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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Seite 651 Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. „Auch ich glaube, daß meine kleine Sara Dich lieb haben wird; und wenn Ihr einst durch das heilige Band der Ehe verbunden werden solltet, war' mir's recht, sehr recht und . . fügte er nach kurzer Pause wie unwillkürlich hinzu, „auch meine liebe Frau hat vor ihrem Sterben diesen Wunsch ausgesprochen, und wenn ich auch nicht mehr leben sollte, so . . Die eigenthümliche Unterredung wurde durch B'sucher, welche Brack zu condoliren kamen, unterbrochen. Brack hatte in verhältnißmäßig kurzer Zeit viele Heimsuchungen erlitten. Er hatte eine treue Gattin und einen einzigen Sohn verloren! Zwei Wesen, die nebst Vater und Mutter, die thenersten sind, die der Mensch auf Erden besitzt; aber wenn Eltern ihrem Kinde vorsterben, muß dieses sich selbst sagen: es liegt dies in-den von Gott gegebenen Naturgesetzen, es wäre auch für die Dahingeschiedenen ein größeres Unglück, wenn's anders wäre; aber eine jüngere geliebte Lebensgefährtin und ein geliebtes Kind zu verlieren, das schlägt tiefe, schwer zu heilende, zuweilen lebenslang unvernarbte Wunden. Allein der gütige Schöpfer hat die Menschennatur wundersam gebildet, und das Menschenherz wundersam gestählt, und hat auch dem rasch vorüberrauschenden Zeitstrome große Heilkraft verliehen. Brack hatte den herben Schmerz zu überwinden vermocht. Zn seinem Gottvertrauen trat noch Mehreres, das ihm diesen Kampf erleichterte. Seine klüne Sara gedieh prächtig, und entwickelte sich mit ungewöhnlicher Raschheit. In dem Alter von zwei Jahren, war sie geradezu ein Wunderkind, ihrer körperlichen Entwicklung und ihrer Klugheit nach hätte man sie für ein vierjähriges Mädchen halten können. Als dreijähriges Mädchen sprach sie schon geläufig und verständig und kannte schon alle deutschen und hebräischen Buchstaben. Auch Michael bereitete ihm viele Freude; bei seinem starken Auffassungsvermögen und seinem Fleiße hatte er bald so große Fortschritte gemacht, daß die Lehrer an der deutsch-israelitischen Hauptschule offen anssprachen, daß er schon so viel wisse als sie selbst und sie ihm nichts mehr zu lehren hätten, und der würdige Pfarrer Willibald erklärte sich sofort bereit, ihn jetzt in den Gymnasialgegenständen zu unterrichten. Brack hatte sich zu seiner eigenen Verwunderung in dem von seiner verstorbenen Frau angeregten Gedanken; Michael und Sara würden einst vereinigt werden, so innig eingelebt, daß er sich von diesem nicht mehr loszuringen vermocht hatte und es gereichte ihm zur größten Freude, daß die beiden Kinder mit einer in diesem Alter beispiellosen Neigung aneinanderhingen. Freilich, stieg oft inmitten seiner schönen Träume für die Zukunft eine starke, gerechtfertigte Besorgniß in ihm auf. Kaiser Josef hatte bei seinem Regierungsantritte in seinem weiten Reiche so viel des Verrotteten, des Faulen, des Schlechten, so viel das bekämpft, reformirt, verbessert werden mußte, und dabei so wenig Unterstützung und so großen Widerstand gefunden, daß er trotz seiner riesigen Energie, trotz der nie erlahmenden Spannkraft seines Geistes, doch in seinen Bestrebungen nur schrittweise vorzugehen vermochte. Seine legislatorische Thätigkeit hatte sich während der wenigen Jahre seiner Regierung, die bis jetzt verflossen waren, zumeist auf Maßnahmen, welche die allgemeine Wohlfahrt bezweckten, bezogen, aber in so kurzer Frist den Augiasstall in allen Enden und Ecken vollständig zu säubern, vermochte selbst ein so phänomenaler Geist, eine so riesige Arbeitskraft wie Kaiser Josef nicht. In Böhmen und Mähren bestanden noch immer die drückendsten Ausnahmsgesetze für die Juden, die Zahl der Familien war beschränkt, das Eingehen einer Ehe nur dem erstgeborenen Sohne eines Familianten gestattet und Michael Klein war — ein Heimatsloser! (Fortsetzung folgt.) Literatur. Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur von Dr. M. Levin. Dritte umgearbeitete Ausgabe. Berlin, NW. Verlag von Calvar y & Comp. 1900. Die jüdische Geschichte ist nicht eine Parallele der deutschen Geschichte, der französischen oder der russischen Geschichte u. s. w. Alle diese Speeialgeschichten gehen von dein Principe der Trennung und Spaltung der eine n Menschheit ans, verhorreseiren die Menschheitsidee. Sie stellen das bezügliche Volk als Jndividnum gegenüber anderen Volksreihen, als eine besondere Art dar, wie die Darstellung einer Art der Wesensreihe in der Naturgeschichte. Die jüdische Geschichte ist die Geschichte des Volkes, das zum Träger der Bibel bestimmt wurde, welche das Menschengeschlecht aus einer Duelle entspringen läßt und trotz aller seit der Schöpfung vorgekommenen Zersplitterungen und Verästelungen es zu eine m Ziele führen will, welches die Philosophen die Epoche der Vernunft, die Sociologen die der Liebe und Gerechtigkeit, und die