Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seile 628 Dr. Bloch's Wochenschrift» Nr. 34 Stammes. Was beweisen diese Ausschreitungen? Daß uns überall Haß umlauert? Daß uns überall nur die dünne Mauer der gesetzlichen Ordnung und Polizeiregel gegen die stets zum Ausbruch bereiten bösen Volksleidenschaften schützt? Wir wissen dies auch ohne die Einzelbeweise. Nur Polizeimaßregeln können uns gegen den uns umgebenden Völkerhaß schützen. Wen auch ausnahmsweise einmal ein Jahr nicht über Judenverfolgung zu klagen wäre, würden wir noch zu keiner optimischen Auffassung unserer Lage gelangen. Der Redner zieht sodann einen schlagenden Vergleich zwischen der Bildung der verschiedensten Erdschichten und dem Judenhasse, dabei zum Schluffe kommend, daß wir uns augenblicklich höchstens in der sogenannten Eiszeit befinden können. Freilich hält Nordau es nicht für sehr wahrscheinlich, daß heute noch mittelalterliche Massenabschlachtungen großen Stils oder Maffenvertreibungen aus den einzelnen Gastvölkern Vorkommen könnten, dazu scheine denn doch das europäische Gewissen der Staatenlenker nicht mehr weit genug zu sein, deswegen könnten dieselben die unbequemen Juden dennoch durch Mißhandlungen nach und nach zur Auswanderung treiben. Unsere Eiszeit wird aller Voraussicht nach .aber doch noch sehr lange währen. Im Weiteren gibt Nordau ein höchst interessantes Bild dieser augenblicklichen Lage der Juden, indem er in satirischen Gleichnissen das Geistesleben der Asfimilätionsjuden und der Zionisten zeichnet Trotz seiner schweren Schicksalsschläge hätte das jüdische Volk seine Leiden, besser überstanden, wenn es dieselben Daseinsbestimmungen gehabt hätte, wie die andern Völker. Sie aus ihrem Elend zu befreien, ist Aufgabe des Zionismus. Was sind nun unsere Machtmittel zur Erreichung dieses Zieles? Freilich in erster Linie Geld, aber auch vor allem ist es der eigene Volkswille, welcher eine große Macht wird, wenn er sich ungeberdig äußert und mit welchem auch di; realen Staatsmänner rechnen müssen. Um wirklich ernst genommen^ zu werden, ist es notwendig, daß man sich selbst ernst mmmt. Das Wohlwollen der mächtigsten Persönlichkeiten und edelsten Geister der christlichen Welt ist einer unserer allerwertvollsten Activposten. Wir haben da einen großen Credit, auf den wir für den gegebenen Augenblick rechnen. Aber um auf diesen Credit ziehen zu können, müssen wir eine authentische Unterschrift haben, deren Rechtsgiltigkeit der Cassierer nicht anzweifelt. Diese Unterschrift zu schaffen, ihr eine unanfechtbare Repräsentativ - Bedeutung zu sichern, ist seit zwei Jahren der Gegenstand unserer unablässigen, angestrengten Arbeit. Zur Zeit hat das jüdische Volk keine dringlichere, keine wichtigere Aufgabe, als diese Arbeit mit allen Kräften fortzusetzen. Wie können wir erwarten, daß die Welt uns Volksrechte und ein Volksgebiet zugesteht, ehe sie völlig überzlugt ist, daß wir wirklich ein Volk sind und es auch bleiben wollen? Wir Zionisten wissen es, aber die Welt braucht es uns nicht zu glauben, solange beides von zahlreichen, wildkreischenden Stimmen in den Reihen der Juden selbst giftig geleugnet wird. Was die Gegner des Zionismus anlange, so habe derselbe keine anderen als nur jüdische. Deshalb müsse man sich in erster Linie mit diesen auseinandersetzen. Nur dreihundert Juden stritten bekanntlich nach der Bibel gegen Amalek, eine Eliteminderheit. Nicht Majoritäten machen eben Geschichte. Leider besitzen wir die Jugend noch nicht in genügendem Maße, das kommt zum großen Theile daher, daß sie noch gar nichts von der Sache gehört hat. Sie sehnt sich nach Erlösung und weiß noch gar nichts von einem Baseler Programm, denn der grausame Kampf ums Dasein nimmt sie ausschließlich in Anspruch. Ihre Rabbiner könnten sie aufklären, unterlassen es jedoch in unentschuldbarer Weise, trotzdem wir wiederhol! erklärten, stets ihr religiöses Gefühl hoch achten zu wollen. (Rufe: Protestrabbiner!) Die Protestrabbiner meine ich gar nicht, mit denen bin ich längst fertig und glaube, daß es das jüdische Volk auch bald sein werde. Ich wende mich mit meiner Aufforderung feierlich an die gläubigen Rabbiner des Ostens, indem ich sie ermahne, ihre Schuldigkeit zu thun. Man sagt uns, daß sie uns mißtrauen, daß sie von uns, ich weiß nicht welchen Anschlag auf den Glauben befürchten. Wie ist das möglich? Wir haben ja wiederholt öffentlich erklärt, daß wir den Glauben nicht antasten, daß innerhalb des Zionismus jedem die volle Freiheit gewährleistet wird, seiner religiösen Ueberzeugung nachzuleben! Und wenn Ihnen diese Erklärung nicht genügen sollte, so bedenken Sie doch dieses: Sie haben ja Ihr Schicksal in der eigenen Hand. Wir haben ja gar nicht die Möglichkeit, Ihnen unseren Willen aufzunöthigen, wenn er von dem Ihrigen