Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 6'6 Dr. Bloches Wochenschrift« Nr 36 ob sie irgend einen bedeutenden Ort finden werden, an dem sich nicht irgend eine Aen Christen heilige Stätte, irgend ein christliches religiöses Etablissement — Kirche, Kloster, Pilgerhaus oder drgl. — findet. Und für alle diese Orte werden die Christen, man könnte es ihnen kaum übelnehmen, jedenfalls nicht verweigern, — die Exterritorialität, die Unabhängigkeit von der jüdischen Regierung verlangen. Was dem Einen recht, ist dem Andern billig. Die gleichen Ausnahmen werden die Mohamedaner für ihre heiligen Orte verlangen und ihnen, als den jetzigen Herren des Landes, wird man sie um so weniger versagen können. Was bleibt dann noch für die Juden? Nicht einmal die Hauptstadt des „Zionsstaates", in der ja jetzt die christlichen und mohamedanischen religiösen Institute die jüdischen weit überwiegen. An dem den Christen heiligen Grabe halten jetzt zu Ostern türkische Soldaten Wache, um den Frieden zwischen den verschiedenen christlichen Consessivnen ausrecht zu erbalten. Werden diese sich etwa eine jüdische Wache gefallen laffen? Aber mehr noch als die religiösen Verhältnisse sind es die politischen, die Herrschnnd Eroberungsgelüste der europäischen Staaten, welche selbst die „rechtlich gesicherte Heimstätte" als einen schönen Traum erscheinen lassen, aus dem für die den Lockrufen der Zionisten folgenden Juden ein sehr trauriges Erwachen zu befürchten wäre. Die Lage Palästinas gewissermaßen au der Grenze zwischen Asien, Afrika und Europa, hat es von jeher zu einem Zankapfel zwischen den benachbarten großen Nationen gemacht. „Und gesetzt auch, es gelänge Dir, in den Besitz von David's Thron ohne jeden Widerspruch von Jude oder Samariter zu gelangen, wie könntest Du hoffen, ihn lange in Ruhe und Sicherheit zu besitzen, zwischen zwei so mächtigen Gegnern wie Römer und Parther", läßt Milton in seinem wiedergewonnenen Paradies, den vermeinten Prätendenten auf das irdische Königthum Judäas sagen. Der große englische Dichter zeigt sich hier als eben so großer weitblickender Politiker. Dem jüdischem Reiche bleibt nach ihm nur die Wahl zwischen Abhängigkeit von Parthern oder Römern. Und in der That, wenn wir die Geschichte des heiligen Landes von den ältestbekannten Zeiten an betrachten, so finden wir, daß es volle Selbstständigkeit und Unabhängigkeit nur unter den Königen David und Salomon, aber nicht unter allen ihren Nachfolgern, ja nicht einmal lange unter den Makkabäern genoffen hat. Egypter und Babylonier, Römer und Parther, Perser,' Syrer, Araber, byzantinische Griechen, christliche Kreuzfahrer, Mameluken und Türken haben einander in der Oberherrschaft über Palästina abgelöst, auf seinem Boden ihre Schlachten geschlagen; so noch Franzosen, Türken und Engländer am Ende des vorigen, Egypter und Türken um die Mitte unseres Jahrhunderts. Einmal — unl die Mitte des elften Jahrhunderts — haben sogar zwei mohamedanische Kalifen um dessen Besitz gekämpft, wobei Jerusalem wiederholt belagert und erobert wurde. Das Land ist eben nicht blos ein allen Monotheisten heiliges, sondern auch ein wegen seiuer Lage politisch und militärisch sehr wichtiges, dessen Besitz kein Staat dem andern gönnen will. Haben auch seit einem halben Jahrhundert die offenen blutigen Kämpfe um Palästina aufgehört, so werden die diplomatischen um so lebhafter geführt. Und zu den alten Rivalen sind nun auch neue, für die Juden vielleicht die gefährlichsten und feindlichsten hinzugekommen — die Russen. Einiges davon war schon aus dem „Jerusalem" des russenfreundlichen Pierre Loti zu entnehmen, *) noch deutlicher tritt diese Gefahr — vor der die Sendlinge der Zionisten ihre Augen verschlossen zu haben scheinen, — aus den Schilderungen de Gubernati's hervor. Ueberall sieht man neue russische Kirchen und Klöster entstehen. Hochragend, die Stadt Jerusalem beherrschend, erhebt sich auf dem Oelberg der Glockenthurm eines russischen Klosters. Die Zahlder russicheu Pilger nimmt immer mehr zu; es waren ihrer im vorigen Jahre schon 6000, darunter viele reiche Witwen. Diese bleiben im heiligen Lande, erwerben dort Grundstücke, am liebsten in der Nähe berühmter und stark besuchter christlicher Heiligthümer und mit der Bedingung, daß nach ihrem Tode der Grund und die von ihnen darauf erbauten Gebäude den russischen Klöstern oder