Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 626 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 34 wart und Zukunft des Volkes ausüben? Aus dieser Erkenntniß haben wir uns bemüht, uns eine Stelle zu schaffen, von der unsere Worte gehört werden: Diese jüdische Tribüne! (Beifall.) Da unser Volk nicht in das Leben der Vorzeit zurückkehren, sondern zum Leben der Gegenwart erwachen soll, mußte es vor Allem solch ein modernes Organ erhalten, um den Willen zum Dasein äußern zu können. Darum ist diese Tribüne ein kostbares Gut, das wir uns erworben haben. Hüten wir es wohl! Durch den Ernst und die Ruhe unserer Berathungen können wir das Ansehen dieser Tribüne immer höher heben. Durch Unbesonnenheiten und Gezänke würden wir es rasch zerstören. Die Tribüne wird so hoch sein wie die Reden, die man auf ihr hält. Unseren Worten verleiht keine äußere Macht Nachdruck; wenn sie also irgend eine Bedeutung haben sollen, kann es nur von der inneren Macht der Ideen kommen und von der Reinheit der Gesinnungen, welche hier verkündet werden. Das muß sich jeder von uns beständig vor Augen halten, wenn er hier für das jüdische Volk und zum jüdischen Volke sprechen will. Auch ein anderes. Wir sind hier nicht, um uns mit den inneren Vorgängen der einzelnen Länder, deren Bürger wir sind, zu beschäftigen. Jeder solcher Versuch wäre ein schwerer Fehler und würde nur dazu dienen, falsche Vorstellungen von unserem Congresse hervorzurufen. Wir sind hier lediglich, um über die Lage unseres Volkes zu berathen und eine ebenso gesetzliche wie menschenfreundliche Lösung unter der Controle der öffentlichen Meinung vorzubereiten. Daß wir nichts anderes Vorhaben, das wurde durch all unser bisheriges Thun und Lassen erhärtet. So ziehen wir selbst unserem Wirken unanfechtbare Grenzen: Wir wollen uns um das Wohl des jüdischen Volkes bemühen. (Beifall.) Das ist unser Recht. Es ist auch unsere Pflicht. (Beifall.) Daß diese Art, allgemeinen Schwierigkeiten durch einen internationalen, freimüthigen Gedankenaustausch der Behelligten beizukommen, dem sittlichen Bewußtsein der jetzigen Cullurmenschheit bereits entspricht, das konnte man wahrnehmen, als der Friedensvorschlag Sr. Majestät des Kaisers von Rußland die Welt erfreute. (Stürmischer Beifall.) Sie erinnern sich, daß wir hier versammelt waren, als dieser große Vorschlag bekannt wurde, und daß der Zionistencongreß die erste Körperschaft war, die ihrer Begeisterung Ausdruck geben konnte. Nun ist ein Jahr verstrichen. Die Friedensidee hat ihren Weg in die Wirklichkeit hinaus begonnen, und das ist schon sehr viel, auch wenn sie noch nicht am Ziel ist. Uns aber mag das Beispiel als eine Lehre der Geduld dienen. Wenn die Großen dieser Erde sich mit langsamen Fortschritten ihrer höchsten Ideen begnügen, wie zufrieden müssen wir arme Leute sein, wenn wir feststellen können, daß es doch ein wenig vorwärts geht. (Beifall.) Wir müßten unsere Arbeit also unverdrossen fortsetzen, auch wenn es in dem abgelausenen Jahre keine äußerlich merkbaren Fortschritte gegeben hätte. Auch wenn nichts vorgekommen wäre, was ein Erstarken unserer Bewegung, einen Zuwachs ihres Ansehens und ihrer Mittel bedeutete, müßten wir unverdrossen fortarbeiten. (Beifall.) Aber dieses Jahr ist kein schlechtes für unsere Bewegung gewesen. Es war ein gutes Jahr. Wir haben einiges erreicht, wir sind um ein Stück weiter gekommen. Ein bedeutendes Ereigniß, daß von unseren Gegnern wie gewöhnlich theils verschwiegen und theils entstellt in die Oeffentlichkeit gebracht wurde, war der Empfang der zionistischen Abordnung durch Se. Majestät den Deutschen Kaiser in Jerusalem (großer Jubel und langanhaltendes Händeklatschen). Schon die Thatsache allein, daß der geniale Kaiser seine Aufmerksamkeit unserem Volksgedanken zugewendet hat, wäre genügend uns einige Zuversicht zu geben. Geringfügige Bewegungen werden aus solcher Höhe nicht bemerkt. Aber es ist mehr als eine bloße Kenntnißnahme erfolgt. Es wurde nicht irgend eine jüdische Deputation, es wurden nicht die Mitglieder irgend eines praktischen Colonisationsvereins empfangen, sondern die Abordnung des zionistischen Actionscomites. Die Gründe und Ziele unserer Bewegung waren vorher genau bekannt, und S. M. der deutsche Kaiser hat uns daraufhin an einem für das Gesammtjudenthum denkwürdigen Tage sein wohlwollendes Interesse zugesichert. Dafür sind ihm alle wahren Juden zur Dankbarkeit verpflichtet. (Frenetischer Beifall. Die Delegirten erheben sich begeistert von ihren Plätzen.) Geehrte Congreßmitglieder! Sie