Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 650 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 35 Vater: Herr, Dein fühlend' Herz zu meinem Elend ist Wie Balsam lindernd — Alles sollst Du hören — Wie wenn nach einer Wetterpause sich Des Sturmes Wuth mit neuer Kraft erbebt Und an der Erde Säulen mächtig rüttelt Als wollt' er sie in tausend Scherben schlagen — Ertönte ein Geheul nun vor dem Hause Und durch die Rufe, die vernehmlich klangen Nach Raub und Brand und Mord und nach Johanna — Das war der Name meines lieben Kindes — Erstarrten mir das Blut und das Gehirn. Ein wilder Knäuel wüst betrunk'ner Menschen Drang in die Stube — doch der liebe Gott Der legte gnädige Nacht auf meine Augen Und ließ das Aergste mich nicht mehr erschauen. Als die Besinnung mir dann wieder kam Da lag ich blutend aus des Zimmers Dielen Der graue Tag schien durch's zerbroch'ne Fenster Und zeigte mir den namenlosen Jammer. In einer Ecke saß mein armes Weib, Das Auge flehend zu dem Himmel schaute, Doch keine Thräne netzte ihre Wangen. Ich rief sie: „Sarah, Theure, hörst Du mich?" Da stammelte sie unsrer Kinder Namen „Johanna, Josef, meine lieben Kinder —'' „Johanna, Josef", rief ich selber nun, Wo seid Ihr, Euer Vater ruft Euch, kommt — Ich suchte jeden Winkel ab im Haus, Ich rief die theuren Namen — Flur und Wald Erschallten von des Jammerrufes Tönen — Doch nichts als meine eig'ne Stimme klang Mir aus der Ferne wieder an das Ohr — Im nächsten Dorfe lief ich zu dem Richter, Er hörte mich nicht an — ich lenkte heimwärts Den zagen Fuß, da an der Brücke drüben S'ist eine halbe Meile just von hier — Gewahrt' ich eine Menge Menschen und Es sagte mir in meiner Brust die Stimme „Da ist Dein Kind — (Fortsetzung folgt.) Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Es war eine längere Pause in dem sonderbaren Gespräche — sonderbar durch die Altersverschiedenheit und die eigenthümlichen Verhältnisse der Sprechenden — eingetreten. Endlich ergriff Michael wieder das Wort und sprach: „Vater, wie werden wir denn das kleine Mädchen nennen?" Daß Brack's Töchterchen noch keinen Namen besaß, war dadurch entstanden, daß das „Aufrufen" noch nicht stattgefunden hatte. Bei den Juden wird dem Knaben der Name bei dem Acte beigelegt, durch welchen er in den Bund Israels ausgenommen wird; dem Mädchen aber wird der Name an dem Sabbathe, an welchem die wiedergenesene Mutter zuerst dos Gotteshaus, die Synagoge, besucht, gegeben. Der Vater des Kindes wird zum Vorlesen der Thora „aufgerufen" und hierbei spricht der Vorbeter einen Segen für die Mutter und das Kind, und legt diesem nach der Angabe des Vaters einen Namen bei, und dieser Act wird deshalb das „Aufrufen" genannt. Michael's Frage hatte von Neuem das Gefühl bittern Schmerzes bei Brack geweckt. Das „Aufrufen", bei welchem er seinem Kinde den Namen beilegen sollte, mußte ein ungewöhnlich trauriges werden. Die Mutter des Kindes, auf deren Haupt man in der Regel den Gottes Segen herabfleht, war ja tobt! — Er beantwortete Michael's Frage erst nach längerer Zeit. „Es ist sonderbar, der Wunsch meiner Frau, oleho hascholom') kann jetzt erfüllt werden. Wir hatten unseren lieben Knaben, wie man dies stets bei Erstgeborenen zu thun pflegt, nach seiner Mutter Vater, nach meinem Schwiegervater, Michael genannt; meine liebe Frau wünschte nun, wenn uns ein Mädchen geboren würde, möge sie nach meiner Mutter genannt werden; das aber wäre nicht angegangen, wenn mein liebes Weib am Leben geblieben wäre, jene hieß, wie diese, Sara, und wir Juden haben die Gepflogenheit, ein Kind nicht nach lebenden Eltern oder Großeltern zu nennen, und es ist di s auch recht und löblich. Wenn beide Namen gleich lauten, kann ein verdienter Tadel, der dem Kinde ausgesprochen wird, irrthümlich auf die Eltern oder Großeltern bezogen werden und dem schuldigen Respecte Abbruch thun; — allein jetzt unter den traurig veränderten