Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 34 Seite 629 Dr. Bloch's Wochenschrift. Tage von Trafalgar: „Israel expects everybody to do his duty!" „Israel erwartet, daß jeder seine Schuldigkeit thut!" Die Rede Nordau's wurde fast bei jedem Satz von Beifall und Händeklatschen unterbrach m, zum Schluß ertönte reicher Beifall und Händeklatschen. * * * Culturrcferat des Tr. Gaster. Ich hatte eigentlich erwartet, daß unsere Frage der C u l t u r ein Theil der Organisation sei, denn thatsächlich handelt es sich doch darum, nicht blos die materielle Kraft unseres Volkes zu organisiren, sonder besonders die geistige Kraft unserer Nation zu wecken und zu organisiren. Ich sehe aber, da ich jetzt das Wort ergreife, um Ihnen mitzutheilen, was die Culturcommission Ihnen mitzutheilen hätte, eigentlich wenig und doch viel, wenig von dem was geleistet, viel von dem was erhofft wird. Ich komme mir wie ein Träumer vor, und ich muß eingestehen, ich glaubte, Ihr werdet mir zurufen, wie es in alter Zeit geschehen ist: „Da kommt der Träumer wieder, um uns von seinem Träumen zu erzählen". Und thatsächlich ist doch auch unsere Culturfrage der große prophetische Traum unseres Volkes, die große prophetische Vision, welche unser Volk durch die Jahrtausende gehegt, das große Ideal, welches seinem geistige Auge zeitlebens vorgeschwebt hat und tief das Leben unseres Volkes beeinflußt hat. Jedes Volk und jeder Mensch ist durch das Ideal beeinflußt, welches lange vor seinem Gesichtskreis weilt. Wenn ein Volk von der Schönheit der Natur ergriffen, schöne Kunsterzeugnisse hervorbringt und sein Auge und Gemüth stets daran labt, so wird unwillkürlich seine Seele, sein Geist denselben Motiven der ästhetischen und natürlichen Schönheit folgen und Schönheit wird das Resultat sein, und wenn ein Volk sein Auge stets gebannt hält ans ein wüstes Ideal wie Rache und Wuth, Revanche und andere dergleichen neue Leidenschaften, dann ertödtet dieses wüste Ideal alle hohen Bestrebungen und cs sinkt von Stufe zu Stufe und verliert seine Berechtigung, eine große führende Rolle in der Geschichte der Menschheit zu spielen. Wir haben aber immer ein großes Ideal vor Augen gehabt unvergleichlich mit den Idealen, welche andere Völker beeinflußt haben, und wir verfolgten das Ideal unverzagt durch die Jahrtausende. Denn wir träumen, träumen von einem eigenthümlichen Reich auf Erden, wo Gerechtigkeit und Liebe herrschen sollen, und wir nennen das Gottesreich auf Erden das Ideal des jüdischen Volkes. Es ist ganz anders, es sticht vollständig ab vom Bestreben der ganzen Welt, und darum sind auch wir stets anders geblieben, und ich betheure es von hier aus, höher geblieben, als alle Nationen der Welt. Denn es ist keine Nation, die sich mit uns vergleichen kann. In Erniedrigung, im Schmach, in Verfolgung, in der geistigen Vernichtung, die gegen uns versucht worden ist: nichts ist erreicht worden, und wir sind unserem Ideal heute und gerade als Zionisten treu geblieben, wie es unsere Vorväter vor tausend Jahren waren. Natürlich, Sie werden mich fragen: „In welchem Zusammenhang steht dieses Gottesreich ans Erden mit der zionistischen Bewegung?" Natürlich im innigsten Zusammenhang. Das eine ist das Hoffen, und das andere ist die Thal. Wir haben stets vor unserem geistigen Auge das Bild der glorreichen Zukunft und das ist das Geheimniß unserer Ewigkeit und Unverwüstlichkeit. Wenn auch unsere Körper gebrochen wurden, unser Geist ist nie gebrochen worden. Als der Tempel in alter Zeit zerstört wurde, da verlangte der Führer der geistigen Partei von dem römischen Sieger nicht die Befreiung der Sklaven, nicht das jüdische Volk, er verlangte den jüdischen Geist frei zu setzen; er erbittet eine ganz bescheidene Sache, blos eine Schule zu eröffnen. Diese Schule hat nie aufgehört. Die Pforten, einmal geöffnet, sind nie geschlossen worden, und durch diese Pforte ist der Geist der Menschheit gezogen (Tosender Beifall), um geläutert wieder herauszukommen. Wir haben von allen Seiten gelernt. Aber wir haben auch nach allen Seiten hin als Lehrer, Lehrer in geistig höchster Bedeutung, gewirkt. Denn wir haben gezeigt, was Muth, was Enthusiasmus, was Begeisterung, was Selbstaufopferung im Stande sind, zu leisten, und haben der Welt ein Beispiel gezeigt, wie ein Volk zerstreut, geknechtet, verfolgt, doch im Stande ist, einem idealenRuf, wie er einmal erschollen ist, demZionismus, nicht instinctiv, sondern mit tiefem Berständniß zu folgen und sich hier zu vereinigen. (Beifall). Es ist nothwendig, daß ich darauf besonderes Gewicht lege, hier, wie ich es voriges Jahr gethan habe, schon aus dem Grunde, weil wir in unseren Debatten und in dem Programm, das uns vorgelegt worden