Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Blvch's Wochenschrift' Seite 639 nicht verglichen habe, sie habe ihn nicht i n t e r e s s i r t. In Wien wird soeben das Gutachten zweier Schriftexperten veröffentlicht, die leider vom Gerichte in Rennes nicht vernommen werden können. Der Eine, Professor Kirchner, ist Sachverständiger bei allen Wiener Civilgerichten; der Andere, Professor S k a l i tz k y, ist Sachverständiger beim Landesgerichte in Strafsachen und beim Wiener Garnisonsgerichte. Nach ihren Darlegungen sind die Theorien Bertillon's nicht blos unrichtig, sondern absolut unvernünftig; Professor Kirchner sagt rund heraus: Der Helle Wahnsinn. Dieser Bertillon, das ist der Mann des „Deutschen Volksblatt"; alle anderen Experten sind natürlich vom Dreyfus-Syndicat bestochen. Dieselbe infame Verdächtigung ist natürlich auch schon gegen den Hauptmann Freystätter ausgesprochen worden, dessen Haupt als „mit einer Aureole umflossen" hingestellt wurde, während es vorläufig noch Geheimniß sei, „wie viel von diesem Goldschimmer inseine Hand geflossen." * * * Es wundert uns nur, daß der unbestechliche und nur mit den verschiedensten Unternehmungen in Geschäftsverbindung stehende Vergani noch nicht die jüdische Abstammung Fceystätter's entdeckt hat. Den österreichischen Militärattache Oberst Schneider hat dieses wohlverdiente Schicksal bereits erreicht, und es geschieht ihm ganz recht. Warum wehrt er sich auch dagegen, daß man seine Unterschrift fälscht, um ein Beweismittel gegen Dreyfus zu erlangen? Wenn die „stolzesten Namen" der französischen Armee wissentlich fälschen und lügen, so hat ein österreichischer Oberst das nicht zu hindern, noch dazu eines Juden wegen. Wenn er es dennoch gethan, so wissen wir jetzt nach dem „Deutschen Volksblatt" den Grund dafür anzugeben. Oberst Schneider entstammt einer jüdischen Familie, und das erklärt Alles. In diesem Augenblicke spielt auch die Ehre der österreichischen Armee keine Rolle mehr für das „Deutsche Bolksblatt". Man überlege einmal, was geschehen ist. Es wird ein Bericht des Oberst Schneider veröffentlicht, durch den die Schuld des Dreyfus bekräftigt werden soll. Oberst Schneider erklärt seine Unterschrift als eine Fälschung, aber diefranzösischenGenerale bleiben trotzdem bei ihrer Behauptung, gerade so wie sie es gegenüber Panizzardi und Schwartzkoppen gethan, und sie beschuldigen damit Herrn Oberst Schneider geradezu der Lüge. Was thut das in Oesterreich erscheinende „Deutsche Volksblatt"? Es tritt begeistert für die französischen Generale ein und sucht den österreichischen Officier durch den Hinweis auf seine jüdische Abstammung zu verdächtigen. Der König von Italien soll sich lebhaft für das Schicksal Dreyfus interessiren und soll die Frage aufgeworfen haben, ob denn nicht durch authentische Veröffentlichungen die Unschuld des unglücklichen Officiers dargethan werden könnte. Offenbar stammt auch der König von Italien in gerader Linie von Abraham, Jsak und Jacob ab, oder er ist ebenfalls vom Dreyfus-Syndicat bestochen. Dreyfus m u ß den Berrath begangen haben, und wer das nicht bestätigen will, ist entweder ein Jude oder bestochen, vielleicht auch ein bestochener Jude oder ein jüdischer Bestochener. Das „Deutsche Bolksblatt" hat die bekannte Fälschung freudig adoptirt und nennt den Angeklagten von Rennes „eette Canaille de Dreyfus“; es beschimpft ihn als einen „aufgeblasenen jüdischen Schurken", einen Schuft, und jeder, der für ihn eintritt, sei ebenfalls ein Schuft. Dagegen ist Bertillon einer der hervorragendsten Criminalisten Frankreichs, Mercier und Gonse die „Blüthe der Armee". Man würde dem „Deutschen Volksblatt" Unrecht thun, würde man seine Wuthausbrüche als Symptome des Säuferwahnsinns ansehen. Der ganze Ingrimm ist nur geheuchelt und die Wuth ist Pose; das gehört alles zum antisemitischen Geschäftsbetrieb. Nur sollte Vergani doch nicht so frech sein, die österreichischen Kciegsminister zu einem Vergleiche mit jenen Generalen heranzuziehen, die in Rennes erschienen sind. Wenn Baron Koller, Graf Bylandt-Rheidt, Freiherr von Merkt im Parlament und vor Gericht einen Officier als Berräther erklären würden, so könnte, wie das „Deutsche Bolksblatt" sagt, doch gewiß Niemand mehr an der Schuld jenes Officiers zweifeln. Die Antwort darauf ist sehr einfach. Wenn in Oesterreich in einem Processe das gesetzliche Verfahren eingehalten wird, so können nur solche Zeugen, denen bestimmte Handlungen des Angeschuldigten bekannt sind, dessen Schuld bekräftigen, und kein österreichischer Kriegsminister wird sich bereit finden, dem gerichtlichen Verfahren durch seine subjektive Ueberzeugung vorzugreifen, dem Kriegsgerichte „moralische Befehle" darüber zu ertheilen, wie