Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 645 Das heurige Jahr jedoch brachte — wohl ohne Absicht mit dem Verfasser zu polemisiren — die objectivste und gründlichste Abfertigung seiner böswilligen, verläumderischen Lügen. Die israelitische ungarische Literaturgesellschaft gab nämlich Heuer außer ihrem regelmäßig erscheinenden Jahrbuche aus Anlaß der Jubiläums festlichkeiten auch das vom Szombathelyer Rabbiner Dr. Böla Bernstein auf Grund reichhaltiger, archivaler uud literarischer Quellen geschriebene Werk: „Der ungarische Freiheitskampf 1848—1849 und die Juden"*) heraus. Das stattliche, 344 Seiten enthaltende Buch, welches das bedeutendste Moment in der Geschichte der ungarischen Juden behandelt, ist ungeachtet seiner zahllosen Hinweisungen auf die fast unerschöpflichen Datenquellen kein trockenes chronikartiges Werk, sondern eine für das gebildete Publikum höchst anziehende Lectüre. Das Vorwort dazu, aus der Feder des weltberühmten Romanciers und Dichters Maurus I 6 kai, der die Richtigkeit des mit außerordentlichem Fleiß und Umsicht seit Jahren zusammengktragenen Materials mit folgenden Worten bestätigt: „Ich, der ich die rühm- und trauervollen Ereignisse dieser lehrreichen Vergangenheit in unmittelbarer Nähe der leitenden Kreise durchlebt habe, kann nur davon Zeugniß ablegen, daß die hier zusammengetragenen Daten alle echt sind. Die Geschichtsliteratur ist dafür der sammelnden und ordnenden Hand Dank schuldig." Das Werk beginnt mit einer einleitenden Skizze der politischen Lage der Juden vor 1848 und schildert dann deren Bestrebungen um Erlaß der Toleranzsteuer und um die bürgerliche Gleichstellung seit den Landtagssitzungen 1839—1840. Die ungarländischen Juden nahmen schon damals, obwohl sie noch außerhalb der Berfafsungsrechte standen, an der um diese Zeit beginnenden nationalen Renaissance aufrichtigen und lebhaften Antheil. Das Jahr 1848 traf sie schon in starker nationaler Bewegung und beim Ausbruche des Freiheitskampfes strömten Tausende von ihnen, Jung und Alt, schaareuweise zur Nationalgarde, zur Honvedarmee und zum Landstürme, obwohl der 15. März, der allen Bewohnern des Landes Freiheit und Gleichheit bringen sollte, den Juden nur Verfolgungen und Leiden brachte. Abgesehen davon, daß bald nach Proclamirung der freiheitlichen Verfassung in deutschen und slavischen Gegenden (Preßburg, Steinamanger, Waag-Neustadtl, Szered u. s. w.) Judenplünderungen und Ausweisungen vorkamen, wurden in vielen, selbst ungarischen Städten die Juden, die sich zur Nationalgarde meldeten, brüsk abgewiesen. Andere Städte wieder, wie Raab, Arad, Szegedin u. s. w. nahmen sie mit offenen Armen auf. Erst als die Gefahr immer größer wurde, und die Herren Spießbürger von der Nationalgarde merkten, daß es mit dem Militärparade-Spiel bald ein Ende hat, wurden sie überall ausgenommen und die beleidigten und gedemüthigten Juden folgten, anstatt beleidigt zur Seite zu treten, dem ersten an sie ergangenen Rufe in solch' großer Anzahl, daß in Papa unter den 318 Nationalgardisten 89 Juden waren. In Großwardein war's einigen christlichen Helden gar so bang, daß sie in der am 9. Juni 1848 abgehaltenen Stadtverordneten-Sitzung den Antrag stellten, man möge zu allererst die Juden gegen den Feind schicken. Der Antrag wurde aber, Dank der Nüchternheit der Majorität der Stadtabgeordneten, nicht angenommen, und die Juden zogen mit der gesammten Großwardeiner Nationalgarde in's Lager. Welchen Antheil die Juden an der Freiwilligenarmee, an der Landwehr und dem Landsturm hatten, behandelt in interessanter Weise das vierte Capitel, welches die hervorragendsten jüdischen Theilneh.ner namentlich anführt und schließlich 8 jüdische Majore, 30 Hauptleute, über 100 Lieutenants, nahezu 50 Militärärzte — darunter drei Stabsärzte — und einige hundert Unterofficiere erwähnt. Im Ganzen dürften nach beiläufiger Schätzung der hervorragendsten Heerführer, wie Görgei und K l a p k a, ungefähr 20.000 Juden für's Vaterland gekämpft haben. Dies stimmt auch mit der im Juni 1849 im „Pesti Hirlap" von dem damaligen Feldpater und nachmaligen Staatssecretär Eduard Horn veröffentlichten Angabe überein, laut welcher der sechste Theil der Honvedarmee aus jüdischen Kämpfern - bestand. In diesem Capitel lesen wir auch die ergreifenden Schilderungen jüdischer Heldenthaten vor dem Feinde, durch welche manche den Ehrentod auf dem Schlachtfelde starben, manche wieder von