ist, uns nur zu sehr mit nicht idealen Fragen beschäftigt haben. Es sind die materiellen Bedürfnisse, es ist das momentan Nothwendige in den Vordergrund geschoben worden. Aber es soll nicht gesagt werden, daß wir hier zusammenkommen, blos um uns zu organisiren oder um Geld zu schaffen. Wir kommen hier zusammen, vor Allem um zu erklären, daß dies nur Nebendinge sind, Mittel zum Zweck, der Zweck jedoch hoch und erhaben über diesen kleinen Fragen steht. (Beifall.) Wir arbeiten an der Befreiung des Geistes. Wir arbeiten an dem ewigen Fortschritt der Menschheit. Wir arbeiten an Allem, was groß und mächtig ist in seiner geistigen Erscheinung. Und darum soll die Culturfrage hier nicht nur gestreift, sondern auch erwogen werden, in ihrem Zusammenhänge mit unserer jetzigen Stellung. Ich fing an und sagte: „Ich komme eigentlich mit leeren Händen, aber mit vollem Herzen. Mit leeren Händen. Natürlich, ein wirklicher Fortschritt besteht darin, wenn wir systematisch ordnungsgemäß Vorgehen, wenn wir lernen, Disciplin unserem Geist und Disciplin unserem Volke aufzuerlegen, wenn wir lernen, langsam in der Entwicklung den Fortschritt zu begreifen und zu unterstützen. Warum haben wir nichts geleistet? Meine Freunde! Wenn die Uhr aufgezogen wird, dann steht sie, und jetzt wird die Uhr aufgezogen, die uns die Stunde unserer Befreiung schlagen soll, und darum steht sie diesen Augenblick. (Beifall, Heiterkeit.) Wir sind mit dem Ausziehen der Uhr beschäftigt. (Heiterkeit.) Wir sind mit dem Heranziehen der Geister beschäftigt. Wir sind jetzt daran, unserem Volke zu sagen, was wir wünschen und in welcher Weise wir es zu verwirklichen trachten. Momentan können wir nur den frommen Wunsch äußern. Unsere Mittel sind beschränkt, gegenseitiges Verständniß existirt noch nicht, die Geister sind noch nicht geklärt, einen Katechismus für das Jndenthum können wir nicht schreiben; in religiöse Fragen können wir uns nicht mengen. Wir lehren blos den Respekt vor der heiligen Lehre, aber bringen diese Frage nicht in die Debatte und zur Entscheidung; denn die Entscheidung ist schon längst getroffen. (Beifall.) Aber wir behaupten, wenn wir. auch jetzt alle uns auf einem Schiffe befinden, welches von den Wellen des Haffes getrieben wird, daß es doch einen Leuchtthurm gibt der uns zeigt, wo der Hafen der Ruhe, der Befriedigung, der geistigen Seligkeit ist, das ist die Cultur, das Bewußtsein, daß er irgendwo ein Centrum des Lichtes gibt, welches uns den geraden Pfad im Leben weist. Natürlich gibt es auch eine Aftercultur. Es gibt auch, wie es alle Diejenigen wissen, welche an den Küsten der Meere wohnen, falsche Lichter, die aufgesteckt werden von Feindeshand, um die Schiffe von der richtigen Fahrt abzulenken und vielleicht zerschellen zu lassen an den Felsen der Unwissenheit, des Fanatismus und der Intoleranz. Das ist keine Cultur. Dagegen sträuben wir uns. Was wir anstreben, ist den Pfad zum richtigen Hafen, zu jenem Leuchtthurm zu erreichen. (Beifall.) Aber hüten müssen wir uns, daß auf der Flagge, die da im Winde flattert, auf der Flagge der jüdischen Begeisterung, auf der Flagge der Zionisten, das goldene Kalb nicht gezeichnet werde. (Rufe: Sehr gut. Beifall.) Hüten wir uns. daß die Luftlöcher nicht mit goldenen Thüren zugesto^st werden. Es ergeht uns sonst wie dem Capitän in alter Zeit, der auf sturmbewegter See war und das Getöse nicht ertragen konnte: er ruft dem Matrosen: „Decken Sie doch diese Oeffnung zu, damit ich dieses Geräusch nicht höre!" Und allmälig ist das Geräusch stiller und stiller geworden und er ist in den Hafen eingelaufen; aber im Schiff waren die Passagiere erstickt. So darf es uns nicht gehen. Wir müssen in geistiger Frische und mit neuem Leben in unser, ins heilige Land kommen. Wir müssen lernen uns von den Schlacken zu befreien, die die Jahrhunderte unserem Geist angeklebt haben. Und wie herrlich klingt doch diese poetische Conception unseres Volkes, diese wunderbar mystische Auffassung, daß mit der Verbannung auch die Herrlichkeit Gottes in die Verbannung ging und sein Volk begleitete. Es ist von seiner Höhe herabgestürzt worden und ist jetzt verdunkelt. Wir wollen den Bann brechen und wir wollen diese Herrlichkeit in ihrem alten Glanz erscheinen lassen. (Beifall.) Wir wollen der Welt zeigen, daß es doch noch eine ganz andere Weltanschauung gibt, als die, an welcher die Menschheit jetzt in Europa krankt. (Lebhafter Beifall.) Die innere Läuterung, das Aufrechterhalten des allen Ideals, der Wunsch, der Drang, daß jeder Zionist in seiner Weise, nach seinem Gesichtspunkt, in seinem Land diesem Ziele zustrebe, das ist Alles, was wir hier von dieser Tribüne unseren Zionisten, unserem Volk sagen können. Der Traum beginnt sich