frankfurt und Fürth 1802). Mächtig erschütternd tritt dieses Motiv in I. Chr. Brandes Trauerspiel, „Rahel die schöne Jüdin", zu Tage (Hamburg 1790), das von der Liebe zwischen Alphons VII. von Castilien und einer schönen Jüdin handelt; derselbe historische Vorwurf, der Grillparzer's „Jüdin von Toledo" zu Grunde liegt. In allen Stücken mit erotischem Motiv ist es immer der christliche und vornehme Mann, der sich in das gedrückte, aber schöne und kluge Judenmädchen verliebt, mit Ausnahme des später zu erwähnenden „Juden" von Lessing, wo die Tochter des christlichen Gutsherrn in Liebe zum jüdischen Reisenden entbrennt. In diesen Dichtungen ist die Liebe trotz des jüdischen angeborenen oder aufgepreßten Realismus eine schwärmerisch innige Angelegenheit, bei der die Seele des Einen mit weihevollen Gluthen im Andern verzittert. Außer dem erotischen Motiv, kommt in den judenfreundlichen Stücken auch häufig das ethische der rettenden Werkthätigkeit des Juden vor. So in Lotich's „Wer war wohl mehr Jude" (Leipzig 1783) und in Hensler's „Judenmädchen von Prag" (Wien 1792); auch Kotzebue und Jffland benützten wiederholt dieses Motiv; ersterer im „Kind der Liebe", sowie im „Opsertod"; letzterer in „Dienstpflicht" rc. Im „Opfertod" sagt ein von einem Juden aus schwerer Bedrängniß Geretteter: „Dieser Jude hat das Fünkchen meines Glaubens an die Menscheit wieder angeblasen." Alle diese Dichtersterne, die übrigens ihre judenfreundliche Gesinnung doch meistens in dem Tone zum Ausdruck bringen, als ließen sie Gnade für Recht walten, erblassen vor der plauearischen Leuchtkraft Lessing's. Vor feinem objectiv vornehmen Standpunkt tritt die vergewaltigende Einschränkung der Menschenrechte am jüdischen Volk unentwegt klar als das hervor, was sie ist, nämlich als eine Schmach für die Vergewaltiger. Allerdings begann um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, wo Leffing kritisch und schöpferisch auftrat, das Wehen *) Aus dem „Magazin für Lit." 1898 Nr. 13. **) Der Scherz, den man mit der komischen Figur des Juden trieb, gleicht stark den Scherzen eines im Herbst in Würzburg verurtheilten Unterofficiers, der das Ueberschütten schlafender Untergebenen mit einem Kübel kalten Wassers, oder das Wundschlagen derselben mit dem Degenknops, als Scherz bezeichnete. eines freiem Geistes sich anzukündigen, und für dieses unbestimmt gährende Culturferment war er der Apostel, in dem es zur Entfaltung kam. Daß sein reines Billigkeitsgefühl das grausame Vorgehen gegen das jüdische Volk lebhaft empfand, noch ehe ein Sohn dieses Volkes seine Werthschätzung und Freundschaft gewann, das bezeugt sein Lustspiel „Die Juden" (1747). Professor Erich Schmidt äußert hierüber in seinem gediegenen Werk über Lessing (Berlin, Weidmann'sche Buchhandlung 1884): „Unsere Achtung für die Vorurteilslosigkeit des jungen Literaten steigt bei der Erwägung, daß diese Schutzrede nicht erst eine Frucht des Bundes mit Moses Mendelssohn, sondern mehrere Jahre früher entworfen worden ist." Lessing selbst sagt in der Vorrede dieses Lustspiels: „Es war das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung, in welcher ein Volk seufzen muß, daß ein Christ, sollte ich meinen, nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann." Der Held dieses dramatischen Gedichts, der jüdische Reisende, rettet einen Gutsherrn aus den Händen zweier Raubmörder, die als der Vogt und der Schulze des Dorfes entlarvt werden. Und dieser edle Jude, dessen Nationalität unbekannt bleibt, wird von einem der Gauner vor