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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-09-01 · 35 (1.9.1899) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
35 (1.9.1899)
Date
1899-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 640 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 35 lagerung wenigstens für ihn nicht lange gedauert; es hätte nur ein Sergeant zwei kernweiche Eier zu bestellen gebraucht, und Nagorzansky wäre damit sofort auf dem Festungswall erschienen, wo man ihn, das Hangerl, die Servirtasse, den Eierbecher, das Salzfäßchen, das Eierlöffelchen und die bestellten zwei kernweichen Eier in Empfang genommen hätte, ohne einen Schuß abzufeuern. Herr Nagorzansky wenigstens hätte ganz gewiß nicht geschossen. Die Wiener Zahlmarqueure sind ja bekannt nicht blos wegen der Raschheit, mit welcher sie bedienen, sondern auch wegen ihrer Höflichkeit; daß einer von ihnen beim Serviren jemals geschossen hätte, darüber hat sich niemals ein Gast beklagt. Was hat aber Monsieur Guerin mit Herrn Nagorzansky zu thun? Die Aufklärung ist sehr einfach: Nagorzansky ist Antisemit, und das genügt, um in Wien Jemand zu sein, wenn man auch Niemand ist, und Herr Nagorzansky, welcher bisher nur in Wien berühmt war, ist es nunmehr auch in Paris geworden. Unter seinem Vorsitze ist nämlich folgende Kundgebung für die belagerten Antisemiten in Paris beschlossen worden: „Die in Brunner's Restauration versammelten Mitglieder der antisemitischen Reformvereine bringen den ausdauernden heldenmüthigen Kämpfern für unsere heiligste Sache die vollste Sympathie und Bewunderung zum Ausdruck. Hoch der Antisemitismus! Hoch Drumont! Hoch Guörin!" Diese Resolution wurde brieflich an die „eingeschloffenen Kämpfer" abgeschickt und man kann sich vorstellen, wie erfrischend eine solche in „Brunner's Restauration" entstandene Kundgebung auf sie wirken mochte. Es war sozusagen eine gespritzte Resolution, eine Kundgebung mit Gies. Nunmehr weiß auch Frankreich, — soweit es nicht ganzverjudet ist, würde Vergani sagen — wer Herr Nagorzansky ist, und während er bisher nur eine heitere locale Berühmtheit war, kennt man ihn nunmehr auch jenseits der Vogesen. Mr. Guerin hatte in Galizien einen Compagnon Namens Silberstein. Deshalb wird er es Herrn Nagorszansky gewiß nicht übelnehmen, wenn dieser, wie er selbst mittheilt, auch von Juden Trinkgeld nimmt, und wenn ihm namentlich das Frühstückgeschäst wichtiger ist als die Gesinnung. Abends freilich, wenn er „Losung gemacht" und die Trinkgelder eingesteckt hat ohne Unterschied der Confession, dann fühlt er sich befreit von den jüdischen „Herrschaften", dann ist er nicht mehr der schlichte Marqueur, sondern der antisemitische Führer, der schon zu den Persönlichkeiten, zu den „Erschienenen" gehört, und der Ruf „Nieder mit den Juden" findet bei ihm die aus dem Herzen kommende und zu dem Herzen dringende Erwiederung: „Bitte sehr, bitte gleich!" Robert Wolf. Der Kuß der antisemitischen Vorgesetzten. In der Dienstesinstruction des Postsparcaffenamtes ist darüber, ob die Beamten die Manipulantinnen küssen dürfen, eine ausdrückliche Bestimmung wahrscheinlich nicht enthalten. Nach den landläufigen Begriffen über Anständigkeit aber ist das schon an sich unzulässig, und wenn ein Vorgesetzter Beamter, von welchem die Manipulantinnen abhängig sind, sich das Vergnügen macht, die Eine oder Andere zu küssen und ihr seinen Besuch anzutragen, so geht das über den Spaß; das ist ein nichtswürdiger Mißbrauch einer socialen, um nicht zu sagen amtlichen Stellung. Eine Verhandlung vor dem Bezirksgerichte, über welche das „Deutsche Volksblatt" unter dem Titel „Unerquickliches aus dem Postsparcassenamte" berichtet, soll diesem Blatte zufolge „für offene Fenster berechnet" und dazu bestimmt gewesen sein, die Oeffentlichkeit wieder einmal um eine Sensation zu bereichern. „Ist doch Oberrechnungsrath Kulhanek ein der antisemitischen Partei nahestehender Bezirksschulrath und der Hilfsbeamte Prinz ein Judenstämmling". Herr Kulhanek erhält also von dem Antisemitenorgan selbst das vollgiltige Zeugniß seiner Zugehörigkeit zur christlichsocialen Partei und theilt offenbar die streng sittlichen Anschauungen der Herren P u r s ch t und G r e g o r i g. Als Bezirksschulrath hat er wahrscheinlich Gelegenheit, auf die sittliche Haltung der Lehrer und Lehrerinnen, sowie auf die sittliche Erziehung der Kinder Einfluß zu nehmen. Aus diesem Grunde ist es angemessen, aus der Verhandlung, in welcher von diesem antisemitische Bezirksschulrath bei offenem Fenster Dinge behauptet wurden, die man nicht bei offenem Fenster thut, einige