Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Blvch's Wochenschrift. Seite 659 als Lügner gilt; die innere Unwahrscheinlichkeit seiner Aussage ist an sich schon eine derartige, daß sie nur durch die bekanntgewordenen Mittheilungen über seinen eigenen Geisteszustand und über seine Abstammung von geisteskranken Eltern zu erklären ist. Einen Geisteskranken darf man sür seine Handlungen nicht verantwortlich machen, und der verkonlmene Abenteuerer, den Herr Beaurepaire und seine Complicen vor einen ernsten Gerichtshof als Kronzeugen hinstellten, ist ein bedauernswerther unglücklicher Mensch, behaftet mit moral insanity, mit Größenwahn und Verfolgungswahn. Sehr merkwürdig aber ist die Zulassung dieses Zeugen überhaupt, mit welcher der Herr Präsident des Kriegsgerichtes die Richter sowohl als die Vertheidiger überraschte. Es macht den Eindruck, als hätte man mit dieser Zeugenschaft einen Coup beabsichtigt, und dieses Vorkommniß, sowie manches andere in dem Proceß Dreyfns, zeigt uns wieder einmal den großen Segen der Öffentlichkeit des Gerichtsverfahrens. An demselben Tage, an welchem Herr Hudecek Edler von Czernucky in Rennes eine Aussage ablegte, die, wenn sie glaubwürdig erschienen wäre, einen schweren Verdacht auf Dreyfns geworfen hätte, konnten die Redactionen der Wiener Blätter sich hier an maßgebender Stelle über die Persönlichkeit dieses plötzlich nach Renncs gerathenen Mannes erkundigen, und am nächsten Tage schon waren diese äußerst wichtigen Daten, insbesondere die Ergebnisse der vom „Neuen Wiener Tagblatt" gepflogenen sehr genauen Erhebungen bereits in Rennes bekannt. Man stelle sich den Fall vor, daß alle diese Dinge sich in geheimer Verhandlung abspielen, vor Richtern, denen im Vorhinein die Verurtheilung des Angeklagten zweckmäßiger und sympatischer erscheint, als seine Freisprechung, ohne die Controle der ganzen Welt und ohne die telegraphische Berichterstattung, dann wird man auch begreifen können, wie Dreysus 1894 verurtheilt werden konnte, obgleich auch damals ein Schuldbeweis nicht vorhanden war. Man denke sich noch hinzu, daß es Richter waren, denen „sanfte Befehle" ertheilt worden waren, daß man ihnen falsche Actenstücke insgeheim ins Berathungszimmer nachschickte, daß Herr Mercier, der Kriegsminister, ihnen insgeheim sagen ließ, er sei von der Schuld des Angeklagten überzeugt, und daß es endlich Richter sind, die ihr Urtheil nicht zu begründen brauchen! In dem wunderbaren Briefe des Herrn Bruyrres war ja auch die interessante Mittheilung enthalten, einer seiner Collegen sei gemaßregelt worden, weil er ein Gesuch mit unterzeichnet hatte, es möge verurtheilten Soldaten die Gnade erwiesen werden, daß sie erfahren, warum sie verurtheilt worden sind. Herr Bruyeres fügte hinzu, daß auch er dieses Gesuch unterzeichnet habe, und ineinte, man hätte ihn gerade so wie jenen Collegen behandeln sollen. Das ist die Aeußerung eines überaus sta^k entwickelten Richtsgefühls, wie man überhaupt nach Allem, was sich im Proteste Dreyfus abspielte, an der Menschheit trotz des Uebermaßes an Schlechtigkeit, welche hier enthüllt wurde, nicht zuverzweifeln braucht. Dreyfus ist verurtheilt worden, und er hat nicht erfahren, warum. Aber nicht Alles, was die Würde des Menschen ausmacht, ist den Dogmen des Generalstabes gewichen; das Gewissen und die Gerechtigkeit haben laut ihre Stimme erhoben gegen Lug und Trug. * * * Wenden wir uns in der Betrachtung der Tagesgeschichte von Paris nach Wien, so bietet sich uns zwar kein so wichtiger, dafür aber um so angenehmerer Unterhaltungsstoff, wie z. B. Geselchtes mit Erdäpfelpurree. An dieser Stelle der Ansicht des Herrn Dr. Lueger, daß Geselchtes mit Erdäpfelpurree ein Früstück sei, bei welchem Einem das Herz aufgeht, ausdrücklich berzupflichten, scheint mir etwas gewagt zu sein. Ich vermuthe nämlich nicht ohne Grund, daß dieses Geselchte einige Mitglieder der Minorität, falls sie an dem von Dr. Lueger anläßlich der Eröffnung der Franzensbrücke gegebenen Frühstück theilgenommen hätten, in die Versuchung geführt hätte, zwischen der Pflicht des Gastes, sich das Gebotene schmecken zu lassen, und der Beobachtung der rituellen Speisegesetze eine überaus peinliche Wahl zu treffen. Sie hätten bei dem Ausspruche, daß Einem bei Gereichtem mit Ecdäpfelpurrse das Herz aufgeht, nicht einmal „Oho" rufen dürfen, weil es unschicklich wäre, die Opposition auch bei einem Festmahle nicht ruhen zu lassen. Glücklicher Weise ist ein auf das liberale Programm gewählter Gemeinderath, welcher diesem Frühstück anwohnte, nämlich ein gewisser Herr Künast, kein Jude, und so