den Juden gewarnt, cs sei „ein diebisches, gottloses Gesindel, schlimmer als die Pest, das auf der Messe herumstehle, und von Gott verflucht und vom König ausgerottet werden müsse" rc. rc. Die schönste Blüthe des Zeitalters der Aufklärung, die edelste Frucht von Lessing's sonnenklarer Anschauungshöhe bleibt „Nathan", dieses durch dichterische Conception, wie durch ethischen Adel unvergängliche Kleinod der deutschen dramatischen Schöpfungskunst. Erich Schmidt sagt (ebd.): „Ein Jude, Shylock, vertritt in der Weltliteratur den rachedürstigen Haß, ein Jude die lauterste Nächstenliebe." Der empfindungsstarke Jude Shylock aber steht in der Arena des Weltgetriebes und ist die Zielscheibe freigegebener Schmähsucht und das Opfer hochmüthig roher Denkungsart. Nathan hingegen ist bereits dem Wogengang der Wirklichkeit entrückt, nichts Menschliches ficht ihn mehr an; in sabbatlicher Abendseier-Stimmung ziehen seine Tage dahin. Er hat die höllische Mordsucht fanatischer Unduldsamkeit bis zur trostlosesten Neige aus gekostet, aber an jenem Feuer von Gott, wo die Christen sein Weib und seine sieben hoffnungsvollen Söhne verbrannten — an diesem Feuer eines unermeßlichen Schmerzes, hat sich sein Inneres von allen menschlichen und allen selbstischen Schwachheiten geläutert. Sein gewaltiger Schmerz, bei dem er drei Tage und drei Nächte in Staub und Asche vor dem Herrn gelegen ist, hat ihm auch die gewaltige Bosheit der Menschen gezeigt, hat ihm gezeigt, daß schrecklicher als der losgelassene Leu der Mensch in seinem blinden Wahn ist. Und so ist auch das menschliche Individuum ein viel zu niedriges, viel zu erbärmliches Lebewesen, als daß er sich nicht von ihm losgelöst fühlen sollte. Unbewegt und verklärt im Innern, betrachtet er nunmehr die Dinge und Geschehnisse vom ewigen Standpunkt aus, vor dem alles Erstreben und Trachten, als eitel nichts, im Zeiten ström untergeht und erlischt. Nathan erwarb si ch seine Weisheit durch die Art, wie er seine Schicksale in sich verarbeitete, wie er abgetrennt vom Leben über dasselbe meditirte. Lessing wiederholt es an verschiedenen Stellen, und läßt es einmal sogar von der jugendlichen Recha vernehmen, daß man zwar Gelehrsamkeit durch Bücher. Weisheit aber nur durch das Leben erlangt. „Mein Vater liebt die kalte Buchgelehrsamkeit, die sich mit todten Zeichen ins Gehirn nur drückt, zu wenig", sagt Recha zu Sitah. In Nathan's didaktisch weiser Rede widertönt stets der Grundgedanke, daß Christ und Jude eher Mensch ist, als Jude und Christ. Seine lehrhafte Tendenz ist darauf gerichtet, die Menschen aus Verstocktheit und Fanatismus zu freier, humaner Verbrüderung hinanzuziehen. Und eine solche unbefangene Gesinnung hat er auch in der holdseligen Recha, die „Natur und Unschuld", dabei aber auch Vernunft und Reflection ist, entwickelt. Mit herzerhebender Klarheit weist sie die blindgläubige Daja zurecht: „Sein Gott! für den er kämpft! Wem eignet Gott? Was ist das für ein Gott, der einem Menschen eignet? Der für sich muß kämpfen lassen?" Nathan steht mithin auch über dem Stammesgeist. Er fühlt sich nicht als Jude, wie Shylock, aber gleichwohl hängt ihm der Schatten des Ahasverusvolkes an, und er kann in seinen verborgensten Tiefen das unendliche Weh über die unmenschlichen Blutthaten in Gott nicht los werden. „So ganz Stockjude sein zu wollen — geht schon nicht, und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder." Das Zeitalter der Aufklärung ermangelte auch nicht -- wie erwähnt — der judenfeindlichen Bühnendichtungen. Die