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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 657 mich, daß gleich nach Auftreten der Pest ein hiesiges griechisch-französisches Blatt den Blödsinn niederschrieb, daß die größte Furcht vor der Pest, folglich auch die stärkste Empfänglichkeit für die Krankheit, die Juden hätten; dann kämen die Syrier, die Italiener, die Griechen, die Muselmanen, die Franzosen und die Engländer. Der böse Zufall — war es wirklich Zufall? — wollte aber, daß abgesehen von den Söhnen Albions, gerade die vermeintlich Starken und Angstlosen, so die Griechen und Araber, Italiener und Franzosen, leider am meisten von der sogenannten Pest heimgesucht wurden, während die zu Furchtsamen gestempelten Juden und semitischen Racenbrüder von der Krankheit verschont blieben. Schon um diese Thatsache zu constatiren, verlohnte es sich, hier von der Pest zu sprechen. Der eigentliche Anlaß zu diesem meinem Schreiben ist aber der Inhalt einer französischen Broschüre („Der französische Unterricht in Egypten"), die strenge Kritik übt über die Auslassungen des Lord Crom er in seinem Jahresberichte pro 1898 bezüglich der englischen und französischen Sprache in Egypten. Die Streitschrift hat insoferne für die jüdische Oeffenrlichkeit ein wahres Interesse, als sie sich über das israelitische Schulwesen in Egypten im Besonderen und über die Juden in Cairo und in Alexandrien im allgemeinen verbreitet. Die bezüglichen, sehr judenfreundlichen Stellen lauten in der Uebersetzung: „Gewisse private Elementarschulen fremder Nationalitäten verdienen vom Standpunkte des Unterrichtes in der französischen Sprache eine besondere Erwähnung. Schon seit langer Zeit steht das Französische an der Spitze ihres Programmes und bildet für sie ein Element des Fortschrittes und des Erfolges. Die israelitischen Schulen von Cairo sind vornehmlich in diesem Falle. Ich kann und will nicht mit Stillschweigen über die Hingabe einiger hoher israelitischer Persönlichkeiten für ihre Stammesbrüder in Cairo und in Alexandrien hinweggehen. Unter den zahlreichen Israeliten, die ohne Lärm, ohne Ostentation und ohne Stolz ihre Börsen in den Dienst von Lehranstalten stellen, sind die Mitglieder der Familien Cattani und de Menasce zu begrüßen; denn nur dank ihrer Freigebigkeit und Wohlthätigkeit erhält eine große Anzahl ihrer Glaubensgenossen eine unentgeltliche Ausbildung und Erziehung, und unter ihren Auspicien entwickeln sich und gedeihen die israelitischen Schulen. Die Israeliten haben, wie die Cophten in Egypten, wenn auch nicht das gleiche Schicksal, so doch wenigstens dasselbe Los gehabt, seitdem der Islam die Herrschaft im Nilthale antrat. Wie die Cophten haben sie denselben Haß geerntet, dieselben Mißhandlungen erfahren und gleiche Verfolgungen ertragen, nur vielleicht länger und grausamer. Alle diese Anfeindungen, alle diese Unterdrückungen waren nicht dazu angethan, die Bildung in der jüdischen Gemeinde zu entwickeln. Da hieß es, wahren Muth an den Tag legen, um sich dem Unterrichte hinzugeben. Man mußte sich dazu noch mit den größten Vorsichtsmaßregeln umgeben und die Schule zu einer wahren Veste nmwandeln, um die armen Kinder in Schutz zu nehmen vor den Beleidigungen und häufigen Thätlichkeiten von sich im Fieberwahne des Fanatismus befindenden Pöbelhaufen. Die wenigen, im Judenviertel von Cairo zerstreuten Lehranstalten waren jedoch niehr Unterkunftsasyle, Bewahrhäuser, wo die auf einer Strohmatte zusammengekauerten Kinder die Zeit mit Singen oder Weinen zubrachten, je nach ihrem Temperament. Gleichwohl schätzten sich die Eltern dieser Kinder glücklich, wenn diese letzteren frei und ohne beunruhigt zu werden, diese Vereinigungsstätten auf- und besuchen konnten. Die Zeiten Haben sich seitdem viel geändert, und dank der allgemeinen Erweiterung und Vertiefung der Ausbildung, dank den Ideen von wechselseitiger Toleranz und Fortschritt, dank hauptsächlich der Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit der Khediven, die in den letzten siebzig Jahren einander folgten, können sich nunmehr die Juden ohne Furcht der Bildung hingeben und somit an der allgemeinen Tafel der Freiheit theilnehmen. Im Jahre 1860 fiengen die israelitischen Schulen an, aus der Dunkelheit hervorzutauchen und sich friedlich des Odem der Freiheit zu erfreuen, der über das Nilthal wehte. Ein besonders glücklicher Umstand gestattete diesen Anstalten, entschieden den Weg des Erfolges zu betreten. Unter den Israeliten von Cairo befand sich ein Mann von unerschöpflicher Menschenliebe, dessen Hingebung für Werke des Wohllhuus sprichwörtlich