Details festzuhalten. Der Postsparcassenassistent Otto PiatkovsH deponirt, daß er nicht in directem Dienstverhältniß zu Kulhanek stehe. Er kann nur das sagen, was ihm eine Postsparcaffen-Manipulantin und deren Mutter erzählt hat. Nach deren Angaben bediene sich Kulhanek im Verkehr mit den Beamtinnen s ch l ü p f r i g e r A u s d r ü ck e. Die erwähnte Beam ln, ein Fräulein Stier v. Gladbach habe er im Dienstraume einmal geküßt. Das Fräulein habe ihm darauf Vorstellungen gemacht, daß sich dies nicht schicke, worauf Kulhanek mit einer Redensart ä la toujour perdrix geantwortet haben soll. Als das Fräulein einmal einen Urlaub verlangte, habe cr ihr diesen zugesagt und versprochen, ihr die Bewilligung in ihre Wohnung zu bringen. Als sie später einmal, vier Tage Urlaub verlangte, habe Kulhanek gesag;, sie möge" sich einfach vier Tage krank melden. Zeuge schließt aus diesem Vorkommniß, daß Kulhanek seine Gewalt mißbraucht habe. Die Majorswitwe Frau Stier v. Gladbach fragt an, ob sie sich nicht der Aussage entschlagen könne. Kuchanek besteht jedoch darauf, daß sie aussage. Sie erzählt dann, ihre Tochter habe ihr erzählt, sie sei vom Oberrechnungsrath geküßt worden. Dr. Herzberg-Fränkel: Kam Ihre Tochter damals nicht weinend nach Hause? Zeugin: O nein. Das ist nicht wahr. Dr. Herzberg-Fränkel : Wußte Herr Kulhanek damals, als er Ihre Tochter besuchen wollte, daß sie allein war? Zeugin: Das weiß ich nicht. Kulhanek (zur Zeugin): Sie sind doch öfter zu mir gekommen, gnädige Frau, warum haben Sie sich denn nie beschwert? Habe ich Ihrer Tochter einmal, einen unsittlichen Antrag gemacht? — Zeugin: O nein, nie — Kulhanek: Nun also. Wie man da von Sittlichkeitsverbrechen sprechen kann, ist mir unerfindlich. — Herzberg-Fränkel: Nun, die Präliminarien sind ja doch da. — Kulhanek (zu Piatkovsky): Den ganzen Tratsch, Herr Assistent, scheinen Sie sich geleistet zu haben. Warum haben Sie, wenn Ihnen das Alles schon so lange bekannt ist, volle zwei Jahre darüber geschwiegen? — Piatkovsky antwortet: Ich hatte keine Ursache dazu. Ich weiß nur, daß das Benehmen des Oberrechnungsrathes allgemeine Entrüstung erregt hat. Fräulein Stier selbst gibt an, sie werde gegen ihren Willen als Zeugin geführt, und erzählt dann über Befragen Dr. Herzberg-Fränkel's, sie sei einmal von Kulhanek geküßt worden. Auch habe ihr derselbe einmal seinen Besuch angetragen. Sie habe es allerdings ernst ausgefaßt. Dr. Herzberg-Fränkel (zur Zeugin): Haben sie sich über das Vorgehen des Herrn Kulhanek aufgehalten? Zeugin: Gewiß! Ich habe ihn ersucht, mich in Ruh' zu lassen, da ich ein anständiges Mädchen bin. Was konnte ich sonst thun, um meine Stellung nicht zu gefährden? Jetzt werde ich das Opfer der ganzen Affaire sein. Durch die Jndiscretion eines Herrn bin ich jetzt im Amte unmöglich gemacht. Der Hilfsbeamte Michael v. Juze gibt an, er sei bei den geringfügigsten Anlässen von Kulhanek mit den Worten „Strizzi" und „Haderlump" belegt worden. - Richter: Bei welchem Anlässe? — Der Zeuge erkärt, er sei einmal Sonntags nicht ins Bureau gekommen, trotzdem es seine Pflicht gewesen wäre. Ergibt weiter an, ein anderer Beamter. Namens Oppenberger, sei einmal von Kulhanek „Schwein" genannt worden. — Dr. Herzberg-Fränkel: Hat Ihnen der Oberrechnungsrath mit Entlassung gedroht, wenn Sie sich beschweren? — Dr. Tersch (einfallend): Seien sie vorsichtig in Ihren Aeußerungen. — Zeuge: Das nicht. Aber er sagte, ich solle es nicht wagen, mich zu beschweren. Der Proceß gegen Jesus von Nazareth. Die „Frankfurter Zeitung" brachte vor einigen Tagen als Abdruck aus der „Neuen Freien Presse" eine Notiz über eine neuerdings in der Bildung begriffene Gemeinschaft jüdischer junger Männner, die sich Revisionisten nennen und, angeregt durch den Proceß Dreyfus, die Revision des Processes erstreben, der seinerzeit dem Propheten Jesus von Nazareth gemacht worden. In dieser Notiz über die „neuerdings" gegründete Gemeinschaft begrüßte ich einen älteren Bekannten, ich las sie in einer von Pfarrer Lehmann in Schildesche herausgegebenen Zeitschrift: „Der Freiwillige" in der Nummer vom 27. November 1898. Sie ist allerdings seither journalistisch verschönert, der tumultuarische Widerspruch der streng orthodoxen Zuhörer ist erst in den seither verflossenen Monaten erhoben worden. Auch war nach der Notiz vom 27. November 1898 das Urtheil schon gesprochen, und zwar angeblich wörtlich mit folgendem Tenor: „daß die Kreuzigung Jesus von Nazareth durch das jüdische Volk und seine Obrigkeit ein Justizmord des Gesalbten Gottes gewesen ist", während nach der Notiz

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