Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021313--09125-3033540- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
©ette'638 Dr. Bloch's Wortzenschrrfl. Nr, 35 wegen vertheidigt, und hiedurch hat man diesen Factor der nationalen Vertheidiguug in der Werthschätznug sowohl der eigenen Bundesgenossen als der Gegner tiefer herabgewürdigt, als es die heftigsten Angriffe der Freunde der Wahrheit zu thun vermochten. Noch ringen sie mit einander, Ormuzd und Ahriman vergleichbar, aber sowie der Sieg des Lichtes über die Finsterniß ein unwiderstehlicher ist, so gewiß wird auch dereinst in Frankreich die gerechte Sache den Sieg erlangen. So gewaltig auch die Kraft des durch die unbefriedigte Revanche-Idee genährten Chauvinismus gewesen sein mag, sie hätte für sich allein doch nicht hingereicht, um eine solche Verwirrung der einfachsten Begriffe von Moral und Recht zu verursachen, welche sich jetzt in der öffentlichen Meinung des Landes kundgegeben hat. Wie groß die Zahl und wie ehreuwerth die Gesinnung der sogenannten „Jntellectuellen" in Frankreich sein mag, wie ehrlich sie sich Mühe gaben, dem Rechte zum Durchbruch zu verhelfen — ihrer waren doch verhältuißmäßig nur sehr wenige in dem Vierzigmillionen-Volke. Wohl gereichen die Zola, Labori, Anatole France, Cornely, Gaston Deschamps, Pressensö und Demange, die unerschrockenen Picquart und Freystätter, und wie die Vertheidiger der Wahrheit sonst noch heißen mögen, der Nation zur größten Ehre und ein Volk, das solche Männer hervorbringt, kann seiner Erleuchtung und Erhebung sicher sin, auch wenn es eine Zeit lang im Finsteren herumtappen mag. Aber wie war es möglich, daß das Volk, welches einen Voltaire und einen Rousseau hervorbrachte und die unvergänglichen, unauslöschlichen, unwiderstehlichen Menschenrechte proclamirte — von einem Guerin, Deroulöde, Drumont und ähnlichem Gelichter genassührt werden konnte, daß es blindgläubig die Lügen und Fälschungen des Mercier und Henry, Du Paty und Esterhazy für baare Münze nahm, die Narrheiten eines Bertillon für die höchste Weisheit sich aufdisputiren ließ, daß es das Joch nicht abzuschütteln vermochte, welches eine Reche demoralisirter Ministerien ihm auferlegte? Hiefür gibt nicht der Chauvinismus die Erklärung, sondern einzig und allein die Decadence, die eine Folge der mangelhaften Schulbildung ist. Die Ausnahmen zeigen eben, daß ein Bruchtheil des Volkes sich kraft eigenen Genies sreimacheu konnte von dem jedes selbstständige Denken vernichtenden Wirken der Schule, die in Händen von Schulbrüdern und dergleichen Congregationen ist. Die große Menge ist in diesen Schulen ausgewachsen, und namentlich die Frauenwelt der sogenannten oberen Classen, aus der die famose Verfasserin der entsittlichenden Erzählungen „ Autour du mariage“, Gräfin Märtel alias Gyp, entstammt, ist aus Klosterschulen hervorgegangen. Im Leben konnten alle diese Kreise nicht die Erfahrungen schöpfen, aus denen sich eine solche Verachtung von Recht und Moral erklären ließe — hat man dann eine andere Wahl, als sie in der Schule zu suchen? Brauchte es noch weiterer Beweise, so hätte man gar nicht erst nöthig, an die Verbindung von „Säbel und Weihwedel" zu denken, welche ganz speciell für den französischen Generalstab so charakteristisch geworden ist, es könnte genügen, sich an den Kampf zu erinnern, der vor gar nicht langer Zeit um den Laienunterricht in der französischen Kammer entbrannt ist. Allerdings hat pro forma der Laienunterricht gesiegt, in Wirklichkeit aber behaupten die von Geistlichen geleiteten Schulen ihren vollen Einfluß, und da dieser schon mehr als ein halbes Jahrhundert dauert, so müssen wir ihn als eine der Ursachen betrachten, welche die Geistesrichtung des Volkes jetzt beherrscht. Gegen diese Ursache kämpfen unablässig die Geistesheroen der französischen Nation, die Jntellectuellen, und nur, wenn man sich diese Thatsache vergegenwärtigt, begreift man, weshalb diesen Worten in weiten Kreisen ein verletzender Charakter beigefügt worden ist. Der Kampf datirt nicht von heute, er ist der alte Kampf zwischen Freiheit und Knechtung im Leben wie im Denken, im Fühlen wie im Handeln, der in immer neuen Formen erscheint, bald religiöse, bald