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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 644 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 35 denn auch bei dem thatsächlichen Umstande, daß in einer Classe sich kaum ein Schüler findet, der des Lesens vollständig mächtig ist, der Fall sein? Ich erinnere mich, als Octavaner an einem Wiener Gymnasium während des ganzen Jahres nicht mehr als fünf der leichtesten Capitel aus dem 5. Buche Moses übersetzt zu haben. Das war also Jahrespensum, und niemand hat das Recht zu behaupten, daß der Stoff in diesem Ausmaße nicht zu bewältigen ist. Wer mit den Verhältnissen vertraut ist, weiß, daß das Respirium zur genügenden Vorbereitung genügt und fast ausnahmslos dazu benützt wird. Gleichwohl muß ich mit der Ansicht übereinstimmen, daß der Religionsunterricht als eine Last empfunden wird, kann aber die Bemerkung nicht unterdrücken, daß dies nur bei denjenigen Schülern der Fall ist, welche nicht nur, den Unterricht, sondern auch die Religion mit Unlust ertragen. Und das ist der nei-vus rerum. Das Märchen von der Tyrannei der jüdischen Religionslehrer und die unglaubliche Art und Weise, in der es erzählt wird, muß durch seine Hyperbeln nur Lachen Hervorrufen. Ich kenne den Religionslehrer Weiß nicht; Professor Graubart hingegen zählte ich zu meinen Lehrern. Und ich erachte es als meine heilige Pflicht, gegenüber den Jnvectiven, welche gegen ihn geschleudert wurden, kraft meiner persönlichen fünfjährigen Erfahrungen öffentlich zu erklären, daß alles gegen ihn Vorgebrachte auf Unwahrheit beruht. Es ist eine offenkundige Ungerechtigkeit, einen Mann von der umfassenden Bildung Graubart's, der nie den Zionismus zum Gegenstände seiner Erörterungen machte, der aber allerdings den jüdischen Antisemitismus mit der Schärfe seines Geistes verdammte, Hetzpfaffen zu nennen. Er ist nicht der Mann, dem es auf die eingebüffelten hebräischen Brocken ankommt, und alle die ihn kennen, werden die Behauptung, daß die jüdische Religionsstunde für den denkenden Schüler eine Pein, sei, entsprechend zu würdigen wissen. Was ferner die allgemein ausgesprochene Beschuldigung anbelangt, derzufolgr der jüdische Religionslehrer als der ausgesprochene Feind seiner Zöglinge. hingestellt wird, so kann ich Herrn Kraus mit Namen von Schülern dienen, die ihn eines Besseren belehren werden. Mir sind selbst Fälle bekannt, in denen Professor Graubart unaufgefordert bedürftigen Schülern durch seine Empfehlung zu einträglichen Lectionen verhalf. Nicht die Fülle des zu bewältigenden Stoffes, nicht der „Dünkel und die stupide Rücksichtslosigkeit" der Religionslehrer, gegen die Herr Kraus die Unterrichtsbehörde anruft, trägt an den wenig erfreulichen Verhältnissen des jüdischen Religionsunterrichtes Schuld. Verantwortlich zu machen sind nur jene Eltern, deren Indolenz in religiösen Fragen in den jugendlichen Herzen ihrer Kinder jedes religiöse Gefühl abstumpft. Die Folge hievon ist jener widerliche jüdische Antisemitismus, gegen den anzukämpsen Pflicht jedes anständigen Religionslehrers ist, und ihnen die zum Vorwurf zu machen, käme dem Gutheißen religiöser Gleichgiltigkeit gleich. Während ich diese Zeilen schreibe, macht mich ein Freund aufmerksam, daß auch die „Oesterr. Wochenschrift" vor Jahren das Wirken Prof. Graubart's zum Gegenstände herber Kritik machte. Ich kann ihre damalige Berechtigung nicht bestreiten. Mein: tempora mutantur et nos mulamur in illis. Und nur so erkläre ich mir die Verschiedenheit in der Beurtheilung einer Persönlichkeit. Daß Herr Kraus mit seinen Anwürfen sich um einige Jahre verspätet hat, das weiß ich, doch ob er seine Weisheit aus alten Jahrgängen der Bloch'schen Wochenschrift gesogen, wird er selber besser wissen. Das publicistische Talent wird Herrn Kraus niemand bestreiten wollen, nur die Art seiner Verwendung kann schwer gefallen. Ich bin kein zion'stischer Einfaltspinsel, um wie Herr Rosenberger, Herrn Kraus mit einigen faulen Witzen abzuthun. Ich nehme ihn ernst und frage ihn allen Ernstes, ob es ihm schmeichelt, in gewissen Dingen Bergani, Wolf u. s. w. zu ähneln. Schließlich sei mir noch erlaubt zu fragen, ob es zum katholischen Religionsuntericht gehöre, über Socialdemokcatie zu schimpfen, das Scheicher'sche Thema von der Judenpresse in die Schule zu verpflanzen und das neueste Dogma der Antisemiten: „Kauft nur bei Christen", an Jacob Rothberger zu erläutern. Warum berühren Sie derlei Dinge nicht, Herr Kraus? Louchet. Die Editionen der