Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 36 (8.9.1899)
- Date
- 1899-09-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 654 Dr. Bloches Oochenfchrrft- Kr. 36 daß die städtischen Behörden stets erfolgreich bemüht sein mögen, das Gemeinwohl der Bürgerschaft ohne Rücksicht auf politische u d confessionelle Gegensätze zu fördern. Auch in Deutschland werden die Juden noch vielfach als Bürger zweiter Classe behandelt, auch dort haben die Juden die bürgerliche Gleichberechtigung thatsächlich nicht erlangt, wenn auch die dortigen Zustände mit den unseren nicht verglichen werden können. In Deutschland beginnt man aber bereits sich des Antisemitismus zu schämen, der wenigstens in den öffentlichen Vertretungskörpern nur durch vereinzelte Exemplare vertreten ist, und solche Individuen, wie sie an der Spitze des Wiener Gemeiuderathes und des niederösterreichischen Landtages stehen, wären dort der Lächerlichkeit und der Verachtung preisgegeben. Das Interesse der ganzen civilisirten Welt und am lebhaftesten das aller Juden ist in diesen Tagen nach dem Orte gerichtet, in welchem das Kriegsgericht über das Schicksal des Capitäns Dreyfus entscheiden wird. Zur Stunde, wo die Leser dieses Blatt erhalten, ist der Manu, welcher nach der Aussage ehrenwerther Officiere das einzige Verbrechen begangen hat, daß er ein Jude ist, noch nicht frei und losgesprochen von aller Schuld, noch nicht los von aller Schmach und Schande, die man auf ihn gehäuft, weil er ein Jude ist, noch nicht theilhastig des Rechtes und der Gerechtigkeit, die man ihm weigern wollte, abermals weil er ein Jude ist. Wenn aber auch das erlösende Urtheil noch nicht gesprochen ist, so ist heute doch bereits die völlige Nichtschuld dieses schwergeprüften Mannes sonnenklar bewiesen. Gerade der jüdische Neujahrstag brachte die lichtvolle Aussage des Senators Trarieux, des ehemaligen Justizministers, und den Beschluß des Gerichtshofes, die auswärtigen Militärattaches darüber, ob Dreyfus sein Vaterland vcrrathen habe oder nicht, zu vernehmen. Senator Trarieux hat bereits mitgetheilt, daß sie die Unschuld des unglücklichen Kapitäns feierlich versichert haben, und so hoffen denn auch wir, daß die Stunde der Gerechtigkeit geschlagen hat Dieses Rosch Haschanahsest bedeutet, wir sind dieser frohen Hoffnung sicher, für den Gefangenen von der Teufelsinsel den Beginn eines neuen, der Erholung von unsäglichem Leid gewidmeten Daseins, dieser Jom Kipur wird für ihn wie für Alle, die mit dem Unschuldigen menschlich fühlten, ein wahrer Versöhnungstag sein. Und weil Dreyfus in seiner Ehre und in seinem Leben so furchtbar getroffen wurde durch den Judenhaß, und weil mau die Erforschung der Wahrheit verhindern wollte um des Judenhasses willen, deshalb ist das Schicksal dieses einzelnen Juden für uns Alle von so außerordentlicher, über die Theilnahme an dem einzelnen Opfer eines Justizirrthums hinausgehender Wichtigkeit. Wie Alfred Dreyfus in seinem schrecklichen Leiden, in den Martern, die man ihm auferlegte, in dem Schimpf und der Schmach, die ihm zugesügt wurde, Alles dies aus der ursprünglichen Veranlassung, daß er das Verbrechen beging, ein Jude zu sein, das personificirte Schicksal des jüdischen Volkes darstellt, so soll uns die Wiederherstellung seiner Ehre, die Wiedererlangung seiner Freiheit, seine Rückkehr zu Weib und Kind, ein Symbol dafür sein, daß wir Juden nicht verzagen und nicht verzweifeln sollen. Als Capitän Dreyfus, u schuldig verurtheilt, um einen Revolver bat, damit er sich erschießen könne, rief ihm der Gefängnißdirector Forzinetti, der von der Unschuld seines Gefangenen fest überzeugt war, die Pflicht ins Gedächtniß, sich für seine Ehre und für die Ehre seiner Familie zu erhalten. Nur ein Verräther, sagte er, mordet sich selbst. Halten wir es mit diesem edlen Mann, der muthig und stolz vor das Kriegsgericht hintrat, um seine Ueberzeugung von der Unschuld des verurtheilten Juden zu verkünden. Nur die Verräther am jüdischen Volke verzweifeln an dessen Widerstandsfähigkeit, an dessen Lebenskraft und