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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Blo^s WochenfchrM zu erlangen, einen Charter unter der Souveränität Sr. Majestät des Sultans. Erst wenn wir im Besitze dieses Charters sind, welcher die nöthigen öffentlich rechtlichen Sicherheiten enthalten muß, könnten wir eine große praktische Colonisation beginnen. Für die Gewährung dieses Charters werden wir der türkischen Regierung große Vortheile vermitteln. Das konnte und kann aber nicht vom Congresse aus.geschehen, der die hiezu erforderliche juristische Persönlichkeit nicht hat. Es mußte für diese Abmachungen ein eigener Contrahent geschaffen werden. Das ist die jüdische Colonialbank. Wenn noch irgend Jemand die Feage aufwerfen konnte, ob die zionistische Bewegung ein ernst zu nehmender Factor sei — die hunderttausend Subscribenten der jüdischen Colonialbank haben darauf geantwortet. Aus Sibirien, von den Grenzen Chinas und aus dem südlichsten Argentinien, von Canada und aus dem Transvaal ist die Antwort gekommen, die Colonialbank existirt heute. Wir alle, die wir unserer Idee mit immer frischer Begeisterung dienen, haben nicht die Gewohnheit, uns der gebrachten Opfer zu rühmen. Indem wir aber dem Congresse diesen beendigten Theil des Werkes vorlegen, dürfen wir uns einmal das Herz erleichtern und sagen, daß es das bisher schwerste Opfer war, zu dem wir uns entschlossen. Leute, die nie etwas mit Geschäften zu thun gehabt, agitirten für die Gründung einer Bank und setzten sich den kränkendsten Verdächtigungen aus. Es mußte sein, wir haben es gethan. Heute übergeben wir das Werk dem Congresse, dem wir die vollständige Aufsicht über die redliche und den zionistischen Zvecken dienende Verwaltung der Bank gesichert haben. Der Congreß wird durch seine jährlich neu gewählten Vertreter über das Institut verfügen. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß das Actiencapital nicht zur Landerwerbung verwendet werden soll. Die Bank ist nur ein Zwischenglied. Auf Grund des erlangten Charters wird erst die eigentliche Landgesellschaft gegründet werden, und zwar selbstverständlich mit einem entsprechend größeren Capital. Die Beschaffung gerade dieses größeren Erfordernisses kann aber schon heute als gesichert angenommen werden, und wir werden Ihnen darüber zu gelegener Zeit Mittheilungen machen, die jetzt nicht gemacht werden können. All dies hat scheinbar den Charakter von Vorbereitungen, von zukünftigen Andeutungen. Es ist aber tatsächlich etwas so praktisches und gegenwärtiges wie eine Saat, die man dem Boden anvertraut. Zuerst war es eine Saat von Gedanken, nun ist es eine Saat von Einrichtungen. Es ist heute noch kein Bcod, es ist nur das Brod von morgen. Die Allzusatten mit ihrer vom Wohlleben geschwächten Einbildungskraft wollen uns freilich noch nicht verstehen. Um so besser verstehen uns die Armen und Mühseligen. Sie haben die Phantasie der Roth. Sie wissen von heute und gestern, wie weh auch morgen der Hunger thun wird. Und in dieser Lage sind viele, viele hunderttausende unseres Volkes. Das aber sin) die verläßlichsten unserer Genossen, die nicht einmal im Stande sind, den jährlichen kleinen Beitrag für die Agitation zu leisten. Sie sind die besten Zionisten, weil bei ihnen die alte Volkstradition noch unvergessen ist, weil sie ein starkes religiöses D e f ü h l haben und weil sie bittere Roth leiden. Schrecklich sind die Berichte aus vielen Gegenden. Das Judenthum ist eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt. Auch das soll man von dieser Tribüne hören, wie es die traurige Wahrheit ist. Und diese Zustände schreien nach einer Abhilfe. Aus der tiefen Roth entstehen Krankheiten und sittliche Verwahrlosung, und die verdüsterten Gemüther werden ein Nährboden für alle äußersten Umsturzgedanken. Da wollen wir bessernd eingreifen. ^u der gesunden Arbeit auf einer geliebten Erde, glauben wir, sit das Ziel zu finden. Die Arbeit soll unserem Volke das morgige Brod verschaffen und auch die Ehre von morgen, die Freiheit von morgen. (Beifall). An die Gerechten aller Confessionen und Nationen ergeht unser Ruf um Beistand. Wir brauchen keine andere Hilfe von außen, als eine moralische. Es gibt Juden genug, die innerlich mit uns eines Sinnes sind. Nur tragen manch: ein B:denken das zu zeigen, weil sie fürchten, man würde es ihnen übel auslegen. Wer uns nun die moralische Hilfe leisten will, weil er findet, daß wir etwas Rechtschaffenes unternehmen, der möge in seinem Wirkungskreise verböten, daß Mißverständnisse über unsere Bewegung entstehen, und daß man aus diesem Titel wieder f fische Beschuldigungen, wie