israelitischen ungarischen Literaturgrsellschast. li.’) Seit Mitte März des vorigen Jahres begeht die ungarische Nation durch 'eine lange Reihe patriotischer und pietätsvoller Festlichkeiten die 50. Jahreswende der hervorragendsten Momente ihres letzten und glorreichen Freiheitskampfes. Dem Andenken bedeutender constitutioneller Errungenschaften und gewonnener Schlachten, den Manen großer Helden und Freiheitsdichter wird noch immer im begeisterten Patriotismus und in nicht erlöschender Pietät der Tribut der Erinnerung und Verehrung dargebracht. Allen diesen nationalen Kundgebungen schließen sich die Juden in innigem Patriotismus an, ja es gab Ortschaften, wo die bedeutenderen, hie und da sogar die officiellen Feierlichkeiten nur in jüdischen Gotteshäusern oder Tempelhöfen abgehalten wurden. Blos die Jahreswende eines Momentes jener glor- und schmerzreichen Zeiten wurde von den ungarischen Glaubensbrüdern kaum beachtet, und dies ist die am 28. Juli 1849 von der in Szegedin tagenden Nationalversammlung durch einstimmigen Beschluß zum Gesetze erhobene Gleichberechtigung der Inden. — Der Entwurf zu diesem Gesetz, das aber nur bis zu der am 13. August erfolgten Waffenstreckung bei Vilagos in Kraft bleiben konnte, wurde von dem damaligen Minister des Innern Bartholomäus Szemere mit einer glänzenden Rede motivirt, in der erunter Anderem auch Folgendes vorbrachte: „Ich stelle mir Ungarn jetzt so vor, als ob dessen verschiedene Völker sich um eine mit Volkswohl, Leben, Frieden, Ehre, Ruhm, Glück und Zukunftshoffnungen wohlbesetzte Tafel versammelt hätten, um diese bis zum letzten Blutstropfen, bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen. Seitwärts davon aber steht eine Volksclasfe, die ebenfalls zur Vertheidigung dieser mit Schätzen besetzten Tafel herbeigeeilt ist. Obwohl sich ihre Freiheit auf diesem Tische nicht befindet, obwohl ihre Rechte, zwischen jenen Rechten, an deren Vertheidigung sie theilnimmt, nicht garantirt sind. Sie vertheidigen demnach fremde Rechte, fremde Freiheit, indem sie ihr Blut mit dem Blute Anderer gleichmäßig verspritzen. Und diese Volksclasfe ist die jüdische Volksclasfe. (Beifall.) Meine Herren! Wenn das jüdische Volk ebenfalls dort auf dem Schlachtfelde kämpft und sein Blut für ein Vaterland verspritzt, dessen anerkannter Bürger es noch nicht ist; wenn es sein Gut und Leben gerade für jene Freiheit opfert, welche es nur erst erhofft, für Rechte, welche es noch nicht besitzt, hingegen jene schon besitzen, mit denen sie kämpfen, so glaube ich, die Gerechtigkeit erheischt es, daß während es einerseits vom Feinde mit größeren Qualen und Lasten überhäuft wird, die Nationalversammlung andererseits nicht mehr zögern darf, jenes heilige Princip zu verkünden, daß auch die Juden mit den übrigen Landesbewohnern in den bürgerlichen Rechten und Pflichten gleichgestellt seien." (Stürmischer Beifall). — So lautete vor 50 Jahren das maßgebende und officielle Urtheil des dazu berufensten Ministers über die Theilnahme unserer Glaubensgenossen an den ungarischen Freiheitskämpfen, und so lauteten auch die Erklärungen vieler ungarischer Heerführer, unter denen Tausende von Juden dienten und heldenmüthig kämpften. Trotzdem erdreistete sich vor ungefähr 10 Jahren ein erbärmlicher, wahrscheinlich von einem antisemitischen Reptilienfonde gedungener Skribler, die Theilnahme der ungarischen Juden an dem Freiheitskampfe zu begeifern und in seinem unter dem Titel: „Enthüllungen über den ungarischen Freiheitskampf rc."*) **) erschienenen Schand-Pamphlet von den Juden zu behaupten, „der Jude kann wohl ein mit Geld bezahlter Spion sein, aber Heldenthaten, bei denen man auch Märtyrertod erleiden kann, unternimmt der Jude nicht, ist übrigens dazu auch nicht fähig." Das elendste Machwerk, das je in Typenform erschien, erregte sowie viele ähnliche seit damals erschienene und aus derselben Kryptoquelle stammenden Schand- und Schundschriften, deren Tendenz dahingeht, die heroischen, ruhmvollen Freiheitskämpfe bei der Nachwelt anzuschwärzen, die größte Empörung. Derselben die Ehre der Widerlegung anzuthun, hielt man aber ganz und gar für überflüssig. *) S. Nr. 13 dieses Jahrganges **) Dem obscuren Verfasser Mathias Szedlük, der, wie aus dessen Namen ersichtlich, kein Ungar ist und sein Werk in einer Druckerei Herstellen ließ, die sich nach dem heiligen Gerhardus benamset. wurde übrigens seinerzeit in diesen Blättern gehörig heimgeleuchtet.

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