an der besseren Einsicht der Menschen. Halten wir uns an jenen Ausspruch, welchen ein anderer Officier vor dem Kriegsgerichte in Rennes gethan. Er sei Antisemit, sagte er, aber ein anständiger Mensch und habe ein Gewissen, darum werde er einen Juden niemals fälschlich beschuldigen. Wir Juden müssen geduldig die Zeit abwarten, in welcher die anständigen Menschen, die Menschen, die ein Gewissen haben, die Majorität erlangen werden in der menschlichen Gesellschaft In diesem Augenblicke wird der Antisemitismus vom Erdboden verschwinden, und dann kann, wenn die Völker sich unter einander versöhnen, auch das Judenthum theilnehmen an dem Glücke und au der Wohlfahrt, die sich verbreiten würden, wenn das Gebet unseres Kaisers Erhörung fände, wenn die Völker den Weg der Liebe und der Eintracht betreten. Mit diesem Gebete unseres weisen und gütigen Monarchen, mit diesem Wunsche für alle Völker und für alle Juden auf der Erde treten wir ein in das neue Jahr. „Goethe als Antisemit". Seitdem das „Deutsche Volksblatt" besteht, hat es keine solche sensationellen Erfolge errungen, wie in diesen Tagen des Goethe-Jubiläums. Wenn man schon lange die gestohlenen Feuilletons vergessen haben wird, die Vergani unter seinem Namen erscheinen ließ, wird man von den zwei Goethe-Feuilletons erzählen, die sein Blatt der Goethe-Feier widmete. Literarische Gauner, die durch ihre Geistesarmut!) zum Stehlen gedrängt werden, gleich den Hungernden, die ein Stück Brod sich widerrechtlich aneignen, hat es schließlich auch schon vor Vergani gegeben, aber seine Goethe-Huldigungen stehen wohl einzig in der Literatur da. Um den Werth der ersten Verganih'chen Festschrift zu kennzeichnen, brauchen wir nicht viel Worte zu verlieren. Es genügt, wenn wir eine Stelle aus derselben citiren: „Goethe ist uns das große Vorbild, nach dem unser ganzes Leben und Denken zu gestalten wir unablässig bemüht sind." Wer wird darüber staunen, daß diese Versicherung Vergani's ein homerisches Lachen hervorrief, wie es in diesen ernsten Tagen nur selten gehört wird. Wer hätte es denkbar gehalten, daß der Mann, der die Obligation in sich fühlte, mittelst der Pauschalien „jüdischer" Institute einerseits und der Ausschrotung des „Ritualmordes" andererseits seinem Leben Inhalt und Werth zu verleihen, hierin just in Goethe sein „Vorbild" gefunden haben will? Aber wer annahm, daß diese Leistung nicht überboten werden könnte, war in einem Jrrthum befangen. Vergani veröffentlicht einige Tage später ein Feuilleton, welches durch seine grandiosen, bahnbrechenden Enthüllungen die erste Arbeit völlig in den Schatten stellt, welche sie an Bedeutung überragt, me etwa Goethe's „Faust", den „Böhm in Amerika". In diesem Feuilleton wird der Beweis erbracht, daß Goethe im „Mephistopheles" einen — Juden zeichnen wollte. Die Behauptung ist eine verblüffende, die Beweisführung aber ist von einer solch überwältigenden Komik, daß sie einen Hypochonder für alle Zeiten curiren könnte. Man höre die Beweise: „Die N a in e n s e n d lt n g allein könnte schon den Hinweis geben, daß er als Verwandter des Ahasver zu gelten hat." Aristoteles und Sophokles und die anderen großen Griechen, die hiemit für alle Zeit in nahe verwandtschaftliche Beziehungen zu den Pereles und Pineles gebracht werden, dürften für diese Entdeckung nur dankbar sein. Aber der Name allein beweist ja noch nichts. „Name ist Schall und Rauch" sagt ja, wie wir dem Herren Vergani im Vertrauen mittheilen wollen, derselbe Goethe, den er den Juden Mephistopheles schaffen ließ. Der zweite Beweis ist schon stärker. Mephistopheles mauschelt! „Seine ersten Worte sind eine Bitte an Seine Majestät, ihm das Mauscheln nicht zu verargen, „Verzeih', ich kann nicht hohe Worte machen. Und wenn mich auch der ganze Kreis verhöhnt Mein Pathos brächte dich gewiß zum Lachen." Der dritte Beweis: Mephistopheles ist nicht nur ein mauschelnder Jude, er leidet nicht blos an „judenliberalen Anfällen", er flucht auch ganz nach der Analogie eines kleinen, jüdischen Börsegalopins: „Staub soll er fressen!" Bywqüfig