Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35 Vr. Bloch's Wvchenfchrrfk. Seite 641 der „Neuen Freien Presse" von Anfang August 1899 die Revision erst vorgenommen werden sollte. Mir scheint, wie bei der Bedeutung der beiden Blätter nicht anders zu erwarten, das feinere journalistische Berständniß bei dem Wiener Blatte zu liegen. Denkt man sich Derartiges in der Zukunft, so ist der Phantasie des Lesers der weiteste Spielraum gelassen, und er kann sich etwas Großartiges dabei vorstellen Hat das welterschütternde Ereigniß aber stattgefunden, ohne daß Jemand etwas davon weiß, so ist die Sache zu ärmlich. Ob die Notiz ihre erste Quelle in der Erfindung eines antisemitischen Satirikers hat, der die Dreyfus'sche Revisionsbewegung persifliren wollte, oder ob sie von einem ausführenden oder genasführten Judenmissionär herrührt — sie widerspricht durchaus jüdischen Gedankenkreisen und Traditionen. Sie hat als nothwendige Voraussetzung, daß Jesus nach jüdischer Tradition vom Sanhedrion verurtheilt und mit Recht verurtheilt sei. Diese Voraussetznng ist aber durchaus irrig. Nach jüdischer Tradition waren nicht nur Silberstein's nicht dabei — um mit den hübschen Worten Victor Blühtgen's zu sprechen — sondern die Juden waren ihrer Meinung nach überhaupt nicht dabei. Die zeitgenössischen jüdischen Schriften kennen Christus überhaupt nicht, wie übrigens auch die zeitgenössischen römischen Schriftsteller. Nachdem die Frage, ob die Juden Christus gekreuzigt, durch die Autos da Fö brenzlich geworden war, wiesen jüdische Rabbiner auf das widerspruchsvolle Verhalten der Christen hin, die Juden für etwas verantwortlich zu machen und zu verfolgen, was doch ihrer Meinung nach in den Plänen der Vorsehung gelegen und zur Gründung ihrer Religion geführt habe. Mit dem Aufkommen der philologischen und historischen Kritik gewann die Frage: haben die Inden Christus gekreuzigt? neues Interesse besonders der verstorbene Rabbiner Phiüppson hat über, die Frage eine sehr lesenswerthe Schrift verfaßt. Aus der Art der Hinrichtung (der römische», in Judäa unbekannten Kreuzigung) und anderen Momenten wird nachgewiesen, daß. wie sonst auch die in dem Evangelium mitgetheilten Thatsachen sich verhalten mögen, die Juden mit der Kreuzigung Christi nichts zu thun hatten, man vielmehr in der Hereinziehung der Juden Interpolationen der judenfeindlichen Heidenchristen zu sehen habe. Sicher ist jedenfalls, daß in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung das Verhältniß von Christen und Juden nicht schlecht war, eine Thatsache, die sich mit der Erzählung du' Evangelien in ihrer jetzt vorliegenden Form schwer vereinbaren läßt. Eine Abfertigung. „Judenbuben mit l . . . Köpfen" sagte unlängst der österreichische Abg. Hofer — „kommen aus Galizien nach Wien, lassen sich an der Universität inskribiren und verkaufen in ihren freien Stunden Zündhölzchen im Prater." Hierauf antwortet der socialdemokcatische Wiener „B o l ks w i l l e": „Damit glaubte der Mann mit dem bescheidenen Verstände natürlich einen glänzenden Nachweis für seine Behauptung, daß die Juden den deutschen Gewerbestand ruiniren, erbracht zu haben, und die nationalen Zuhörer, die darin zugleich einen „guten Witz" erblickten, lachten als echte und rechte Hohlköpfe nach Herzenslust. Wenn es aber eine leider auch von uns nicht zu bestreitende Thatsache ist, daß häufig genug arme, aber lern- und wißb:giecigr junge Leute, deren Confessio» uns ganz Nebensache ist, in die Universitätsstädte kommen und sich den Weg zum Studium nur dadurch ebnen, daß sie selbst nicht die niedrigste Arbeit scheuen, um die Mittel zur Befriedigung ihrer Lernbegier zu beschaffen, so wird Jedermann darin nur den Beweis finden, wie unzählig oft auch der Aermste strebt, aus eigener Kraft etwas zu werden. Aber was sagt das mühselige Durchhungern unserer armen Studenten, die oft keinen Beruf zu schwer und zu entehrend finden, wenn sie damit ihren knappen Lebensunterhalt während der Universitätsjahre erwerben können, — was sagt eine solche Aufopferung weiter, als daß diese Jugend, von einem hohen Idealismus durchglüht, keine Hindernisse zu schwer befindet, wenn es gilt zu Lernen und zu Streben. Dieses Streben ist gewiß nicht nur bei „Galizischen Judenbuben", sondern bei Tausenden von armen Proletarierkindern zu finden, die ihre Jugendfrische opfern, um die Mittel zum Lernen selbst zu erwerben, wohl wissend, daß auch später ihnen in den allermeisten Fällen nur das Los eines „geistigen Proletariers" winkt." Fritz Reuter und antisemitische — Bildung. In