Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 34 Dr. WocheuschrifL' Seite 631 Anläßlich des Geburstfestes Sr. Majestät des Kaisers, fand am 18. d. M., um halb 7 Uhr ein feierlicher Gottesdienst statt. Se. Ehrwürden Herr Dr. Rabbinowitz hielt die Festpredigt, an welcher die Honoratioren der Stadtvertretung, Militär-Gerichtsbehörden, der Mittelschulen, der Postverwaltung theilnahmen. Herr Obercantor Drachmann mit seinem geschulten Damenchor und der Orgelbegleitung trugen zur Verherrlichung viel bei. Prag. Der Israel. Landeslehrerverein in Böhmen hielt hier seine 26. ordentliche Generalversammlung ab. Der Obmann Herr S. Springer gedachte zu Beginn derselben des jähen Ablebens der Kaiserin und wies auf den schweren Verlust hin, den Kaiser und Reich erlitten. Der Bericht des Schriftführers Herrn Rabbiners Freund aus Bodenbach und der des Cassiers Z i n n e r aus Beraun, wurden einstimmig angenommen. Demselben ist zu entnehmen, daß der Verein 182 wirkliche Mitglieder zählt. Der Vereinsbeitrag wurde auf 3 fl. festgesetzt. Sodann hielt Rabbiner Freund über die vom Vereine herausgegebene hebräische Lesernaschine einen Vortrag niit Demonstrationen. Rabbiner A. Stein aus Radnitz sprach über die Geschichte der Juden in Böhmen. Der Vortrag des Rabbiners Goldstein aus Nimburg: „Auf abschüssiger Bahn", rief eine lebhafte Debatte hervor, in die namentlich das Ehrenmitglied des Vereines, Herr S. Königsberg, eingriff. Die Redner ernteten für die gediegenen Vorträge reichen Beifall. Auf Antrag des Vorstandes faßte die Generalversammlung den Beschluß, sich bezüglich der Altersversorgung der Cultusbeamten an die Landesrepräsentanz und den israelisischen Gemeindebund in Böhmen zu wenden, um den Beitritt der Cultusgemeinden in den Pensionssond zu bewirken. In den Ausschuß des Vereines wurden gegewählt: S. Springer, Obmann, M. Freund (Bodenbach), A. Stein (Radnitz), Abeles (Kuttenberg), Obmann-Stellvertreter; D. Löwy (Prag), Hoch (Czaslau) Schriftführer; für den scheidenden Cassier Zinner (Beraun) trat Herr Schwager (Prag) in den Ausschuß. An die Allerhöchste Cabinetskanzlei wurde eine Huldigungsdepesche gerichtet, in der die israelitische Lehrerschaft Böhmens ihren patriotischen Gefühlen Ausdruck gibt. Nach Verlesung der Begrüßungsschreiben schloß der Obmann mit einem dreimaligen Hoch auf den Kaiser die Versammlung. Reichenberg. Unser, im Jahre 1889 nach den Plänen des Herrn Professors Carl König in Wien inmitten der Stadt herrlich gelegener, durch die hiesigen Baumeister Sachers und Gärtner erbauter Tempel, hat bisher seiner inneren Ausschmückung entbehrt. Heuer wurde nun auch diese Arbeit sogar in anerkennenswerther Weise durch den bekannten, heimischen Maler Ernst Meininger erledigt. Für die Polychromirung waren drei Entwürfe eingelangt, und zwar: Ludwig. Wien, Kiesling, Dresden, Meininger, Reichenberg. Sowohl Professor König in Wien, als auch die hiesigen Sachverständigen erklärten sich einstimmig für den Entwurf Meininger, welcher auch zur Ausführung gelangte. Die Malerei ist dem Baustyle entsprechend in italienischer Frührenaissance gehalten. Die reiche C assettendecke ist in Hellem Elfenbeinton, geschmackvoll abgetönt mit reicher Vergoldung der verzierten Profile und die Cassetten sind gefüllt mit ornamentaler Malerei im Goldtone. Anschließend an den Hauptplafond sind die reichen Kuppeln der Frauengallerie behandelt, deren Felder mit zierlichen Ornamenten geschmückt sind, während die kreisförmigen Felder der Mitte ein goldener Strahlenkranz auf blauem Felde ziert. Die Wandflächen sind in äußerst geschmackvoller Marmorimitation besonders hervorzuheben, welche die Firma Meininger durch einen der besten Specialisten Herstellen ließ. Die Kuppel des Bestibules ist entsprechend der inneren Plafondmalerei gehalten und sind auch hier die Wandflächen in reicher Marmorimitation geschmackvoll hergestellt. Die vier Ecknischen im Vestibül wurden mit reich verzierten Säulen geschmückt, welche mit goldenen Flammen bekrönt sind. In äußerst dankenswerther Weise hat der hiesige Gewerbeschul-Professor Herr Dr. Johann Beer die Entwürfe zu den Säulen geliefert und die künstlerische Ueberwachung der Arbeiten übernommen. Unserem heimischen Kunstgewerbe gebührt für die künstlerische Leistung bei Vollendung einer der schönsten Monumentalbauten unserer Stadt unsere vollste Anerkennung. — Am 27. und 29. d. M. sind die Neuwahlen für den ausscheidenden Vorstand. — 1— Karlsruhe. Zu dem Bericht aus St. Moritz liegt noch die Mittheilung vor, daß Her Großherzog von Baden schon öfter Gelegenheit genommen hat, sich in ähnlicher Weise