Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 35 (1.9.1899)
- Date
- 1899-09-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 35 Dl*■ Bloch’s Ial,rg««g XT1. Centralorgan für die grsammken Interessen des Iudenthums. »- V. ft. Pofispiircsssrn-Amr Clearingverkehr Nr. 610.976. Ardaction und Administration: 1Vrrn XI., Untere Auarrrterrstr la. Telephon - Nr. 14.847 »= ---= ■ —=* Wien, 1. September 1899. ■■■ i Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstraße 1 a* Telegramm-Adresse; Bloch's Wochenschrift, Wien. Vrrngsprri» für Sesterreich' Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Etnzeleremplare 25 kr. lür's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ 20 „ Anzeigen: Die4malgespaltene Petitzeile 12 kr. .- * Inhalt. Leitartikel: Zur Affaire Dreyfus. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Ter Kuß der antisemitischen Vorgesetzten. Der Proceß gegen Jesus von Nazareth. Eine Abfertigung. Fritz Reuter und antisemitische — Bildung. Europäische Monarchen über Dreyfus. Der Papst und die Dreyfus-Affaire. — Zur Berussstatistik der Juden in Deutschland. — Jüdischer Religionsunterricht. — Die Editionen der israelitischen ungarischen Literaturgesellschaft. — Eorrespondenzen: Wien, Neu-Raußnitz, Falkenau, Solingen, Basel, Paris, Jaffa, London, New-Iork, Philadelphia. — Vermischtes: Wien, Baden, Karlsbad, Franzensbad, Marienbad, Petrau, Znaim, Olmiitz, Essegg, Berlin. — Feuilleton: Jahrzeit. — Michael. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Den geehrten Leserti, Gönne? n und Freunden wünschen wir aus Anlass des Jahreswechsels rmD nown rwre Die Redaction der „0esferreiehisehen Woehensehrift“ Dr. JOS. S. BLOCH. Zur Affaire Dreyfus. Der Dreyfusproceß, der sich in Rennes abspielt, bietet täglich das Schauspiel des moralischen Zusammenbruches jedes einzelnen der Belastungszeugen; es ist höchst lehrreich, den Wegen nachzugehen, die Licht und Wahrheit brauchen, um durch die Wolken der Lüge, des Treubruches, des Meineids durchzudringen, mit denen man diese traurige Affaire umgeben hat. Die Wahrheit hat noch nicht gesiegt, noch lagert der Nebel über Frankreich, und wenn es auch zu dämmern beginnt, so ist es doch nicht Tag geworden. Zwar braucht man nicht mehr zu befürchten, daß die Wahrheit noch einmal verdeckt werden könnte; solange jedoch das endgiltige Urtheil nicht gesprochen ist, wäre es verfrüht, die Rolle zu beleuchten, welche die maßgebenden Aukläger des unglücklichen Dreyfus gespielt haben und auf Grund derselben nicht blos ihre moralische Vernichtung auszusprechen, sondern auch . ihre gesetzmäßige Bestrafung zu fordern. Warten wir mit diesem Begehren, bis das neue Urtheil gesprochen ist, und bis aus Grund desselben sich gezeigt haben wird, wie kräftig sich das Gewissen der Franzosen zu rächen im Stande ist, wie sehr sie selbst das Verlangen tragen werden, gereinigt dazustehen von der Schmach, die ihnen die Führer der vergötterten Armee angethan haben. Sind sie kräftig genug, diese Selbstreinigung zu vollziehen, so wird es ihnen auch nicht an -Kraft fehlen, die Ursachen zu erforschen, welche eine so hochbegabte Nation verführen konnten^ ihrer eigenen Mission untreu zu werden, ihre Geschichte zu verleugnen und in Gefahr zu gerathen, vor ganz Europa nicht nur der Lächerlichkeit zu verfallen, sondern als jeden ethischen Gefühles baar betrachtet und behandelt zu werden. Diese Ursachen sind viel wichtiger als die Folgen, die sie gezeitigt haben, und nur chre gründliche Beseitigung kann Frankreich von dem Alpdruck befreien, der auf ihm lastet und ihm immer von Neuem gefährlich werden kann. Welches aber sind diese Ursachen? Wir glauben nicht fehl zu gehen, wenn wir in zwei Elementen die entsprechenden Factoren erkennen, welche den öffentlichen Geist in Frankreich schädlich beeinflussen und die guten Eigenschaften und edlen Triebe der französischen Nation nicht zur Geltung gelangen lassen; es sind dies der Chauvinismus und die Pfaffenschule. Wir gebrauchen das Wort „Pfaffenschule" nicht in schmähendem Sinne, sondern nur zur Charakterisirung der allgemeinen Richtung, welche das Schulwesen in Frankreich genommen hat, eine Richtung, welche dem Laienunterricht den erbittertsten Widerstand entgegensetzt und die unheilvollen Früchte zeitigt, die in dem Processe ans Tageslicht kommen. Daß der Chauvinismus eine der Hauptursachen der sich kuudgebenden Corruption ist, bedarf kaum eines Beweises. Er hat die gesammte Nation so hypnotisirt, daß es nur ein Zola wagen konnte, den vergötterten Armeeführern die Maske vom Gesichte zu reißen und es ist bekannt, welches geistreiche Urtheil er über sich ergehen lassen mußte, welchen persönlichen Anfeindungen, Verfolgungen und Verunglimpfungen er ausgesetzt war, die nicht nur aus der Maße, sondern aus Kreisen gegen ihn geschleudert wurden, die man für Seinesgleichen früher gehalten hatte. Vermeintlicher Patriotismus, angebliche Liebe zur Armee, hatten das Urtheil von Männern verwirrt, die man für geistig frei hätte halten sollen, wie verderblich hatten sie erst auf die leichtbewegliche aber urtheilsunfähige und der Verführung zugängliche Menge gewirkt. In eingebildeter Furcht, daß ein ehrliches Bekenntniß eines Justizirrthums der Armee mehr moralischen Schaden zufügen könne, als die ehrliche Aufdeckung der Wahrheit, hatte man Lüge, Meineid, Fälschung in der Armee nicht nur geduldet oder vertuscht, sondern von regierungs-