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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 658 Dr. Bloch'-e WocheufchriK Nr. 36 ministerialbeschluß fest und wagte Keiner mehr, daran zu rütteln. Im Jahre 1895 kam die zweite Auflage. Diesmal unter dem Ministerium Hohenlohe-Köller, bot die Gewerbezählung den Vorwand. Es gab „zu viel" fremdbürtige Gewerbetreibende — natürlich Juden — in Preußen. Sie waren fleißige Leute, förderten Handel und Gewerbe, aber sie waren „zu viel", sie machten den Einheimischen Concurrenz, wurden dadurch „lästig", und das genügte, ihre Ausweisung als „lästige Ausländer" zu rechtfertigen. Herrn von Köller haben diese Ausweisungen so gut gefallen, daß er sie später als Oberpräsident von Schleswig-Holstein gegen die Dänen anwendete. Freiherr von der Recke fand chose jugee vor, wie man in Frankreich sagte, als man den gegen Dreyfus begangenen Justizmord zu sühnen sich weigerte. Doch muß anerkannt werden, daß er bei der Ausführung des einmal gefaßten Beschlufles sich menschlich zeigte, daß er, wo er konnte, Milde walten ließ und Härten oder Grausamkeiten thunlichst vermied. Es muß aber auch gesagt werden, daß er als Minister nicht so stark war, wie man gewöhnlich von einem Minister glaubt, daß seine Milde bei den Nachgeordneten Behörden vielfach auf hartnäckiges Widerstreben stieß und vereitelt wurde, daß seine nachsichtigen und menschenfreundlichen Bestimmungen eine Verkehrung in das Gegentheil erfuhren. Immerhin soll ihm unvergessen sein, daß er mitfühlenden Herzens war, daß er manche Thräne getrocknet hat, die man freilich nicht erst hätte fließen zu lassen brauchen. Ueber Herrn Dr. Bosie an dieser Stelle zu sprechen, haben wir im Laufe der Jahre wiederholt Anlaß gehabt. Vielleicht noch mehr als sein College vom Ministerium des Innern halte er bei seinen wohlwollenden und gerechten Absichten unter dem Widerstreben der Nachgeordneten Instanzen zu leiden. Vielfach auch sind seine guten Absichten verkannt und entstellt worden, nicht selten von Seiten derer, die ihm zuerst hätten Dank wissen sollen. Als ein gerechter Mann, war er ein Feind und Verächter des Antisemitismus, den er aus aufrichtiger Seele bekämpfte und in seinem Ressort nicht aufkommen ließ, so sehr die mittleren Instanzen drängten, und so ungeschickt sich die unteren Instanzen iu ihrem verstandlosen Bezirksvereinsradicalismus geberdeten. Dafür schulden wir ihm Dank, dankbares Erinnern werden wir ihm bewahren, mit herzinniger Antheilnahme ihn auf seinem ferneren Lebensweg begleiten. Gerechtigkeit wohnte in seinem Herzen — die Krone der Gerechtigkeit werde sein Theil. M. A. Klausner. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Lieutenant Bruyeres. — Die Verbrechen des Generalstäbler. — Hudecek's Enthüllungen» — Geselchtes mit Erdäpfelpnrrse). Eines der interessantesten Documente, welche bisher im Proceß Dreyfus veröffentlicht wurden, ist der Brief des Lieutenants B r u y e r es. Wenn der Direktor des Gefängnisses Cherche-midi, Major F o r z i n e t t i, ohne jede Rücksicht auf die möglichen Folgen seiner Aussage vor dem Kriegsgerichte sagte: „Ich erkläre, daß ich in meiner Seele uiib in meinem Gewissen die Gewißheit habe, daß Dreyfus unschuldig und nur das Opfer verbrecherischer Manöver ist", so sagt Lieutenant Bruyeres in dem Briefe, in welchem er die Gründe darlegte, warum er auf seine Charge verzichtet hat, wer diese verbrecherischen Manöver begangen hat. Welche infame Verdächtigung von antisemitischer Seite auch immer gegen die ehrenhaften Persönlichkeiten ausgesprochen werden mag, die es als ihre Gewiffenspflicht erklärten, den Fälschungen entgegenzutreten, so steht der Brief des Lieutenants Bruyeres aus einem ganz besonderen Grunde außerhalb dieser Verdächtigungen. Bruyeres hat nämlich seine Erklärungen nicht spontan abgegeben, sondern auf Verlangen seiner Vorgesetzten, und er konnte unmöglich wissen, daß die ihm abverlangte Begründung seines Rücktrittes jemals veröffentlicht werden oder im Processe Dreyfus zur Sprache kommen könnte, denn sie war nur für seine Vorgesetzten bestimmt. Daß es doch geschehen, ist den Fälschern vom Generalstab zu verdanken, die über den Inhalt des Briefes entstellte Mittheilungen machten, und nun wird in einem nicht für die Oeffentlichkeit und nicht zum gerichtlichen Gebrauch bestimmten Briefe gesagt, daß hochgestellte Officiere vor Gericht feierliche Erklärungen abgegeben haben, die nach der besonderen Kenntniß Bruyeres „bewußte, unter Eid ausgesagte W a h r h e i t s v e r l e tz u n g e n d a r st e l l t e n". Sie haben sich also nicht blos „unter Eid g e i r r t", sondern sie haben wissentlich vor Gericht