Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021313--09135-3033550- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 648 Br« Bloch's Wochenschrift Nr« 36 Der Bukarester Rabbiner schrieb hierauf jeder Stadt eine Summe vor, die der dortige Rabbiner um jeden Preis eintreiben mußte. Auf diese Weise flößen 5 bis 6 Millionen Francs zusammen. Diese Nachrichten bestätigen angeblich auch Personen, die der rumänischen Regierung nahe stehen. Zu dieser Summe kamen dann noch die Sammlungen in Ungarn, Oesterreich und Deutschland dazu, mit welchen das Vermögen des Syndicates sich auf mehr als hundert Millionen belief. Zu dumm! Jaffa. Die hiesigen jüdischen Handwerker sind mit ihrer Lage nicht zufrieden und sie haben auch allen Grund dazu. Aus Mangel an Capital können sie nicht auf Borrath arbeiten und wenn sie Bestellungen erhalten, müssen sie, um das Rohmaterial kaufen zu können, den Wucherern in die Hände fallen und 40, 50% selbst 100°/0 Zinsen zahlen. Hier thäte ein Creditinstitut Noth, das Geld zu billigen Zinsen leihen könnte. Die Handwerker haben mehrere Versammlungen abgehalten, um sich genoffenschaftlich zu organisiren, allein es ist sehr fraglich, ob diese Versuche ohne Hilfe von außen gelingen können. London. Die Knabenbrigade wurde kürzlich in ihrem Lager von G.meral Warren inspicirt, der seiner außerordentlichen Befriedigung über die kriegerische Haltung der Knaben und ihre Exercitien und Manöver Ausdruck verlieh. Auch der Oberrabbiner Dr. Adler hat das Lager besucht und sich an den kleinen jüdischen Soldaten ergötzt. Er hielt ihnen dann eine kleine Anrede, in der er auseinandersetzte, wie nützlich diese Uebungen den Knaben sowohl in geistiger, wie in körperlicher Beziehung seien. — Im Ostend von London wächst die Genossenschaftsbewegung recht erheblich an. Zuerst bildeten sich Consumvereine, dann versuchten die Bäcker eine Bäckerei - Genossenschaft zu bilden, die aber rasch verkrachte. Einer Schneider-Productionsgesellschaft ergings nicht besser und ebenso mehreren ähnlichen Unternehmungen. Nun hat sich wieder eine Productiv-Genossenschaft gebildet, die aber möglichst viele Gewerbe zugleich umfassen soll. Es wird dies ein neues, sehr interessantes wirthschastliches Experiment werden, aber sein Gelingen erscheint ganz zweifelhaft. New - Jork. Die Thätigkeit der „United Hebrew Charities“ zu Gunsten der Einwanoerer hat in dem Bericht des Einwanderungsinspectors E. F. Mc. Sweceney officielle Anerkennung gefunden. Der Jnspector schildert die Arbeit des Vertreters der „United Hebi'ew Charities“ in dem Hafen, die große Mühe, die er mit den Einwanderern hat, wie oft er als Vermittler zwischen den Behörde» und den fremden Juden fungiren muß und schließt seinen Bericht mit den Worten: Ich halte die Thätigkeit der United Hebrew Charities für überaus werthvoll und nützlich sowohl für die Regierung, wie für die Einwanderer. Philadelphia. Die clericale Presse in Amerika, sowie einige Blätter der „gelben", das heißt der radical chauvinistischen Presse, fangen in der letzten Z-it an, die Lügen der antisemitischen Presse in Frankreich jetzt auch in den Vereinigten Staaten zu verbreiten. Die jüdischen Zeitungen geißeln mit Recht die Methode der „Philadelphia Preß" und „New Aork Journal", die ihre Informationen über französische Verhältnisse direct von Drumont und Rochefort beziehen. Indessen viel bedauerlicher ist es, daß ein Mann an Bedeutung und den Einfluß des Erzbischofs Jreland so weit gehen kann, zu behaupten, daß jüdisches Geld das Urtheil des Cassationshofes im Fall Dreyfus beeinflußt hat. Es ist dies übrigens nur ein Symptom der Stimmung, in der sich sogar in Amerika der Clericalismus befindet, und man könnte noch viele hinzufügen, denn die ganzen katholischen Wochenblätter in diesem Lande nehmen jetzt Partei gegen Dreyfus. Der allgemeinen Stimmung in Amerika gegenüber kommt freilich diese juden- und Dreyfußfeindliche Anschauung nicht auf. Wien. (Bar-Mizwah-Feier.) Man schreibt uns aus Baden: Am Samstag, 20. Elul, feierte Leopold Baron Popper, der älteste Sohn des Herrn Baron Alexander Popper Ritter v. Podraghi in unserem Tempel sein Bar-Mizwahfest. Die von unserem Herrn Rabbiner Wilhelm Reich an den Confirmanden gerichtete Ansprache machte durch ihren pointirten Inhalt auf alle Anwesende, insbesondere jedoch auf den Confirmanden und dessen Vater, den ergreifendsten Eindruck. Die