Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021277-3021312--09116-3033530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 630 Br. Bloch's Wochenschrift. Nr. 34 zu verwirklichen; es hängt von Euch ab, in welcher Gestalt Ihr daran theilnehmen sollt. Meine Herren! Nicht weit von hier, in Italien, existiren Friedhöfe, wo die Erde von Palästina in Schiffen hingebracht worden ist, nachdem die Völker den Besitz Palästinas endgiltig aufgeben mußten, und dort begraben sie ihre Todten. Wir wollen auch einen Camposanto haben, nicht als die Todten, in der Erde Palästinas, die nach Europa auf Schiffen gebracht worden ist, sondern einen Camposanto, ein heiliges Lager auf freiem Boden Palästinas als lebendige Nation. (Brausender, immer neu anhebender Beifall.) Und nun zum Schluffe, was bleibt mir noch zu sagen? Sie an eine alte Sage zu erinnern, die Sage vom Phönix, mit dem unsere Weisen schon längst unser Volk verglichen haben. Der Phönix lebt ewig; aber nach bestimmter Zeit wird er alt und schwach, und verbrennt innerlich und wird zur Asche, und ein ganz kleiner Keim bleibt übrig und diesen nimmt der Priester in Heliopolis, das ist in der Stadt der Sonne, hütet den Keim und pflegt ihn, und langsam erwacht der Phönix, und dann, wenn er völlig reif, dann schüttelt er die Schwingen und erhebt seinen Flug zur Sonne, zu Gott; wir, wir sind auch verbrannt, verstreut und mit Füßen getreten worden, wie die Asche der Erde, nur ein Keim ist geblieben, und jetzt kommen wir Zionisten, die Priester der neuen Zeit, und bringen den Keim zur Stadt der Sonne, der Wahrheit, der Treue, der Ergebung, und wir pflegen ihn und sollen ihn pflegen, bis das Judenthum wie der Phönix aus der Asche wiederersteigt und seinen Flug auswärts zur Sonne der Wahrheit nimmt und mit sich auch die Völker zieht. Das ist die Culturfrage. (Tosender Beifall.) Correspondenzen. Wien. (Der Held von der Rue Ehabrol.) Seit länger als einer Woche wird der Präsident der Pariser Antisemitenliga in dem Hause, in welchem er sich mit vierzig Gesinnungsgeiwffen verbarricadirt hat, von der Polizei belagert, die ihn wegen Hochverrates verhaften will. Anstatt in das Haus einzudringen und die Strolche festzunehmen, versuchte es die Polizei, die Belagerten auszuhungern, um Blutvergießen zu vermeiden. Mittlerweile haben bekanntlich die großen Tumulte in Paris stattgesunden, bei welchen viel mehr Blut vergossen wurde, als es bei der Erstürmung dieser operettenhaften Festung hätte geschehen können. Die Antisemiten feiern nunmehr diesen Jules Guerin als einen tapferen Helden, der Frankreich von der „Dreyfus-Regierung" und von den Juden befreien will, und als Märtyrer einer Idee, für welche der Edle auch sein Leben hinzugeben bereit ist. Bekanntlich ist Jules G u 6 r i n der Herausgeber eines antisemitischen Hetzblattes „l’Antijuif". Was man aber bisher nicht wußte, ist jetzt nach einem Porträt Guerin's, das in einem französischen illustrirten Blatte erschienen ist, in Krakau festgestellt worden, daß nämlich der Held von der Rue Ehabrol ein I n d u st r i e r i t t e r i st, der seinerzeit aus Krakau mit Hinterlassung großer Schulden, bei deren Contrahirung er den Antisemitismus in der Weise bethätigte, daß er auch Juden prellte, durchgegangen ist. Dem „Kurier Lwowski" wird darüber aus Krakau gemeldet: „Jules Guerin ist vor mehreren Jahren in Galizien aufgetaucht. Er gab sich damals den Anschein, daß es ihm um Naphtha-Unternehmungen in Galizien zu thun sei. Im Jahre 1887 hat die in Paris gegründete „Societe Jules Gu6rin“ vom Reichsraths-Abgeordneten Grafen Adam Skrzynski Naphtha-Terrains in Libusza (im Bezirke Neu-Sandec) um den Preis von 300.000 Francs angekauft. Der Verkäufer erhielt jedoch nicht den Kaufpreis, sondern nur ein Angeld im Betrage von fünfzigtausend Francs. Der Chef dieses „Unternehmens" war der jetzige Antisemiten-Häuptling Jules Guerin. Derselbe machte sich im Gutshof in Libusza ansässig. Der Gutshof erhielt eine überaus prunkvolle Einrichtung und wurde in ein luxuriöses „Palais du Guerin" umgewandelt. Theure Möbel und Teppiche wurden von Guerin mit Hilfe eines im großen Maßstabe in Anspruch genommenen Credites angeschafft. Guerin begab sich auch nach Krakau, wo er den Kaufmann E p st e i n mit der Lieferung von Silbergeräthschaften und Schmuckgegenständen betraute. Auf den von ihm erworbenen Naphta-Terrains sollten Tiefbohrungen nach canadischem System gemacht werden; sie