gelogen. Damit allein wäre nach Ansicht Bruyeres' die Berufsehre Jener, welche sich dem Studium der Kriegskunst widmen, nicht befleckt, es wäre unsinnig, einer ganzen Gesellschaft die Schwächt eines ihrer Mitglieder ans Rechnung zu setzen, wenn nicht etwa die Gesellschaft sich durch Deckung der Schuldigen zu Mitschuldigen macht. Nun erklärt Bruyeres weiter, die Ereignisse hätten bewiesen, daß er sich getäuscht habe. Aus dem Munde von Kriegsministern habe er vernommen, daß man unter „Armee" einige Mitglieder des Generalstabes verstehen müsse, und daß jene Armee Sonderinteressen und Sonderrechte habe, welche jenen des Vaterlandes vorangehen sollen. Die Unfehlbarkeit der hohen Functivnäre dieser Kaste sei zu einem Dogma geworden, vor welchem Alles, was die m e n s ch l i ch e W ü r d e a u s m a ch l, n ä mlich das Gewissen und die Gerechtigkeit, verschwinden muß. Wir wiederholen: Lieutenant Bruyeres hat diesen Brief nicht freiwillig geschrieben und er konnte schon deshalb allein unmöglich ahnen, daß er durch denselben für die Unschuld des verurtheilten Dreyfus eintreten werde. Man kann den Muth dieses jungen Officiers nur bewundern, welcher in dem Augenblicke, wo er, einer sittlichen Empfindung folgend, unter Vorgesetzten nicht weiter dienen zu wollen erklärt, die das Gewissen und die Gerechtigkeit bedrohen, dem Minister und den Generalen sagt, daß sie, indem sie die Verbrechen meineidiger Zeugen deckten, sich zu Mitschuldigen derselben machten. Die Geschichte des Dreysusprocesses umfaßt jetzt schon eine ganze Literatur, die täglich wächst. Sie ist vollkommen überflüssig, wenn nur dieser Brief erhalten bleibt; er enthält die Philosophie der Geschichte des Processes Dreyfus. * * * Die französische Sprache ist überaus höflich und hat für die allerschärfsten Angriffe feine Wendungen. Brueyres sprach nicht von Lügen, sondern von Wahrheitsverletzungen. General Roget hat vor dem Cassationshofe nicht falsch geschworen und gelogen, sondern, wie der Zeuge P a i n l e v e sagte, sich unter Eid geirrt. General G o n s e hat in einem Protokoll über die Vernehmung dieses Zeugen nicht erdichtete und erlogene Angaben hineingeschrieben, sondern „Legenden gebildet". Aber nicht immer war es möglich, sich in solchen schonenden Umschreibungen zu bewegen, weil die nichtswürdigen Verdrehungen und Ausflüchte der Mercier, Gonse und Roget'die Zeugen empörten, so daß sie mit der größten Energie insbesondere die Angaben der Generäle als absolut falsch erklärten. Würde uns nicht immer die Erinnerung an die furchtbaren Qualen, die ein unschuldig Verurtheilter erduldenmußte vorschweben, so erschiene die Verhandlung in Rennes als eine Posse. Die Generalstäbler, die erst ein Dossier hervorziehen, dann ein geheimes Dossier, später noch ein geheimeres Dossier und endlich, nachdem die Vertheidiger und die Richter vom Cassationshofe seit Jahr und Tag verlangten, daß alle Acten vollständig vorgelezt werden sollen, fast am Schluffe des Processes von einem allergeheimsten Dossier sprechen, welches die Schuld des Dreyfus beweisen soll, wären komische Lustspielsiguren, wenn die Niedertracht komisch sein könnte, während sie den tiefsten Ekel hervorrnft. Auch der neueste Sensationszeuge, den die Generalstäbler aufgetrieben, der mit Wartegebühr beurlaubte österreichische Lieutenanut H u d e c e k, erweckt persönlich nicht Heiterkeit, sondern jenes Mitleid, welches ein Geisteskranker hervorruft. Er hält sich für den Abkömmling einer serbischen Dynastie, deren letzter männliche Sprosse im XVII. Jahrhundert gestorben ist. Ein österreichischer Sectionschef. soll ihm in Genf die Namen von vier französischen Officieren, darunter natürlich Dreyfus, genannt haben, die den fremden Mächten Spionendienste leisten? An dem einen Sectionschef, der ihn in die Geheimnisse des Spionagedienstes einweihte, hatte der Mann nicht genug. Auch ein österreichischer Generalstabsofficier ist gerade an ihn, den Lieutenant Hudecek gerathen, um ihm anzuvertrauen, daß Dreyfus ein Spion sei, und diese Mittheilungen seien ihm gemacht worden, damit er sich in Paris vor diesen Spionen hüte. Als ob der Sectionschef und der Generalstabsofficier, wenn schon das Merkwürdige sich ereignet, daß sie beide gerade Herrn von Hudecek sich aussuchen, um ihm Staatsgeheimnisse anzuvertrauen, hätten vermuthen oder besorgen können, daß auch in Paris die vier Spione gerade auf Herrn von Hudecek aufstoßen und ihm wer weiß welches Unheil zufügen könnten. Man braucht sich dabei gar nicht aufzuhalten, daß Hudecek noch als Officier mit politischen Verbindungen prahlte, daß er als Hochstapler und

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