hatte denn Herr Dr. Lueger gleich einen lebendigen Zeugen für die Richtigkeit des von ihm ausgesprochenen culinarisch-psychologischen Gedankens. Obgleich, wie Herr Dr. Lueger sehr richtig bemerkte, nur noch die Knödel abgingen, ist doch diesem Herrn Künast bei dem Geselchten mit Erdäpfelpurröe das Herz aufgegangen und er schwang sich zu einem Toaste empor, in welchem er die Möglichkeit einer Verbrüderung zwischen der antisemitischen Majorität und der Minorität wenigstens hinsichtlich seiner eigenen Person demonstriren zu dürfen glaubte. Es müsse eine Opposition geben, meinte dieser Herr, der sich in oppositionellen Versammlungen gerne reden hörte, aber sie müsse objectiv sein. Das Aufgehen seines Herzens bei Geselchtem mit Erdäpfelpurree, wenn auch ohne Knödel, äußerte sich ferner in der Mittheilung, daß zwei oppositionelle Mitglieder des Gemeinderathes, unmittelbar nachdem der Bürgermeister sie von der Sitzung ausgeschlossen hatte, in das Rathsstüberl gekommen seien und sich dort mit Gemeinderäthen von der Majorität gemüthlich unterhalten haben. Sollte das eine Entschuldigung dafür sein, daß Herr Künast, obgleich als Liberaler gewählt, sich bei einem Festmahl an Herrn Dr. Lueger anbiedert und bei dieser Gelegenheit der Partei, zu der er selbst angeblich gehört, ein „Klampfl" anhängt? Diese Entschuldigung hätte sich Herr Künast ersparen können. Geselchtes mit Erdäpfelpurree ist oder soll wenigstens ein ausgezeichnetes Frückstück sein, wenn auch die Knödel abgehen, und die fortschrittliche Partei wird bestehen können, wenn ihr auch Herr Künast abgehen sollte. Es gibt vielleicht gemeinderäthliche Enthusiasten für Geselchtes mit Erdäpfelpurröe, die leichter auf Herrn Künast verzichten als auf die Knödel. :j- * * Bei diesem „fröhlichen Umtrunk und redereichlicher Exkneipe", wie sich wunderschön die „Deutsche Zeitung'' ansdrückt, ist auch dem Herrn Magistrats-Vicedirector P r e y e r das Herz auigegangen. Herr Preyer, den es allerdings nicht geniren mag, wenn langjährige tüchtige Magistrats beamte blos deshalb präterirt werden, weil sie Juden sind, feierte das starke Präsidium. Das Präsidium ist allerdings stark, insbesondere der erste Vicebürgermeister, nämlich Herr Josef Strobach. Herr Strobach gehört zu dem Stärksten, was jemals einer gesitteten Bevölkerung als Vorsitzender des Gemeinderathes geboten werden kann. Herr Preyer erklärte ferner, unter der jetzigen Herrschaft im Rathhause sei erst der Magistrat in den Vordergrund gerückt worden, oder nach der Version eines anderen Antisemitenblattes, es sei das unter der jetzigen Majorität geschehen. Ob es Sache eines Magistratsbeamten ist, sich auf die Seite der Majorität oder der Minorität zu stellen, sei dahingestellt; lassen wir es gelten, daß jedermann berechtigt ist, seine Meinung auszusprechen. Die Behauptung des Herrn Preyer ist aber unwahr. In einer der wichtigsten, ja was sagen wir, in der allerwichtigsten communalen Frage, in welcher die jetzige Majorität eine folgenschwere Entscheidung getroffen hatte, in der Gasfrage nämlich, hat die jetzige Communalverwaltung genau das Gegeutheil von dem gethan. was der Magistrat und das Stadtbauamt empfohlen haben. Auf dem Gebiete der Armenpflege und der Verwaltung der städtischen Humanitätsanstalten geschieht es ebenso. Bei der Besetzung der Stellen entscheidet die Parteistelluug und die Confession, ohne daß die Vorschläge des Magistrats irgendwie maßgebend wären. Wodurch also die jetzige Majorität sich um die Stellung des Magistrats verdient gemacht hat, mag vielleicht Herr Preyer wissen oder sein College Herr Magistratsrath Roßner, früher die bewährte rechte Hand des Bürgermeisters bei dem Hinauswerfen oppositioneller Gemeinderäthe und nunmehr Director des städtischen Gaswerkes, durch dessen Bau Herr Dr. Lueger die Stadt Wien um mindestens 40 Millionen geschädigt hat. Solche Summen lassen sich doch durch kleine Ersparungen nicht hereinbringen, und es wundert uns deshalb, daß die Herren bei dem Geselchten mit Erdäpfelpurree sich wirklich die Knödel haben abgehen lassen. Robert Wolf. Jüdische Inserate im „Deutschen Bolksblatt". Wir erhalten folgende Zuschrift: Berehrliche Redaction! Dieser Tage citirte der famose Herr V e r g a n i einen Juden deshalb zu Gericht, weil er eine Uebersiedlnngsanzeige dem „Deutschen Volksblatte" beilegte. Der Mann will eben immer seinen Gesinnungsgenossen demonstriren, daß seine Zeitung stets „judenrein" ist. Und so hält er es auch mit den Annoncen. Von Fleckeles, von Silberstein werden solche nicht genornmen, dort aber wo der Name arisch, magyarisch klingt und