Elogien vor der Thora, wie die „Haftorah" selbst, executirte der Confirmand mit großer Fertigkeit. Herr Baron Alexander Popper, wie der Confirmand bedachten bei diesem feierlichen Anlasse unsere Wohlthätigkeitsanstalten in der munificentesten Weise. Sie spendeten für den Tempel 250 fl., die Chewra-Kadischa 250 fl., der Talmud-Thora 600 fl., dem israelitischen Frauen-Wohlthätigkeitsvereine 600 fl., an die Armencasse 250 fl. und den Meworchim 250 fl. Zusammen fl. 2200. Von unserem Cultusvorsteher Herrn Anton Schneider beglückwünscht, äußerte Barori Popper (dessen Mündl I. Fränkl am Sabbath zuvor ebenfalls in unserem Tempel das Bar-Mizwahfest feierte), daß beide stattgehabte Weiheacte, sowie das Ensemble in unserem Tempel auf ihn den angenehmsten und erfreulichsten Eindruck gemacht haben. Wien. (Verlobung). Frl. Etty F r i e d m a n n, Tochter des Herrn Lector Friedmann, hat sich mit Herrn Gustav B o r i s e w i tz, Juwelier in Wien verlobt. Wien. (Verlobung.) Fräul. Karoline Schneider, die Schwester der Präsidentin Frau Dr. Grünfeld und Leiterin des Ferienheim in Rossitz bei Brünn, hat sich mit Herrn EManuel Deutsch aus Wien verlobt. Wien. (Trauung). Dienstag den 29. d. M. 7,1 Uhr Nachmittags fand im Tempel l., Seitenstettengasse Nr. 4 die Trauung von Fräulein B e r t h a S ch a l li n g e r, Tochter des frommen und bedeutenden Talmndisten Dr. L. Schallinger, Districtsarzt in Kunowitz, mit Herrn Aron Schnürmacher Religionslehrer der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, statt. Wien. (F e r i e n h e i m.) Mitte August l. I. fand der Serienwechsel in den Colonien dieses Vereines statt. Am 10. August l. I. trafen 56 Knaben aus der Colonie Petran und am 14. August 86 Knaben aus Schloß Rossitz nach mehrwöchentlichem Aufenthalte wohlgemnth blühenden Aussehens und bei bedeutenden Gewichtzunahmen in Wien an. Am 14. respective 15. August expedirte der Verein neuerlich zwei Serien von zusammen 150 Kindern in die Colonien Rossitz und Petran, wo dieselben bis Mitte September, d. i. bis zum Schulbeginn, Erholung finden. Wien. (Eine jüdische Lehrerin). Die Journale melden, daß die Hietzinger Lehrerin Johanna Stein am Mangart abgestürzt ist. Die Dame verdient, daß man ihrer wärmstens gedenke. Sie war früher Lehrerin im X. Bezirk und hat sich hier der armen hungernden Schulkinder mit einer Liebe angenommen, die ihresgleichen sucht. Sie ging von Haus zu Haus, um Beiträge für die Beköstigung zu sammeln, sie schrieb Aufrufe und Berichte in den Zeitungen, hielt Reden, in denen sie mit ergreifenden Worten die wahre Noth schilderte, und bewirkte thatsächlich, daß in Favoriten eine ungemein große Anzahl von Kindern beköstigt wurde. Sie that noch mehr, sie suchte auch auf die sittliche Erziehung der Kinder Einfluß zu nehmen und nahm sich der Kinder mit einer Hingebung an, welche die besten Resultate zu Tage förderte. Dank erntete sie nicht. Sie wurde nach Hietzing versetzt und begann dort von neuem ihre pädagogische Thätigkeit, allerdings sehr verschüchtert, aber dennoch voll guten Willens! Ehre ihrem Andenken! Wien. Der 11jährige Wunder- und Wander-Maggid Abraham Jsak Goldberg aus Brest (Lithauen), welcher in Wilna, Riga, Lemberg und Brody bereits 23 Deraschoth hielt, hat auch hier im Vereine „Liwiath Chen" und in der „Chafsidim- Klause" am Werd unter großem Beifalle sich hören lassen. Der seinem Alter entsprechend kleine Knabe zeigt frische, sympathische Züge, doch erscheint er ziemlich frühreif und seine scharfblickenden Augen vecrathen einen klugen Kopf — der noch etwas Tüchtiges in seinem Fache leisten wird, wenn er von wohlwollenden Glaubensgenossen in die rechte Bahn gelenkt wird. Phänomenal ist die Kraft des Gedächtnisses, vermöge dessen er sich in Bibel, Talmud und Midraschim recht gut bewandert zeigt und auch in der logischen Conception bewährt sich philosophische Anlage und war besonders staunenswerth die Physische und psychische Ausdauer, die er in dem fast l'/2 Stunden währenden Vortrage bekundete, theils recitirend, theilweise in singender Weise, wie es in Rußland üblich ist, wohl im reinen Jargon, doch bei einiger Aufmerksamkeit nicht schwer verständlich. Rühmenswerth ist die an den Tag gelegte Pietät für die Eltern — der Vater ist in seiner Begleitung — und die hingebungsvolle Liebe zu seinem Volke, dem er Einigkeit und Brüderlichkeit nicht müde wird zu predigen.