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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-08 · 36 (8.9.1899) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
36 (8.9.1899)
Date
1899-09-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36 Dr° Wochenschrift, Seite 655 So wie Vergani Goethe zum Vorbild genommen, so hat Letzterer dem Mephistopheles die Fluchart der Börsegalopins zum Muster und Beispiel gegeben. Natürlich die „typischen Handelsleute", bei denen Goethe in Frankfurt das Judendeutsch studirte, liebten gewiß oft Mephistophelische Wendungen wie: „Krank soll er liegen." Aber wir müssen die weiteren Beweise hören. Der mit dem compromitirenden jüdischen Namen behaftete, mauschelnde, liberale, fluchende Teufel trägt auch die jüdischpolnische Tracht. „Da schleicht der Dämon herein, zwar in der Kleidung eines fahrenden Scholasten, aber müssen wir ihn uns von einem Kaftan umhüllt vorstellen, wenn wir seine ersten Worte vernehmen: „Was steht dem Herrn zu Diensten?" Wie richtig antwortet da Faust im Bergani'schen Geiste: „Bei Euch, Ihr Herren, kann man das Wesen Gewöhnlich aus dem Namen lesen." Die Verganiten könnten sich aber Mephistopheles kaum als echten Inden denken, wenn er nicht von Goethe als — Wucherer gebrandmarkt wäre. Auch dafür ist gesorgt. Wir hören im „Deutschen Volksblatt" den Jubelruf: „Richtig entpuppt sich der Teufel in seiner erbärmlichen Schwachheit als — Wucherer". Der „neue Shylock" begnügt sich nämlich nicht mit Manneswort und Handschlag, er verlangt, das Versmaß gestattet ihm nicht zu sagen: „Ae Wechselche" — wohl aber: „Um Leben und Sterbenswillen Bitt ich mir ein paar Zeilen aus!" Das „Deutsche Volksblatt" stürmt in seinem Siegesläufe immer weiter. Der mauschelnde jüdische Wucherer „entfaltet sich endlich gar als — Talmudrabbiner". Ja wohl: Als Talmudrabbiner — sagt ausdrücklich das „Deutschen Volksblatt" und beweist dies auch mit bewunderungswürdiger Schärfe, indem es das Programm des Talmudrabbiners Mephistopheles citirt: „Mit Worten läßt sich trefflich streiten Mit Worten ein System bereiten, An Worte läßt sich trefflich glauben Von einem Worte läßt sich kein Jota rauben." Bezweifelt Jemand, daß das nur ein Talmudrabbiner sagen konnte? Oder findet Jemand, der die Traditionen des „Deutschen Volksblatt" kennt, es nicht für selbstverständlich, daß der Jude Mephistopheles schließlich in seiner Eigenschaft als Kuppler und Mädchenhändler gewürdigt wird? Nein. Wohl aber vermißt man die doch so naheliegenden Beweise, daß Mephistopheles auch den „Ritualmord" cultivirte. Diese Lücke ist eine bedauerliche und stört das so harmonisch ausgeführte Bild des jüdischen Teufels und Talmudrabbiners. * * * Es erübrigt uns nach diesem liebevollen Eingehen auf das Feuilleton: „Goethe als Antisemitit" nur noch die Frage aufzuwerfen : Hat der Verfasser desselben, der sich hinter dem Namen „W. Schrieser" verbirgt, den Vergani für so — verblödet gehalten, daß er hoffte, ihm diese blutige Satire auf den Antisemitismus des „Deutschen Volksblatt" mit Erfolg anhängen zu können? Oder hielt Vergani seine Abonnenten für so verblödet, daß er glaubte, sie werden die Satire nicht merken???? Der Zionsstaat in der Weltpolitik. In einer Zeit und in einer Stadt, da Leute sich christlichsocial nennen, obwohl sie weder das eine, noch das andere sind, und deren Socialismus nur in der Associirung zur gemeinsamen Ausbeutung des Volkes, deren Chriftenthum nur in Haß und Schmähung Andersgläubiger besteht, in einer solchen Zeit gereicht es uns zu besonderer Genugthuung, die Worte eines wirklich frommen Christen über Juden und Judenthum zu vernehmen, Worte die ganz anders lauten, als das unfläthige Geschimpfe der wohlbesoldeten antisemitischen Volksvertreter oder Volksverdreher: „Wer einen Menschen anderer Race oder anderen Glaubens beleidigt oder verfolgt, der verdient nicht beu Namen eines Christen" sagt der gelehrte italienische Professor Graf A n g e l o d e G u b e r n a t i s in der Beschreibung feiner Reise im heiligen Lande.