Pilgerhäusern oder vielmehr der hinter diesen stehenden Regierung zufallen sollen *) S. diese Zeitschrift 7. Juni 1895. So dehnt sich der russische Besitz im heiligem Laude immer mehr aus, und wo der Russe einmal festen Fuß gefaßt hat, da läßt er sich nicht mehr vertreiben, und beginnt bald den Herrn zu spielen. Ein jüdisches Märchen erzählt, wie ein armer Mann, uni der Armuth (Dallas) zu entgehen, seine Heimat verließ, und seine wenigen Habseligkeiten auf einen Karren geladen, davonfuhr. Aber plötzlich hörte er ein lustiges Lachen, und sich umsehend erblickte er den „Dalles", der hinten aufgesessen war und sich freute mitzufahren. Ich fürchte, so ungefähr wird es den aus Rußland nach Palästina ausgewanderten Juden ergehen. Sie werden zu ihrer Ueberraschung entdecken, daß der russische Bedränger, die Schergen Pobedonoszeff's und die habgierigen Tschinovniks ihnen nachfolgten. Freilich, wenn es an die Theilung der Türkei gehen sollte wird man wohl das wichtige und heilige Land den Russen nicht so gutwillig überlassen; England und Frankreich, vielleicht auch Deutschland und Italien werden da auch ein Wort mitzureden haben. Und vielleicht werden sie ihre Worte durch den Mund von Kanonen sprechen lassen. Wie es da dem Zionsstaat oder der „öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte" ergehen wird, das sollten die Zionistenhäuptlinge doch wissen. Und wenn sie es nicht wissen und sich nicht die Mühe nehmen wollen, die Geschichte Palästinas seit der Zeit der Diadochen zu lesen, so mögen sie nur die Zeitungsberichte aus Samoa lesen. Das ist ja ein anerkanntes, selbstständiges Königreich, hatte schon seinem eigenen König, und erfreute (?) sich des Schutzes der drei christlichen Staaten England, Deutschland und Nordamerika; ja die Samoaner sind fast alle schon Christen. Wenn aber die hohen Protektoren uneinig sind, da thun sie einander nichts Böses an, nur die armen Samoaner werden niedergeschossen und ihre „rechtlich gesicherten Heimstätten" werden bombardirt. Ebenso werden die Tagalen auf den Philippinischen Inseln von den sie „befreienden" Amerikanern zusammengeschossen und ihre Häuser verbrannt. Unter dem jetzigen europäischen Staatensystem sind alle Kleinstaaten der Willkür der Großmächte unterworfen, und das wird auch durch die Friedensspielerei im Haag nicht besser werden. Christliche Kleinstaaten können noch auf die Unt rstützung und Protection der derselben Confession oder verwandten Nationalität angehörenden Großmächte hoffen. Wer wird sich aber des semitisch-mosaischen Staates annehmen? Wahrlich, die Leute, welche jetzt einen „Judenstaat" in Palästina gründen wollen, laden eine surchtbare Verantwortung auf sich, und es kann zu ihrer Entschuldigung nur^ gesagt werden: sie wissen nicht, was sie thun. Damit soll jedoch nicht von jeder Auswanderung, von jeder jüdischen Colonisation abgerathen werden. Es handelt sich nur darum, sie dahin zu leiten, wo sie auf friedliche, von dem Concurrenzkampf der europäischen Mächte ungestörte Zustände rechnen kann. M. L. Nus Alexandrien. Vielleicht intereffirt es die geehrten Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift", auch an dieser Stelle etwas von der Pest in Alexandrien, die hier noch alle Welt im Banne nicht der Angst, sondern des Unglaubens und des Unwillens hält, zu erfahren. Freilich, die Krankheit ist an und für sich durchaus nicht interessant und erweckt locale Neugierde auch nur in dem Sinne, ob denn nicht bald dem Pestschwindel, will heißen der Epidemie, ein Ende gemacht werde. Neun Zehntel der Bevölkerung Alexandriens glauben nicht an das Vorhandensein der Pest, der seit dreiundeinhalb Monaten weniger Menschen erlagen, als sonstige hiesige schwere endemische Krankheiten im selben Zeiträume Opfer erforderten. Von 83 Erkrankungen hatten bisher 39 einen tödtlichen Ausgang; es erfolgten 42 Genesungen, 2 sind aus dem Wege zur Gesundheit. Eine derartige wenig bösartige Krankheit ist nicht geeignet, Angst einzujagen. Nur Verbitterung hat die vermeintliche Pest allgemein hervorgerufen. Mit vollem Rechte. Man berechnet die geschäftlichen Einbußen auf nahezu 25,000.000 Gulden, wodurch viele Existenzen gänzlich zu Grunde gerichtet wurden. Und da haben unsere Glaubensgenossen, unter welchen nicht ein einziger Pestfall vorkam, am meisten von der Pest gelitten. Bezüglich dieser Immunität der Juden erinnere ich