der Nummer von 27. Juli der „A n t i s. Kor r." („Deutsch sociale Blätter") findet sich ein Artikel: „Fritz Reuter als Antisemit." Haben die Antisemiten auf allen möglichen politischen Gebieten schon ihre Unfähigkeit gezeigt, so zeigen sie sie hier auch auf literarischem. Die Unver—frorenheit, mit der sie zwei Beispiele aus Reuter's „Franzosentid" verwenden, um ihn für ihre Zwecke in Anspruch nehmen zu können, ist ohne gleichen. Das erste Beispiel handelt von einem jüdischen Wucherer, das zweite enthält den launigen Vorschlag eines Rathsherrn, das Geld zur Weiterführung des Krieges gegen die Franzosen dadurch zu beschaffen, daß man die Juden zur Hergabe der Hälfte ihres Vermögens zwinge. Und diese beiden Beispiele sollen zur Überschrift „Fritz Reuter als Antisemit" berechtigen? Ganz abgesehen davon, daß man dichterische Werke, wie die Fritz Reuter's, von einem ganz anderen Standpunkt aus als von politischem genießen soll, kann man doch unmöglich den Dichter mit seinen sämmtlichen Figuren identificiren. Er schildert eben Charaktere aus dem Volksleben, wie sie sich ihm gerade vor Augen stellen. Aber noch weiter. Wer kennt nicht das poetische und gemüthvollste von allen Reuter'schen Werken: „Ut mine Stromtid"? Da ist es ein Jude, der alte Moses, der als guter Geist über dem Ganzen schwebt und jedem ehrlich Ringenden mit Geld beispringt, auch wenn ihm keine absolute Sicherheit geboten wird. En vorsichtiger Geschäftsmann ist er, aber ein ehrlicher. „Du siehst zwei Leute", sagt er zu seinem Sohne David, „der eine wirft en Luggerdor iu's klare Wasser und der andre wirft 'ne Handvoll in en Abtritt; Du gehst in das kalte Wasser und in das nasse Wasser, holst den Luggerdor aus dem W.lsser, und er ist blank, und er ist rein; Du gehst in den Abtritt und holst de Handvoll 'raus, und de Leute wenden sich von Dir ab, denn es ist ein Gestank in ihre Nasen. . . Wenn se de Menschen nich riechen, so stinken se zum Himmel; aber de Menschen riechen se auch, daß heißt, was sind ehrliche Menschen." Als Pendant zu dem jüdischen Wucherer, den die „Deutsch socialen Blätter" citirten, figuriren hier zwei christliche Wucherer, der Gutsbesitzer Pomuchelskopp und der Notar Slus'uhr, die an Raffiuirtheit jenen weit übertreffen. Aber auch volle Gerechtigkeit läßt Reuter beu Juden widerfahren und erkennt rückhaltlos gute Eigenschaften von ihnen au. So lobt er z. B. David, den Sohn des alten Moses: „Dat möt ick tau Daviden sine Ehr (Ehre) seggen, hei makte keine Utnam' von sine Globensgenossen, hei plegte sinen ollen Batter in sinen Oeller (Alter), un an dese Judenmoden kan fick männig Christenminsch en Exempel nemen." Um schließlich noch ein Ciiat zu bringen, das unzweideutig Reuter's Stellung zum alten Moses, dessen Figur er mit großer Liebe behandelt, und damit zu einzelnen Gliedern der jüdischen „Rasse" erkennen läßt, setzen wir seinen Nachruf hierher. Da heißt es im letzten Capitel: „Nah em (Jochen) sturw Moses; de oll Mann was recht un gerecht dörch 't Lewen gähn, un recht un gerecht gung hei ut dat Lewen. Hei sturw fast in sinen Globen, un as hei storben was, gewen sei em de Bred', de dem Stamm Juda taukamen, denn hei was ut den Stamm Juda; un as hei begrawen würd, satt David in de Asch mit en terretenen Rock, un vele Christenminschen folgten em nah den Kirchhof, üm den hei de eikene Bewährung stift hadd, un ick glöw', hei is in Abrahams Schot kamen, wenn ok Christen folgt sünd. — Un den Dag nah sinen Gräfniß stürmen an sin Graww drei Lüd', dat was Hawermann un de beiden jungen Frugens von Rambow —, un Hawermann drögte sick de ollen Ogen, un de beiden jungen Frugens läden en por frische Kräns' up dat Graww von den ollen Juden, un as sei in ehre Gedanken still aewer de Rahnstädter Wischen hengungen, säd Hawermann: „Er war ein Jude dem Glauben und ein Christ den Thaten nach". Uebrigens braucht man nur den Brief Reuter's an seinen Freund, den Arzt Dr. Michel Liebmann in Stavenhagen nachzulesen (s. K. Th. Gaedertz, Aus Fr. Reuter's jungen und alten Tagen) um zu erkennen, daß Reuter den Verdacht. Antisemit zu sein, mit Widerwillen abgewiesen hatte. Am 24 März 1864 schickte Reuter an den jüdischen Arzt einen Geldbeitrag für das Stavenhagener Krankenhaus u. a. mit den Worten: Mein lieber theurer Bruder! Wie ich aus den mecklenburgischen Zeitungen ersehen habe, habt ihr Stemhäger einen langersehnten Wunsch meiues verstorbenen Vaters, die Errichtung eines Krankenhauses, der Erfüllung nahe gebracht, und da wollte ich doch auch mein Scherflein beisteuern. Nicht weil Dein