zu äußern, wenn auch antisemitische Blätter in bekannter Gepflogenheit es leugnen. So sprach sich der Großherzog 1890 einem badischen Beamten gegenüber in höchst bedauernder und mißbilligender Weise über die antisemitischen, in der Nähe von Mannheim stattgefundenen Versammlungen aus und über die Z;ele der antisemitischen Partei, welche sich mit Unrecht eine conservative zu nennen wage. Der Großherzog betonte dabei, daß auf seine persönliche Anregung hin die Sache bei der großherzoglrchen Regierung zum Gegenstände von Berathungen gemacht worden sei, und versicherte, daß seine Regierung dieser Bewegung ihre volle Aufmerksamkeit schenke und nöthigensalls die geeigneten Maßregeln zum Schutze des Friedens unter den Confessionen ergreifen werde. Hinzugefügt wurde noch (s. Mannheimer General- Anzeiger vom Juni 1890), daß der Großherzog den betreffenden Herrn ermächtigte, seine Aeußerungen auch weiteren Kreisen bekannt zu geben. Daß der Gcoßherzog von Baden ein entschiedener Gegner des Antisemitismus ist, dafür liegen schon seit Jahren Documente vor. Am 15. Juni 1890 berichtete das „Mannheimer Amts- und Kreisverkündigungsblatt" nicht blos, daß der Großherzog sich mißbilligend über die antisemitische Bewegung ausgesprochen habe, sondern auch, daß auf seine persönliche Anregung die Sache bei der großherzoglichen Regierung zum Gegenstand von Berathungen gemacht worden sei und daß nöthigensalls die geeigneten Maßregeln zum Schutze des Friedens unter den Confessionen ergriffen werden würden. Baden-Baden, Am 16. d. M. fand hier in Anwesenheit von Vertretern der staatlichen und städtischen Behörden die Einweihung der neuerbanten Synagoge statt. Der Präsident des Gemeindevorstandes und Prof. Levi-Karlsruhe begrüßte am Eingänge der Synagoge die Gäste, die ohne Unterschied der Confessio» zahlreich erschienen sind, um an der Einweihungs- Feier theilzunehmen. Als Vertreter des Großherzogs war Geh. Regierungsrath Haaße, vom israelischen Oberrath in Karlsruhe Fritz Homburger, von den badischen Rabbinen Dr. Levin-Fceiburg anwesend. Unter den Gästen bemerkten wir auch Herrn Bauer aus Straßburg, Mitglied des Consistoriums und die Herren Rabbiner aus Lautenburg und Sedan. In der Festpredigt dankte Bezirksrabbiner Dr. Mayer-Bühl Herrn Prof. Levi für seine eifrigen Bemühungen um den Bau der schönen Synagoge, wies auf das Wohlwollen des Großherzogs hin, der alle seine Landeskinder mit gleicher Liebe umfaßt und ermahnte die Gemeinde, des großen Weltbaumeisters nicht zu vergessen, die Wahrheiten des Judenthums in ihrer Mitte zu pflegen, damit des P^ophetenwort bald in Erfüllung gehe: „Mein Haus soll ein Bethaus für alle Völker genannt werden?" Der Synagogen-Chor von Buhl und Herrn Cantor Kahn aus Straßburg haben durch ihre Chor- und Solovorträge zur Hebung dieser würdigen Feier wesentlich beigetragen. Die neue Synagoge, im romanischen Stile gehalten, ist architektonisch ein ganz hervorragendes Bauwerk und reiht sich würdig den anderen von Prof. Levi äufgeführten Prachtbauten an. Diesem genialen Baumeister verdanken wir auch die herrlichen Synagogen in Kaiserslautern und Straßburg. F. - Berlin. Die „Neue Preußische Zeitung", gewöhnlich Kreuzzeitung genannt, veröffentlichte am 16. August einen großen Leitartikel über „Judentaufen im XIX. Jahrhundert". Dieser Artikel fußt auf der Arbeit des Pastor de le Roi. der eine statistische Uebersicht über diese Frage veröffentlicht hat. Nach diesen Aufstellungen verliert das Judenthum alljährlich an die Christenheit circa 5250 Personen und zwar durch Uebertritte: , _ an die evangelische Kirche 1450 Personen „ „ katholische „ 1250 „ tJ ~ » » griechische „1100 endlich durch Mischehen 1450 „ Sehr bemerkenswerth ist, was die Kreuzzeitung diesen Ziffern hinzufügt: „Darnach würden allerdings die nach sehr niedriger Schätzung gewonnenen 224.000 Judentaufen dieses Jahrhunderts eine achtuugswerthe Zahl darstellen. Wir wollen aber nicht vergessen hinzuzufügen: auch nur eine Zahl. Was das Judenthum an ihnen verloren hat, wissen wir, was die christliche Kirche an ihnen gewonnen hat, das wissen wir nicht; denn die Apostel pflegten die Taufe ernster zu nehmen, als es heutzutage leider oft genug mit den Judentaufen der Fall ist. Wir können uns der Auffassung der Kreuzzeitung nur anschließen, daß die gegenwärtig geübte Praxis von den Täuflingen sehr wenig verlangt, nur einen Eid, den die ungeheuere Mehrzahl leistet, obwohl sie sich bewußt ist, um weltlicher Bortheile halber einen falschen Eid zu schwören. So lange aber auf den Uebertritt zum Christenthum allerhand Prämien, z. B.: Professorentitel, Zu-