wurden aber nicht ernstlich betrieben und nur zum Scheine vorgenommen. Inzwischen begannen die Gläubiger Guerin's ungeduldig zu werden und auf die Bezahlung ihrer Forderungen zu dringen. Da fand es Guerin für angezeigt, das Weite zu suchen, natürlich unter Mitnahme aller n i ch t b ez ahlten Werthgegenstände. Die plötzliche Flucht Guerin's hat damals in den Kreisen seiner Gläubiger eine wahre Panique hervorgerufen. Der Societe Jules Gußrin, die in Paris ihren Sitz hatte, wurde zwar mit Zahlungsaufträgen energisch zugesetzt, allein dieselbe erklärte, daß ihre Geschäftsbücher durch einen Brand vernichtet seien und daß sie deshalb außer Stande sei, Rechnungen zu begleichen. „Dies ist die Geschichte" — so schließt die Mittheilung des „Kmjer" — „der Wirksamkeit des Monsieur Guerin in Galizien, und dieselbe charakterisirt hinlänglich den Helden der Festung in der Rue Ehabrol, sowie die Individuen, welche jetzt an der Spitze der anti-republikanischen Bewegung in Frankreich stehen." Die Antisemiten aller Länder theilen mit einander das Mißgeschick, daß die dunkelsten Ehrenmänner an ihrer Spitze stehen. In Wien haben wir den Helden von der Josefsgasse, Ernst Vergani, den unerschrockenen Obligationär von Mühldorf, in Berlin den soeben heimgekehrten Herrn von Hammerstein und den würdigen Ahlwardt, nebst verschiedenen - Wucherern und Betrügern, in Graz einige Cridatare und Defraudanten, in verschiedenen Provinzstädten öffentliche Functionäre von ausgeprägtem Verganismus. Es gibt keine Partei, in der es einen solchen Ueberfluß von notorischen Lumpen gibt, wie die antisemitischen Vereinigungen aller Länder. Czaslau. (T e m p e l e i n w e i h u n g.) Am 3. September d. I. (28. Elul) wird die feierliche Schlußsteinlegung und Einweihung der nach den Plänen und unter der Leitung des k. k. Baurathes Wilhelm S t i a ß n y in Wien neuerbauten Synagoge in C z a s l a u stattfinden. Die Zunahme der jüdischen Bevölkerung in dieser Stadt und die nach dem Gesetze erfolgte Einbeziehung der in der Umgebung angesiedelten Juden in diese Cultusgemeinde machte einen Neubau nöthig, welcher am 13. März d. I. begonnen wurde und den die opferwillige Gemeinde mit Anspannung aller Kräfte, sowie mit Unterstützung einiger Wohlthäter, unter welchen insbesonders Herr Baron Albert von Rothschild hervorgehoben sei, nunmehr glänzend durchgeführt hat. Das inmitten einer Gartenanlage, also nach allen Richtungen hin freistehend erbaute Gotteshaus, ist im reinsten maurischen Style mit reichem ornamentalen Schmucke und in polychromer Bemalung dnrchgeführt, und wird gewiß der Stadt Czaslau zur Zierde, der Cultusgemeinde daselbst zur Ehre gereichen. Um das Zustandekommen des Baues hat sich der Cultusvorsteher Herr Philipp Weiner, dessen Stellvertreter Herr Emanuel Wassermann und die Mitglieder des Bau-Comites Verdienste erworben. Die Staatsbehörde, sowie die Stadtgemeinde werden sich an dem Einweihungsacte betheiligen. Linz. Die löbliche „Allgemeine Sparcasse in Linz" hat gelegentlich der 50jährigen Jubelfeier ihres Bestandes, auch der hiesigen „Chewra Kadischah" die sehr namhafte Spende von fl. 500 gewidmet. — Ein anderes, wohl sehr seltenes Vorkommniß aus letzterer Zeit: Eine streng-jüdische hochbetagte Frau wohnte seit 42 Jahren im Hause eines christlichen Hauseigenthümers, welcher vor einigen Monaten mit Tod abging. Obwohl bei der Testamentserrichtung einer der Zeugen (ein bekannter, clericaler Bürger) alle Ueberredung aufbot, den Kranken zu bestimmen, den hiesigen Dombau (Kirche) rc., als Erben einzusetzen, verblieb es unerschütterlich als letzter Wille, daß in Anbetracht der so vieljährigen, bewiesenen Treue und Ehrlichkeit diese jüdische Frau zur Universalerbin seines Hauses und gesammten Nachlasses, eingesetzt wurde. Die vielen Freunde dieser auch von allen Christen geachteten, strenggläubigen Jüdin, gönnen ihr vom Herzen diese Gunst des Schicksals. M.-Weißkirchen. Bei der am 9. August stattgefundenen Cultuswahl gingen mit großer Majorität hervor. 3. Wahlkörper: Philipp Kohn, Ferdinand Rindl, Gustav Stroß. 2. Wahlkörper: Bernhard Wolf, Samuel Kober, Max Eppler. 1. Wahlkörper: Samuel Fischl, Sigmund Bennisch, Abraham Dittl. Bei der am 16. d. M. stattgefundenen Cultusvorstandswahl wurden Herr Bernhard Wolf zum Vorstand, Herr Samuel Fischl zum 1. Rath, Herr Gustav Stroß zum 2 Rath, Herr Ferdinand Rindl, Herr Gustav Stroß, Herr Adolf Schlesinger zum Tempelvorstand gewählt.