sociale, nationale oder ökonomische Gegensätze schafft oder zum Vorwände nimmt, nie endigt, aber dennoch immer die Menschheit zum Fortschritte zwingt und unaufhaltsam dazu führt, daß die Ketten zerbrochen werden, mit denen man die Geister und die Körper fesseln möchte und daß die Wolken zerstreut werden, welche die Sonne des Lichtes und der Wahrheit verhüllen. L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Pflicht »urd Gewissenstrost. — Vergani schmäht die österreichische Armee. — Localaugenschein im Antisemitenhof. — Das Fort Chabrol und zwei kernweiche Gier. — Trinkgeld und Gesinnung.) Wenn es noch irgend eines Beweises dafür bedurft hätte, daß das Kriegsgericht, welches im Jahre 1894 den Capitän Dreyfus des Verrathes schuldig sprach, einen Justizmord begangen bat, so ist er nunmehr durch die Aussage des Hauptmanns Freystätter erbracht worden. Die wesentlichsten Merkmale dieser Aussage wie aller anderen, welche die Unschuld des Dreyfus darthun, sind die Einfachheit, Natürlichkeit und Kürze, während die unmöglichsten und unwahrscheinlichsten Combinationen ausgestellt werden müssen, um die Aussagen der Belastungszengen für wahr zu Hallen. Mit den Experten hat es genau dasselbe Bewandtnis. Hauptmann Freystätter hat kurz und klar zusammengefaßt, was ihm und den anderen Richtern vom Jahre 1894 die nunmehr als irrig erkannte Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten Dreyfus beigebracht hat. Die Aussagen der Zeugen Henry und du Paty de Clam, das Gutachten der Sch ristexperten, insbesondere das Bertillon's, und die Schriftstücke, welche den Richtern in das Berathungszimmer nachgeschickt wurden und von deren Vorhandensein der Angeklagte und die Vertheidiger keine Ahnung hatten. Henry wurde als Fälscher entlarvt und hat sich im Gefängniß umgebracht, du Paty de Clam, der Untersuchungsrichter gegen Dreyfus, wurde als Mitschuldiger Henry's entlarvt, und die geheimen Actenstücke wurden der Reihe nach als Fälschungen erkannt. Der Fall liegt so einfach, daß es unmöglich ist, ihn zu verwirren, und wir begreifen nicht, wie es noch immer für möglich gehalten werden kann, daß das Kriegsgericht in Rennes sich zur Berurtheilung Dreyfus' commandiren lassen könnte; sie ist unmöglich. Sie war es bereits nach der Aussage des Untersuchungsrichters Bertulus, welcher es als bewiesen erklärte, daß Esterhazy das Borderau geschrieben, und nach der Aussage des Polizeichefs Cochefert, demzufolge es keine Affaire Dreyfus, sondern nur eine Affaire Esterhazy hätte geben dürfen. Und nunmebr erscheint ein Richter, der offen und freimüthig sagt, daß er geirrt hat. Es erscheint der Schriftexperte G o b e r t und macht die Enthüllung, daß er, vor der Verhaftung des Capitäns Dreystls mit der Prüfung des Bordereaus betraut, durchaus nicht die Autorschaft Dreyfus' bestätigen konnte, daß er deshalb dem General G o n s e große Vorsicht empfahl,' und daß man ihn sodann bei Seite geschoben und verdächtigt habe. „Ich bin durch den Koth geschleift worden", sagte Gobert „ich habe aber nicht den Mutb, mich zu beklagen, wenn ich diesen armen Officier vor mir sehe. Ich bekräftige, daß das Bordereau die Schrift des Esterhazy aufweist". Es erscheint der Schriftexperte C h a r a v a y, dessen Gutachten im Jahre 1894 die Richter ebenfalls in dem Glauben an die Schuld des Angeklagten bestärkt hat, und er sagt von Dreyfus: „Er war ein Opfer unseresJrrthu ms". Eine Pflicht und ein G e w i s s e n s t r o st sei es für ihn, zu erklären, daß er sich getäuscht habe und daß das Bordereau nicht das Werk des Hauptmannes Dreyfus, sondern des Commandanten Esterhazy ist. Herr Bertillon allerdings bleibt, ungeachtet der landesflüchtige Esterhazy, der auch durch die Zusicherung des freien Geleites nicht bewogen werden konnte, vor Gericht zu erscheinen, eingestanden hat, daß er das Bordereau geschrieben, der entgegengesetzten Ansicht. Er brauchte viele Stunden dazu, um Theorien zu entwickeln, die er Niemandem begreiflich zu machen im Stande war; andere Schriftexperten erklärten mit der größten Verständlichkeit seine Theorien und seine Messungen von Anfang bis zu Ende als durchaus falsch, und Bertillon selbst gesteht, daß er die Handschrift Esterhazy's mit der des Bordereau gar