Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 34 Br. Bloch's Wochenschrift. Seite 635 Joseph: Dein Wort — auch Deine Miene spricht, Du hast Wohl schweres Ungemach erlitten. — Vater: Bitter klingt Fremdling! Ich lebe meine Tage bis zur Stunde, Die mir Erlösung bringt von harter Prüfung — (Ablenkend.) Du kommst aus fernem Lande, Herr, und bist Vom scharfen Tagewerk ermüdet — komm, Ich will die Lagerstätte Dir bereiten Und Milch und Brot zum Mahl, wenn's Dir genügt. Joseph: Und hast Du auch ein Lager noch für Dich? Vater: Ich mag den Rest ja aus der Erde schlafen, Dem Gast gebührt im Haus der beste Platz. Joseph (leise): Das möge Gott verhüten! Vater: Es ist Dir zu gering? Was denkst Du heute Joseph: Du sagst den Rest der Nacht? noch zu unternehmen? Vater: Ich halte Wacht Joseph (rasch): Sag' wie versteh ich Dich? Vater: Am Grabe meines Glück's — Joseph: Und unverständlich ist mir Deine Rede. Wenn Dich ein schwer Geschick betroffen hat Erzähle mir's, erleicht're Deine Seele Und wälze ab der Trauer herbe Last Auf eines Freundes Schultern — Vater (faßt ihn bei der Hand): Zum ersten Male klingt ein Trosteswort Seit langer Zeit an mein betrübtes Ohr. Der Himmel segne Dich, daß Du des alten Verlassensten der Erde Dich erbarmst — O großer Gott, es gibt noch einen Menschen. Joseph (mnhsani) : Komm', öffne mir Dein Herz — Vater: Hier auf den Stufen niedersitzen, schwach Sind meine morschen Glieder und die Unkraft Benimmt mir leicht den Athem — (Fortsetzung folgt.) Geheimnißvotl Guter Herr, O lasse mich Michael. Erzählung von S. K o h n, Verfasser von Gabriel. (Fortsetzung.) Achtes Capitel. Der furchtbare Schlag, der mit ungeahnter Plötzlichkeit über Aron Brack hereingebrochen, hatte ihn tief gebeugt, aber seine Gläubigkeit, sein Gottvertrauen, verlieh seinem Geiste und Gemüthe einen hohen Grad von Elasticität. In kurzer Zeit hatte er das einen Moment gestörte Gleichgewicht in seinem Seelenleben wieder hergestellt, so daß die tiefe Trauer über den frühen Heimgang seiner edlen Lebensgefährtin ihn nicht verhinderte, alle seine Pflichten mit peinlichster Pünktlichkeit zu erfüllen. Der Gemeinde-Rabbiner hatte sich erboten, wie dies üblich, an dem Grabe der frommen und wohlthätigen Frau einen Hesped') abzuhalten. Aber Brack bat ihn, es zu gestatten, daß er selbst seiner Lebensgefährtin den Nachruf halte; und alle Anwesenden waren von der Art und Weise, in welcher er sich dieser Ausgabe ') Eine Trauerrede, Leichenrede. entledigte, in hohem Grade überrascht. Obwohl offenbar von tiefster Rührung ergriffen, wußte er doch seine Thränen mannhaft zu bekämpfen, seine schönen Gedanken in so gediegener Rede zu ordnen, daß kein Auge thränenleer blieb und die Versammelten, als er geendet, in ein Minuten währendes Schluchzen ausbrachen. Man wollte nun den einfachen, offenen Brettersarg in die Grube senken, als zur allgemeinen Ueberraschung der siebenjährige Michael Klein, augenscheinlich einer spontanen Eingebung folgend, an das offene Grab trat und hocherregt seinen Pflegevater um die Erlaubniß bat, ebenfalls einige Worte an der Bahre der edlen Frau zu sprechen. Eine so pietätvolle Bitte konnte nicht verweigert werden, und zu dem namenlosen Erstaunen aller Anwesenden sprach der kleine Knabe, wenn möglich noch ergreifender als der gelehrte, wortgewandte, redegeübte Brack. — Mit seiner zarten Kinderstimme sprach er es aus, daß er in weniger als zwei Jahren dreimal das Härteste, das einem Menschen und besonders einem Kinde widerfahren könne, erlitten, daß er Vater, Mutter und