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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1899-08-25 · 34 (25.8.1899) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
16 (1899)
Issue
34 (25.8.1899)
Date
1899-08-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 618 Dr. Bloch's Wochenfchrifi« Nr. 34 directe Wahlrecht zwischen die extrem nationalen Parteien, die deutschen und die czechischen, Elemente zu bringen, denen die wirthschaftliche und legislativische Arbeit wichtiger ist, als der Streit um die Straßentafeln in Chrudim und den Nachtlvächter in Leitomischl. Wenn die bestehende Verfassung geändert werden muß, soll es nur in fortschrittlicher freiheitlicher Richtung geschehen. Eine andere Hilfe gibt es nicht für Oesterreich. Föderalistische Experimente würden die Conflicte permanent gestalten. Oesterreich kann aus den derzeitigen Wirren nicht anders herausgeführt werden, als durch eine Entwicklung im Sinne der Freiheit und des Fortschrittes, durch das allgemeine, gleiche und directe Wahlrecht. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffeu zur Tagesgeschichte. (»Kn den Herrn Meuchelmörder von Rennes. — Verbeugungen vor dem Judenthum. — Jrrthum oder böser Wille.) „Der Verband der Wiener antisemitischen Presse spricht dem wackeren Meuchelmörder, welcher den Vertheidiger des Juden Dreyfus zu tödten versuchte, sein aufrichtiges Beileid darüber aus, daß seine heroische That nicht vollständig gelungen ist und versichert ihn seiner herzlichen Sympathien." Diese Depesche ist zwar noch nicht von Wien nach Rennes abgeschickt worden, aber ihre Absendung ist stündlich zu erwarten. Warum sollten auch in einer Stadt, in welcher Herrn Ernst Bergani die Hochachtung seiner Parteigenoffen ausgesprochen wurde, einem Manne, der sich als ein so brauchbarer Genosse im Kampfe gegen einen unschuldig Berurtheilten, der ein Jude ist, bewährt hat, vorenthalten werden? Daß man einem Angeklagten, der um seine Ehre und um sein Leben ringt, den Vertheidiger weg schießt, das steht bisher in der Geschichte aller Zeiten einzig da und krönt würdig das Gebäude von Lüge und Fälschung, welches die Spione, Verräther und Meineidigen errichtet haben. Die Wiener Advocatenkammer hat gleich zahlreichen anderen juristischen Vereinigungen an den verwundeten L a b o r i ein Belleidstelegramm abgeschickt. Das nennen die Antisemiten eine Verbeugung vor dem Judenthum und sie bestreiten dem Präsidenten der Advocatenkammer das Recht, über die Köpfe der christlichen Wiener Advocaten hinweg, einer Persönlichkeit, die sich „für das Judenthum verdingt hat", eine Sympathiebezeugung zu senden. Er möge im Namen der jüdischen Advocaten mit Herrn Labori fraternisiren, als Präsident der Advocatenkammer sei er dazu nicht berechtigt. Aus dem antisemitischen Jargon ins Deutsche übersetzt, heißt das so viel, daß man auf den Vertheidiger eines Juden schießen darf oder, wenn man das schon aus Furcht vor dem Criminal nicht sagen will, daß Jeder ein Judenknecht oder vielleicht auch ein Söldling des Dreyfus Syndicats ist, der über den versuchten Meuchelmord an dem Vertheidiger entrüstet ist. Wenn es sich um eine Uebelthat handelt, die einem Juden oder dem Anwalt eines Juden zu gefügt wird, gibt es überhaupt nach dem Sinne der Wiener antisemitischen Presse kein Verbrechen; da ist Alles erlaubt und im schlimmsten Falle, der Polizei und jenen Lesern zu liebe, die vielleicht doch den Meuchelmord als ein zu drastisches Mittel im Kampfe gegen den „unberechtigten Einfluß des Judenthums" ansehen könnten, wenigstens erklärlich. Nun hat aber auch der Präsident des Kriegsgerichtes in Rennes, als Herr Labori am Dienstag zum ersten Male wieder im Gerichtssaale erschien, im eigenen Namen und im Namen des Gerichtshofes seine Entrüstung über das niederträchtige Verbrechen, und seine Freude darüber ausgesprochen, daß es ohne schwere Folgen für das Leben und für die Gesundheit des Herrn Labori geblieben sei. Also auch das Kriegsgericht „fraternisirt" mit Herrn Labori. und auch der Präsident dieses Tribunals, dessen Ausspruche die ganze Welt gespannt entgegensieht, macht seine „Verbeugung vor dem Judenthum". So wenig es uns Wunder nehmen würde, falls die Eingangs erwähnte Sympathiekundgebung an den leider unbekannten Mörder telegraphirt werden sollte, so wenig wären wir überrascht davon, wenn nun auch dem Oberst Jouaust die verdiente Lection sellens der gediegenen antisemitischen Publicistik ertheilt werden würde. Im Namen der jüdischen Richter Frankreichs, falls es solche gibt, mag er Herrn Labori gerührt umarmen; über die Köpfe der christlichen Richter hinweg ihn anläßlich seiner Genesung zu beglückwünschen, ist er