werden verstehen, daß es ein Gebot der Schicklichkeit ist, die glückliche und bedeutsame Thatsache des unter solchen Umständen erfolgten Jerusalemer Empfanges mcht agitatorisch auszunützen. Wir wollen uns daher enthalten, hier irgend eine Discuffion daran zu knüpfen. Eines müssen wir in unserer freudigen Dankbarkeit aber dennoch hervorheben : Die vollkommene Legalität und Loyalität unserer so hoch geehrten Bewegung ist nach diesem Ereigniß wohl für immer außer Frage. (Beifall.) Natürlich legen wir das größte Gewicht darauf, diese Loyalität vor Allem der türkischen Regierung gegenüber zu betonen und zu beweisen. Von uns wird kein Schritt unternommen, der auch nur entfernt das gerechte Mißtrauen des souveränen Besitzers von Palästina erwecken könnte. Wir wollen und können dem osmanischen Reiche die größten Vortheile bringen, folglich können wir ganz offen auftreten. Wer sich irgendwo einschleicht, hat gewöhnlich nicht die Absicht etwas zu bringen. (Sehr richtig.) Dies war das Raisonnement, das wohlverständliche, welches zu den jetzt in Palästina bestehenden Einwanderungsschwierigkeiten führte. Wir haben sie nicht hervorgerufen; sie sind bekanntlich älteren Datums, als die hier vertretene Bewegung. Aber wenn man uns auch nicht beschuldigen darf, das Einwanderungsverbot verursacht zu haben, so wollen wir doch deutlich angeben, wie wir uns dazu stellen. Wie? Man wollte eine Bevölkerung in einem Lande ansässig machen, ohne vorher den ganzen Plan offen erklärt zu haben? Kommt einer bei Nacht und Nebel heimlich heran, so darf er sich nicht wundern, wenn man ihm Halt! Wer da? entgegenruft. Und umso schlimmer für ihn, wenn er darauf keine gute klare Antwort geben kann. Uebrigens ist das auch gar nicht die Situation, in der irgend eine Antwort unverdächtig klingt. Wir machen es darum anders. Wir erklären unsere Absichten am hellen Tage, den wir Gott sei Dank nicht zu scheuen haben und wir wollen die Billigung erwirken, bevor wir etwas unternehmen, was sonst das verantwortungsschwerste aller Experimente wäre. Denn es handelt sich nicht nur darum, die Leute hinzukriegen, sondern sie auch dort zu behalten, und zwar in guter Sicherheit. (Beifall.) Leider gibt es viele unserer Brüder, denen es nicht mehr schlechter gehen kann, und die darum alles acceptiren. Aber um den Kranken nur von einer Seite auf die andere zu legen, brauchte nicht so viel Scharfsinn, Mühe und Geld aufgewendet zu werden. Versuchen wir lieber, ihn zu heilen. Das ist ein so großer Zweck, er ist so vernünftig und einleuchtend, daß Niemand mehr nach geheimen Beweggründen forschen wird. Warum sollten wir das also nicht gerade heraussagen? Es wird ja dadurch alles mit einem Schlage verständlich, was wir Vorhaben. Es gibt kein Mißtrauen mehr. Wir betreten den Boden der Verhandlungen, die früher oder später zu einem Ergebnisse führen werden, wenn wir nur einig Vorgehen und unsere Kräfte zusammenhalten. (Beifall.) Darum haben wir vor Allem den elektrischen Strom unserer Einheit erzeugt und wollen ihn immer noch verstärken. Uud es soll Niemand einen Theil dieses Stromes abzweigen und ableiten. Es wäre ein Frevel an der Gesammtheit. Auf diesem Congresse sind bekanntlich noch nicht alle Zionisten vertreten. Unsere Bewegung ist noch viel größer, als sie hier in die Erscheinung tritt. Eine ansehnliche Gruppe hochverdienter Zionisten der älteren Richtung hängt noch an der vor uns befolgten Methode. Wir geben die Hoffnung nicht auf, sie brüderlich zu unseren Anschauungen zu bekehren. In der Idee trennt uns nichts. Die beste Form der Ausführung müssen wir gemeinsam suchen. (Bravo.) Wieder andere Zionisten, und zwar die an materiellen Mitteln mächtigsten, wären mit uns vollkommen einverstanden, wenn wir nicht das Verfahren der öffentlichen Discuffion wählten. Werden wir aber ein Ergebniß erzielen, so werden sie mit uns sein. Früher brauchen wir sie nicht, dann werden wir sie haben. Es besteht darüber heute kein Zweifel mehr. Welcher Art soll nun dieses Ergebniß sein? Sagen wir es mit einem Wort: Ein Charter! Unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, einen Charter*) von der türkischen Regierung *) Charter ist ein Frei- oder Schutzbrief, durch welchen einer Gesellschaft (Chartred Company) von der Regierung für bestimmte Zwecke gewisse Rechte und Privilegien verliehen sind. Derartige Gesellschaften existiren in England, Nordamerika und im englischen Südafrika. In dem letztgenannten Lande hat Cecil Rhodes eine solche Gesellschaft, die unter britischer Oberhoheit steht, gegründet.