jetzt seine zweite Mutter verloren. Der kleine Knabe, der schon durch seine einfache, schmucklose Ausdrucksweise die Herzen machtvoller als der glänzendste Redner ergriff, schien, während er jetzt sprach, die furchtbarsten Momente seines Kinderlebens nochmals durchzusühlen. Erschütternd war es, als der kleine Redner auch dem Schmerze Ausdruck verlieh, daß er an dem Grabe seines lieben Vaters, seiner lieben Mutter, ihnen nicht für all' die Liebe, die sie ihm erwiesen, danken konnte, weil er damals noch gar so klein und dumm gewesen. Einfach und kunstlos, aber das Herz seiner zumeist einfachen, schlichten Zuhörer bis in den Urgrund erschütternd, schilderte er seine Ankunft in Brack's Hause, seine Verzweiflung bei dem Tode seiner Mutter, seine entsetzliche Hilflosigkeit, seine Verlassenheit und wie sich Brack und seine Frau seiner erbarmt und ihn gehalten, als wäre er ihr eigen Kind gewesen, und wie er nun wieder seine zweite unvergeßliche Mutter verloren. Der ungewöhnlich kluge, seinen Jahren weit vorangeschrittene Knabe brachte, der Form nach allerdings in Kinderart, dem Wesen nach aber mit scharfem Blicke das Richtige erkennend, den für sein jugendlich Alter merkwürdigen Gedanken zum Ausdruck : daß er seiner zweiten Mutter, die nicht seine leibliche gewesen, um so dankbarer sein müsse, als sie nur freiwillig die Mutterpflichten gegen ihn übernommen und sie in schönster Weise erfüllt habe. Er schloß unter Schluchzen aller Anwesenden mit den Worten, daß er seine Dankbarkeit und Liebe gegen die Todte in keiner anderen Weise zum Ausdrucke zu bringen wisse, als daß er seinem Pflegevater in liebevollen» Gehorsam anhangen, ihm, so weit seine schwache Kindskrast reiche, Freude machen wolle, und hoffe, daß Gott seinen Pflegevater trösten und die Stärke verleihen werde, auch diese Gottessügung mit Ergebung zu ertragen, und ihn an seinem Töchterchen Glück und Freude erleben lassen werde. Es braucht wohl nichL nochmals wiederholend hervorgehoben zu werden, daß der kleine, vor Aufregung zitternde Knabe seine Grabrede nicht in Form vollendeter Abrundung zu Gehör brachte, aber die Wirkung blieb trotzdem eine tief erschütternde. Als er geendet, drängten sich trotz der Ehrfurcht, welche die unmittelbare Nähe des Grabes und der allgemein beliebten Verblichenen einflößte, doch Alle an ihn, man hob ihn in die Höhe, küßte ihn, überhäufte ihn mit Liebkosungen. Nachdem die Todte in die Gruft gesenkt worden war, gingen die Anwesenden in das zu diesem Zwecke aus vem Friedhof erbaute kleine Häuschen, um dort das Gebet zu verrichten, und Michael betrachtete es, ohne hiezu von Jemanden aufgefordert worden zu sein, als etwas Selbstverständliches, daß er, wie nach dem Tode seiner leiblichen Mutter, das Kaddischgebet verrichte. — Brack schritt nun, wie dies üblich ist, durch die Anwesenden, welche zwei Reihen bildeten und ihn» die vorgeschriebenen Trostworte in hebräischer Sprache zuriefen, dann setzte er sich auf einen niederen Schemmel, streifte die lederne Fußbekleidung ab, nach einer kurzen Weile erhob er sich, zog die Stiefel wieder an, ergriff die Hand seines Pflegesohns und kehrte in die Stadt in sein Haus zurück. Die Vornehmsten der Gemeinde begleiteten ihn in seine Wohnung, aber sie verließen ihn schon nach kurzer Zeit, da sie erkannten, daß er das Bedürfniß habe, mit seinem Schmerze allein zu sein. Nun trat Brack an die Wiege seines mutterlosen Kindes welches, das schwere Unglück, das es schon in seiner ersten Jugend getroffen, nicht ahnend, mit einem glücklichen Lächeln in