Theologen die der Religiosität nennen. Das Jndeuthum, als Drgan dieses Ziel herbeizuführen, ist das auserwählte Volk der Religion und seine Geschichte Religionsgeschichte. Tie jüdische Geschichte ist daher ein integrircnder Gegenstand des jüdischen Religionsunterrichtes. Der Ghetto-Jude konnte dieses Unterrichtsgegenstandes entbehren, er brauchte sich seines Judenthumes nicht erst zu erinnern, lebte er doch nur im Judenthuine und hatte keinen anderen Horizont als das Judenthum; allein für den modernen Juden, der mitten im Leben der anderen Völker steht, kann es gar nicht genug Mittel geben, um ihn an sein Judenthum zu mahnen, um sich selbst wieder zu finden. Und eines der kräftigsten und nachhaltigsten dieser Mittel ist, ihn die Geschichte seines Volkes kennen zu lehren, die ihn im Strudel der Allgemeinheit an seine specielle Mission ermnern und bei jeder ihm zugefiigten Unbill ihn erheben wird. Zu einem solchen Lehrbuche der jüdischen Geschichte für unsere Jugend müssen alle Fortschritte in der pädagogischen Wissenschaft herangezogen werden und ist das Beste eben gut genug. Ein solches nnlstergiltiges Lehrbuch der jüdischen Geschichte ist das in Rede stehende. Cs entrollt in präciser und anschaulicher Sprache ein plastisches Bild von dem Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte wie des Geisteslebens. Die Träger und Fortbildner des Judenthums nach der biblischen Geschichte treten in charakteristischen Zügen klar hervor. Tie Makkabäerkämpfe werden nach den Büchern der Makkabäer, und der „jüdische Krieg" nach den Worten des Josephus erzählt. Den breitesten Raum nimmt die Leidensgeschichte im Mittelalter ein, weil sie vorzugsweise von der Glaubenstrcue des Juden zeugt und besonders geeignet ist, das religiöse Gefühl zu wecken. Cs werden ferner alle bedeutenden Männer der Cmaucipatiouskämpfe in kurzen Biographien vorgeführt und in objectivster Weise das Parteiwesen im heutigen Judenthnm geschildert, so daß das Buch als Lehrbuch für die Jugend ohne Unterschied der Parteischattirung benützt werden kann. Als Empfehlung dieilt ihuc am besten der Name des Verfassers, der als pädagogischer Schriftsteller sich des größten Rufes erfreut. Lehmann's jüdische Volksbücherei. Herausgegeben von Oscar Lehmann. Mainz. Band 1-4. enthaltend die Erzählungen: „Des Königs Eidam," „Graf oder Jude," „Rabbi Elchanan," „Die Verlassene," „Das Licht des Diaspora." Preis jedes Bandes 50 Pf. =-- 35 kr. ö. W. Die Seuche der Assimilation fängt bei den Töchtern an. Im Hause herrschen oft noch die alten Sitten, Vater und Mutter haben sich erst halb und halb assimilirt und Großmutter erzählt vielleicht noch von der alten guten Zeit des Ghetto-Lebens. Die Töchter fangen aber an, für Christen zu schwärmen, wert sie durch Romane verblendet, Christen als den Ausbund des Edelsinnes und der Ritterlichkeit halten, von dem Juden als Geldmenschen aber nur Herzensleere und Gemüthslosigkeit voraussetzen. Während in der glorreicheit Zeit unseres früheren Martyriums die Stammesliebe von unseren Frauen und Töchtern gepflegt wurde, sind es heute gerade unsere Frauen und Töchter, welche den Judenhaß inmitten des jüdischen Hauses heimlich nähren. Solche Verräther waren bislang dem Judenthume fremd. Wie Shakespeare mit der Figur des Shylok den Juden verkannte, so hat er mit dessen Tochter Jessika die Jüdin verkannt. Den entsetzlichen Frevel der schönen Jessika, die gemeinschaftliche Sache mit den Feinden ihres Stammes machte, hatte sich keine Jüdin von damals zu Schulden kommen lassen. Dieser Frevel ist erst eine Begleiterscheinung der modernen Bildung, eine Frucht der Lectnre unserer Mädchen. Aber die heutigen jüdischen Väter sind nicht so stark wie Shylok, sondern lassen sich von ihren Töchtern verleiten und entfernen sich mit ihnen von: Judenthnm. Wenn wir gegen die Seuche der Assimilation mit einigem Erfolg kämpfen wollen, müssen wir ihr daher bei unseren Frauen und Töchtern entgegcntreten. Ter Herd der Seuche ist ihre schöngeistige Literatur, woraus sie sich ihre Männerideale holen, natürlich sind es Christen, denn die Gesellschaft, in welche die Romane ihre Leserinnen einführen, und die ihnen so gleißnerisch erhaben scheint, ist immer eine christliche. Manchmal kommen drin zwar auch Juden vor, dann sind diese aber immer Harlekins oder Samiels der Erzählung, während der Christ immer der Heros oder Engel ist. Solche Romane haben die Vorurthcile, die Verachtung und den Haß gegen die Juden nicht nur in christlichen, sondern selbst in jüdischen Kreisen^gezüchtet. Dem Unheil können wir nur begegnen, wenn wir unsere Frauenwelt von dieser Romanlectüre befreien, indem wir ihr eine jüdische, schöngeistige Literatur schaffen. Wohl besitzen wir schon einige vortreffliche Romanschriftsteller und Novellisten, die die Lichtseiten des altjüdischen Lebens schildern, aber bei dem Heißhunger nach

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