nicht berechtigt. Ist das so richtig? * * * Die Erwiderung des Herrn Labori war die eines Mannes von großem Verstände und von edlem Herzen. Er sprach die Hoffnung aus, daß die absolute Wahrheit zu Tage treten und die Gerechtigkeit ihren Sieg feiern werde. Man müsse es wissen, daß in menschlichen Dingen der Jrrthum eine größere Rolle spielt, als der böse Will e. Welcher große Trost läge eigentlich in diesem Ausspruche, würdig eines Weisen! Der unglückliche Mann, der so viele Jahre als unschuldiges Opfer der Verfolgung Schmach und Noth erduldet, wie würde es ihm wohlthun, könnte er sich sagen, daß nur die zufällige, ohne irgend ein.Verschulden herbeigeführte Verkettung scheinbarer Verdachtsgründe ihn als den Schuldigen erscheinen ließ, und daß Alle, die geirrt, diesen Jrrthum nunmehr vielleicht erkennen werden. Und jenes vielgeprüfte Volk, dem die Rehabilitirung des Capitäns Dreyfus eine Herzenssache geworden ist, wahrlich nicht um einen Schuldigen der Justiz zu entziehen, sondern weil man diesem Manne die Revision des in ungesetzlichen Formen gefällten Urtheils nur aus dem Grunde vorzuenthalten versuchte, weil er ein Jude ist, welche Ermuthigung zum Vertrauen auf eine bessere Zukunft würde es in dem Gedanken sinden, daß seine Feinde und seine Verfolger sich nur in einem Jrrthume befinden, wenn sie den Juden für schlechter oder auf einer tieferen sittlichen Stufe stehend halten, daß sie aber frei sind von bösem Willen. Dann wäre es noch immer Zeit, von den irrenden Meinungen an die gewissenhafte Prüfung, von den verwirrten Köpfen an die menschlich fühlenden Herzen zu appelliren. Den Jrrthum kann man berichtigen; dem bösen Willen gegenüber ist man wehrlos. Herr Labori hat weise gesprochen und wie ein optimistisch veranlagter Philosoph; er hat auch zweckmäßig gesprochen wie ein kluger Vertheidiger, der den Irrenden die Brücke bauen will, auf welcher sie zur Wahrheit hinüber gelangen könnten, und welcher den Richtern, wenn sie die Zeugenaussagen prüfen, ein peinliches Dilemma ersparen will. Seine Worte bilden gewissermaßen einen Vorläufer des Plaidoyers, in welchem er nachzuweisen haben wird, daß das erste Kriegsgericht geirrt hat und irren mußte, weil die Zeugen, deren Aussagen es Glauben schenkte, im Jrrthum befangen waren. Und dennoch wird der Vertheidiger des Alfred Dreyfus schließlich doch auf diesem versöhnenden Ausweg nicht immer verbleiben können, denn wie leider in der Beurtheilung und in der Verfolgung des Judenthums überhaupt, so hat auch in dem Verfahren gegen Alfred Dreyfus nicht der Jrrthum allein zur Verfolgung geführt, sondern leider auch der böse Wille. Und wenn wir bei uns Umschau halten in den öffentlichen Vertretungskörpern, und wenn wir die Führer der antisemitischen Bewegung sprechen hören und das lesen, was ihre Zeitungen schreiben, dann können wir zu unserem Bedauern die mildere und gewissermaßen zur Ehre des Menschengeschlechtes formulirte Anschauung des Herrn Labori nicht theilen. Hier waltet der böse Wille, der nicht vom Jrrthum geleitet wird, sondern den Jrrthum bewußt erzeugt und ihn als ergiebigen Nährboden benützt für die Baccillen des Antisemitismus. q- * * Ueber den Zeitpunkt, zu welchem in der Affaire Dreyfus der böse Wille den Jrrthum ablöste, um diesen Jrrthum zu befestigen und auszuweiten, haben die Vernehmungen der letzten Tage hinreichende Aufklärung gebracht, vorausgesetzt, daß man jenes „antisemitische Vorurtheil", welches Oberst Picquart bereits damals im Generalstabe verbreitet fand, als der Jude Dreyfus ihm zugetheilt wurde, unter die Rubrik des Jrrthums und nicht des bösen Willens subsummirt. Picquart war im Vorhinein darauf bedacht, dem neu eintretenden jüdischen Officier Unannehmlichkeiten dadurch zu ersparen, daß er ihn einem Bureau zuwies, in welchem es keine besonderen Geheimnisse gab. Der Jude galt also schon im Vorhinein, noch als man ihn gar nicht kannte, als der prädestinirte Spion, und als man in der Handschrift des Borderau die des Dreyfus zu erkennen glaubte, da war natürlich der Jude der Verräther, und als der „Sachverständige" im Schreibfache, Herr Bertillon, die Identität der Schrift mit der des Dreyfus bestätigte, da schien seine Schuld sonnenklar bewiesen. Als aber Picquart nachträglich entdeckte, daß dieses Borderau, welches die alleinige Basis des Schuldbeweises bildete, von Esterhazy herrühre und daß Esterhazy der wirkliche Spion und Verräther sei, und als er diese Entdeckung dem General G o n s e mittheilte, da sagte ihm dieser Mann: „Wenn Sie nichts sagen, wird Niemand etwas wissen." Da war kein Jrrthunk mehr, der als Entschuldigung gelten könnte, das

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