war. Herr Samuel Robiuo, das war sein Name, unzufrieden mit den Fortschritten, welche die israelitischen Schulen machten, schenkte diesen Bildungsstätten eine Summe von 25.000 Francs. Und da zeigte sich die Kraft und Macht des guten Beispiels. Diesem menschenfreundlichen Acte folgten bald zahlreiche andere gleicher Natur. Seitdem haben die israelitischen Schulen Platz genommen unter den besten Elementar-Anstalten der Hauptstadt Egyptens. Dem Studium des Hebräischen wurde das Arabische und kurz darauf das Italienische hinzugefügt, in welch letzterer Sprache der allgemeine Unterricht ertheilt wurde. Wohl wegen der Unzulänglichkeit der erzielten Ergebnisse wurde das Italienische durch das Französische als Unterrichtssprache ersetzt. Denn es ist sicher, daß die französische Sprache dem Bedarf des Landes besser entspricht. Thatsächlich ist heute das Französische die Unterrichtssprache in allen israelitischen Schulen sowohl Cairos, als auch Alexandriens. Alle Schüler lernen da das Französische zugleich mit dem Arabischen und Hebräischen. Das Budget der israelitischen Schulen von Cairo und Alexandrien beläuft sich auf 80.000 Francs. Diese bedeutende Summe wird von den reichen Israeliten, sowie von allen jenen Leuten, die sich in einigermaßen vermögender Lage befinden, bestritten. Urheber und Erhalter der Prosperität der israelitischen Schulen sind und bleiben jedoch die Herren Moise Cattani in Cairo und Baron Jacques de Menasce in Alexandrien. Auch die Familien Cattani, Suarös, Menasce, Tilche, Rollo, Mousseri, Aphion, thun sich in dieser Hinsicht sehr hervor, und eine große Anzahl anderer Glaubensgenossen, deren Namhaftmachung viel zu laug wäre. Die israelitischen Schulen zählen zur Zeit 700 Schüler beider Geschlechier, die verschiedenen Nationalitäten angehören. Unter den Mädchen gibt es welche, die sich nicht zum Judenthum bekennen. Das philanthropische Werk der israelitischen Schulen ist. ich wiederhole es, das Werk einiger wohlthätiger Personen, die ich bewundere. Marie Cattani und Baron Jacques de Menasce verdienen alle Sympathien. Man kann es nicht oft genug wiederholen : Diejenigen, welche sich der Jugend hingebungsvoll widmen, haben ein Anrecht auf die allgemeine öffentliche Achtung und Verehrung." Und wer, glauben Sie, hat dieses geschrieben? wer diese liebevollen Worte über jüdische Anstalten gesprochen? Ein Franzose, was zur Zeit umsomehr angenehm überraschen und berühren muß. als alle Gallier mehr oder weniger antisemitisch angehaucht erscheinen. Was ein solcher Mann unter den obwaltenden Umständen sagt, besitzt gleichsam einen doppelten Werth, den es auch hierzulande gleich fand. Deshalb sprach auch ich davon, in dem Glauben freilich, das jüdische Interesse hiefür wachzurnfen. Der Minister-Wechsel in Preutzen. Berlin, 4. September. Das preußische Ministerium hat zwei Mitglieder verloren, zwei neue Mitglieder erhalten. Der Minister des Innern, Freiherr von der Recke von der Horst, der als Nachfolger des Herrn von Koller aus Düsseldorf nach Berlin gekommen war — im November werden es vier Jahre — geht als Oberpräsident von W.stphaleu nach Münster. Herr von Studt, deffen Platz er einnimmt, wird Cultusminister an Stelle des Herrn Dr. Bosse, der über sieben Jahre als Nachfolger des Grafen von Zedlitz- Trützschler, jetzigen Oberpräsidenten von Hessen - Cassel, an der Spitze der Uuterrichtsverwaltung gestanden. Herr von der Recke wird durch Freiherrn von Rheinberben, der vor vier Jahren sein Nachfolger in der Regierungspräsidentschaft von Düsseldorf gewesen, nun auch im Ministerium des Innern abgelöst. Die politischen Gründe, die den theilweisen Ministerwechsel herbeigeführt haben, gehen uns an dieser Stelle nichts an. Die Mittellandcanalvorlage ist keine jüdische Angelegenheit, ebenso wenig die Behandlung von Berwaltungsbcamten und Hilfsarbeitern, die als Abgeordnete sich im Gegensätze zu der Regierung gestellt haben, deren Mitglieder sie sind. Wir haben es nur mit der Verwaltungspraxis zu thun, die die genannten Minister in Betreff der Juden beobachtet haben. Herr von der Recke hatte in dieser Beziehung eine unerfreuliche Erbschaft angetreten. Im Jahre 1885 war unter denk Ministerium Bismarck-Puttkamer die erste Massenausweisung fremdbürtiger Juden erfolgt. Den Vorwand bot die angebliche Polonisirungs- oder Popolonisirungsgefahr der weiland polnischen östlichen Grenzprovinzen. Einzelne Mitglieder der damaligen Regierung mögen sogar den Vorwand für ernst genommen haben, und als sie eines besseren belehrt waren, da stand der Staats-

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