Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 34 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 619 war der böse Wille eines herzlosen und ehrlosen Mannes, der bewirken wollte, daß ein Unschuldiger unter schrecklichen Martern dahinschmachte, losgerissen von der Heimat, von der Gattin, die sich blind weinte um ihn, von den Kindern, denen er den Namen eines geächteten Spions hinterlassen sollte, hinausgestoßen in ein Meer von Schande. Dieser böse Wille des Generals Gonse ist verabscheuenswerther als die falsche Aussage Esterhazy's, denn dieser hatte ein Interesse daran, zu lügen, um sich auf Kosten des Dreyfus zu retten. Welcher menschlich entschuldbare Grund aber bewog den General Gonse, sich der Erforschung der Wahrheit zu widersetzen? * -l- * Nicht Jrrthum, sondern böser Wille ist es auch, wenn die Generäle trotz aller Gutachten der Sachverständigen und trotz der Geständnisse Esterhazy's daran festhalten, daß Dreyfus das Borderau geschrieben habe. Es kann unmöglich auch ein bloßer Jrrthum sein, wenn sie jene ihre Ueberzeugung von der Schuld des Capitäns Dreyfus begriindenden Schriftstücke für echt erklären, hinsichtlich deren der österreichssche Oberst Schneider und der italienische Oberst Panizzardi feierlich, unter Berufung auf ihr Ehrenwort als Officier, versichern, sie seien gefälscht. Wie contrastiren mit den widerspruchsvollen Behauptungen der goldbetreßten Ankläger, die vor dem Kriegsgerichte nicht Zeugenaussagen ablegen, weil sie über einen Thatbestand nichts anzugeben wissen, wie denn überhaupt ein Thatbestand bisher nicht einmal behauptet wurde, sondern für die Schuld plaidiren, die schlichten Erklärungen des Untersuchungsrichters B e r t u l u s und des Chefs des Sicherheitsdienstes, Mr. C o ch e f o r t! Das sind Persönlichkeiten, die jenem schmutzigen Getriebe der Spionage und des Agententhums, der Fabrication von Actenstücken, der mysteriösen Recherchen und der gegenseitigen Beobachtungen, wie es das Milieu des französischen Generalstabs zeigt, ferne standen. Das sind Beamte, die ebenfalls einen Eid geschworen haben und deren Aussagen darum nicht weniger Glauben verdienen, weil sie keinen Säbel tragen. Bertulus erklärt es als bewiesen, daß Esterhazy das Borderau geschrieben und daß Dreyfus unschuldig sei, und Cochefert sagtj: „Wenn ich Esterhazy gekannt hätte, hätte es eine Affaire Esterhazy gegeben und nicht eine Affaire Dreyfus. Es ist Pflicht eines ehrlichen Mannes das zu sagen". Der ehrliche Mann, das ist die Gestalt, die unter den Zeugen in diesem merkwürdigen Processe leider so vereinzelt auftritt. Wir sehen da eine ganze Gesellschaft von offenkundigen Interessenten der Spionage und der Vertuschung, und wenn uns einer dieser Ehrenmänner, der mit falschen Bärten und blauen Brillen arbeitete, erzählt, man habe einen der Agenten, den famosen Lajoux, der wichtige Schuldbeweise gegen Dreyfus weiß Gott woher herbeigeschafft hat, allerdings Schriftstücke, die sich als gefälscht erwiesen, nach Brasilien schicken müssen, und zwar aus Menschlichkeit, weil er sich in Noth besand, so hat man beiläufig einen Begriff davon, wie viel dieser Generalstab zu verbergen hatte, dessen Menschlichkeit so weit ging, daß er die Unschuld eines Verurtheilten nicht entdeckt wissen wollte. Alle diese verbrecherischen Umrriebe, dieses Netz von Fälschungen, diese geschäftsmäßig vor und nach Dreyfus betriebenen Verräthereien, dieses System von Bestechungen, Einbrechen in fremde Bureaux, Verkehr mit verkommenen Abenteurern und internationalen Hochstaplern, von denen man einen für eine „ehrenwerthe Persönlichkeit" erklärt, weil er zufällig den Prinzentitel führt, mit verlotterten Frauenzimmern, die Frankreich vor den jüdischen Verräthern retten sollten, Alles das wird Maitre Labori zu besprechen haben. Wird er da noch immer dabei bleiben können, daß in menschlichen Dingen der Jrrthum eine größere Rolle spielt als der böse Wille? Die Geschichte der Rechtspflege verzeichnet Fehlgriffe der Justiz, herbeigeführt durch den Jrrthum, dem das Leben Unschuldiger zum Opfer gefallen ist. In den angeblichen Beweisen, die man fabricirte, um Alfred Dreyfus zu verderben, ist ein ganzer Berg von bösem Willen ausgehäuft, und der Schuß, der dem Bertheidiger dieses Unglücklichen galt, war eine sinnfällige Eruption dieses bösen Willens. Man könnte fast sagen: Der Revolver des Attentäters war mit bösem Willen geladen. Noch in letzter Stunde sollte der böse Wille den Mann vernichten, dem vielleicht die Beseitigung des Jrrthums gelingen könnte. Wird nach dem