verschieden sein sollte. Kommen Sie alle zu uns, Sie die Frommen, Sie die Mißtrauischen. Wir sind bisher Hunderttausende, Sie werden dann Millionen sein, und der Wille dieser Millionen, nicht der unsrige wird geschehen. Sie können in einem Tage, mit einem Schlage neun Zehntel des jüdischen Volkes aus Zionisten des Gemüths, die sie heute schon sind, in Zionisten des lauten Wortes und der That verwandeln. Wir können dies mit unfern Mitteln der weltlichen Propaganda, der Presse, den Wanderrednern, den Vereinsvorträgen nur viel mühseliger und langsamer. Wir werden es zuletzt dennoch fertig bringen, während Sie es gleich thun könnten. Aber wenn wir es fertig gebracht haben werden, dann wird das endlich unterrichtete jüdische Volk strenge Rechenschaft von seinen Rabbinern fordern, die heute , schweigen. Die gebildete Judenschaft des Westens fährt. fort, uns großentheils feindlich oder mindestens gleichgiltig gegenüber zu stehen und grimmig zu leugnen, daß die Juden ein Volk sind. Sie sind die einzigen, die dies - noch leugnen. In negativer Form, im Wege der Ausschließung, erkennen alle Völker es an, indem sie uns Juden sagen: Zu unserem Volke gehört Ihr nicht, wenn Ihr auch bei uns Staatsbürgerrechte besitzt." Wie schwach muß es mit der Mathematik und Logik der Leugner bestellt sein, wenn sie nicht begreifen, daß alle diese Verneinungen vereint, die stärkste Bejahung des jüdischen Volksthums sind! Wir waren anfangs gegen diese Widersacher sehr erbittert. Wir sind ruhiger, vielleicht auch gerechter geworden. Wir verstehen sie, und Alles verstehen, heißt Alles verzeihen. Es ist ihnen sauer genug geworden, ein Vaterland und Staatsbürgerrechte zu erringen, und sie haben nun eine gewisse nervöse Angst, sie wieder zu verlieren. Was sie hab"n. das wissen sie, was der Zionismus ihnen bieten wird, das sehen sie noch nicht, weil ihnen die Fähigkeit des Ausblicks in die Zukunft und der Vorstellung des erst geplanten, noch fehlt. Heute sehen sie im Zionismus nur eine Besitzstörung und wehren ihn empört ab. Aber gerade ihre Geistes- und Charaktereigenthümlichkeiten bürgen mir dafür, daß sie ihren Widerstand aufgeben werden, wenn wir erst einen Anfang von greifbaren Ergebnissen aufzuweisen haben werden. Im Kampfe haben wir auf diese Juden nicht zu rechnen. Manche von ihnen werden uns sogar in den Rücken fallen. Im Siege aber werden voraussichtlich viele von ihnen zu uns kommen. Nun, sie sollen uns auch dann willkommen sein. Sie sind ja für ihre kursichtige Seele und für ihre Kleinmüthigkeit nicht verantwortlich. Ich werde Sie vielleicht in Erstaunen setzen, wenn ich Ihnen sage, daß ich selbst die Renegaten, die jüdischen Antisemiten, die Speichellecker der adeligen Salons milder zu beurtheilen gelernt habe. Ich habe sie bei frommen, christlichen Veranstaltungen in aristokratischen, größtentheils schroff-antisemitischen Gesellschaften verbrennen sehen. Ich habe in den Büchern ausgezeichneter Beobachter, wie Anatole France und Anderer gelesen, was sie Alles zu erdulden haben, um sich in antisemitischen Adelskreisen einzuschleichen, mit welcher Schmach sie sich tränken lassen müssen, um auf einem gräflichen Balle zu tanzen oder einem herzoglichen Pumpbruder Geld leihen zu dürfen. Da begriff ich erst diese Leute und ihr Wesen. Da erwachte erst in mir die Erkenntniß, daß sie die echten Söhne der großen Vorfahren sind, die auf der Folterbank und auf dem Scheiterhaufen ihr edles Leben aushauchten. Auch sie erleiden fteiwillig alle Martern und selbst den Feuertod. Auch sie entfalten ebenso viel Heldenthum, um ihr Judenthum zu verleugnen, wie ihre großen Väter, um dem Judenthum treu zu bleiben. Grollen wir diesen armen Blutzeugen der Assimilation nicht. Begnügen wir uns damit, uns von ihnen loszusagen, wie sie sich von uns lossagen. Rechnen wir auch auf die Praktischen nicht, die uns anheim geben, uns im Kampfe die Knochen zerbrechen zu lassen und die sich Vorbehalten, zu uns zu kommen, wenn der Sieg errungen ist. Dagegen dürfen wir nichts unversucht lassen, um zu der jüdischen Menge zu gelangen, die vom Zionismus noch nichts oder nicht das Richtige gehört hat. Wenn unsere natürlichen Mitarbeiter, die Rabbiner uns im Stiche lassen, nun so wird es ohne sie gehen müssen. Wir müssen und werden es erreichen, daß die ungeheuere Mehrheit des jüdischen Volkes ihre zionistische Gesinnung, ihren Willen zu nationalem Dasein laut vor aller Welt bekennt. Aber dazu ist erforderlich, daß jeder einzelne Zionist sich immer und überall seines Apostelamtes voll bewußt bleibe. Passive, beschauliche Zionisten, Rentner des Zionismus, Zionisten des Ruhestandes darf es nicht geben. Wir müssen unausgesetzt predigen, lehren, werben. Das Flaggensignal, das wir für unsere ganze heilige Kämpferschaar hissen, ist dasjenige Nelson's am