*) Gubernatis hat im vorigen Jahre Palästina als ft minner katholischer Pilger besucht, er hat meistens die Gastfreundschaft von Franziskanermönchen genossen und alle den Christen heilige Stätten mit Andacht besucht. Der größte Theil seines interessanten Buches ist christlichen Angelegenheiten gewidmet. Aber mit vorurtheilsfreiem, verständnißvollem Blick betrachtet er auch die Andersgläubigen, verkehrt freundlich mit ihnen, interessirt sich für ihre Geschichte und für ihre Lage in der Gegenwart. In Saphet findet er gastfreundliche Aufnahme beim Rabbiner F. Abbo, der zugleich französischer Consularagent ist. In der That führt er aber den Rabbinertitel nur honoris causa, und unser Reisender empfängt auch den Besuch des Berufsrabbiners von Saphet. Mit diesem unterhält er sich über die Lage der Juden im heiligen Lande und rühmt sich vor ihm, daß schon einer seiner Ahnen in: siebzehnten Jahrhundert, der Senatspräsident Graf Gerolamo de Gubernatis, sich der vom Bischof von Nizza verfolgten Juden angenommen habe. Toleranz und Menschenliebe sind also in der Familie erblich. Mit Entrüstung spricht Graf Angelo von den infamen griechischen Verleumdern — er scheint nicht zu wissen, daß solche Bubenstücke auch in Oesterreich Vorkommen — welche die Juden beschuldigen, daß sie Christenblut zu ihren Osterbroten benutzen, „während doch den Juden selbst das Blut von Thieren zu genießen verboten ist". Und was sollen unsere Raceantisemiken dazu sagen, wenn er innerhalb des Judenthums zwei Racen unterscheidet? Er wünscht für „das ganze Volk Israels, aus dem Jesus geboren, eine Erneuerung nicht des blinden beschränkten Glaubens, sondern jener großen Tugenden, die dieses kleine Volk so groß machten, die den in der ganzen Welt Zerstreuten und Verfolgten, die Kraft verliehen, allen Leiden und Bedrückungen, zu widerstehen und sich in ihrem Gott wiederzufinden, der ja unser aller Gott ist". Ader innerhalb dieser Gemeinsamkeit unterscheidet der italienische Gelehrte: Er spricht mit Achtung und Verehrung von den spanischen und italienischen Juden, „mit ihrem patriarchalischen Aussehen, voll Anstand und Würde, gravitätischem Gang, intelligentem lebhaftem Auge und gewählter Rede", und mit Bedauern und Mitleid von den armen aus Rußland und Polen Ausgewanderten, die „heruntergekommen, schmutzig und zerlumpt, mehr wie slavisch-kalmückische Bauern als wie Semiten aussehen". Er hebt den Fortschritt hervor, den die orientalischen Juden, Dank der Bemühungen und Unterstützungen, der Alliance israelite, des Baron Hirsch, der Rothschild, Montefiore und Cremieux gemacht haben und befürchtet, von einer zu starken Einwanderung russischer Juden eine Störung und Hemmung dieser günstigen Entwicklung, tadelt aber doch die türkische Regierung, daß sie im Widerspruch mit ihrer traditionellen relativ toleranten Behandlung der Juden, deren Einwanderung auf Antrieb einer christlichen Macht jetzt verboten habe. Welchen Staat Gubernatis meint, sagte er nicht, aber uns scheint, daß es eher das ungeschickte Auftreten der Zionisten war, welches dieses Verbot provocirte. Wir haben bereits erwähnt, wie tolerant und menschenfreundlich dieser fromme Katholik ist. Bei aller Anhänglichkeit an seine Religion, die er für die beste und allein wahre hält, macht er doch die grausame Verfolgung und Unterdrückung, welche die Juden von den Christen durch viele Jahrhunderte zu erleiden hatten, für die meisten ihrer Fehler verantwortlich und fordert seine Glaubensgenossen aus, doch endlich die Juden mit derselben Liebe wie andere Völker zu behandeln und durch diese liebe- und mitleidvolle Behandlung nicht nur zur sittlichen Hebung der Juden beizutragen, sondern damit auch zu beweisen, daß die christliche auch die beste aller Religionen sei. So gönnt er denn auch den Juden die Wiederherstellung des Reiches Davids und Salomons, aber, setzt er hinzu, „mit Ausnahme aller von der evangelischen Tradition geheiligten, nur den Christen allein vorbehaltenen Stätten". Wir machen die Zionisten auf diesen Vorbehalt eines der tolerantesten judenfreundlichsten Christen aufmerksam und möchten sie bitten, sich einmal im heiligen Lande umzusehen, *) In Terrasanta, Mailand. Fratelli Treves 1899.

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