schon so oft, gegen uns erhebe. Diese Seite^627 V heilsame B:wegung würde sollt eiugffchüchtect werden und geriethe vielleicht ins Stocken. Welcher Gerechte will das? Hier ringt ein V)lk um sein: Existenz, Ehre und Freiheit. Es will aus einer Stickluft hinaus in den Sonnenschein. Die jetzigen Zustände der Juden können nach drei Wegen führen. Der eine wäre das dumpfe E.'tragen von Schimpf und Roth. Der andere die Auflehnung, die Feindschaft gegen eine stiefmütterliche Gesellschaft. Unser Weg ist der dritte: aufschwiugeu wollen wir uns zu einer höheren Stufe der Gesittung, Wohlfahrt verbreiten, dem Verkehr der Völker neue Straßen bauen und für die sociale Gerechtigkeit einen Durchbruch suchen. Und gleichwie unser lieber Dichter aus seinen Schmerzen Lieder schuf, so bereiten wir aus unseren Leiden einen Fortschritt der Menschheit, der wir dienen. * * * Die Rede Dr. Rordau's. Die Vertreter des jüdischen Volkes versammeln sich heute zum dritten Mal im gastlichen Basel. Vor zwei Jahren, auch noch im vergangenen Jahre, haben wir hier etwas wie einen wachen Traum gelebt. Uns war märchenhaft zu Muthe, wie Brüdern, die seit tausend Jahren im Grabe gelegen hätten und nun plötzlich wieder im Fleisch vor einander ständen, einander lebendig in die Augen blickten und die Hand drückten. Unser erster Drang war, uns des Wiedersehens, der Wedervereinigung zu freuen, die Weihe der einzigen Stunde voll zu empfinden und einander zu sagen und zu klagen, was wir als Scheintodtr, als lebendig Eingesargte all' die Jahrhunderte in unserem Grab ohne Grabesruhe erlitten hatten. Dann bemühten wir uns über unsere Lage einen vollen Ueberblick zu gewinnen, uns über unsere Verfassung, unsere Beziehungen zu den Völkern, unsere Hoffnungen, Wünsche, Gefahren und Aufgaben Rechenschaft zu geben, klar zu erkennen, wer unsere Freunde, wer unsere Feinde, welches unsere Hilfsmittel, welches unsere Schwächen und Gebrechen sind. Dieses allgemeine Inventar des jüdischen Volkes ist nunmehr ausgenommen. Wir haben es nur noch auf dem Laufenden zu halten. Wir haben nur noch die Aenderungen einzutragen, die in unseren Verhältnissen etwa eintreten mögen. Im vergangenen Jahre sind derartige Aenderungen nicht eingetreten. Es werden auch in absehbarer Zeit keine eintreten, wenn wir sie nicht mit eigener Anstrengung selbst herbeiführen, wir, die Zionisten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir haben die Stellung des jüdischen Volkes inmitten der übrigen Völker beleuchtet. Wir haben den Schluß gezogen, daß man uns haßt und verfolgt, weil wir eine leicht zu erkennende Minderheit und überdies von den finstern Zeiten des Mittelalters her mit fanatischen Ueberlieferungen belastet sind, daß unser Los das Los jeder leicht kenntlichen Minderheit ohne Macht und Prestige ist und daß es nur drei Mittel gibt, es anders zu gestalten., Erstens eine grundstürzende Aenderung der menschlichen Natur wie sie in der Haltung jeder Mehrheit gegenüber jeder ihr wehrlos ausgelieferten Minderheit zu Tage tritt. Urtheilen Sie, ob eine derartige Aenderung in absehbarer Zeit wahrscheinlich ist. Zveitens die Unkenntlichmachung der Minderheit, das heißt in unserem Falle die Abstreifung aller unserer Besonderheiten unseres Glaubens, unserer Bräuche, unserer Ueberlieferungeu, sogar unserer Gesichtsdildung. (Heiterkeit.) Urtheilen Sie, ob dies möglich, und zugleich, ob es wünschenswerth ist. (Lebhafte Zustimmung) Drittens. Die Sammlung der Juden auf dem geschichtlichen Boden ihrer Urheimat (lebhafter, langandauernder Beifall und Händeklatschen.) in genügender Zahl, um dort nicht länger eine widerwillig geduldete Minderheit mit schlechterem Rechte, sondern eine menschlich, bürgerlich vollwerthige Mehrheit zu sein. (Erneuter lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Sie haben geurtheilt, daß dieses dritte Mittel vas allein würdige, das allein Erfolg verheißende ist, und Sie haben sich dem Zionismus angeschlossen, der sich eben die Anwendung dieses einen Heilmittels für die Leiden des jüdischen Volkes zur Aufgabe gesetzt hat. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das Bild der Zustände des jüdischen Volkes ist von uns festgelegt worden; die kleinen Zwischenfälle des Tages können daran nichts ändern und haben deshalb keine besondere Bedeutung. Gestern verwüsteten Arbeiter in einer böhmischen Fabriksstadt Judenläden. Heute plündert und steinigt man in Jassy unsere Brüder. An einem dritten Tage erleiden Juden in Nckolajew Grausamkeiten. An einem vierten mißhandelt man in Chicago einzelne arme Hausierer unseres

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