ihren Vorgesetzten der höchsten Auszeichnung theil- *) Az 1848 —49-iki magyar szabadsägharcz es a zsidök. Irta Dr Bernstein B61a, szombathelyi rabbi, Jökai Mör elöszaväval. Budapest, 1898. hastig wurden. Daß dies noch heute von vorurtheilslosen christlichen Zeit- und Kampfgenossen anerkannt wird, beweist der vor wenigen Jahren an den ehemaligen Houved Hauptmann Ignaz Bleuer gerichtete Brief des Honvedvereins-Zeccetärs Sigmund Mi kür, worin sich der bemerkenswerthe Passus befindet: „Es ist Thatsache, unleugbare Thatsache, daß unter den Juden, welche in unserer Honvedarmee waren — im Berhältniß zu ihrer Anzahl — sich viel mehr hervorrage ndeJndividuen befand en, als proportionell un ter de nen, die aus anderen V o l k s r a s s e n stammten. Das fünfte Capitel zählt die beträchtlichen materiellen Opfer an Geld, Edelmetall, Wäsche und Lebensmitteln auf, die die Juden auf dem Altar der Vaterlandsliebe darbrachten. Das sechste Capitel schildert die damals aufgetauchte religiöse Reformbewegung der Juden, auf deren Cultus die sociale und politische Bewegung keinen geringen Einfluß übte. Zum Schluß führt der Verfasser die Leidensstationen vor, die die patriotischen jüdischen Gemeinden als Strafe ihrer Vaterlandsliebe durchgehen mußten. Von Windischgrätz, Haynau und anderen Generälen, wurden ihnen fabelhafte Brandschatzungen an Militärmontucen, Verpflegsactikeln und Baargeldern auferlegt. Die unerschwingliche Contributiou von 2,300.000 fl. die ihnen nach Beendigung des Feldzuges auserlegt wurde, hat bekanntlich die Gnade unseres gütigen Herrschers auf 1,000.000 fl. herabgemindert und als jüdischen Religions- und Studienfond festgesetzt. So wurde durch eine hochherzige Entschließung Sr. Majestät Balsam auf die Wunden der verfolgten und gehetzten Juden geträufelt. Von dem absoluten literarischen und geschichtlichen Werth, den das besprochene Werk hat, zeugen die vielen günstigen Recensionen in der Tages- und periodisch erscheinenden Literatur. Eine besonders schmeichelhafte- Besprechung fand es im Juliheft der „Budapesti Szemle", dem Organ der Wissenschaftlichen Akademie und vornehmsten Monatsschrift. _ Wie wir erfahren, soll das Werk auch in deutscher Sprache erscheinen. Das Verdienst des Verfassers als Apologet jüdischen Patriotismus und Muthes wäre dadurch ein doppeltes. Es könnten daraus unsere deutschlesenden Glaubensgenossen und objectivr Christen mit Genugthunng ersehen, daß auch die ungarischen Juden stets bereit waren, ihr Gut und Blut für's Vaterland zu opfern. Für Szedlak und Bielohlawek, für Schneider und Vergani und sonstige verstockte Herzen und verblendete Augen, ist das Buch ohnehin nicht geschrieben worden. Budapest, Anfangs August. Ben Eliezer. Correspondenzen. Wien. (G o t t e s d i e n st l i ch e Feier aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. Majestät des Kaisers.) Gleich der Sonnenblume, die sich der ihr Licht, Leben und Wärme spendenden Tages-Regentin wie huldigend zuwendet — also vereinigen sich sämmtliche Völker Oesterreichs am 18. August jedes Jahres zu einer patriotisch-dynastischen Gemeinschaft, ohne Unterschied des Stammes oder Standes, der Sprache und des Glaubens, so daß die allgeliebte und allverehrte Persönlichkeit des Monarchen gewissermaßen zum vereinenden und versöhnenden Bande sich gestaltet inmitten all der dräuenden nationalen Zwistigkeiten und confessionellen Scheidewände — namentlich galt dies bei der diesjährigen Feier des Allerhöchsten Geburtstages, an welchem der verherrlichte Landesvater ins 70. Lebensjahr trat und besonders weihevoll wurde der festliche Tag im alten Tempel der Stadt begangen, wo sich als Vertreter des Cultus-Vorstandes die Herren Docent Dr. Josef Grünfeld und kais. Rath Moriz Hirsch einfanden. Ferner bemerkten wir die beiden Secretäre kais. Rath Dr. Th. Lieben und Dr. Emil Adler, die Amtsleiter Horowitz und Stransky nebst vielen Beamten der Gemeinde, Bethausvorstand Ad. Stiasny. den Vorstand der Armenanstalt Josef Jelinek, kais. Rath Dr. S. Kohn, Director Fischer von der Kinderbewahr- Anstalt, Hafenbau-Director S. Taussig, Bergrath Jgn. Lajos vom k. k. Finanzministerium, Gemeinderath Donath Zifferer rc. Zur festgesetzten Stunde, um 9 Uhr Früh, begann die Feierlichkeit mit einem Präludium, worauf Obercantor Singer den von Sulzer componirten Psalm 111 unter Begleitung des Gesammttempelchores Herrn mit Prof. Jos. Sulzer an der Spitze in meisterhafter Weise