Wunsche des Herrn Labori die absolute Wahrheit zu Tage treten? Streng genommen gibt es keine absolute Wahrheit, aber für den möglichen Jrrthum gegenüber der absoluten Wahrheit gibt es eine Fehlergrenze im Rechtsgefühl. Hoffen wir mit dem Bertheidiger, den die Vorsehung vor Mörderhand bewahrt hat, daß die Gerechtigkeit den Jrrthum vermeiden und den bösen Willen besiegen wird. Robert Wolf. Ein heimlicher Levy. Wir lesen in der „Israelitischen Wochenschrift": Der Privatdocent Ernst von Halle, der zum außerordentlichen Professor ernannt worden, soll ursprünglich Levy geheißen haben. Die antisemitischen Blätter find über diese angeblich unberechtigte Nobilitirung und über die vermeintliche Bevorzugung des Levy-von Halle vor einem älteren Privatdocenten von Wenckstern arg verschnupft. Die Berufung von Levy-von Halle's werde „von den nationalen Kreisen, von denen die deutsche Flottenbewegung bisher getragen worden ist und allein auch getragen werden kann, mit stark gemischten Gefühlen betrachtet". Uns ist das herzlich gleichgiltig. Herr Privatdocent Ernst Levy war nicht und Herr Professor Ernst von Halle ist nicht Mitglied der jüdischen Gemeinde. Dagegen können wir den antisemitischen Blättern den Kummer nicht ersparen, ihnen zu sagen, daß zwei steuerzahlende Mitglieder der jüdischen Gemeinde den Namen „von Halle" führen. Ob das Heroldsamt dazu die Genehmigung gegeben hat, mögen die verehrlichen Colleginnen selbst erkunden. Sollte übrigens Herrn Professor Levy-von Halle die Befähigung abgesprochen werden, die deutsche Flottenbewegung mit tragen zu helfen, so sei den betreffenden „nationalen Kreisen" empfohlen, den seligen Hannibal Fischer zum Ehrenmitglied oder, da er tobt ist, zum Bereinsheiligen zu wählen. Hannibal Fischer hat sicher niemals Levy geheißen unb war unzweifelhaft „national". Der „Oesterreichischen Wochenschrift" schreibt ein Hamburger: Verehrte Redaction! Bezüglich des, in einer Zuschrift an Ihr Blatt erwähnten jüngst zum außerordentlichen Professor ernannten Dr. Ernst von Halle, Berlin, diene Ihnen die genaue Angabe der Abstammung des Genannten: Dr. Ernst von Halle ist der Sohn des Hamburger Advokaten Dr. H. B. Levy. Bei seinem Austritt aus dem Judenthum nahm er den Namen: von Halle an, den er von seiner Mutter herleitete, die eine Tochter des ehemaligen Hamburger Bürgerschastspräsidenten M. Meyersberg ist, der erst vor einigen Monaten verstarb. Ergebenst V e r i t a s, aus Hamburg. Ein neuer Heinetödter.?ater Tegelin Halusa 0. Gist hat zum 100. Geburtstag H. Hein e's ein Schriftchen veröffentlicht, das auf 38 Seiten (München und Wien, Rudolf Abt) alles zusammenscharrt, was gegen das Glaubensbekenntniß, die Vaterlandsliebe, die Poesie rc. dieses Dichters gesagt werden kann. Es ist keine reinliche Arbeit, nur die bösen Stellen eines Dichters zu excerpiren, keine ehrliche, die sauberen zu unterschlagen! Man hat diese schändliche Methode, Literaturgeschichte mit der Heugabel zu schreiben, auch bei Goethe versucht und bei Luther, und so kann sich der tobte Heine darüber trösten. Wer aber über Heine's Poesie urtheilt, und beispielweise den Antisemiten Dr. H. König als Zeugen anruft, hat das Recht verwirkt, über Poesie zu schreiben. Wer die Blasphemien Heine's gegen die heil. Jungfrau erwähnt, und die genialste Marienlegende in deutscher Sprache, die Wallfahrt nach Kevlaar, mit Bewußtsein (S. 14.) ausläßt, wer unter der Charakteristik Christi z. B. jene Stelle aus Heine's Werken ausläßt, in der Jesus angebetet wird („Welch süße Gestalt, dieser Gottmensch! . . . . Welch ein Heilquell für alle Leidende war das Blut, welches auf Golgatha floß!"), der hat die Werke dieses Dichters nicht ehrlich benutzt, sondern schmählich und unredlich. Selbst ein so judenfeindliches Blatt, wie das Stöcker'sche „Volk" schrieb einmal (5. August 1894): „Dennoch ist der Mann mit solchem Herzen anders geworden und hat sich bekehrt zu Gott, wenn wir auch nicht wissen, daß er bis zum Glauben an den Heiland durchgedrungen ist. Sein Werk über Hegel's Philosophie, eine Frucht langjährigen Fleißes, durch dessen Druck er eine nicht unerhebliche Einnahme, deren er bedurfte, erlangt hätte, verbrannte er, um keinen Anstoß frommen Gemüthern zu geben ..." Sein berühmtes Wort über die Bibel, dieses „alte schlichte Buch", wird andächtig citirt, und der evangelisch-orthodoxe Verfasser betont nachdrücklich: „Wer je Heine's Schriften gelesen hat, der möge auch diese Nachrichten und Bekenntnisse aus der Zeit seiner 7jährigen Krankheit lesen, um jene richtig beurtheilen zu können".