es urtheilen soll, und den Richtern insgeheim Actenstücke ins Berathungszimmer nachzuschicken. Auch ein österreichisches Kriegsgericht kann sich irren, so gut wie sich Geschworene oder Civilrichter schon geirrt haben Wenn aber einer unserer Officiere einen solchen Jrrthum entdecken, wenn er, durch sein Gewissen dazu getrieben, dem Kciegsminister sagen würde: „Excellenz, ich glaube, es ist ein Unschuldiger verurtheilt worden", dann wird sich wahrlich in Oesterreich kein Gonse finden, der diesem Officier zu sagen fähig wäre: „Wenn Sie nichts sagen, wird Niemand etwas' wissen." Der Minister würde vielmehr nach den Gründen fragen, aus welchen der aufgetauchte Zweifel an der Richtigkeit eines Urtheils entstanden ist, und er würde mit dem größten Eifer die Erforschung der Wahrheit fordern. Wehe dem, der ihm mit gefälschten Beweisen, mit fabricirten Depeschen käme! Der Officier oder der General, welcher sich in einer anhängigen Strafsache so benehmen würde, wie es Mercier, Gonse, Henry rc. gethan, den würde die österreichische Armee mit Verachtung aus ihren Reihen stoßen und der Ehrenrock, den er trägt, würde ihm von Leibe gerissen werden. Das ist freilich bequem und ungefährlich, einen vor den Richtern stehenden Gefangenen einen „aufgeblasenen jüdischen Schurken" zu nennen; der Schimpf ersetzt jede sachliche Erwägung. Wenn schon von aufgeblasenen Schurken gesprochen werden muß, so müssen es nicht gerade jüdische sein. Es gibt ein Zeitnugsbureau und einen Antisemitenhof, wo man sich durch den Augenschein davon überzeugen kann, daß weder die Aufgeblasenheit noch die Schurkerei an eine bestimmte Confession gebunden ist. * » * Die Anssage des Obersten C o r d i e r hat uns einen hochinteressanten Einblick in den Verlauf das Dinge gewährt, die sich von dem Einlangen des Bordereau auf dem „gewöhnlichen Wege" bis zu dem Augenblicke abspielten, in welchem der Verdacht auf Dreyfus gelenkt und dieser verhaftet wurde. Cordier hat diese Enthüllungen erst machen dürfen, nachdem der Kriegsminister ihn des Amtsgeheimnisses entbunden hatte; er bezeichnet die Aussage des Generals R o g e t als f a l s ch, und zwar, wie er auf Befragen kurz und scharf erklärt, die ganze. Cordier hält nunmehr Dreyfus für unschuldig, und da man ihm vorhält, er sei doch Antisemit, sagt er, er sei Antisemit, aber der Antisemitismus könne ihn nicht bewegen, eine falsche Beschuldigung gegen einen Juden zu erheben. Ec sei ein anständiger Mensch und habe ein Gewissen. Oberst Cordier weiß nicht, daß er damit auf das Recht verzichtet hat, von den Antisemiten für einen der Ihrigen gehalten zu werden. Ein anständiger Mensch sein, ein Gewissen haben und davor zurückschrecken, gegen einen Juden eine falsche Beschuldigung zu erheben, — einen solchen Mann können die Drumont's und Vergani's nicht brauchen, denn er ist kein Antisemit, wenn er sich auch für einen solchen hält. * * Zwischen Guerin und Nagorzansky hat eine internationale Verbrüderung stattgefunden; die edelsten Geister zweier Völker, durch ein gemeinsames Ideal geeint, haben über Länder und Flüsse, über Berge und Gefängnißmauern hinweg einander die Hand gereicht. Wer Gu 6 rin ist, wissen wir; es ist jener Abenteurer, der einst in Galizien die polnischen Inden angepumpt hat und dann in Paris antisemitischer Zeitungsherausgeber geworden ist. Also eine ähnliche Carriere, wie hier in Oesterreich Vergani gemacht hat, nur mit dem Unterschiede, daß Vergani, wenn mau ihn wegen der begangenen Defraudation hätte verhaften lassen, sich schwerlich mit dem Revolver zur Wehre gesetzt hätte. Vergani ist nämlich ein Revolverjournalist ohne Revolver, freilich auch, ohne daß er ein Journalist ist. Also ein Lichtenberg'sches Meffer, zum mindesten ohne Stiel. Doch wir wollen nicht von dem traurigen Helden aus der Josefsgasse, sondern von dem lustigen aus der Rue Chabrol sprechen, der aus dem Hause der Antisemitenliga schließlich doch durch die Wasserstrahlen einiger Dampfspritzen wird herausgekitzelt werden nlüssen, wenn man ihn nicht zum Märtyrer machen soll. Mr. G u e r i n also ist durch die Belagerung, die ihm zutheil wird, ein berühmter Mann geworden. Wer aber ist „Nagorzansky"? Ist das auch ein heroischer Kämpfer, ein Held mit Koller und Kanonen, mit Säbel und mit Schießgewehr? Erschrecken Sie nicht, verehrte Leser, Herr Nagorzansky ist ... . Zahlmarqueur. Er schwingt kein dräuend Schwert, sondern ein friedliches „Hangerl", mit welchem er die Stäubchen von den Kaffeehaustischen abwischt, ltnb wenn die Feinde nahen, die ihnzur Uebergabeeiner Melange mitHaut, mehr braun, anffordern, ruft er unerschrocken: „Bitte sehr, bitte gleich!" Wäre er mit Guärin eingeschlossen worden in der Rue Chabrol, so hätte die Be-