Verhältnissen, können wir unser kleines Mädchen Sara nennen." Wieder trat eine Pause in der Besprechung zwischen Brack und Michael ein. Jener aber dachte an Alles, der Schmerz um die verlorene Gattin durfte ihn nicht abhalten, die freiwillig übernommenen Pflichten gegen seinen Adoptivsohn zu erfüllen, und er sprach endlich: „Heute Nachmittag wirst Du wohl die Schule nicht besuchen wollen, Du würdest heute dem Unterrichte nicht die nothwendige Aufmerksamkeit zuwenden können, aber morgen mußt Du wieder in gewohnter Weise die Schule besuchen. „Aber wir haben ja Schiwe-) — da darf ich ja nicht das Haus verlassen!" „Mein liebes Kind," erwiderte Brack gerührt. „Meine Frau hat Dich geliebt als wenn Du ihr leiblich Kind gewesen wärst; aber Du warst es doch nicht .... unsere Weisen haben die Trauerwoche nur für die sieben nächsten Verwandten, welche Du aus der Bibel kennst, bestimmt. Du warst uns ein Freund, aber blutverwandt bist Du uns nicht. Ich bin nicht Dein leiblicher Vater, Sara nicht Deine leibliche Schwester. Wenn Ihr, Du und sie, erwachsen sein und einander lieb haben werdet, könnt ihr Euch sogar heiraten". Wieder hielt Brack einen Moment betroffen inne, er hatte in begreiflicher Gedankenzerstreuung .vergessen, daß er ja doch nur zu einenr Kinde spreche, dieses aber rief erröthend, freudig: „Ich Hab' Dir's schon gesagt, ich lieb unser kleine Sara schon jetzt so, daß ein Mensch einen andern gar nicht mehr lieb haben kann; und ich weiß mir gar nichts Schöneres zu wünschen, als daß Sara und ich einst Mann und Frau würden! .... Mann und Frau!" fuhr Michael fort. „Nicht wahr? Das heißt, daß zwei Menschen, die einander so vom Herzen lieb haben, sich vereinigen, um Alles was ihnen im Leben zustößt, sei's Leid oder Freud, zu theilen, keine Geheimnisse vor einander zu haben, einander zu unrerstützen, nie von einanderzugehen bis sie der Tod trennt.... Mann und Weib, das sind zwei Menschen, die ein Herz und eine Seele sein wollen, wie mein erster Vater und meine erste Mutter, wie mein zweiter Vater und meine zweite Mutter .... nicht wahr? . . . . Nun, ich habe Sara schon sehr lieb und ich glaube, wenn sie groß geworden sein wird, wird auch sie mich lieb haben, glaubst Du nicht auch?" frug Michael „und es wäre so wunderschön, wenn wir Mann und Frau würden und Du uns unter die Chuppe2 3) führen würdest . . . ." Das Kind versank einen Moment in tiefe Träumereien. „Schade, ewig schade, daß meine Eltern und meine zweite Mutter nicht das Glück erlebt haben!" Unter andern Umständen hätte die Werbung des siebenjährigen Knaben um das Wiegenkind, dem verständigen Brack ein Lächeln entlockt; aber in seiner gegenwärtigen Stimmung, und im Zusammenhalten mit der Hoffnung, die seine angebetete, verewigte Gattin auf ihrem Todtenbette ausgesprochen, machten die Worte des Kindes einen tiefen Eindruck auf ihn. Zu seiner eigenen Ueberraschung kam ihm ein Ausspruch des Talmuds in den Sinn: Rabbi Jochanan spricht: Von dem Tage an, wo der Gottestempel zerstört wurde, wurde die Gabe der Prophetie den Propheten entzogen und den Kindern und Thoren verliehen^) und er sprach vollkommen ernst. 2) Trauerwoche. 3) Den Trauhimmel. /) Babe Bathra fol. 32 b. — Wir wollen nicht eine sche inb ar widersinnige Talmudstelle anführen, ohne es zu versuchen, den richtigen Sinn zu finden. Der citirte Ausspruch, vielleicht ursprünglich aus jener Zeit stammend, in welcher das unglaublichste und folgenschwerste Ereigniß in der Geschichte des jüdischen Volkes eintrat, jener Zeit, in welcher der Gottestempel in Jerusalem zerstört wurde, mag wohl folgenden Sinn haben. Jetzt kann nicht mehr der Kluge, Verständige, der nach vernünftiger Voraussetzung Urtheilende und Combinirende, die Ereignisse der Zukunft ermessen und richtig erkennen; das vermögen jetzt nur noch Thoren und Kinder, deren Unverstand, scheinbar Unmögliches für möglich hält. ') Friede mit ihr!