Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 16 (1899)
- Issue
- 34 (25.8.1899)
- Date
- 1899-08-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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"S5? Nr. 34 Dr. Bloch’s Jahrgang X¥I. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenkhums. A. lr. Pogspsrrklgrn-Amr E l L ar t n jiber kbI] r; Nr. 810.976. ■lEcbaction und BöminiHration:;j Wien i; II., Knfrrc Eitnarfc:;Ttrln.. i| Telephon-ffr. 14.847 - - ■■ ■ =■ -— Ä Wien, 25. August 1899. ){<> 'H» Ogf.—-- Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, II., Untere Augartenstraße 1 a. Tcleqraium-Adresse: Vloch's Wochenschrift, Wien. *=.. =—« Vr;ugsprris für Oesterreich- Halbjährig 4 fl. — 8 Kr. Einzeleremplare 25 tr. lür's Ausland: halbjährig 5 fl. — 10 Kr. ganzjährig 10 „ — 20 „ j Anzeigen- Die 4mal gespaltene Petitzeile kr. U -U Inhalt. Leitartikel: Die Verfassungskrisis. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur' Tagesgerichte. Eni heimlicher Levy. Ein neuer Heinetödter. Thomas von Aquiuo über den Wucher. Zwischen Rennes und dem Sudan. — Dritter Zionisten- Eongreß. — Correspond enzen: Paris, Czaslau, Linz, M.-Weißkirchen, Prag, Reichenberg, Karlsruhe, Baden-Baden, Berlin, Adrianopel, Paris, Amsterdam, Johannesburg. — Vermischtes: Wien, Marienbild, Austerlitz, .volleschau, Loschitz, Kanitz, Butschowitz, Straßnitz, Leipnik, Stanislau, Tarnow, Budapest, Berlin, Breslau, Barmen, Jena, Amsterdam. — Feui lletoit: Jahrzeit. — Michael. — Notiz. — Briefkasten. — Inserate. Die Verfastungskrists. Die politischen Zustände in Oesterreich sind zu einem Grade der Verwirrung gediehen, welcher gebieterisch eine rettende Hand erfordert. Mit dem 8 14 wird die Regierung des Grafen Thun nicht mehr lange wirthschaften können. Ein großer Theil der Bevölkerung befindet sich gegenüber den drückenden Lasten, welche ihr im Wege der Nothverordnung auferlegt wurden, in einer so erregten Stimmung, daß ihre Kundgebungen nur durch Polizeigewalt niedergehalten werden können, und in den letzten Tagen ist es zu Straßenkämpfen gekommen, bei welchen es Todte und Verwundete gab. Die Einberufung des Parlaments wird die Krisis, in welcher sich Oesterreich befindet, auf die Spitze treiben. Die Obstructionsparteien sind zum Ansturm gegen das Ministerium gerüstet und sind entschlossen, die Wahlen in die Delegation zu vereiteln. Die Delegationen aber sind das letzte einigende Band, welches die beiden Neichshälften mit einander verbindet; wird auch dieses zerrissen, dann beruht die Gemeinschaft zwischen Oesterreich und Ungarn nur mehr auf der Personalunion, und anstatt einer starken gefestigten Monarchie haben wir zwei einander fremd gegenüberstehende Länder, die nichts mit einander gemeinsam haben, als die angestammte Dynastie. Die politischen Leidenschaften sind durch die Nationalitätenkämpfe aufs Aueßerste erhitzt; es ist gar nicht abzusehen, wie zwischen Deutschen und Czechen jemals ein moäns vivsnäi gefunden werden soll. Solange die Sprachenverordnungen bestehen, werden die Deutschen Obstructivn treiben und das Parlament wird nicht arbeitsfähig sein; die Aufhebung der Sprachenverordnungen würde bei den Czechen dieselbe Wirkung üben. Einen Ausweg auf dem Boden der bestehenden Verfassung zu finden, scheint unmöglich zu sein, und so flattern denn die Gerüchte von einer bevorstehenden Aenderung der Verfassung empor. Die Regierung, so heißt es, soll entschlossen sein, den Schwerpunkt der politischen Kraft wieder in die Landtage zu verlegen. An Stelle der direkten Wahlen sollen die Abgeordneten des Reichsraths wieder aus den Landtagen gewählt werden. Wird diese Aenderung der Verfassung uns anfoctroyrt, so wäre das ein vollständiger Staatsstreich. Würde damit der beabsichtigte Zweck erreicht werden? Ein Staatsstreich, ein Verfassungsbruch, kann nur dann entschuldigt werden, wenn die politische Lage jede andere Möglichkeit, der herrschenden Verwirrung ein Ende zu machen, ausschließt und wenn durch denselben geordnete Zustände herbeigeführt werden. Mit einem Staatsstreich in föderalistischer Richtung wäre aber nichts erzielt, denn die Obstructivn, die jetzt das Parlament an jeder Arbeit hindert, würde dann in allen Landtagen, in welchen die Deutschen die Majorität haben oder in welchen sie auch nur über eine respectable Minorität verfügen, mit um so größerer Erbitterung auftreten,^ und der Effect wäre derselbe, ob nun die Pultdeckel im Hause am Franzensring oder in den einzelnen Landstuben zertrümmert werden. Die Verwilderung unseres politischen Lebens ist in gerader Linie auf den Antisemitismus zurückzuführen. Früher suchte man in den gesetzgebenden Körperschaften durch die Kraft der Argumente und der Beredtsamkeit zu wirken. Das Beispiel der christlich-socialen und deutschnationalen Antisemiten hat gezeigt, daß man sich durch Gewaltmittel Geltung verschaffen kann. Lueger und Schönerer verstanden es, sich gefürchtet zu machen, und die Regierung mit den zu ihr gehörigen Parteien haben sich vor ihnen gebeugt. Von diesem Beispiel haben dann bekanntlich die Jungczechen profitirt, um sich eine Position zu erobern, die sie auf gütlichem Wege niemals erlangt hätten, und schließlich sind auch die Deutschen zur Erkenntniß gelangt, daß das Radaumachen bei uns wirksamer ist, als das Bestreben nach den Grundsätzen einer gerechten und staatserhaltenden Politik. Wird nun der Friede dadurch hergestellt werden, daß man im Wege einer Verfassung den .Schauplatz des Kampfes wechselt, daß statt auf einem einzigen großen Fechtboden in siebzehn Localen geschlagen wird? Wenn schon ein Staatsstreich gemacht werden muß, so soll er wenigstens ein vernünftiger sein, der die Gegensätze mildert und den Weg zur Verständigung eröffnet. Graf Taaffe hat in seinem Wahlreformentwurs dieses Ziel vor Augen gehabt. Sein offenkundiges Bestreben war es, durch das allgemeine, gleiche und